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dingung, daß Lady Gly.de ihre Freiheit erhält! Ich verspreche Ihnen, daß er die feinige ans diese Weise erkaufte mit beiden Händen ergreifen und mit aller Schnelligkeit nach dem Festlande zurückkehren wird. Ist Ihnen dies klar wie Kristall? Ganz gewiß, Haben Sie mir Fragen vorzulegen? Es sei; ich bin hier, um sie zu beantworten. Fragen Sie, Mr. Fairlie, fragen Sie, soviel Ihnen beliebt. -- , .,
Er hatte bereits so viel gesagt, ohne Rücksicht aus mich zu nehmen, und sah auf so entsetzliche Weise fähig aus, noch viel mehr ohne alle Berücksichtigung meiner zu sagen, daß ich zur bloßen Selbstverteidigung seine liebenswürdige Aufforderung ausschlug.
Ich danke herzlich, entgegnete ich. Ich fühle mich K erschöpft. In meinem Gesundhertszustande muß ich gleichen Dinge für ausgemacht annehmen. Erlauben Sie mir, dies auch bei der gegenwärtigen Gelegenheit zu tun. Wir verstehen einander vollkommen. Ja wohl., Sehr verbunden für Ihre gütige Vermittelung _ Sollte ich jein als wieder gesund werden und Gelegenheit haben, unsere Bekanntschaft —
Er stand auf. Ich dachte, er wolle gehen. Nein. Er hatte noch mehr zu sprechen — er mußte der Entwickelung ansteckender Einflüsse in meinem Zimmer noch mehr Zeit gönnen.
Einen Augenblick, sagte er, nur noch einen Augenblick, ehe ich mich verabschiede. Ich bitte, Sie auf eine dringende Notwendigkeit aufmerksam machen zu dürfen. Dieselbe ist folgende, Sir: Sie müssen nicht daran denken, mit der Einladung an Lady Glyde zu warten, bis Miß Haleombe wiederhergestellt ist. Miß Halcombe genießt die Pflege des Arztes, der Haushälterin zu Blackwater Park und einer erfahrenen Krankenwärterin — drei Personen, deren Fähigkeit und Treue ich mit meinem Leben verbürge. Dies sage ich Ihnen und zugleich, daß die Unruhe imb Besorgnis um ihre Schwester Lady Glydes Gemüt und körperliches Gesinden bereits dermaßen angegriffen hat, daß ihre Anwesenheit im Krankenzimmer vollkommen nutzlos wäre. Ihre Stellung ihrem Gemahl gegenüber wird täglich beklagenswerter und gefährlicher. Falls Sie Ihre Nichte noch länger in Blackwater Park lassen, so bewirken Sie dadurch keineswegs die schleunigere Wiederherstellung ihrer Schwester und riskieren zu gleicher Zeit eine öffentliche Bloßstellung, welche Sie und ich und wir alle die Verpflichtung haben, im Interesse der Familie zu vermeiden. Ich rate Ihnen daher von ganzem Herzen, die Verantwortlichkeit eines Verzuges von sich abzuwerfen, indem Sie Lady Glyde auffordern, augenblicklich hierher zu kommen. Dun Sie Ihre liebende, ehrenhafte, unvermeidliche Pflicht, und was sich dann immer zutragen möge, so kann niemand I h n e n die Schuld davon beilegen. Ich spreche,nach meinen umfassenden Erfahrungen und biete Ihnen meinen freundschaftlichen Rat an. Nehmen Sie ihn an — ja oder nein?
Ich sah ihn an — sah ihn bloß an —, indem jede Linie meines Gesichtes meine Verwunderung über seine unbegrenzte Frechheit und den erwachenden Entschluß ausdrückte, Louis zu klingeln und ihm die Tür zeigen zu lassem Es ist völlig unglaublich, aber vollkommen wahr, daß mein Gesicht nicht den geringsten Eindruck auf ihn zu machen schien. Ter Mensch ist ohne Nervensystem geboren — ohne jegliches Nervensystem!
Sie zögern? sagte er. Mr. Fairlie! ich begreife dieses Zögern. Sie wenden ein, daß Lady Glyde wed-er körperlich noch geistig sich in einem Zustande befindet, um allein die Reise von Hampshire hierher zu unternehmen. Sie wenden abermals ein, daß sie nicht gut in London bleiben kann, um sich auszuruhen, weil es sich nicht wohl paßte daß sie in einem öffentlichen Gasthause übernachtete, wo sie vollkommen fremd ist. In einem Atem lasse ich beide Einwendungen zu, und im nächsten beseitige ich sie beide. Folgen. Sie mir gütigst zum letztenmal! Als ich mit Sir Percival nach England zurückkehrte, war es meine Absicht, mich in der Umgegend von London niederzulassen. Diese Absicht habe ich soeben glücklich ausgeführt. Ich habe in dem Stadtviertel St. Johns Wood auf sechs Monate ein kleines möbliertes Haus gemietet. Haben Sie die Güte, das in Ihrer Erinnerung zu bewahren und dann dem Programme, welches ich entworfen habe, Ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Lady Glyde reist bis London — eine kurze Reise — ich selbst empfange sie an der Eisenbahnstation^ führe sie in mein Haus, welches zugleich
das Haus ihrer Dante ist, wo sie ausruhi. und übernachtet; sobald sie sich erholt hat, begleite ich sie selbst an die Station — sie reist bis hierher, und ihre eigene Kämmerjungfer! (die sich augenblicklich unter Ihrem Dache befindet) empfängt sie am Wagenfchlage. Auf diese Weise wird ihre Bequemlichkeit sowohl wie die Schicklichkeit berücksichtigt, und Ihre: Pflicht — die Pflicht der Gastfreundschaft, her Teilnahme! und der Beschütznng — von Anfang bis zu Ende glatt und leicht für Sie gemacht. ■
Nun war' es aber höchste Zeit für mich, irgend einen verzweifelten Entschluß zu fassen.
In dieser äußersten Schwierigkeit kam mir ein Gedanke — ein unschätzbarer Gedanke, welcher sozusagen zwei lästige Fliegen mit einer Klappe schlug. Ich beschloß, mich da-» durch, daß ich das Gesuch dieses widerlichen Ausländers, erfüllte, indem ich sofort das von ihm gewünschte Billett schriebe, mich sowohl von des Grafen langweiliger Beredsamkeit, wie von Lady Glydes langweilten Bekümmernissen zu befreien. Es hatte nicht die geringste Gefahr, daß die Einladung angenommen würde, denn es war im höchsten Grade unwahrscheinlich, daß Lady Glyde Blackwater Park zn verlassen einwil.igte, solange ihre Schwester dort krank lag. Wie es möglich war, daß dies sehr willkommene Hindernis des Grafen diensteifrigem Scharfblick entgangen, konnte ich nicht begreifen, und dennoch war es ihm entgangen.
Rasch schrieb ich den Biief folgenden Inhaltes:
„Liebe Laura, bitte, komme sobald es Dir gefällt. Verkürze Dir die Reise, indem Du in London im Hause Deiner Tante schläfst. Bedaure zn hören, daß die gute Marianne krank ist. Herzlich der Deine."
Ich reichte dem Grafen diese Zeilen und sagte: Entschuldigen Sie mich — ich bin gänzlich erschöpft, .ich bin zu nichts weiterem fähig. Wollen Sie sich ausruhen und unten frühstücken? Grüße an alle und meine Teilnahine und so weiter. Guten Morgen. —
Erwartet man noch fernere Aufschlüsse von mir? Ich glaube nicht. Ich denke, hier bis an die mir vorgezeichneten Grenzen gekommen zu sein. Die erschütternden Ereignisse, welche sich später zutrugen, liegen, wie ich so glücklich bin sagen zu können, nicht innerhalb meiner Erfahrungen. Ich tat alles in der besten Absicht. Man muß mich nicht für ein beklagenswertes Unglück verantwortlich machen, das unmöglich vorauszusehen war. Es hat mich völlig daniedergestreckt; ich habe mehr darunter gelitten, als sonst irgend jemand.
(Fortsetzung folgt.)
Zu früh.
Skizze von E m m a Haushofer- M,c r k (München).-
Die jungverheiratete Frau ordnete im Erker mit den gemalten Fenstern, die nur ein mattes Licht einließen, den Teetisch. Das funkelnagelneue „altdeutsche" Eßzimmer war so schön eiugerichtet, wie es sich ein junges Paar in der Mitte der achtziger Jahre nur wünschen konnte: Butzenscheiben an der reich geschnitzten Kredenz, am Fenster ein Spinnrad mit einem von blauem Band umschlungenen Wockeu; über dem Tisch ein Lüsterweibchen ; auf den Schränken, den Simsbrettern, über den Türen eine Reihe von Tonkrügen mit Makartbukets, von gemalten Platten, von Holztellern mit eingebrannten Rittern; dazwischen Rauken! von künstlichem wilden Wein. Sie hieß natürlich Elsa (wer damals auf sich hielt, hieß. Elsa). Ihr hübsches Puppengesicht sah noch unbestimmter und alltäglicher aus, weil die blonden krausen Haare ihr völlig die Stirn verdeckten. Ihr feiner Wuchs kam kaum der Geltung in dem Gewirr von Stofs und Falten, das sie umbauschte. Nur die Taille war eng zusammengeschnürt, und um den kurzen Hals trug sie ein blaues „Mitzibäudcheu". Sie schien offenbar sehr zufrieden mit sich und ihrem neuen Kleid und wackelte! mit ihrer Tournure auf hohen Absätzen trällernd in dem dämmerigen Gemach umher. Dann kam die erwartete Freundin, und die jungen Damen umarmten sich zärtlich nach längerer Trennung.
Elsa aber warf sofort einen prüfenden Blick auf den Anzug des jungen Mädchens und rief: „Nein wie komisch du wieder aussiehst! Jula! Wirklich ganz unanständig mit deinem glatten! Rock! Ws hättest du garnichts an! Au drollig ist das!"
Julas Kleid floß allerdings auffallend schlicht und gerade! an den schlanken Hüften herab. Ihre Bluse saß lose und sie hatte das reiche braune Haar aus der Stirn zurückgekämmt und etwas sorglos in einen Knoten geschlungen.
„Sag doch lieber gleich, ich sei verwachsen, weil ich nicht all das Zeug an mir hängen habe!" lachte sie und zeichnete in de« Lust die Silhouette der Freundin nach.


