Ausgabe 
4.3.1911
 
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Das Witwenhaus.

Roman von Helene von Mühlau.

(Sortfefeung.) (Nachdruck verboten.)

Zweites Kapitel.

Passen Sie mal auf, Frau von Hilbach, ich hab mir yestern während des Gottesdienstes was Hübsches für Sie ausgedacht," tröstete die Kosh am nächsten Morgen, als sie den Kaffee ins Zimmer brachte und ihre Frau wieder ziemlich bleich und mutlos fand.

In einem Jahr will er wiederkommen, hat er gesagt, und er kommt auch, darauf können Sie sich verlassen. Ich sehe alles voraus und weist immer genau vorher, was ge­schehen wird. Und. unser Doktor kommt wieder, darauf nehm ich Gift, aber damit Ihnen die Zeit kürzer wird, hab ich mir das ausgedacht: Sie nehmen einen Brief­bogen und darauf schreiben Sie Zahlen, von dreihundert- fünfundsechzia angefangen bis herunter zu eins, und das machen Sie über Ihr Bett fest, und jeden Morgen, wenn Sie aufwachen, streichen Sie eine Zahl aus, dann wissen Sie immer .gleich, wieviel Dage Sie noch warten müssen und haben auf die Weise jeden Dag. eine kleine Freude, denn das macht Spast, wenn man jeden Morgen denkt:

ist wieder ein Tag vorbei!" Ich weiß das aus Er­fahrung. Wenn ich verlobt war und sehnte mich, um bald wieder in feste Verhältnisse zu kommen, und mußte ein paar Wochen oder Monate darauf warten, dann hab ich das auch getan und hab viel Freude dabei gehabt."

Kosh," antwortete Frau von Hilbach,liebe Kosh- Hören Sie mich einmal an. Kommen Sie, setzen Sie sich hier an mein Bett. Sie meinen es ja so gut mit mir, das weiß ich, aber sehen Sie, ich kann es nicht anhören, wenn Sie immer von ihm reden, ich kann es nicht, Kosh, und wenn Sie mir ein bißchen gut sind, dann sprechen Sie gar »licht mehr von ihm, bitte, liebe Kosh!"

Sie gab der alten Gemüsefrau die Hand und sah sie fast flehend an.

Nicht wahr, das können Sie gar nicht verstehen, Kosh, baß ich Sie darum bitte?" fuhr sie lächelnd fort, als sie in der Alten verblüfftes Gesicht sah.

Rn eigentlich nicht, offengestanden, Frau von Hilbach. Menn ich, oerlpbt !var, dann sprach ich von nichts lieber als von ihm, aber, natürlich, wenn .Sie nicht wollen, zu­dringlich bin ich nicht!"

In Frau von Hilbachs Augen traten Dränen.

-Menn ich es Ihnen doch erklären könnte, Kosh! Wer für so etwas gibt es keine Worte. Ich hab heut nacht auch wieder einen schlimmen Traum gehabt, ich kann an kein Mück mehr glauben,"

Sie hatte geträumt, daß man ihr das Witwenhaus weßnahrn; es war so gewesen: sie hätte auf einem großen, treten Matz gestanden- ganz Mein in der Mtte, und. nm

sie herum im Kreis Menschen, lauter Menschen, die fie kannte, all die Witwen aus ihrem Haus und die Nach­barn, und einer winkte den andern herbei. Sie waren vom Gradierwerk heruntergekommen, über die Brücke waren sie von drüben herbeigeeilt, um das Schauspiel zu sehen, wie ihr das Haus genommen wurde. In ihren Gesichtern lag es wie Hohn und Schadenfreude, und sie hatten mit Fingern auf sie gedeutet.

Im Hintergrund hatte das Witwenhäus gestanden, grau und lang und traurig, ober Ivie sie näher hinsah, war es gar kein Haus. Es war wieder ein Mensch, ein ganz gebrochener Mensch, der nicht weinen und klagen kann, der sich stumm und verzweifelt in sein Schicksal ergibt, und diese Verzweiflung des armen Hauses, das fühlen und leiden konnte, hatte ihr so bitter weh getan. Sie hatte auf» schreien müssen, hatte auf das Haus zulaufen müssen mit ausgebreiteten Armen, und um sie herum war ein Kichern und Lachen entstanden, denn das Haus war wieder tot und kalt und gleichgültig geworden, und sie war darüber erwacht und hatte keinen Schlaf mehr finden können.

Frau von Hilbach hatte die Augen geschlossen, wäh­rend die Kosh im Zimmer wirtschaftete, aber sie schlief nicht; sie dachte über ihren schlimmen Traum nach und über das Entsetzen, das sie empfunden in dem Augenblick, da sie gewahrte, haß ihr Haus aus Stein war, daß es ihm gleichgültig war, ob es ihr öder einem andern gehörte. Auch das höhnische Lachen all der Menschen, die sie um­standen hatten, tat ihr noch weh. Es war gar nicht toi|e ein Traum gewesen, das war so lebendig und wirklich und laut gewesen, und die tödliche Augst vibrierte noch so sehr in ihr, daß sie die Augen öffnen mußte, um sich zu überzeugen, daß sie hier in ihrem Meinen, halbdunklen Schlafzimmerchen lag.

Ihr kleiner Junge, der mit der Kosh nach Naumburg wollte, kam in Mäntelchen und Pelzmütze an ihr Wett und hielt einen Brief in der Hand:

Da, Mütterchen, von Langmami, aber ich muß schnell fort, die Kosh wartet schon auf mich, adieu."

Sie konnte gar nicht wiederadieu" sagen; ihre Hand, die den Brief hielt, zitterte heftig. Sie konnte ihn "nicht öffnen, sie küßte das Kuvert, und drückte es an ihre Brust.

Du schreibst mir, du!" jubelte sie und befühlte den Brief und preßte ihn wieder an die Lippen. Sie war gar nicht neugierig, sie wollte gar nicht wissen, was er ihr schrieb. Sie fühlte ihn so übermächtig in diesem Augen­blick, er erfüllte das ganze Zimmerchen, er hielt sie in seinen Armen, und der brausende Choral erklang wieder und dazwischen seine Worte:Ich komme, Weibelchen, j,n einem Jahr komme ich wieder!" Den Brief ans Herz ge­drückt, schloß sie die Augen, und weil es dunkel und füll im Zimmer war und weil der uneröffnete Brief die ganz« große Spannung, die auf ihr gelegen, von ihr genommen^ schlief fie ein und wachte erst auf, als fie an der Tür deq Schlafzimmers Köpfen hörte. W war Fran Ratusius.