Ausgabe 
4.11.1911
 
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Ach weißt dkr, Papa," rief die Tochter anklagend,wir wollen mit den Herren radeln, und nun verlangt Mama, daß sie erst vor ihr Kotau machen und fragen, ob ich mitdarf? Das ist doch ganz stillos! Wir wissen doch selbst, wie wir uns zu be­nehmen haben!"

Der Regierungsrat lächelte.Laß sie nur, Irene," meinte er ruhig.Die Tochter von Exzellenz von Miller ist auch von der Partie, und Baroneß Waldheim bläst eben schon ihr Rad auf.

Danke Papa! Du bist doch immer ein flotter Kerl!' rief Gerda und klopfte ihm lobend mit dem Ratet auf 'die Schulter. Die Mutter ging kopfschüttelnd und beleidigt ins Haus.

Wenn du ihr immer noch die Stange hältst," murmelte sie ärgerlich,dann ist es kein Wunder, daß ich überhaupt kaum mehr fragen darf, wohin sie geht!" t m

Gerda aber kletterte gleich über den Zaun, um den Weg abzuschneiden. Gewandt, schlank mrd ungeschnürt wie sie war, nahm sie spielend das Hindernis.Grüß Gott, Papa! All Heil!" klang es noch zurück.

Jula konnte ihre Freude an der Kleinen nicht länger unter-» drücken. Sie rief laut über die Wiese:Bravo, bravo!"

Gerda hörte sie nicht mehr. Vor dem Tennisplatz standen schon ihre jungen Sportskameraden und schüttelten ihrstilvoll", mit scharf geecktem Ellbogen die Haird. Aber der Regierungsrat ließ nochmals sein Zeitungsblatt sinken und warf einen hoch­mütigen Blick auf das Publikum da draußen, das sich erdreistete, Beifall zu äußern. Jula hielt dem Blick stand. Sie hatte trotz ihrer 45 Jahre noch eine gute, schlanke Gestalt, ihr Haar war nicht ergraut, und in diesem Moment huschte das alte mutwillige Lachen über ihr Gesicht. Daran erkannte er sie. Er zog den Hut. Sein Kopf war bedenklich kahl.

Ach das ist ja o Fräulein Jula Brügge, unsere berühmte Malerin!" sagte er.Freue mich sehr! Wie lang wir uns nicht gesehen haben! Nur manchmal in einer Ausstellung las ich den Namen."

Ueber den Zaun weg gaben sie sich die Hand.Es ist gerat» ein Vierteljahrhundert, seit ich das Vergnügen Hatte, Herr Re­gierungsrat. Gratuliere aber von Herzen zu der Tochter!"

Er lächelte geschmeichelt.Ja, sie ist recht frisch und flott!"

Sie plauderten nun öfter miteinander, wenn Jula auf der Wiese malte und der Regierungsrat sich langweilte. Sie er­innerte ihn angenehm an die eigene Jugend, an die Zeit, da er noch Mädchenherzen eroberte.

Wieder einmal stand er vor der Staffelei und schaute ihr beim Malen zu.Eben ist Ihre Tochter mit ihrer jungen Gesell­schaft vorübergegangen," sagte Jula.Schneidig sah sie wieder aus, kurzgeschnürt, mit dem kecken Hütel! Mir scheint, sie sind fort auf einen Berg. Wirklich: Mir lacht das Herz, wenn ich sie sehe! Aber daß Sie eine solche Tochter haben das ist mir unfaßlich!" >

Der Regierungsrat zog etwas beleidigt die Brauen auf. r,O warum? Wieso?"

Aber Sie waren doch immer so für das Mädchenhafte eingenommen!" spottete Jula mit einer leisen Schärfe.Sie waren für die Bravheit und Sittigkeit und haben freiere Manieren so entsetzlich gefunden!"

Ja mein Gott! Der Zeitgeist! 'Die jungen Mädchen lassen sich nicht mehr so fest im Zaum halten wie früher!" bemerkte er mit Achselzucken.

Da haben Sie sehr recht, die jungen Mädchen!" rief sie lebhaft.Nur. . ."

Ihnen tut es wohl leid, daß Sie nicht etwa später zur Welt kamen? Sie waren ja auch ein rechter Wildfang!" meinte er lachend.

Sie drehte sich heftig um auf ihrem Feldstuhl und sah ihm nun voll ins Gesicht.Was war ich? Ein Lämmchen mit einem rosa Bändchen bin ich getoefen! Zahm, hausbacken, schüchtern war ich im Vergleich mit diesen jungen Mädchen mit Ihrer eigenen Tochter! Und mich hat man emanzipiert genannt! Er­innern Sie sich, Herr Regierungsrat? Nicht gedacht haben wir an die Freiheiten, die heute diese jungen Damen genießen! Wer nun heißt es nicht mehr emanzipiert. Sie selbst nennen es flott, fesch, modern!"

Er war ein wenig verlegen geworden. Auch ihm mochten Erinnerungen an die Ansichten aufgetaucht sein, die er einmal für so unerschütterlich gehalten hatte.Man denkt nun eben anders über diese Tinge. Sehen Sie, Fräulein Jula: Man darf ttie anders sein als die andern!"

Ms Jula wieder allein vor ihrer Staffelei saß, lächelte sie still vor sich hin: Hast du gehört, alte Eigenbrödlerin! Tu hättest warten sollen mit deut Geborenwerden!

Der Dücher-Frie-hof.

Lord Rosebery ist als ein origineller Kops von selbst­ständigen Ansichten bekannt und er hat diesen Vorzug wieder bei der Festrede bewährt, die er zur Einweihung des Neubaus der Mitchell-Bibliothek in Glasgow dieser Tage hielt. Er hatte nämlich in dieser Rede den Mut, von den modernen Riesenbibliotheken und Bibliotheksgründungen nicht mit der in solchen Fällen üblichen Bildungsbegeisterung, sondern recht skeptisch, ja beinahe ironisch zu

sprechen. Mr. Carnegie, der unermüdliche Bibliotheksstister, war ja in diesem Zusammenhänge kaum zu uingehen und juft hatte er Lortz Rosebery stolz erzählt, daß er bisher 2200 Büchereien ge­gründet habe. 2 2 0 0 Büchereien: rief Lord Rosebery bedrückt aus. Und jede ist mit einem Redeakte eröffnet worden. Und bei jedem dieser Redeakte sind sicherlich iin Durchschnitte nicht weniger als zehn Reden gehalten worden. Das macht 22000 Biblio- theksgründungsreden. Und in jeder dieser Reden sind sicherlich im Durchschnitte zehn Plattheiten über Bibliotheken und Bibliotheksstiktungen geäußert ivorden macht wenigstens 2 2 000 Plattheiten, die allein bei der Einweihung von Carnegie-Büchereien in die Welt gesetzt ivorden sind!

Alan kann die Bibliotheksmanie des amerikanischen, Krösus nicht lustiger verspotten. 21ber Lord Rosebery äußerte bei dieser Gelegenheit auch recht ernste Gedanken. Er bekannte, daß er sich über die Größe der 180 000 Bände umfassenden Mitchell-Bibliothek nicht freuen könne, sondern daß er sich durch diese Riesemnaffe von Büchern bedrückt fühle. Und zwar aus dem Grunde, weil die meisten dieser Bücher doch hoffnungslos tot seien. Wie viele lebende Bücher, so fragte er, mag es in dieser Bibliothek wohl geben? Er hat sich an den Bibliothekar mit der Frage ge­wandt, ob nicht roenigftenS 100 000 Bücher dauernd unbenutzt blieben und der Bibliothekar wich der Antwort aus. Er hätte die Frage taunt verneinen können. Welcher Gedanke nun: dieser riesige Bücherfriedhof, diese ungeheure Blasse von toten neben so wenigen lebenden Büchern! Und welche Wandlung gegen früher I Im Mittelalter hätte so ziemlich der gesäurte Bücher- vorrat der ganzen ellropäischen Welt, durch je ein Exemplar ver­treten, in einem Bücherschränke untergebracht roerben können und ein Kloster, bas etwa 400 Bücher besaß, konnte sich einer annahern- ben Bollstänbigkeit seines Bücherschatzes rühnren. Jetzt ist bte Büchererzeugung ins Ungeheuerliche gestiegen; fraglich bleibt, ob bie Nachtrage nach Büchern mit ihr gleichen Schritt hält. Carnegie ist offenbar davon überzeugt und Lord Rosebery meinte, wenn bte 300 ober 400 Millionen Chinesen jetzt enbgiüig aus ihrem langen Schlaie erwachten, so würbe Carnegie barin vor allem eine neue Veranlassung zur Gründung von Bibliotheken sehen. Dieses Be­streben, die ganze Erde mit einem Gürtel von Volksbibliotheken zu umschlingen, nannte der ironische Lord einMeisterstück der Philanthropie". Ward je eine Bibliothek in dieser Laune eröffnet?

Vermischtes.

ff. (Sitte Pflanze, die um einen Fuß täglich wächst. Ein außerordentlich schnelles Wachstum von bei­nahe 1 Fuß am Tage (rund 30 Zentimeter) hat nach einer amerikanischen Zeitung C. B. Thomas in Pasaena an ein paar kalifornischen Yucca-Pflanzen, während der Zett der Blütenbildung messen können. Leider wird nicht be­richtet, um welche Art der Yucca-Pflanze (Palmenlilie, von der man bei uns verschiedene Arten als rasch wachsende Zierpflanzen kennt) es sich handelt. Die Samenkörner sollen im Gebirge gesammelt sein und es soll' neun Jahre gedauert haben, ehe die Pflanze mit der Blütenbildung begann; dann jedoch schossen die langen Stiele rasch in die Höhe und innerhalb weniger Tage blühten die weißen Blumen auf.

ff. Selb st mord und Selb st mörder in den Vereinigten Staaten. Im Fahre 1910 haben sich in den Vereinigten Staaten einer amtlichen Statistik zu­folge 12608 Selbstmorde ereignet. In dem kurzen Zeit­räume von vier Jahren waren ein Knabe von 9 und ein Mädchen von 10 Jahren, die ältesten ein 81jähriger Mann und eine 91jährige Frau. Bon den Männern stellen den größten Anteil bte kleinen Beamten, die Makler und die Börsenspekulanten, während unter den weiblichen Selbst­mördern außer Beamtinnen in untergeordneter Stellung Hausmädchen und Studentinnen in der Ueberzahl sind.

Skat-Ausgabe.

Mittelhand erhält folgende Karten:

Sie tourniert Pique-Dame und findet noch Coenr-. Das Spiel verläuft für Mittelhand so ungünstig, daß sie schwarz wird. Wie ging das zu? (Auflösung in nächster Nummer).

Auflösung der Buchstaben-Charade in voriger Nummer: Vers, Ehen; Versehen.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lang«, Gießen.