Ausgabe 
4.12.1911
 
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letzten Heller vergeudet und urrwiederbringlich verloren. Falls ich die Wahrheit bekannt machte, so konnte sie doch keinem Menschen den geringsten Nutzen bringen. Bewahrte ich dagegen das Geheimnis, so schützte mein Schweigen den Ruf des Mannes, welcher Laura durch seine Betrügereien vermocht hatte, ihn zu heiraten. Nur nm ihretwillen wünschte ich es geheim zu halten und um ihretwillen! erzähle ich diese ganze Geschichte unter einem Decknamen.

In Küowlesbury schied ich von meinem zufälligen Reise­gefährten und ging dann sofort nach dem Gerichtshause. Wie ich erwartet hatte, stellte sich niemand, um die Sache tveiter gegen mich fortzusetzen die notwendig.'» Formali­täten wurden erledigt, nnd ich war entlassen.

Eine halbe Stunde später eilte ich mit dem Schnell­zuge nach London zurück.

Erst zwischen neun und zehn Uhr langte ich in Ful- ham an. Vo da eilte ich nach Gowers Walk.

Marianne und Laura kamen beide an die Tür, um mich einzulassen. Ich glaube, wir hatten alle nicht gewußt, welch enges Band uns aneinander knüpfte, bis zu dem Abende, der uns wieder vereinte Wir begrüßten einander, als ob wir statt weniger Tage Monate lang getrennt ge­wesen. Mariannens armes Gericht sab sehr besorgt und elend aus. Ich sah auf den ersten Blick, wer in meiner Abwesenheit alle Gefahr gewußt und alle Besorgnisse ge­fühlt hatte. Lauras frohere Bücke und blühenderes Aus­sehen sagten mir, wie sorgfältig ihr alle Kenntnis des furchtbaren Todes und der wahre Grund ihrer Wohnungs- verändernng vorenthalten worden.

XV.

Als Laura uns verlassen und Marianne und ich ohne Rückhalt sprechen konnten, versuchte ich, der Dankbarkeit und Bewunderung, die mein Herz füllten, Ausdruck zu geben. Aber Has großherzige Weib wollte mich nicht aus­reden lassen.

Es blieb mir nur ein Augenblick vor Abgang der Post, sagte sie, sonst hätte ich weniger hastig geschrieben. Du siehst angegriffen und elend aus, Walter ich fürchte, mein Brief hat dich ernstlich beunruhigt?

Nur im ersten Augenblicke, erwiderte ich. Mein Ge­müt beruhigte fich durch mein Vertrauen auf dich, Marianne. Mutmaßte ich recht, indem ich diese plötzliche Wohnungs- Veränderung einer drohenden Belästigung von feiten Graf Foscos zuschrieb?

Vollkommen, entgegnete sie; ich habe ihn gestern ge­sehen, und, was noch schlimmer ist, ich habe mit ihm ge­sprochen.

Hast mit ihm gesprochen? Wußte er, wo wir ivohn- ten? Kam er ins Haus?

Ja. Er kam ins Haus, aber nicht hinauf. Laura hat ihn nicht gesehen; sie argwöhnt nichts. Ich will dir er­zählen, wie es kam; ich glaube und hoffe, daß die Gefahr jetzt vorüber ist. Gestern, als Laura in der Wohnstube unserer alten Wohnung am Tische saß und zeichnete und ich ordnend umherging, kani ich zufällig ans Fenster und sah im Vorbeigehen auf die Straße hinab. Da, auf der gegenüberliegenden Seite der Straße sah ich den Grafen und einen Mann, mit dem er sprach

Bemerkte er dich am Fenster?

Nein wenigstens glaubte ich es nicht. Ich war zu heftig erschrocken, um es genau zu sehen.

Wer war der andere Mann? Ein Fremder?

Nein, Walter, kein Fremder. Sowie ich nur wieder atmen konnte, erkannte ich ihn. Er war der Besitzer der Irrenanstalt.

Zeigte der Graf ihm das Haus?

Nein; sie unterhielten sich, wie wenn sie einander so­eben zufällig auf der Straße begegnet wären. Ich blieb am Fenster und schaute hinter der Gardine herum zu ihnen hinunter. Hätte ich mich umgewandt und Laura in diesem Augenblicke mein Gesicht sehen lassen aber ich danke Gott, daß sie in ihre Zeichnung vertieft war! Sie gingen bald auseinander. Der Mann aus der Irrenanstalt ging nach der einen Seite hin fort, und der Graf nach der anderen. Ich fing an zu hoffen, daß sie durch Zufall m die Straßg gekommen, als ich den Grafen zurückkommen, uns gegen­über abermals stille stehen, sein Taschenbuch herausnehmen, etwas auf eine Karte schreiben und dann herüberkommen und in den Laden unter uns gehen sah. Ich lief an Laura vorbei, ehe sie mich sehen konnte nnd sagte, ich habe etwas oben vergessen. Sobald ich Ms dem Zimmer war, lief

ich auf den Korridor hinunter und wertete ich war entschlossen, ihn zurückzuhalten, falls er versuchen würde, hinaufzukommen. Doch machte er den Versuch nicht. Das Mädchen aus dem Laden kam durch die Verbindungstür in den Gang hinaus und brachte mir seine Kürte eine große vergoldete Karte mit seinem Namen und einer Krone darüber, und darunter diese Zeilen:Teure Dame" ja! der Schurke unterstand sich noch jetzt, mich so anzureden teure Dame, ich bitte Sie dringend, mir zu gestatten, ein Wort mit Ihnen zu sprechen, das uns beide sehr ernst­lich betrifft." Ich fühlte sogleich, daß es ein unheilvolles Versehen fein könnte, falls ich int Dunkeln bliebe und dich im Dunkeln ließe, wo ein Mann wie der Graf im Spiele war.Ersuchen Sie den Herrn, int Laden zu warten," sagte ich,ich werde sogleich zu ihm kommen." Ich lief hinauf, nm meinen Hut zu holen, da ich entschlossen war, ihn nicht im Hause zu mir sprechen zu lassen. Ich kannte seine tiefe, durchdringende Stimme zu gut, und fürchtete, daß Laura sie selbst vom Laden her hören würde. In weniger als einer Minute war ich wieder unten und hatte die Haus­tür geöffnet. Er kam aus dem Laden mir entgegen. Da stand er in tiefer Trauer, mit seiner glatten Sckrn und seinem tödlichen Lächeln, und um ihn her hatten sich ein paar müßige Knaben und Weiber versammelt, die seinen großen Umfang, seine schönen schwarzen Trauerkleider und seinen Spazierstock mit dem Goldknopfe anstierten. Die ganze-entsetzliche Zeit in Blackwater kam mir ins Gedächtnis' zurück, als ich ihn erblickte.

Tu erinnerst dich, was er sagte? frug ich atemlos.

Ich kann's nicht wiederholen, Walter. Tu sollst so­gleich hören, was er über d i ch sagte, aber wie er zu m i r sprach, kann ich nicht wiederholen. Es war noch schlimmer, als die höfliche Impertinenz seines Briefes. Mir juckten die Hände, ihn zu fchlagen, wie wenn ich ein Mann ge­wesen wäre! Ich konnte sie nur davon abhalten, indem ich unter meinem Tuche seine Karte in Stücke zerriß, " hue meinerseits ein Wort zu sagen, ging ich vom Haun t (aus Furcht, daß Laura uns erblicken könne); und er folgte mir, indem er mir fortwährend sanfte Vorstellnngen machte. In der ersten Nebenstraße stand ich still und frag ihn, was er von mir verlange. Er verlangte zweierlei. Erstens, falls ich nichts dagegen hätte, seine Gefühle auszusprechen. Ich schlug es aus, sie anzuhören. Zweitens, die Warnung in seinem Briefe zu wiederholen. Er verbengke sich, lächelte und sagte, er wolle es mir erklären.

Was erzählte er?

Kürz folgendes: Der Graf bot Sir Percival feinen Rat an; aber er wurde zurückgewiesen. Sir Percival wollte nur seiner eigenen Heftigkeit, seiner Halsstarrigkeit und seinem Hasse gegen dich solgen. Der Graf ließ ihm seinen Willen, nachdem er zuvor (für den Fall, daß zunächst seine Interessen bedroht würden) heimlich ausgeknud- schäftet hatte, wo wir wohnten. Man folgte dir, Walter, an dem Abende, wo du von deiner ersten Reise nach Hampshire zurückkehrtest eine Strecke von der Station ab waren es die Spione des Advokaten, von da an bis zu unserem Hause aber der Graf selbst. Wie es ihm ge­lungen, nicht von dir gesehen zn werden, hat er mir nicht gesagt; aber es war bei jener Gelegenheit und auf diese Weise, daß er uns fand. Nachdem er diese Entdeckung ge­macht, ließ er sie unbenutzt, bis er die Nachricht von Siv Percivals Tode erhielt und dann begann er für sich' zu handeln, weil er glaubte, daß du nun zunächst den Mann angreifen würdest, der an dem Komplotte des Toten teilgenommen.

(Fortsetzung folgt.)

Vie ältesten ttirchen in Gießen.

Sckwn dreihundert Jahre vorher, ehe der Ortzu den Gießen" mtstand, waren seine benachbarten Höhen und Täler besedelt. Erne der ältesten Ansiedelungen unserer Gegend war das Tors Zelters. Es lag auf dem Hügel, auf dem unser Bahnhof steht, unwert der stelle, wo die Wieseck in die Lahn mündet. Tie gegen; das Smhwasser der Lahn und der Wieseck geschützte Lage veranlaßte ledenfalls dre ersten Bewohner des Torfes, sich hier anznbauen. Scho« N& war rugere Gegend christianisiert worden. Ta sich dre Kirche zu -L-elters, die dem h. Petrus geweiht war, schon int 14., ahrhundcrt als Mntterkirche über die Kapellen der umliegenden Orte erhob, läßt sich annehmen, daß sie schon damals sehr alt war. Mrt der Entstehung eines neuen Wohn- rt8 v)r Burgzu den Gießen" wird wohl auch hier M Dochtcr .der Peterskirchc von Selters eine Kapelle