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Erinnerungen.
Von Pfarrer Werner- Niddä.
Ter in den „Familienblättern" enthaltene Artikel: „Dohr- Wuschen, Alleechen ufro." ruft bei mir die Erinnerung an ein Vorkommnis wach, welches jedenfalls merkwürdig ist. In fraglichem Artikel ist die Rede von der Ermordung eines jungen Menschen (es war ein Schreinerlehrling) durch einen Alanen Namens H., der aber nicht aus Watzenborn, sondern aus Garbenteich war. Ter junge Mensch war am 1. Pfingsttag 1865 von Gießen weggegangen, um seinen Schwager in Birklar zu besuchen und dann zu seiner Mutter zu gehen, in einem anderen! in der Nähe gelegenen Dorfe. Der Name ist mir entfallen. Bim 3. Pfingsttag ging ich mit meiner Braut, einer Gießnerin, nach dem Wald spazieren, es war ein wunderbar schöner Morgen, als am Waldrand eine Frau auftauchte, welche mit ihren Händen an den Kopf schlug und jämmerlich weinte, geradezu wimmerte. Ich ging auf sie zu und fragte sie nach der Ursache ihres Schmerzes. Da rief sie ein über das andere Mal: „Mein Kind, mein armes Kind;. seit Sonntag steht es vor mir in seinem blutigen Gewand Nnd ruft: „Mutter hilf, Mutter hilf." Ich tröstete die Frau, Nachdem ich von ihr erfahren hatte, daß ihr Sohn nicht heim gekommen sei und sie noch nicht wisse, wo er sei, so gut ich konnte. Ta, am Nachmittag durcheilte die Nachricht die Stadt: Am Lumpenmannsbrunnen, oben an der Straße nach Lich, ist die schrecklich zugerichtete Leiche eines jungen Menschen gefunden worden. Eine Frau, welche verbotenerweise Gras schneiden wollte» war, als sie Leute des Weges kommen sah, etwas zurückgetreten in den_ Wald und war auf die Leiche gestoßen. Der Schädel war mit schweren Straßenfl einen zerschmettert und die Leiche an den Beinen in das Gebüsch geschleift worden. An den Bäumen, an welchen der Mörder den Jungen vorbeigeschleift hatte, war die Rinde abgekratzt; der Junge hatte sich in seinem Todeskampf daran geklammert. Seine geringe Barschaft war weg. Ich war in bezug auf Ahnungen und sogenanntes „Anzeigen" fern weilender Menschen immer sehr zweiflerisch gewesen. Dieses Erlebnis gab mir aber doch zu denken.
Die Mordtat erregte damals in Gießen nicht bloß Aufsehen, sondern geradezu Augst und Schrecken. Man wagte sich nicht mehr in den Wald. Eine Menge Handwerksburschen wurden eingesteckt, aber alsbald- wieder sreigelassen. Polizeirat Nover streifte selbst mit seinen Bediensteten im Wald umher, er scheinbar Reisender, um die Räuber anzulocken, die Gendarmen hinter ihm int Versteck, doch vergebens. Da führte der Mörder durch eigenes Ungeschick die Behörde auf seine Spur. Es wurden nämlich- Marktweiber von einem Kerl mit geschwärztem Gesicht in die Flucht gejagt. Dieses ließ vermuten, daß hier ein Mensch aus der Nachbarschaft die Hand- im Spiele habe, der der Polizei das Bestehen einer Räuberbande vortäuschen wollte. Ferner siel es der Behörde nachträglich auf, daß eben der -oben genannte H. sich soviel bei dem Transport der Leiche zu schaffen machte, daß er sogar zur gerichtlichen Obduktion sich drängte, dem Toten die zusammengeballte Faust aufbrach, und sagte: „Er ist ein Schreiner, man siebt es an der Schwiele, bte der Hobel macht," Ein Mann, bas war mein Schwiegervater, der als Beamter viel ihn Kreis Gießen herumkam, sprach in seiner Familie den ersten Verdacht aus, ohne ihn sonst laut werden zu lassen. Als er einst mit den Seinen spazieren ging, sagte er zu seiner Frau: „Betrachte dir einmal den H„ der daher kommt; wenn es' einer aus der Gegend getan haben kann, so ist es der H." Bald darauf wurde H. verhaftet, mußte aber wieder freigelassen werden, weil er nahezu fein „Alibi" nachzuweisen vermochte. Mau konnte die Stunde des Mordes nicht nachweisen, tz. war allerdings morgens weggewesen, gegen Mittag aber wieder zu Hause gewesen. Er hatte, wie sich später herausstellte, den Weg von der Mordstelle nach seinem HeÄnatsort rasend schnell zurückgelegt, um zu Hause sein zu können. Sein eigenes Kind gab. schließlich Zeugnis gegen ihn Bei der Schwurgerichtsverhandlung, welche damals in Ermangelung eines Justizgebäudes im Hotel Prinz Carl am Seltersweg gehalten wurde, war ein wahrer Mjenschenauflauf vor dem Hotel, und die Polizei konnte den Mörder kaum vor der Volkswut schützen. Die Menschheit war damals überhaupt noch nicht so abgestumpft in ihrem Fühlen, wie heute. Wenn ich noch an jene Zeit denke, an die Aufregung der Bevölkerung und damit vergleiche, wie heute so ein einzelner Mord vielen garnichts besonderes mehr ist, wie da gleich zwei vder drei ihr Leben lassen müssen, ja wie so mancher die Zeitung weglegt, wenn nichts Schauerliches zu verzeichnen ist, mit den Worten: „Nun, heute steht aber auch gar nichts drin" — so empfinde ich recht den Unterschied von damals und jetzt.
Im Jahre 1868, als ich Pfarrvikar in Griedel war und den Siniiern des Direktors der Strafanstalt Marienschloß, Oberst- teutnant Knispel, Privatunterricht erteilte, ging ich manchmal mit dem Direktor in die Männeräbteilung und- sah dann die berühmten Verbrechergrößen, den Kammerdiener Stauf, der 1846 bte Gräfin Görlitz in Darmstadt erschlagen hatte, den Hofbuch- drucker Jakobi aus Darmstadt, der feine Frau vergiftet halte — darum Hofgiftmischer genannt — und auch den H. Groß- herzog Ludwig• III. unterzeichnete fein Todesurteil, er begnadigte iM Lebenslänglicher Saft, Uebrigens hatte mein öfterer Besuch
des Zuchthauses später für mich einmal ein unangenehmes Mißverständnis zur Folge. Als Pfarrer zu Udenheim in Rheinhessen unterrichtete ich meine Kinder selbst und erzählte ihnen auch manchmal von den bösen Menschen, die sich an Leib und Leben ihrer Mitmenschen vergreifen, und wie ich solche Mörder schon! im Zuchthaus gesehen habe. Ta kommt eines Tages mein Nachbar, ein gemütlicher Rheinhesse, Philipp-Peter mit Vornamen, zuj mir und sagt: „Herr Parrer, ihr Kinn (Kinder) mache do e Geschwätz im Torf, das ist net scheen; sie sage: „Unser Vatter; ist schon im Zuchthaus gewese." Wisse se, ich glab’Si jo net; am er es sinn immer so Seit, die könnt en's doch glabe. Erkläre se mir emol die Sach!" Ich stutzte erst, nachher lachte ich herzlich und erklärte es dem Nachbar. Nun meinte er aber: „Herr Nachher, do druf misse in er eine trinke." Gesagt, getan.
Um mit etwas Heiterem zu schließen, folge noch ein „Stickelche" vom Nachbar Philipp-Peter. Er hatte eines Tages geschlachtet — und das nicht leicht; war er doch selbst ein Mann iv-on mehreren Zentnern. Natürlich mußte die Pfarrersfamilie dabei sein, nicht bloß bei der „Metzelsupp", sondern auch bei Feststellung des Gewichts der Schweine. War letzteres vorbei, so wurden die Gäste auch gewogen. Auch meine Frau, ich selbst und die Kinder mußten heran. Als er mein Gewicht ablas, brummte er etwas vor sich hin, konstatierte aber, daß ich erliche 10 Pfund mehr wiege, als meine Frau. Kurz darauf blinkt er mit den Augen und nimmt mich mit in den Vorkeller uuds sagt: „Herr Parre, das ist anerscht (anders), die Fra Parrckr wiegt 10 Pfund mehr als Sie." „Nun", frage ich, „warum! haben Sie denn das so geheim gehalten?" „Ei wos", führt er heraus, die Fra Parrer ist schwerer als ihr Mann! Wenn das in der Geman (Gemeinde) laut werd, do mißte se sich jo schäme vor der ganze Geman." Sang, lang ist's her. Der gute Philipp- Peter ist schon laug tot; ich habe selten einen gutherzigeren Menschen kennen gelernt. Der Tod seiner Frau ist mir vor drei Wochen mitgeteilt worden; aber oft denke ich noch der mit jenen echten Naturmenschen verlebten Stunden,
wie beim Ainde die Sprache entsteht.')
Wenn ich aber nun weiter erzählen will von den späteren Rundgängen, bann muß ich vom Sprechen erzählen. Da habe ich wieder gesehen, wie furchtbar schwer es ist, zu bemerken, wenn das Kind zuerst spricht. Eigentlich ist es ganz und gar unmöglich. Man weiß in den ersten Monaten wirklich nie ganz genau, ob das Kind wirklich gesprochen hat und was es gesprochen hat. Das heißt, die Saute hört man ja. Helga sagte wie alle Kinder zuerst „ma ma" itnb „pa pa", aber was die Samte bedeuten sollten, darüber waren wir lange im Streit. Da denken nun die meisten Menschen immer, das wäre doch ganz einfach „ma ma" wäre eben „Mama" und „pa pa" wäre eben „Papa", und wenn sie das sagte, dann meinte sie es auch. Und wenn sie zum Beispiel morgens in ihrem Beuchen lag und wach war und ich kam rein und holte, sie raus, dann rief sie sehr lebhaft „pa pa, pa pa", und da meinten bann einige, das wäre doch ganz klar, daß sie damit mich meinte. Aber genau dasselbe sagte sie auch, wenn ein anderer sie raus holte! Da meinten nun wieder einige, sie wollte lagen: „Gewöhnlich holt mich der Papa raus, wo ist denn der Papa?" Aber ich glaube nicht, daß das so ist. Ich habe dabei und bei einigen anderen Gelegenheiten ganz deutlich gemerkt, daß fte mit „pa pa" das meinte, was wir etwa so sagen würden: „Mir ist meine augenblickliche Sage ungemütlich, ich möchte gern eine Veränderung meiner Sage haben, ich möchte gerne rausgetragen werden, ich möchte gerne ausgenommen werden," oder wie! es int Augenblicke war. Daß sie dabei öfter an mich gedacht hat, ist sehr wohl mögliche, denn wenn ich es irgend mit meiner Zeit machen foimte, bann holte ich sie immer aus ihrem Wett heraus, sobald sie sich hören ließ, und so kann es ganz gut fein, daß der Saut „pa pa" alles Beides bedeutet hat, daß sie mich gemeint hat, aber auch gemeint hat, sie möchte gerne hochgenommen und irgendwo anders- hingebracht werden und daß ihr dabei auch vorgeschwebt hat, daß ich sie häufig hochnahm. Denn als sie Ende November ober Anfang Dezember, wo wir alle die Influenza hatten, als sie da eine Zeit lang krank war und nirgends anders sein mochte, als bei der Mama, da hieß es auf einmal! immer „ma ma", wenn sie irgendwo weggebracht fein wollte oder! sonst irgend eine Veränderung wünschte.
UebrigenS sind das jetzt alles längst vergangene Zeiten. Jetzt weiß sie ganz genau, wer Mama und wer Papa ist.
Aber nun kommt eine andere Geschichte. Die läßt sich gar nicht genau aufschreiben, weils für die Laute, die da brinn vor- kommen, gar keine Buchstaben gibt. Denn wenn man druckens lassen wollte „i", bann würbe ein ganz anderer Saut herauskommen. Ihr habt vielleicht einmal ein Ferkel recht laut quieken
*) Wir entnehmen diesen Aufsatz den Aushängebögen des dem!«! nächst erscheinenden Buches „Bon der Helga. Ein Buch für junge Eheleute und für Kinderfreunde." Von Berthold Otto. Verlag des Hauslehrers, Groß-Sichterfelde. Der bekannte Herausgeber des „Hauslehrers", der in der ersten Reihe der Sehul- reformer steht, lehrt darin, wie man das Seelenleben der Kinder mitfühlend nnd mitdenkend miterleben kann.


