Ausgabe 
4.1.1911
 
Einzelbild herunterladen

6

Nchiffe sind wir, die ans Bem ruhigen Hafen ms offene Meer getrieben werden; so armselige Schiffe, die ein Sptel- zeug des Windes, der Wogen und des Sturmes sind und die froh sein müssen, wenn sie zum Schluß noch einen kleinen Hafen finden. Glauben Sie denn, liebe Fran von Htl- bach, ich hätte mir träumen lassen, daß ich einmal so da­stände, tote ich's jetzt tue? Um Groschen arbeiten?? Denken Sie, Frau von Hilbach, das muß ich tun die Gräfin Wehringen zum Leuchtenberg unmittelbare Reichsgrasm Sie können es im Gothaer Almanach nachschtagen . und da Frau von Hilbach geduldig war an diesem Abend und alles über sich ergehen ließ, hörte sie wohl zum hun­dertsten Male die Erzählung des ehemaligen Grafenklndes, das aus Liebe zu einem simplen Hauslehrer Schloß und Mafentitel gelassen hatte, das die Stärke besessen, entern harten Vater zu trotzen und dann nach Jahren als etnsache, bürgerliche Pfarrerswitwe mit drei Kindern und einer winzigen Pension dagestanden und sich vergebens an den alten Grafen um Wiederaufnahnle ins Schloß gewandt hatte.

Vor zwei Jahren erst toar der starrköp ige, harte Vater in geistiger Umnachtung gestorben, hatte Schloß und Güter den Staaten Gotha, Weimar und Eisenach vermacht tind der abtrünnigen Tochter nur das Pflichtteil zukommen lassen.

Aus dies Pflichtteil aber hatte die Pastorin Melzing verzichtet; sie wollte ihr volles Recht; sie wollte mit ihren drei Söhnen, die sie auf Gütern die Landwirtschaft stu­dieren ließ, eines Tages als Herrin in Wehrungen An­ziehen, und obschon die sortwährenden Prozesse sie in sinan- zielle Schwierigkeiten brachten, gab sie die Hoffnung auf den Sieg nicht auf, und diese Hoffnung gab ihr eine un­glaublich zähe Stärke und Spannkraft.

Fran von Hilbach, die der Pastorin Geschichte längst auswendig wußte, hörte sie gern immer und immer wieder; sie teilte treulich das Zagen und Hoffen der kleinen, alten ßrctu aber heute abend sagte sie nichts, heute wollte He schwarz sehen, und es kam ihr erbärmlich vor, daß die Wastorin so sehr nach dem Besitz äußerer Güter strebte.

Wenn ich aber erst wieder auf Wehringen wohne, dann kommen Sie zu mir, liebe Frau voit Hilbach!" sagte die Pastorin zum Schluß, denn sie hatte das Gefühl, daß sie etwas Liebes sagen mühte, aber Frau von Hilbach blieb stumm.

Ach, gnädigste Frau Gräfin," sagte dafür ettte an­dere Stimme.Geben Sie doch man endlich die Hoff­nung auf! Ich an Ihrer Stelle nähme, was ich kriegen könnte, und ließe das alte Schloß Schloß sein!"

Die Kosh war ins Zimmer getreten und machte sich am jOsen zu schaffen.

Die Pastorin fah ärgerlich auf und ttahnt eine hoch- iniltige Miene an.

Ich muh doch sehr bitten, Frau von Kosczyskowsky!" Die Kosh lachte und meinte:

Da tragen Sie nun all Ihr schönes Geld an Ihre Ndvokgten in Naumburg und Eisenach, und darüber ver­gessen Sie, daß Milch und Eier vom halben Sommer itoch zu bezahlen sind!"

Die Pastorin war aufgestanden.

Ich muß doch sehr bitten, Frau von Kosczyskowsky!" Wiederholte sie.

O Kosy!" sagte nun auch Frau von Hilbach leise, Uber im Ton des Vorwurfs.

Aber die Kosy ließ sich nicht aus der Fassung bringen.

Nichts für ungut, Frau Pastern," sagte sieIch er­laubte mir nur, Ihnen mal einen guten Rat zu geben. Sehen Sie die Brötchen von den letzten zwei Monaten sind auch noch nicht bezahlt, und Sic wissen doch, wie bis Leute hier über so was reden!"

Die Pastorin war blaß geworden.

Sie bedienen sich da eines Tones gegen mich, Frau Kosezyskowsky, der sich sür eine Person Ihres Standes ptir gegenüber nicht schickt. Ich habe an anderes als an solch kleinliche Dinge zu denken, und wenn Sie mir Ihre quittierte Rechnung geschickt hätten---"

Js schon gut, Frau Gräfin!" sagte die Kosy gelassen. ^Jch hab's nicht schlimm gemeint. Milch und Eier können Sie bezahlen, wann es Ihnen beliebt, aber-wenn Sie meiner kle.inen Gnädigen den Kopf warm machen, daß sie Wie eine Unsinnige weint, das kann ich nicht gut mit an» Iehen. Was die Frau von Hilbach ist, die hat genug auf hren zwei Schultern zu tragen, der brauchen nicht andere Usch ihren Kram aufzupacken!"

Sie hätte das schlafende Kind Ms' Frau von Hilbachs Armen genommen, hielt es an ihrer mächtigen Brust und ging mit ihm im Zimmer hin und her. Dabei warf sie der bleichgewordenen Pastorin herausfordernde Blicke zu.

Daß Sie dieser Person solche Macht über sich ein- räumen, Frau von 'Hilbach," sagte sie endlich,das verstehe ich nicht!"

Frau von Hilbach weinte nicht mehr.

Die Kosy ist gut, Frau Pastor!" sagte sie.Sie Wilk auch Sie nicht kränken. Nicht wahr, Kosyi Sie konnten sich nur nicht recht ausdrücken?"

I bewahre," sagte die Kcsy.Schlecht hab ich's nicht gemeint. Aber wenn die Frau Gräfin man wüßten, was man im Ort über sch spricht-----",

Die Pastorin zitterte. Sie suchte eifrig in ihren Taschen und meinte aufgeregt: '

Natürlich werde ich Sie sofort bezahlen! Ich muß aber gestehen, daß ich äußerst befremdet bin!"

Die Kosy saß in einer Ecke und begann das Kind zu entkleiden.

Machen Sie sich keine Mühe," sagte sie zu der noch immer in ihren Taschen suchenden Pastorin.Um das Geld ist's mir nicht zu tun nur meine Frau hier sollen Sie mir nicht tmnötig traurig machen!"

Aber, Kosy!" entgegnete Frau von Hilbach,wie können Sie ihr so nnrecht tun? Ich war traurig, bevor sie kam, und sie wollte mich trösten und band mir sogar ein Tuch um den Kopf, weil ich Schmerzen hatte."

O," schrie die Pastorin plötzlich freudig.Ich wußte doch, daß ich das Geld in der Tasche hatte!" itnd ehe sich Frau von Hilbach versah, hatte sie ihr das Tuch vom Kopfe gezogen, begann eifrig einen Knoten aufzuchsen und brachte drei Goldstücke zum Vorschein.

Ich bitte!" sagte sie herablassend zur Kosy., Achtzehn Mark fünfzig Pfennige, Frau Gräfin!" Nun wurde die Pastorin toteber bleich, aber sie biß, sich aus die Lippen und schob ein Zwanzig-Markstück hin. Die Kosy gab heraus und dankte.

Nun, Fran von Hilbach-ich wünsche- gute Besse­rung!" sagte die Pastorin ein wenig frostig und schickte sich znnt Gehen an, aber Fran von Hilbach hielt sie fest.

Nein, so dürfen Sie nicht gehen, Frau Pastor- bitte nicht. Die Kosy hat's nicht schlimm gemeint, und ich jväre so traurig, toenn Sie sich gekränkt fühlten!"

Die Pastorin zauderte einen Augenblick; sie dachte daran, daß sie der Kosy ihre gute Badevermietung vom Sommer zu verdanken hatte und daß ihr dies dicke, derbe Weib so manches Mal schon aus der Verlegenheit ge­holfen hatte. . c,

Ein wenig unsicher sah sie nach der Ecke, m der die Kosy mit dem Kind saß. Sie hielt den kleinen Jungen, der nur noch sein Hemdchen an hatte, mit beiden Armen in die Höhe und ließ ihn mit Armen und Beinen strampeln.

Bleiben Sie man unten bei meiner Gnädigen, Frau Gräfin!" sagte sie gutmütig,oder holen Sie erst noch schnell Ihre Fettbückünge, die Sie sich heute mittag beim Kaufmann gekauft haben, herunter. Tee können Sie hter mittrinken; ich bring nur noch das Jungchen zu Bett, dann deck ich den Tisch!"

I Die Pastorin schwankte.Ich wurde nicht amtehmen," entschuldigte sie sich zögernd,ich habe jedoch in der Tat keinen Spiritus int Hanse, um mir selbst Tee zu kochen; aber stören möchte ich nicht gern!" e

Sie stören gewiß nicht, Frau Pastor!" sagte Fran von Hilbach herzlich.Holen Sie nur Ihre Bücklinge.^

Die Kosy hatte den kleinen Jungen seiner Mutter auH den Schoß gesetzt.

Geben Sie nur den Schlüssel her, Frau Gräfin," sagte sie.Ich hole alles: Bücklinge, Brot und Butter. Oder haben Sie sonst noch was?"

Nein, Frau von Kosczyskowsky; nur meine Baldrian­tropfen bitt ich mir ans, sie stehen auf dem Nähtisch auf einem Roman der Gräsin Hahn-Hahn!"

Ach, Fran Pastern, von der Gräsin Hahn-Hahn sagen Sie? Dieselbe, von der Sie uns voriges Jahr im Wtntep vorlasen? Wie wär's denn?---"

O ja, ja," sagte Frau von Hilbach froh.Sie kommen wieder jeden Abend und lesen uns vor, Frau Pastor? bitte bitte!"

| (Fortsetzung folgt.)