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Das nette Mädel.
Roman von Fedor von ZobeltiA, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Jeden Morgen, wenn Köhler aufstand, nahm er sich Vor, mit Traute zu sprechen. Und immer wieder verschob er dre Aussprache. Er hatte Angst vor seiner Tochter. Wenn sie die Verbi,rdung mit Brigham ablehnte, war seine letzte Hoffnung zertrümmert. Er hatte seine Frau gebeten, sich Traute gelegentlich vorzunehmen. Aber auch Frau Auguste war scheu geworden; ihr bangte vor der Entscheidung. Da trat am zweiundzwanzigsten ein Geschehnis ein, das zur Erklärung führte.
Ein Laufmädchen, aus dem Atelier von Lina Hübner, bei der die vornehmere Damenwelt schneidern ließ, brachte einen großen Karton für Traute. Und als Traute ihn öffnete, sah sie in Seidenpapier hineingefältet ein wunderschönes, elfenbeinfarbenes Kostüm mit türkisblauem Saum am Rocke und türkisblauem Kragen am Jäckchen. Sie wußte natürlich sofort, daß dies das gemeinsame Strandkostüm der Schönheiten der Goldenen Horde war und daß es wahrscheinlich Eva Delbrück für sie bestellt hatte; sie war zu gleicher Zeit entzückt und wütend, und als sie am Boden des Kartons eine Rechnung für einhundertundfünfundachtzig Mark fand, sank sie völlig entgeistert auf den nächsten Stuhl. Du lieber Himmel, was würde der Vater sagen! Ter Zufall fügte, daß der Vater heute früher als sonst aus dem Kontor kam, wo die Mutter ihn abgeholt hatte — und beide sahen nun mit großen Augen auf die elfenbeinfarbene Pracht und das türkisblaue Wunder, und der Wachtmeister- vltck der Mutter hatte auch schon die Rechnung entoeckt, und ihr Auge durchfurchte förmlich das erblassende Gesicht Trautes.
„Traute/' schrie sie auf; „ja, nu sage doch bloß: bist du rein von Gott verlassen?! Ist das denn möglich: du hast dir dies teure Kostüm bestellt?!"
Jetzt hatte auch Köhler die Rechnung genommen; er starrte sie an, und die Muskeln um seinen Mund begannen zu arbeiten. „Einhundertfünfundachtzig Mark," stammelte er und fuhr sich über die Stirn. „Träume ich? Und so etwas — so etwas bestellst du dir, ohne uns vorher zu fragen?"
Trautes Augen begannen zu tränen. Mit schluchzender Stnnme Hub sie an zu erzählen, das sei ein Gewalt- strerch von Eva Delbrück; sie habe sich dagegen gewehrt; Eva Delbrück habe das Kleid hinter ihrem Rücken bestellt; aber sie nehme es keinesfalls an; sie werde noch heute alles wieder zusammenpacken und ohne weiteres an die Hübner zurückschicken.
Nun keifte die Mutter gegen Eva Delbrück los und gegen den Wnzen, .Verkehr Trautes. Das sei ihr Unglück,
verschlinge eine Unsumme Geld, bringe die ganze Familie an den Bettelstab, ruiniere Haus und Firma. Und während sie so schimpfte, untersuchte sie das Kostüm, ließ den Stofs durch die Finger gleiten, betastete den hübschen gestickten Saum — und ihre Worte versiegten allmählich. Plötzlich wurde sie ganz still. Dann nickte sie wohlgefällig, und ihr Gesicht erheiterte sich.
„Die Hübner hat's raus," meinte sie; „das muß man sagen: schick arbeitet sie immer. Paßt dir's denn wenigstens?" —
Köhler war auf und ab gegangen, die Arme verschränkt, mit auswärts geschobenen Knieen und weiten Schritten. Im Faltenspiel seiner Wangen verriet sich der große Entschluß. Jetzt blieb er stehen, dicht vor Traute, die mit dem Taschentuch ihre Augen betupfte.
„Das Kleid ist einmal da," sagte er, „und mag auch bseiben. Ich werde die Rechnung bezahlen. Wer, mein Kind, ich muß ernsthaft mit dir sprechen. Es steht sehr schlimm mit uns —, viel schlimmer, als du ahnen kannst. Wenn nicht rasche Hilfe kommt, bin ich sallit."
„Herrgott, Vater —"
„Daß mich aussprechen. Eine Hilfe ist nahe: die letzte. Uebermorgen erwarte ich Mister Brigham. Du weißt, daß er ernstlich um dich wirbt. Er sucht eine Frau, und dein Bild hat ihm gefallen. Ich zwinge dich nicht. Das kann ich ja natürlich nicht. Wer ich bitte dich, dir zu überlegen, daß deine Zusage deine ganze Familie vor einem sicheren Untergang retten würde. Ich bitte dich auch zu überlegen, daß dir hier zum zweiten Male eine glänzende Zukunft geboten wird. Verschlage sie dir nicht wieder wie bei Herrn Roeßler. Gehe einmal verständig mit dir zu Rate und ziehe alle Vorteile in Betracht. Daß du hier am Platze eine Partie finden wirst, wie du sie dir vielleicht denkst, halte ich für ausgeschlossen."
Nun kam auch die Mutter an oie Reihe. Auf deck Fettpolstern ihres Gesichts lag Rührung. «Sie küßte ihr Kind. „Es wird mir ja sehr schwer, dich so weit über das Wasser zu lassen," sagte sie weich, „aber sieh mcck: erstens bekommst du einen sehr reichen Mann und noch dazu einen, der dich liebt, und zweitens machst du es deinem Vater möglich, sein Geschäft weiterzuführen mtb die augenblickliche Krisis zu überwinden, die uns sonst einfach bankerott machen würde. Ja wohl, so ist es — es muß ausge- Ken werden. Und weil die Lage so ernst ist, wirst rnünftig fein, Trautchen. Nicht wahr?"
Sie streichelte ihr die Wangen. Traute hatte keine Träne mehr. In dem Augenblick, da die fürchterliche Notwendigkeit vor ihr Auge trat, sich opfern zu müssen!, war eisige Ruhe über sie gekommen. Sie begriff ohne weiteres das Tragische der Situation. Sie hatte sich immex unglücklich im Elternhause gefühlt; aber sie wußte, daß Vater und Mutter sie liebten. Und der Ruin des Vaters war auch der des ganzen Hauses.
„Eine Frage, ,Vater," sagte sie. „Steht es fest, daß


