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Freunden; 5fe weibliche Freundschaft, die in einzelnen Fällen bis zur Brautschaft gediehen war, blieb daheim und weinte sich die Augen rot. Wir aber, die noch nicht Wehrpflichtigen, verabschiedeten uns erst, als unsere älteren Brüder und Bekannten hinter den Kaserneutoren verschwunden waren, und nachdem wir einen ungefähren Begriff von den Vorbereitungen zu einer Mobil-- Uiachuug erhalten hatten. Korporalschastsweise zogen, unbekümmert Um die Weihe des Sonntags, die Soldaten in die größeren gewerblichen Betriebe, wo rasch die nötigen Einrichtungen an vorhandenen Transmissioueit zum Säbelschleifen getrosfeu wurden und ganze Bündel scharf geschliffener Seitengewehre waren das Ergebnis dieser Sountagsarbeit. In wenigen Tagen hatte me Mobilmachung greifbare Gestalt. Ein Eisenbahnzug folgte dem andern auf der Fahrt durch die Station, abwechselnd beladen mit Mannschaften, Pferden, Geschützen, Munitions- und Krankenwagen, Proviant für Mensch und Vieh, ganzen Lchsenherden für die Feldschlächterei, Brückenmaterial «sw., und so bekamen wir Jünglinge einen Begriff, daß zum Kriegfiihren nicht nur Soldaten mit Gewehren und Säbeln, sondern auch andere Sachen gehörten, und zwar die schwere Menge. Aus der Schiebetür eines mit Artillerie- Pferden beladenen Eisenbahnwagens steckte sogar ein kapitaler Biegenbock seinen schwer gehörnten Kopf heraus. Der Bock, der ein rotes, mit ziöei Knöpfen besetztes Halsband, das ihn wohl als „Gefreiten" charakterisieren sollte, trug, soll, wie Angehörige des Regiments nach- ihrer Heimkehr berichteten, den ganzen Feldzug mitgemacht haben und beim Wiedereinzng in die Garnison mit einem riesigen „eisernen" Kreuz aus Pappdeckel dekoriert, worden sein. Me Einwohnerschaft in den an der Eisenbahn liegenden Orten überbot sich im Darreichen von Liebesgaben an, die durchfahrenden Truppen, die an den Mann zu bringen nicht immer leicht war, denn die Züge hielten entweder gar nicht und durch- fuhren langsam die Station oder der Aufenthalt dauerte nur ein bis zwei Minuten. Wo letzteres der Fall war, traten auch die Frauen und Jungfrauen in Tätigkeit, und warteten geschäftig mit belegten Brötchen, Schokolade, Kaffee, Sodawasser und was die so plötzlich geweckte Mildtätigkeit alles zutage forderte, auf; übrig blieb nichts. Den Männern und Jünglingen lag lediglich die Verteilung von Zigarren, Tabak, Würstchen usw. ob, und hierbei mußte mit Geschick und Gewandtheit gearbeitet werden, wenn die Gaben in die vorüberfahrenden Wagen gelangen sollten. Ost wurden die Gaben an Virkenäste gebunden und die Aeste dcnm in die Wagen gereicht, oft langten die Soldaten unter Lebensgefahr, auf den Trittbrettern stehend, nach den dargereichten Stärkuugs- und Erholungsmitteln. Unsere schon in Friedenszeiten nicht verwohnten Baterlandsverteidiger erhoben auf Prima- gualität der gespendeten Liebesgaben keinen Anspruch, und in dieser Hinsicht kamen ihnen auch viele Spender entgegen. Besonders in Zigarren, an deren Ausbeutung zu Steuerzwecken damals noch niemand dachte, wurde das Menschenmöglichste geleistet. Die Sorten „Rauchdusie", Wickel und Deckblatt unbekamiter Herkunft, „Der Alaun muß hinaus" (ante Portas) und „Wehe wenn sie los- gelasscn", waren die gangbarsten Marken jener Zeit und würden auch heute noch mit Erfolg die Konkurrenz der „beliebtesten" Kan- tineu-Glimmsträucher aushalten. — Der Versuch, eine dieser Liebesgabcn-Tabaknudeln selbst zu rauchen, d. h. nachdem ich mich an dem Inhalte eines mir zur Verteilung anvertranten Kistchens vergriffen hatte und heute noch Reue über diese an Landesverrat grenzende Unterschlagung empfinde, ist mir schlecht bekommen, und in meinem bejammernswerten Zustande in den darauffolgenden Stunden bemittleidete ich die Soldaten, die nach solchem Genuß noch das Vaterland verteidigen sollten. Höhnisch grütfleii mich die Gesichter meiner Altersgenossen an, von denen einer nach der damals tausendmal am Tage und ebenso ost oder stoch öfter in der Nacht gesungenen „Wacht am Rhein" rezitierte: „Wo diese ©ort wird angebrannt, betritt kein Feind hier deinen Strand". Aber den Soldaten müssen die Zigarren doch nicht so schlecht bekommen sein wie mir, sonst hätten sich die Nachrichten über siegreiche Schlachten nicht so gedrängt, wie in bett folgenden Augusttagen. Geflunkert konnten die Siegesnachrichten nicht sein, denn wo wären denn mit einmal die vielen Franzosen hergekommen, die wenige Wochen später dieselben Bahnhöfe durchfuhren, wie vorher unsere liebesgabenbedürftigen Krieger. Auch die Franzosen wurden mit Erfrischungen und Rauchmaterial bedacht, nnb der Rest der noch vorhandenen Liebesgaben verschwand bald in den Taschen und Mäulern der Turkos, Zuaveu und wie die frembcu Herrschaften alle hießen. — Hoch ging es her, als die Kunde der Kapitulation von Sedan in meine Vaterstadt kam. Rasch wurden die der Schützeugesellschaft gehörigen beiden Kanonen auf einer Anhöhe vor der Stadt aufgefahren und 101 Kanouenschläge dröhnten über die Häuser hinweg. Im Nu war auch die Stadtkapelle auf den Beinen und mit Ziuuera und Butnbmnbum ging cs durch die Straßen tob Jung und Alt nach der Melodie „Die Wacht am Rhein" dahinter her. Ein Schneidermeister, der nicht au Ueberstille von Sitzfleisch litt, erschien immer als erster auf dem Plan; es war ein Urbreuße, der immer das große Wort führte und in „hoher Politik" machte, was ihn nicht hinderte, die Namen der damaligen französischen Staatsmänner und Feldherren Jules Favre, Thiers, Bazaine, Trochu usw. so auszusprechen, wie sie im deutschen geschrieben werden, z. B. Juhles Fafree usw. Mac Mahon hieß bei ihm einfach Max Mahoon, ebenso geläufig in der Aussprache waren ishin die Städte Bordeaux, Le Mans (Lehmanns), Versailles
(Ferfeiles) Usw. Er hüpfte, unter Schwenken einer irgendwo anf- getriebeuen Fahne, bereit Farben schon lange nicht mehr zu erkennen waren, wie ein übermütiger Geisbock vor der Musik her, und wenn der Umzug beendet, war auch sein Tagewerk fertig, seine Schneiderbude blieb für den Rest des Tages leer und spät Abends erst gondelte er, die zusammengerollte Fahne unter dem Arm, seiner in einem alten baufälligen Hause gelegenen Wohnung zu mit dem Bewußtsein, echt patriotisch gewirkt und! mit Erfolg sein politisches Interesse verzapft zu haben. Wir Lehrlinge beuteten dieses Stück Weltgeschichte anders ans. Me uns zur Verteilung anoertrauten Extrablätter ergaben eine für unsere Verhältnisse ergiebige Ernte an Trinkgeldern und allem! möglichen Eß- und Trinkbarem, so daß in uns der Wtmsch rege wurde, der Krieg möge noch recht lange dauern, als .^deal schwebte uns der dreißigjährige Stieg vor. Unsere Schwestern und kleinen Brüder waren eifrig an der Arbeit des Scharpieznpfens, und wenn hier und da das Resctvehemdchen eines noch in der Wiege zappelnden Brüderchens ober Schwesterchens sich in kurze Fädchen aufloste, so trug dies dem fleißigen Zupfer unter Umständen mehr Hiebe wie Anerkennung ein. Wie viele Millionen von Infemonskennen, Spaltpilzen und Batterien mögen damals mit der in riesigen Mengen von Kinder- und Frauenhänden fabrizierten Scharpie in die Lazarette gewandert sein, oder sollte es diese lieblichen Lebewesen damals noch nicht gegeben haben? . _
Me Mittel und Wege, Liebesgaben für unsere in y-ranktetch nicht nur kämpfenden, sondern auch hungernden und stierenden Brüder zusammenzubringen, waren sehr mannigfaltig. Wohl- tätigkeitsvorstellungen, Konzerte, Verlosungen, Jahrmartte usw. brachten Geld, auch die Skat- und Kegelgroschen, die Ertragnisse aus Wetten flössen in die „Kriegskasfen", und wo einige spendierlustige Herren beisammensaßen, wurde eine Sammlung veranstaltet, eine Wurst oder sonst etwas Eßbares erstanden, rasch eingepackt, adressiert und der damals portofreie „Soldatenbrief" war fertig. Viel gebraucht wurden die Zigarrentaschen, die bis zu b Stück der sehr begehrten Havannas faßten. Es bedurfte nur der Ausfüllung der vorgebrnckten Adreßseite und der Beförderung in den nächsten Brieftasten; sie kamen mit wenigen Ausnahmen alle an die Adresse, d. h. wenn der Adressat noch lebte. Leider deckte! manchen schon die fremde Erde, ober die Sendung erreichte ihn nach Kreuz- und Querfahrten in einem Lazarett. Aber es ist! mir 'heute noch ein Rätsel, wie eine fast täglich von einem Hotel- Stamm tisch abgesandte und mir zur Beförderung an dem Post- schalter anvertraute Zigarrendüte mit ber^ Aufschrift: „An beit dicken Müller vor Paris" in die richtige «anb gelangte. _
Auch bie rasch zustanbe gebrachte Ausstellung von eroberten Waffen und Kriegsmaterial alter Art, „Eintritt zwei Groschen, tone bet Wohltätigkeit Schranken zu setzen", brachte Geld m die Liebesgabentasse. Groß war ber Bnbraitg, als eine leibhaftige Mitrailleuse ihren Einzug in das Ausstellungslokal hielte Eine Kriegsmaschine, von ber bie Straßenjungen sangen;
Seine schonen Kugelspritzen
Konnte ihm gar nichts mehr nutzen^ Seine blanken Mitrailleusen
Sind von lauter Blech gewesen, Mae Mahon, Mae Mahon, Fritze kommt und hat ihn schon mußte jeder sehen, denn sie mar es, die neben dem Chassepoö- geweht Furcht und Schrecken verbreitete, als die ersten Geschosse über Saarbrücken niedergingen. Ein Attilleriewachtmeistet er- klärte beit staunenden Zuschauern die Einrichtung der Waffen und der Ertrag bet Schaustellung wat groß. Die Ritterlichkeit gebot, auch die täglich in Massen eintreffenben Gefangenen, die oft einen recht kläglichen Eftidtuck machten, zu bewirten. Einen ansehnlichen Beitrag zu diesen Kosten lieferte ein Gartenkonzert, das von einer gefangenen französischen Militärkapelle recht flott gespielt wurde; das Programm enthielt auch die Marseillaise und den Radetzky-Marsch; die „Wacht am Rhein" zu spielen, wurde den französischen Musikern allerdings nicht, zugemutet. Daß ber Krieg sich über den Winter und dazu noch einen recht hatten Winter hinausziehen würde, hatte man nach ber Katastrophe von Seb an nicht erwartet und ber Fall von weiteren selten Platzen, wie Straßburg unb Metz, gab ber Hoffnung Raum, baß das unglückselige Volkerringen bald zu Enbe gehen werbe. Me Hoffnung erfüllte sich nicht, ein schwerer Winterfelbzng mit ben Kämpfen um Orleans, Amiens, Belfort und vor allem um Paris fetzte ein, und in der Heimat durfte nicht gerastet werden, um den auf fremdet Erde kämpfenden Söhnen unb SBrübern beizustehen, gleichzeitig aber zu kämpfen gegen einen inneren Feind, nämlich die am Gefolge jeden Krieges auftretenbett ansteckenden Krankheiten, lobb wat es die Eholeta, 1871 die Pocken oder Blattern, bie bie W mal heimsuchten unb zahlreiche Opfer an meist Hingen Menschenleben forderten. . ,
In dieser Zeit trat das ganze Elend eines Krieges zutage; wer es erlebt hat, wird nie und nimmer einen frischen fröhlichen! Krieg wünschen, wie er sich in ber Phantasie tatendurstiger Leute malt, denn in Wirklichkeit sieht bie Sache recht traurig aus, einerlei oh man zur Nation ber Sieger ober ber Besiegten gehört. Das neue Ficht 1871 begann, ohne baß das Ende des Kampfes voraus- I ruschen wat, eingeleitete Ftiedensverhanbluiigen scheiterten, ms endlich nach der Kapitulation von Paris die Aussichten sich befter- I ten, und alle Welt, atmete auf, als endlich gegen Ende Februar


