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Herr Brigham dir helfen wird, wenn ich seine Frau werde?"
„Absolut fest," antwortete Köhler eifrig. „Er ist ein Ehrenmann. Er wird mir nicht nur meine Schuld stunden, sondern mich auch an anderen, sehr aussichtsreichen Geschäften beteiligen. Da ist zum Beispiel. . ."
Und er begann zu erzählen: vor allem von der bevorstehenden Umwälzung auf dem Kautschukmarkt — dann von der großartigen Kakaospekulation, die Mister Brigham plante — von einem Riesengeschäft in Farbhölzern — von der Konzentration des Bananenhandels — von neuen Tabakplantagen auf wundervollem, nährstoffreichem Boden, der ganz köstliche Erzeugnisse erwarten ließ. Die Phantasie galoppierte mit Herrn Köhler wieder einmal davon; er schwelgte in Zukunftsmusik; er gestikulierte, und die ganze Faltendraperie seines ehrlichen, alten Gesichts geriet in Bewegung.
Traute hörte ruhig zu, und als der Vater geendet hatte, atemlos sein Taschentuch ziehend und sich heftig schneuzend, erklärte sie mit fester Stimme:
„Ich werde Herrn Brigham mein Jawort geben."
Neue Umarmungen folgten. Die Mutter weinte; auch der Vater wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und wollte sogleich zu Friedrich gehen, um ihm das Einverständnis Trautes zu erzählen. Aber Traute bat darum, das nicht zu tun; man möge Herrn Brigham abwarten und bis dahin so wenig wie möglich von der ganzen Geschichte sprechen.
„Jawohl," sagte die Mutter zustimmend, „warten wir erst einmal ab. Herr des Himmels, wenn er nur nicht noch im letzten Moment noch mit einem Nein kommt!"
Da lächelte Traute schwach und schüttelie den Kops.
„Beruhige dich, Mama," entgegnete sie, „er sagt nicht Nein. Er nimmt mich — verlaß dich darauf."
Sie ging in ihr Zimmer und nahm den Karton mit dem elfenbeinfarbenen Kleide mit. Sie stellte ihn auf ihr Bett und setzte sich daneben und sagte sich, daß nunmehr ihr Leben klar vorgezeichnet sei. Sie behielt dabei immer noch ihre Ruhe. Sie sah die Unmöglichkeit des Ausweichens ein. Der Vater war nicht die Natur darnach, sich nach dem Zusammenbruche aus eigener Kraft wieder empor arbeiten zu können. Er hätte auch in Friedrich keine Stütze gefunden Diese beiden kleinlichen Menschen, deren Blick immer nur auf das Nächste gerichtet war, verlangten selbst nach einer führenden Hand. Dann waren sie gut zu gebrauchen; sie waren ehrlich, zuverlässig und fleißig. Es war also schon möglich, daß die Firma unter der Mitarbeiterschaft des Mister Brigham einen kräftigen Aufschwung nehmen konnte.
„Jonathan W. Brigham" — Traute sprach diesen 9ia» men laut vor sich hin. Nun war es also abgemacht. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, daß ihre lebendige Persönlichkeit dem guten Mister Jonathan noch besser. gefallen würde als die Photographie. Und dann konnte auch gleich Hochzeit gemacht werden — und bann ging es nach Amerika, nach Quetzaltenaugo „Quetz—al—te—nan—go", wiederholte sich Traute. Palmen- und Dattelwälder, unermeßliche Plantagen, ein tropisches Faulleben und zugleich der Bruch mit der ganzen Vergangenheit. Das war gut. Drüben würde sie vergessen lernen.
Sie kramte ihre Kommode nach den Zigaretten durch, die ihr Suse Appelmann einmal geschenkt hatte. Sie sand auch noch ein paar und steckte sich eine an Dann kam ihr der Gedanke, das neue Kleid anzuprobieren. Sie tat es, stellte sich vor den Spiegel und fand, daß es wie angegossen sitze. Sie drehte sich hin und her und trällerte, die Zigarette zwischen den Lippen, ein Liedchen vor sich hin. Aber plötzlich erschrak sie. Sie hatte den Wunsch,, daß Eberstedt sie einmal in dem Kostüm sehen möge. Und in demselben Augenblick empfand sie ein so heftiges Herzweh, daß ihr die Papyrus aus hem Munde siel. Sie bückte sich und hob sie auf, und bann begann sie sich wieder langsam zu entkleiden. Die Blumenmädchen von drüben nickten ihr lachend zu. Das erneuerte ihren Schmerz. Der Atem schien stocken zu wollen^ das Herz hämmerte ungestüm. Sie mußte sich setzen. Und in dem beklemmenden Gefühl innerer Aengste und einer unüberwindbaren Unfertigkeit wurde eine Frage in ihr laut, die wie ein Schrei aus allen Tiefen ihrer Mädchenhaftigkeit kam. Waren denn die leichtsinnigen Kleinen da drüben nicht viel, viel glücklicher als sie? —
Sie senkte den Kopf; ein Zittern durchflog ihre Glieder, ein leises, schauerndes Beben. Sie dachte an den Sturmabend auf der Wörreshoopner Heide und an die Umarmung Eberstedts und fühlte das Zucken ihrer Nerven. Und sprang wie rasend auf, riß sich das Hemd herab und tauchte ihren Schwamm in die Waschschüssel und ließ das kalte Wasser über Hals und Gesicht rieseln.
Das tat ihr wohl. Aber ein Gefühl des Widerwillens blieb zurück und die Lust zu Angriffen gegen sich selbst. Sie wollte fort, wollte weit weg und nahm sich fest vor, Mister Brigham gut zu gefallen.
(Fortsetzung folgt.)
der ich
„Einige Winke wären mir sehr willkommen," sagte Geheimpolizist in verändertem Ton. „Bis jetzt habe allerdings keine Lorbeeren bei dem Fall geerntet."
„Was für Schritte haben Sie getan?"
„Wir haben den Türhüter Taugey überwacht. Bei der Garde hat er sich nichts zu schulden kommen lassen, und es liegt nichts gegen ihn vor. Seine Frau ist aber eine schlechte Person. Vermutlich weiß sie mehr von der Sache, als es
Der Marinev rtrag.
Eine Detektivgeschichte des Sherlock Holmes von Conan Doyle.
(Fortsetzung.)
den Anschein hat."
„Ist sie beobachtet worden?"
„Eine Polizistin hat ein Auge auf sie. Frau Taugey ist dem Trunk ergeben und unsere Angestellte hat ihr zweimal Gesellschaft geleistet, bis ihr der Branntwein die Zunge löste, doch bekam sie nichts aus ihr heraus."
„Ich hörte, daß der Gerichtsvollzieher bei den Leuten im Hause war."
"„Ja, aber sie haben Zahlung geleistet."
„Woher kam das Geld?"
„Das ging ganz mit rechten Dingen zu. Er hatte seine Pension zu fordern. Nichts deutet daraus hin, daß sie andere Mittel besitzen."
„Weshalb ist sie heraufgekommen, als Phelps nach dem Kaffee klingelte? Welchen Grund gibt sie dafür an?"
„eti jagt ihr Mann wäre sehr müde gewesen; sie hätte ißm helfen wollen."
„Das stimmt zu dem Umstand, daß er bald darauf im Stuhl eingeschlafen ist. Es liegt also nichts gegen die Leute vor, außer, daß die Frau im schlechten Rufe steht."
„Warum ist sie an jenem Abend in so großer Eile davongegangen, daß es dem Schutzmann ausgefallen ist?"
„Eie hatte sich verspätet und wollte rasch nach Hause kommen."
„5wrr Phelps und Sie sind wenigstens zwanzig Minuten nach ihr fortgefahren, und doch waren Sie vor ihr dort, wie erklärt sie das?"
„Ein Omnibus fährt um so viel langsamer als die Droschke."
„Weshalb ist sie aber gleich so eilig in die Küche gelaufen ?"
„Weil sie dort das Geld für den Gerichtsvollzieher verwahrt hatte."
„Sie ist wenigstens um keine Antwort verlegen. Haben Sie sie gefragt, ob ihr nicht, als sie das Haus verließ, irgend jemand in der Charlesstraße begegnet ist?"
„Niemand, außer dem Schutzmann."
„Sie haben ja ein recht gründliches Kreuzverhör mit ihr augestellt. Ist sonst noch etwas seitens der Polizei geschehen?"
„Der Schreiber Gorot ist feit neun Wochen genau beobachtet worden, aber ohne Erfolg. Wir können ihm nichts nachweisen."
„Ist das alles?"
„Ja t— es hat sich kein neuer Anhaltspunkt gefunden
—. keine Verdachtsgründe irgendwelcher Art."
„Was ist Ihre Ansicht über das Läuten der Glocke?"
„Ich gestehe, das geht über mein Verständnis. Der Täter muß ein bodenlos frecher Mensch sein, auch noch Lärm zu schlagen."
„Ja, das ist und bleibt sonderbar. Besten Dank für Ihre Mitteilungen, Herr Fordes. Wenn ich Ihnen den Mann ausliefern kann, sollen Sie von mir hören. —, Aber nun vorwärts, Watson!"


