Ausgabe 
4.11.1911
 
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Mer

Du hast bii.,___--- ----------- ----- ..

du ein sonderbares Ding! Wenn ich geahnt hätte, ba'.

so tief geht! Man meint immer, du seist ein so kühler Natur­bursche, und nun weint sie wie ein weichherziges, dummes Mädel!

Sie wirkte in der Tat itt Bet putzigen Umgebung wie ein wilder Sprößling, wie eine schlanke Hochlandstanne in einem zierlich abgezirkelten Stadtgärtchen.

Ach geh! Du willst nur immer anders sein als die andern", weinte Elsa ein wenig schmollend, während sie sich am Teetisch uiederließem Jula aber schlug die schönen warmen Augen mit einem ernsten Blick zu ihr auf und sagte leise:

Ja! Einmal habe ich das gewollt! Nicht bloß anders aus­sehen; nein, auch was Ungewöhnliches werden! Was leisten, arbeiten, lernen wie ein Mann! Einmal hatte ich solchen Ehrgeiz! Aber jetzt du glaubst gar nicht, Elsa, wie ich mich in diesem Sommer verändert habe! Du denk: Ich muß es dir ja doch gestehn: Ich hab mich schrecklich verliebt!"

Elsa, die den Tee 'einschenkte, murmelte verlegen: -film so schlimmer!"

Wieso?" frag Jula.

Nun, ich meine," warf die junge Frau hin.Wenn du' gefallen möchtest, wenn du heiraten willst, wie wir andern ge­wöhnlichen Menschenkinder, dann ist es erst recht ein Unglück, daß du dich so wild anstellst und dich so komisch herrichtest r Und überhaupt halt so bist."

Wer wie bin ich denn?"

Geh, das weißt du doch selbst, daß dst sehr emanzipiert hist! Du willst es ja sein! Aber das verzeiht dir keiner!"

Glaubst du?" flüsterte Jula mit einem Lächeln, als wüßte sie es besser.

Elsa rührte nachdenklich in ihrer Teetasse.Wir haben in der letzten Zeit viel über dich gesprochen," sagte sie mit einem altklugen Ton, und ihr Puppengesicht sah noch philiströser als sonst aus. Jula horchte leidenschaftlich aus.

Von mir habt ihr gesprochen! Mit wem? Doch nicht

Ja, allerdings; mit Assessor Salmers", unterbrach Elsa das aufgeregte Stammeln.Ich weiß, daß er sich sehr stir dich interessiert, daß er dir die Kur gemacht hat! Und daß du ver­liebt bist, habe ich schon aus deinen Briefen erraten. Wenn man gar so entzückt ist vom Landaufenthalt, dann steckt immer ein Mann dahinter!"

Julas Wangen glühten. Sie schaute der Freundin in leiden­schaftlicher Spannung auf die Lippen.Er hat deinen Mann besucht? Du hast ihn gesehn?" stieß sie gepreßt hervor.

Aber natürlich. Mein Karli ist doch so befreundet mit ihm! Dreimal hat er bei uns gegessen" erzählte Elsa. >Dann stockte sie, zerkrümelte etwas betreten ihr Bisqnit.Jula! Es tut mir leid es dir sagen zu müssen; aber er hat Mich beauftragt, dir seine ehrfurchtsvollen Abschiedsgrüße zu be­stellen."

Wie emporgepeitscht von wildem, Unerträglichem Schmerz sprang Jula von ihrem Sitz auf.Er ist fort! Das ist Unmöglich!"

Aber Elsa zuckte die Achseln Und löffelte verlegen ihren Tee.

Sag', daß es' nicht wahr ist!" rief das junge Mädchen mit heißem Flehen.Sag', daß du mich bloß necken, quälen willst! Es kann ja nicht fein, daß er abgereist wäre, ehe ich kam, ehe er . .

Es ist leider doch so, liebes Herz!" sagte Elsa und bemühte sich, sehr viel Mitgefühl auszudrücken, vermochte aber doch die leise Schadenfreude nicht ganz zu verbergen, die auch die beste Freundin empfindet, wenn _ sie mehr Glück in der Liebe hat als die andere, die eigentlich viel hübscher ist als sie.

Aber geh!" . .

Nach einer Weile trocknete Jula sich die Augen, warf den Kopf zurück, -und ihre Stimme klang fast hart:Sag' mir, was er über mich gesprochen hat! Alles! Ich will alles wissen. Kein mitleidiges Geflunker! Hörst du!"

Elsa bot ihr zur Beruhigung ein paar Süßigkeiten an und begann dann eifrig:Du kannst dir denken, daß ich dich sehr gelobt habe! Ich hätte mich doch selbst gefreut! Was für einen famosen Charakter du hast, habe ich iljm gesagt! Daß du leider ohne Mutter aufgewachsen bist, und daß dein Vater dich in deinen Schrullen gegen die Mode bestärkt. Wer er seufzte nur immer: Schade für das wunderschöne Geschöpf. Jammerschade! Sehen Sie, gnädige Frau, ich muß Rücksicht nehmen auf meine Stellung als Beamter, auf meine Familie. Meine Frau darf nicht aus dem Rahmen herausfallen!"

Aber was tue ich denn so Schreckliches!" warf Jula ein.

Ach weißt du," fuhr die Freundin fort,seine Mama ist kwch ein paar Tage draußen gewesen und hat dich besehn! Nicht mit Augen der Liebe! Dao tun die Mütter von heiratsfähigen Söhnen ja meistens nicht. Aber diese Regierungspräsidenten- tpitwe-Exzellenz! Sie hat natürlich über dich die Häuve zu-

Jula ließ sich auf ihren Platz znrücksinken; ihr erst so strahlendes Gesicht war bleich und verstört. Sie preßte die Ltppen aufeinander, um nicht aufzuschreien. Aber die erlittene Ent­täuschung war zu bitter. Sie konnte den Tränen nicht wehren. Fassungslos brach sie in ein verzweifeltes Schluchzen aus.

Jula!" rief die junge Fran erschrocken.Mer geh! ich doch sonst über alle Männer lustig gemacht! Bist " ' r r ^ es dir

sammengeschlagen vor Entsetzen, Dein -Aussehen! Wie schlampia deine Kleider an dir hängen!"

Wohl weil ich kein Korsett trage! Das ist doch das ganze Verbrechen!" verteidigte sich Jula mit einem bitteren Auflachen.

O, sie war außer sich!" bestätigte Elsa.Du hast nie eine Handarbeit gehabt. Das gehört sich doch für ein junges Mädchen! Und du bist geschwommen, und geraucht hast bu einmal! Und mit zwei jungen Herren warst du auf einem Berg!"

Tu lieber Himmel!" rief Jula.Mit den zwei Buben,' dem Ernst und dem Klans, die wie meine Brüder sind!"

Na weißt, das steht ihnen nicht auf der Nasenspitze ge­schrieben! 'Ein junges Mädchen darf eben nichts tun, was sich nicht schickt. Denk nur, wie man es dir hier verdacht hat, daß du ohne Gardedame Schlittschuh gelaufen bist, und daß du Turn­stunde hattest."

Gilt das auch für unanständig?" spottete Jula.

Es ist unweiblich; schau, und das wollen die Männer nicht!" belehrte die junge Frau sie altklug.Ihr fehlt die mädchenhafte Sittigkeit," seufzte der Assessor immer wieder.Er hatte dich gern, Jula! Wer er sagt mit Recht: Er kann keine Emanzipierte heiraten. Er hätte nicht das .nötige Vertrauen!"

Jula hatte mit starren Augen auf die bunten Fenster geschaut. Nun war ein trotziger Zug um ihren hübschen Mund.Er hat ganz recht," sagte sie in verändertem Ton.Wenn er erst seine .Mutter und die fremden Leute fragen muß; wenn er kein Ver­trauen zu mir hat, dann soll ers nur bleiben lassen! Dann habe ich mich eben auch in ihm getäuscht. Ich glaubte, er wäre klug und großdenkend und sähe in mein Herz und suchte meine Seele. Ich meinte, der müßte mich so gut kennen, daß ihn solche Aeußer- lichkeiten nicht an mir irre machen könnten!"

Ich bitte dich!" lachte Elsa, stolz auf ihre Erfahrung als verheiratete Frau.Die Männer kennen uns doch gar nicht. In dem Punkt ist jeder dumm! Man muß halt so sein oder sich wenigstens so anstellen, wie sie uns haben wollen. Wenn du es dir nur zur Warnung bienen lassen wolltest!"

*

Seitdem waren 25 Jahre vergangen. Im Sommer 1910 saß Jula, die eine bekannte Malerin geworden war, auf einer Wiese vor ihrer Staffelei und arbeitete an einer Baumstudie. In der Nähe befand sich eine gute kleine Pension, in der es' lebhaft zuging: moderne Jugend traf sich auf dem Tennisplatz neben ihrer Wiese. Sie hatte von ihrem Platz aus Gelegenheit^ die jungen Herren und Damen zu beobachten. Sie konnte auch zuschaueu, wie die jungen Mädchen, die hübschen Frauen in ihren Badekostümen zwischen den Herren herumhüpften, die vor den Kabinen Sonnenbäder nahmen; wie man sich jetzt im Wasser in Gesellschaft amüsierte. Sie lächelte oftmals vor sich hin. Da war besonders ein pikantes schlankes Ding, das mit Vorliebe auf das Dach der Kabine kletterte, eine Weile da oben stand in köst­licher Ungeniertheit und bann lachend Herabspraug in den See. Ein schneidiges Mädel, das ihr sehr gefiel. Und einmal belauschte sie auch eine kleine Szene. Auf der Bank am Ufer saß die Mama der Kleinen, eine recht korpulente, fest in dasWns-ventrö-Mieder" eingepreßte Dame. Vor ihr stand der junge Wildling mit dem Raket in der Hand, erhitzt vom Spiel:

Du, Mama!" rief sie,wir machen eine Radtour! Aeugstige dich nicht, wenn wir ziemlich spät zurückkommen."

Die Mutter schien nicht sehr erfreut.Mit wem denn, Gerda?" fragte sie.

Nun ja, halt mit den anderen Mädels und mit den Herrn vom Tennis!" erwiderte die Tochter ungeduldig.

Ich finde es höchst sonderbar, daß die Herren mich nicht fragen; sie sind mir kaum vorgestellt!" warf die Mutter un­gnädig ein.

Mer Mama, wozu denn!" lachte Gerda.Im Winter beim Skikurs waren wir doch vierzehn Tage allein hier. hast du sie auch nicht gesehen!"

Du weißt, daß das auch ganz gegen meinen Willen ge­schehen ist. In meiner Jugendzeit..."

Aber geh, das ist schon so lang her!" unterbrach die Tochter sie übermütig.

Während des Wortwechsels war ein würdig aussehender, er­grauter Herr mit der Zeitung in der Hand, auf die Bank zuge­schritten.

Du, Papa," rief Gerda,die Mama hat wieder ihren alt­modischen Tag!" v

Die Malerin auf der Wiese hob die Augen. Sie war neu­gierig, den Vater des modernen Mädchens zu sehen. Und nun schlug ihr Herz doch ein wenig rascher, da sie dieses Gesicht wieder­erkannte. So schaute er jetzt ans, der Herr Regierungsrat von! ©ulntcrS!

Jula war unverheiratet geblieben. Sie hatte freilich nicht ihr ganzes Leben lang der einen Enttäuschung nachgetrauert. Ein paarmal war sie noch verliebt gewesen. Wer es hatte uw so recht geklappt mit den Verhältnissen, und sie toar zu klug für eine ganz dumme Partie und nicht kühl und temperamentlos genug für eine Verminftheirat. Nun lauschte sie doch mit großer Spannung, was der Regierungsrat seinem Töchterlein antworten würde. Er ließ die Zeitung sinken unb fragte:Was fiwt es. denn wieder für einen Konflikt?"