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Wohin jetzt?" fragte ich, als wir das Polizeibureau verließen.

Zu Lord Holdhurst, dem großen Staatsmann und künftigen Premierminister von England."

Es traf sich günstig, daß der edle Lord noch im Mini­sterium anwesend war; Holmes gab seine Karte ab und wir wurden sogleich vorgelassen. Lord Holdhurst empfing uns init der ihm eigenen altmodischen Verbindlichkeit und bat uns, auf den kostbaren Lehnstühlen Platz zu nehmen, die an beiden Seiten des Kamins standen. Er selbst blieb zwischen uns auf dem Teppich stehen.

Ein echter Edelmann!" mußte ich denken, als ich seine hohe, schlanke Gestalt, das kluge Gesicht mit den scharfen Zügen, das frühzeitig ergraute lockige Haupthaar mit nnem Wort, feine ganze vornehme Erscheinung sah.

Ihr Name ist mir sehr wohlbekannt, Herr Holmes," sagte er lächelnd.Und auch über den Zweck Ihres Besuchs bin mcht im Zweifel. Außer einem einzigen Vorfall hat sich hier im Ministerium nichts ereignet, was Ihr Interesse in Anspruch nehmen könnte. Darf ich fragen, wer Sie mit der Sache betraut hat?"

Herr Percy Phelps," erwiderte Holmes.

Ach, mein unglücklicher Neffe! Sie begreifen, daß ich schon wegen unseres Verwandtschaftsverhältnisses ganz auyer stände bin, ihn in Schutz zu nehmen. Der Vorfall wiro ihm in seiner Laufbahn sehr hinderlich sein, fürchte ich."

Aber wenn sich das Schriftstück Wied erfände?"

Das würde die Sache freilich ändern."

Ich möchte mir erlauben, ein paar Fragen an Sie zu richten, Lord Holdhurst."

Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann, werde ich mich glücklich) schätzen."

War dies das Zimmer, in dem Sie Ihre Anordnungen betreffs der Abschrift des Dokuments gaben?"

Jawohl." -

Dann könnten Sie kaum belauscht worden sein." Daran ist nicht zu denken."

Haben Sie Ihr Vorhaben, den Vertrag abschreiben zu lassen, gegen irgend jemand erwähUt?"

Mit keiner Silbe."

Sie wissen das ganz bestimmt?"

Es unterliegt keinem Zweifel."

Wenn also weder Herr Phelps noch Sie sich darüber irgendwie geäußert haben und sonst kein Mensch um die Sache wußte, dann ist der Dieb rein zufällig in das Zimmer gekommen. Die Gelegenheit war ihm günstig und er be­nutzte sie."

Der Staatsmann lächelte.Das liegt außerhalb meines Bereichs; Sie können recht haben."

Holmes überlegte einen Augenblick.Noch einen andern wichtigen Punkt 'möchte ich mit Ihnen besprechen," sagte er. Ich höre. Sie fürchteten, das Bekanntwerden dieses Ver­trags möchte isehr ernste Folgen nach sich ziehen."

Ein Schatten flog über Lord Holdhursts ausdrucksvolles «Gesicht.Die allerernstesten Folgen."

Und sind sie eingetreten?"

Noch nicht." I

Wenn der Vertrag zum Beispiel in das französische oder russische Ministerium des Aeußeren gelangt wäre, so würde es Ihnen vermutlich zu Ohren gekommen sein."

Das steht!zu erwarten," sagte der Lord mit finsterer Miene. !

Da nun 'fast zehn Wochen vergangen sind und keine Aussprache erfolgt ist, so dürfen wir mit Fug und Recht annehmen, daß Her Vertrag nicht ausgeliefert worden ist."

Holdhurst zuckte die Achseln.Es Kißt sich doch kaum denken, Herr'Holmes, daß der Dieb den Vertrag gestohlen hat, um ihn bet sich unter Glas und Rahmen aufzuhängen."

Vielleicht wartet 'er noch, um einen besseren Preis zu «zielen." i

«v. »Wenn er Noch lange wartet, wird er nur das leere! Nachsehen haben. In wenigen Monaten ist der Vertrag fein Geheimnis mehr."

Ein höchst wichtiger Umstand," sagte Holmes.Der Web^könnte^ja plötzlich von einer Krankheit befallen wor-

Zum Beispiel von einer Gehirnentzündung?" fragte der Staatsmann, ihn mit raschem Blicke musternd.

Das habe ich nicht gesagt," erwiderte Holmes voll Unerschütterlicher Ruhe.Mer wir dürfen Ihre kostbare

Zeit nicht allzu lange in Anspruch nehmen, Lord Holdhurst; erlauben Sie, daß wir uns empfehlen."

Ich wünsche Ihrer Untersuchung den besten Erfolg, mag der Verbrecher sein, wer er totil/ sagte der Edelmann noch beim Wschied, während er uns zur Tür begleitete^

Ein wackerer Herr," meinte Holmes, als wir wieder auf der Straße standen;aber es wird ihm nicht leicht, seine Stellung zu behaupten. Er ist nicht reich und e§| werden viele Ansprüche an ihn gemacht. Du hast wohl auch bemerkt, daß er neubesohlte Stiefel trägt. Nun will ich dich aber nicht länger von deiner eigenen Berufsarbeit abwendig machen, Watson. Heute unternehme ich so wie so nichts mehr, außer wenn ich Antwort auf meine Drosch- An-Anzeige erhalte? Einen großen Gefallen könntest du mir aber tun, wenn du mich morgen um dieselbe Zeik nach Woking begleiten wolltest."

So fuhren wir denn am nächsten Morgen wieder zu­sammen nach Woking. Es war keinerlei Licht in das Dunkel gekommen und Holmes hatte keine Nachricht auf seine Anzeige. Seine Gesichtszüge konnten so unbeweglich sein, wie die einer indianischen Rothaut, wenn es ihm gut dünkte; auch jetzt war ich außer stände, in seinen Mienen zu lesen, ob ihn die Lage der Angelegenheit befriedigte oder nicht. Unsere Unterhaltung drehte sich, so viel ich mich erinnere, um Bertillons treffliches Messungssystem, und er rühmte das Verdienst dieses französischen Gelehrten in begeisterten Worten.

Wir fanden unfern Klienten noch in der Pflege seiner getreuen Wärterin; er sah jedoch weit besser aus als tags zuvor. Bei unserem Eintritt stand er vom Sofa auf und begrüßte uns lebhaft.

Was bringen Sie mir?" fragte er begierig.

(Fortsetzung folgt.)

Lilie und Nette.

Neben der stolzen Blumenkönigin erfreuen im August zwei andere Blumen das Auge, die wie die Rose auf eine ruhmreiche Vergangenheit zurückblicken können. Es sind das Lilie und Nelke. Die Lilie war schon im klassischen Altertum bekannt. Homer, Plinius und Virgil erwähnen sie als Sinnbilder der Schönheit. Nach der griechischen Mythologie war die Lilie göttlichen Ur­sprungs und entstand aus der Milch der Hera, als sie den kleinen Herakles stillte. Bei ihren Festen trugen die Philister zum Zeichen ihrer Würde einen Lilienkranz im Haar. Aus der Bibel kennen wir die Lilie als wildwachsend durch ein Gleichnis Christi, wie bekannt. Auch dort war sie zum Schmuck der Tempelleuchter im Allerheiligsten ausersehen und sie kränzte Salomos Stirn, wie ausdrücklich gesagt wird,als Symbol der Reinheit und Unschuld". Bei den Römern war sie ebenfalls der Götter­königin Juno geweiht und wurde in der Nähe ihrer Tempel in Massen gepflanzt. Auf manchen Münzen sieht man auch eine Lilie mit der Umschrift:Spes populi romani" (d. h. Hoffnung des römischen Volkes), woraus ihre Bedeutung als Symbol der Hoffnung hervorgeht. Es sei nur beiläufig erwähnt, daß auch die Perser die Lilie sehr eifrig kultivierten, bedeutet doch der Name ihrer Hauptstadt: Lilienstadt.

Den alten Deutschen galt die Lilie (neben der Rose) als eigentliche Totenblume, wie überhaupt nicht Schwarz, sondern Weiß ihre Leichenfarbe war, da man sich den Anfang des Lebens und das Ende desselben im Himmel der lichtumflossenen Götter vorstellte. Entsprechend den drei Nornen (Schicksalsgöttinnen) pflanzte man auf ein Grab drei Lilien. 'Die Nornen überhaupt wohnen in weißen Lilien, welche an den großen düstcrn Teichen stehen. Freund Adebar, der Storch, holte überhaupt nach dem Glauben der Väter die Seelen der Kinder (aber nicht das Kind selbst, wie uns Kindern erzählt wird!), aus einem Weiher und trug sie in Gestalt einer Wasserlilie bajjin, wo ein Kind ge­boren werden sollte. Nach anderen Sagen erscheinen Lilien auf den Gräbern unschuldig gestorbener Personen; erschien sie aus dem Grabe eines Ermordeten, so galt das als Zeichen des Himmels, daß die Rache für den Täter nahe. Auf dem Grabe Gerichteter endlich, die eines bußfertigen Todes gestorben waren, war ihr Erscheinen das sichtbare Zeichen, daß den Armen ver­ziehen sei, und die Kirche hat sich sogar öfters nicht geweigert, ein solches Grab noch nachträglich zu weihen. Endlich ersehen wir aus dem bekannten Volksliedevom Reiter mit den drei Lilien", daß aus dem Grabe sprießende Lilien dem Bräutigam letzte Grüße von der früh verstorbenen Braut brachten; ihr un- hefugtes Brechen zog für den Frevler jähen Tod nach sich.

Ms Symbol der Reinheit und Unschuld übernahm das Christentum die Lilie von den Juden. Sie wurde zur Lreblings- blume der Maria gemacht und fehlt bei ihren Darstellungen fast nie. Bei der Darstellung des sog.englischen Grußes" ist fast immer neben Maria eine Base mit Lilien zu sehen, besonders bei deutschen und holländischen Bildern. Jedermann kennt auch