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„Vielleicht hat sie es wirklich gut gemeint, vielleicht könnet sie nichts dafür, daß sie so klein von uns denken müssens Liebster, und wir haben doch gekämpft, so verzweifelt tapfev gekämpft, du und ich!. Was kann uns nun an den andern liegen?"
Sie öffnete den Brief und. las ; es war ein engbe- schriebener Brief, sie mußte lange lesen, und ihr Gesicht wurde ernst und traurig.
Er schrieb nicht zärtlich, er schrieb nur ernst, und dieser eine Brief sollte für ein ganzes Jahr der einzige fern, und von ihr verlangte er, daß sie während dieses Jahres versuche, so zu leben, als habe sie ihn nie gekannt. O, sre wußte, es waren wieder bange Zweifel über ihn gekommen, ob er sein Wort halten könne. Das Leben hatte ihn vielleicht schon erschreckt in diesen zwei Tagen.
Vielleicht auch erwachte er aus einem Taumel und —j
„Ach Gott, ach Gott," jammerte sie, „nein, das ist nicht der richtige Weg, Liebster, um meine Sehnsucht zu töten. Das ist hart von dir!"
Sie las den Brief noch einmal und las ihn zum dritten Mat und fing an, ihn zu verstehen, fing an, es schön und groß und gut zu finden, daß er ihr so schrieb.
„Wenn ich es nur ertragen kann! Wemi ich nur nicht darüber verzweifle!" sagte sie trostlos und schob den Brief in das Kuvert. y ,
Sie fingen nun im Hause auch darüber an zu reden, daß Frau von Hilbach am Morgen bis zehn Uhr im Bett liege. ,
„Selbst am Neujahrstag, wo sie doch die Mieten ein» zunehmen hatte, war sie nicht aus!" erzählte die Specht, und Frau Natusius sagte bescheiden:
„Ja, ich traf sie auch bei nicht em Besuch gegen einhalb elf noch im Bett."
Die Pastorin, die den Kündigungstermin am ersten Januar verpaßt hatte, ärgerte sich jetzt darüber. Wo das ganze Haus zog, wäre sie auch gern gezogen, aber es gab doch allerlei Gründe, die sie hielten.
Einmal deshalb, weil ein Umzug mit ihren großen, alten Möbeln kostspielig war, daun auch, weil sie doch manche Bequemlichkeit hier in dem alten Hause hatte, die sie sonst so leicht nicht wiederfand, und vor allem wegien des prächtigen Blicks, der sie selbst und ihre Badegäste CT^rcutc
Nun, sie wollte der Frau von Hilbach schon auf andere Weise zeigen, wie tief sie in ihrer Achtung gesunken war. Fürs erste hatte sie ja die Häuflein und die Specht, bet der sie ihre Abende verbrachte, und vielleicht würde die Wohnung der Frau Lengerich auch wieder besetzt, und sie bekam eine angenehme Flurnachbarin. Es kamen ja Mast täglich Leute, die die Wohnung besichtigten, und die Kosh redete wie ein Buch, wenn sie sie durch die Zimmer führte; sie sprach das Blaue vom Himmel herunter, sie öffnete jedes Fenster, um den schönen Blick immer wieder zu zeigen, es nutzte nichts! —
(Fortsetzung folgt.)
dem sie dreimal geklopft hatte, klinkte sie auf, ging! leise durchs Wohnzimmer und pochte nun an der halbofsenen
„Herein!" rief Frau von Hilbach noch schlaftrunken, und Frau Natusius fragte besorgt: „Fühlen Sre sich nicht wohl, Frau von Hilbach? Es ist schon zehn Uhr vor- Üb ct
'Nein ich war nicht wohl!" antwortete Frau von Hil- bach,"und Frau Natusius fetzte sich auf das Bett des kleinen ^Ttvin
Ich komme im Auftrag meiner Mutter," begann |ie, und auf ihrem Gesicht lag es wie eine leichte Ver- egen^it" ^rau tion Hilbach freundlich und hielt ihren Brief ans Herz gedrückt. „Haben Sie einen Wunsch?" „Nein, das nicht. Ich---ja, eigentlich geht das
uns ja gar nichts an, ich hab es meiner Mutter auch schon gesagt, aber Sie tvissen ja, meine Mutter hat so viel für Sie übrig, und wir alle haben Sie gern!"
„Was ist denn'?" drängte Frau von Hilbach, denn sie verspürte plötzlich eine große Ungeduld, ihren Bries zu pfsnen. „ „ , ~
„Denken Sie nicht, es sollte ein Vorwurf fern, Frau von Hilbach, im Gegenteil, nur unsere Freundschaft wollen wir Ihnen beweisen, indem wir Sie ausklären. Sie sind doch noch jung, und es war gewissenlos von dem fremden Menschen, Sie so zu kompromittieren, Frau von Hilbach. Nun ist er fort, und Sie sitzen hier und müssen es sich gefallen lassen, daß man über Sie tuschelt und das Schlimmste von Ihnen annimmt. Das ist unverantwortlich von so einem Menschen." „ „ . „
Frau von Hilbach war blerch geworden. „Haben Sie wir etwas Bestimmtes, ich meine, etwas Dringendes zu sagen, Frau Natusius?" fragte sie mit einer Stimme, rn der zwar Erregung, doch auch wieder eine große Festigkeit lag. Frau Natusius erschrak.
„Nein, nur, meine Mutter meinte, es wäre gut, wenn Sie wüßten----—"
Frau von Hilbach lächelte jetzt.
„Wenn er sich wenigstens mit Ihnen verlobt hatte, Frau von Hilbach, aber so---Die letzten Abende
haben Sie ja auch die Frau von Kasczpskowskh nicht mehr bei sich geduldet, erzählte uns die Pastorin! Nein, ich muß sagen, wie er unsere Frieda so aufopfernd behandelt hat, hab ich ihm diese Schlechtigkeit nicht zttgetraut. Die Specht meint, er hätte lang, bevor er zu Ihnen zog, gewußt, daß Sie eine alleinstehende Frau wären, und da hätte er sein Glück versucht. Er soll Ihnen ja auch nie etwas bezahlt haben —--" v ,
Frau von Hilbach hatte sich aufgierichtet. Das Entsetzen, das sie bei den ersten Worten der Natusius empfunden, war von ihr gewichen; nun lachte sie.
Das sagte diese Frau ihr, diese! O ja, in der Nacht, in Ibem bösen Traum hatte sie ja auch bei den sieben Witwen aus ihrem Hanse gestanden und hatte gelacht und mit Fingern auf sie gedeutet und andere herbeigewinkt. So also waren diese Menschen! So lange sie ihrer Güte und Teilnahme bedurften, waren sie freundlich, demütig Und klein, so wie ihre Lage aber wieder eine sichere wurde, vergaßen sie alles, wurden ihre Feinde und bewarfen sie mit Schmutz. , r
„Frau Natusius," bat ste ruhig, „warum sagen sie Mir all das?"
„Nun, ich meine, wenn man so im Gerede ist--<—/'
sie stockte.
Ach so, deshalb! Aber um das aus der Welt zu schassen, ist es ja doch schon zu spät. Haben Sie sonst noch etwas zu sagend
Frau Natusius stand auf. „Sie wissen doch, wie freundschaftlich wir Ihnen gesinnt sind, Frau von Hilbach. Eigentlich wollte ich Ihnen noch erzählen, was die Frau Specht gegen Sie vorhat. Sie sind alle so empört über diesen Menschen." *
„Reden Sie kein Wort mehr über diesen Menschen!" sagte nun Frau von Hilbach in einem Ton, den Frau Na- jusius nie zuvor von ihr gehört hatte.
„O bitte, ich will nicht lästig fallen!" entgegnete sie etwas beleidigt, und da sie nicht zum Bleiben aufgefor^ bett wurde, ging sie.
„Wie erbärmlich sie alle sind!" sagte Frau von Hil- Wch zu. ihrem Brief, den sie nun wieder in Händen hielt.
Vor vierzig Jahren.
Erinnerungs-Skizze von Hermann Elle.
Es war Mitte Juli des Jahres 1870, als ich, noch zur edlen Zunft der Lehrbuben gehörend, an einem sonnigen Morgen auf eine Gruppe Leute stieß, denen der Inhalt euicS Bettels am! Schaufenster des Wochenblattes anscheinend viel Stoff zu Meinungsaustausch gab. Trotzdem ober vielleicht deshalb, daß fest dem preußisch-österreichischen Kriege, in dem auch mein engeres Vaterland sich in der Rolle des Besiegten gefallen mußte, gerade nur vier Jahre verflossen und die Eindrücke von damals nur sehr oberflächlich verwischt waren, machte der Wortlaut des Zettels: „Frankreich hat Preußen den Krieg erklärt" verschieden en Eindruck. Em Krieg zwischen Franlrcich und Preußen konnte nach der Meinung der einen Partei nur mit der ihr io erwünschten Niederlage Preußens endigen, während die andere Partei — und sie behielt recht — die Sache so ausnahm, daß unter „Preußen" nur das ganze Deutschland gemeint fem konnte, und in diesem Falle klatschte es schon bedenklich aui ,bte roten Hosen der „Frankreicher". Ein dritte Partei erwog weniger die Ehancen des einen oder des anderen Gegners, sondern nur die eigenen, denn ein Krieg mußte Geschäfts- und Verdienstlosigkeit und was von weiteren Unannehmlichkeiten «och drum und dran hing, int Gefolge haben. Schon die nächsten Tage veninnderten die politifche und wirtschaftliche Kamiegießeret auf ein sehr geringes Maß. In Haufen strömten die Reservisten nach.bett nächstgelegenen Garnisonstädten, vielfach begleitet von Angehörigen


