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Das Witwenhaus.

Roman von Helene von Mühlau.

ßortfeyung.) (Nachdruck verboten.)

Ueber Frau von Hilbachs Gesicht slog ein Lächeln, aber es war ein trauriges Lächeln. Sie sah die Pastorin ort. Die hatte ein kleines, spitzes, seingeschnittenes Ge­sicht, von grauen, hochfrisierten Haaren eingerahmt wie man es aus Ahnenbildern sieht, und diese kleine, zierliche Pastorin, die sich da so herzlich über ihre Berliner Som­mergäste freuen konnte, war in der Tat einstmals ein Grafenkind gewesen.

Frau von Hilbach seuszte.

Mütterchen, "sagte dev kleine Junge,mir tut der Kops weh."

Sie nahm ihn auf den Schoß und drückte sein heißes Köpfchen an ihre Brust.

Warum sind Sie so still heut, Kindchen!" fragte die Pastorin nach einer Weile und nahm Frau von Hilbachs Hai in die ihre.

Ich bin nicht wohl; ich konnte zwei Nächte nicht schlafen!" erklärte die junge Frau und sank noch tiefer in sich selbst zusammen.

Aber, Kindchen, warum sagten Sie mir das denn nicht? Sie wissen doch, ich hab ein Mittelchen das wirkt so sicher. Sie zählen bis fünf und sind schon im Schlaf. Aber warten Sie ich hole es gleich herunter!"

Nein, ach nein!" sagte Frau von Hilbach und hielt die Pastorin zurück.Das hilft mir nicht, und ich will ja auch nicht schlafen!"

Aber die Pastorin hatte sich schon losgemacht, war ganz schnell zum Zimmer hinausgeschlüpft und lief die Treppet» hinaus wie eine Siebzehnjährige. . . .

Das Fenerchen im eisernen Ofen knisterte leise; das Kindchen war aus seiner Mutter Schoß eingeschlafen, es war fast dunkel im Zimmer geworden. Die Pastorin kam mit zwei kleinen Fläschchen zurück.

So, mein Herz hier von der braunen Flüssigkeit nehmen Sie zehn Tropsen und von der, weißen fünfzehn und dann nichts mehr denken, einfach die Decke über die Ohren ziehen, die Augen zumachen und fünfmal sagen: Ich will schlafen!" dann ist alles gut!"

Sie stellte die Fläschchen auf den Tisch, wollte den kleinen Jungen streicheln und sah, daß in Frau von Hil­bachs Augen Tränen standen.

Aber, Kindchen Kindchen!"

Ach, lassen Sie, Frau Pastor!" sagte die junge Frau; aber sie konnte die Träiren nicht länger zurückhalten; sie mußte weinen.

In der Pastorin Kleidern saß ein sonderbarer Duft, Und auch die beiden Fläschchen strömten einen weichen Und doch scharfen Geruch aus wie Moder, wie etwas,

was einstmals schön und glänzend gewesen und nun der« fallen war, und Frau von Hilbach wußte,, daß dieser Duft die Vergangenhert war und daß alles in diesem Haus« der Vergangenheit angehörte. Fast all diese sieben ein­samen Weiblein, die in ihrem Hause vegetierten, zehrten von der Vergangenheit und hatten nicht viel ander« Wünsche für die Zukunft, als den, ihr armseliges Leben ohnt allzu große Sorgen und Entbehrungen noch möglichst lang« weiterjristen zu können. Sie alle hatten sich ergeben, waren kleinlich, klein und still geworden nur sie nicht. Und die da vor ihr saß im abgetragenen, schwarzen Kleid, die kleine Pastorin mit dem aristokratischen Gesicht, bi« war auch durch ein Leben voll Widerwärtigkeiten und Stür­men gegangen, sie hatte sich beugen und biegen lassen und lachte heute trotz allem, wenn es etwas zu lachen gab, und eine gute Vermietung an Berliner Sommergäst« konnte sie mit aufrichtigem Glück erfüllen.

Wenn aber Frau von Hilbach so viel Demut und Er­gebung um sich herum sah, dann erfaßte sie ein Widerwillen: ein heißer, brennender Trotz stieg in ihr auf, und sie fand es erbärmlich und unwürdig, ein Leben, das kein Leben mehr war, so still und ergeben weiterznführen.

Es tat ihr auch weh, wie jetzt der Pastorin schmale, aber verarbeitete Händchen über ihr Haar fuhren. Sie beugte den Kopf tief zu ihrem Kind hinab, und weil bi« Tränen mit Gewalt aus ihren Augen strömten unb ihre Brust vor Schmerz zerspringen wollte, unterbrach, sie der Pastorin Redestrom und wies allen Trost Von sich, weil ihr Leben ja doch einmal ein verfehltes sei.

Aber die Pastorin ließ nicht nach mit Gegenbeweisen.

Verfehlt, Kindchen? Mit fünfundzwanzig Jahren ver­fehlt? Nein o nein! Da fängt es ja erst an! Sehen Sie, ich bin eine alte Frau und habe mehr erlebt als Sie ja, als zehn andere Frauen zusammen, und c3 muß doch auch gehen. Man darf nur die Hoffnung nicht verlieren; die Hoffnung allein hält aufrecht. Sehen Sie, Herzchen, wenn ich nicht immer wieder mich an die eine Hostnung klammerte, daß die Gerechtigkeit siegen muß, daß ich eines Tages meinen Prozeß gewinne und auf Weh­ringen einziehe, dann, ja dann wär's allerdings unertrüg- lich, aber so. Sehen Sie: hoffen, immer hoffen!"

Frau von Hilbach aber weinte immer bitterlicher. Es tat ihr wohl, daß sie so weinet: konnte; sie fühlte wie ihr das Herz leichter wurde.

Der Pastorin leise, eindringlich gesprochene Reden ver­nahm sie nur wie ein angenehmes Geräusch, so etwa wie den Herbstregen, der jetzt gegen die Fensterscheiben schlug.

Nach einer Weile zog Frau Melzing ihr Taschentüchlein aus der Tasche, goß Wasser darauf und band es um bie heiße Stirn der weinenden Frau. _

Sie machen sich ja krank!" sagte sie herzlich,und das Weinen nutzt ja auch nichts. Gott, wieviel Tränen hab ich vergossen in meiner Jugend! Jetzt weine ich nicht mehr. Was sind wir armen Menschen denn überhaupt?