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Mn letzten Male zu ihm komme. Mcht eWa', itm Ever- stedts Wunsch zu erfüllen — o nein! Es paßt mir selber Nicht mehr. Ich will unnötigem Klatsch aus dem Mege gehen." *
„Recht so. Daß das Bild nicht ausgestellt wird, dafür lassen Sie mich sorgen." T
Seine Hand glitt über ihre erhitzten Wangen. Er strcch die blonden Härchen zurück, die sich vor ihrem kleinen Ohre Lauschten, und fuhr zärtlich über ihre Augen, als wollte er fühlen, ob sie noch Tränen trugen.
„Alles Gute, liebes Kind," sagte er, „und Gottes
Segen."
Wieder nahm er, wie vorhin, ihren Kops in seine Hände und küßte sie. Aber er rüßte sie auf den Mund.
Sie ließ es ruhig geschehen. Es war kein Kuß, der sie schreckte, und feiner, der ihr Herz traf. Aus trotzigem Widerstand wurde weiche Stimmung. Ein großes Dankbar- keitsempfindeu durchströmte sie, und da neigte sie sich und drückte ihre Lippen auf seine Hand. Er zog sie rasch zurück, und dabei verlor sich die Farbe auf seinem Gesicht, und er schloß die Augen, als blende ihn plötzlich das Sonnenlicht, das in zwei schmalen Streifen durch die Fenster fiel.
Als er die Augen wieder öffnete, war Traute fort. Moebius sah sich um. Ja, sie war fort. Auch die Sonne. Weißes Gewölk strich über den Himmel. Ein bleifarbiger Ton ging von dem Wandgrau oberhalb der Täfelung aus. In einer Ecke hing an unsichtbarem Faden eine dicke Spinne. Es sah aus, als schwebe sie bewegungslos jn der Luft.
Möbius starrte auf die Spinne. Er sagte fich: Der Kirchendiener sollte besser auf Reinigung achten. Und dann wieder: Es ist eine Kreuzspinne; wie fein ist die Zeichnung auf ihrem Rücken! Und dann wieder: Ich muß Bindemann sagen, daß neue Hostien bestellt werden.
So gingen seine Gedanken hin und her. Doch die Besinnung kam zurück. Er setzte sich; er war müde, morgen und Zweifel türmten sich auf. eie griffen ost in ihn ein und tief. Aber nie hatte er sich zu Boden werfen lassen und nie die Hoffnung verloren, sich doch noch einmal aus alleu schweren Kümmernissen in die reinere Welt des Glaubens flüchten zu können. Er predigte mit Begeisterung seine Lehre: daß wir aus dem Innern über die traditionellen Borstellungen des Glaubens hinwegkommen und uns eine Religion des Gefühls schaffen müßten, die uns gegen Angriffe und Zweifel feit. Und gerade zu Zeiten, da er am lebhaftesten den Gegensatz zwischen Kopf und Herz verfocht und für einen Glauben jenseit aller Erfahrung und Forschung eintrat, spürte er zuweilen schmerzlich, wie dieses Gefühl widersprach, das für ihn doch die Quelle der Wahrheit sein sollte.
Als es ihn zum ersten Male belogen hatte, war er noch jung gewesen. Aber der Mann litt schwer unter jener Lüge.
Er stand seufzend auf und legte seinen Talar ab. Das war in diesem Augenblick wie eine symbolische Handlung.
Traute war nach Hause gegangen. Sie hatte ihren Schritt beschleunigt, um noch rechtzeitig zuur Essen zu kommen, und traf auch ein, als Emma die Suppe auf den Tisch setzte.
Die Kinder stießen bei ihrem Eintritt ein gemeinsames Freudengeheul aus, das Traute sich nicht deuten konnte, bis Rolf fragte:
,Mater, darf ich das Stopfvieh holen?"
Der Vater bejahte lächelnd, und Rolf flog in die Stube Köhlers. Nun wußte Traute, daß etwas Sensationelles in Vorbereitung war, ahnte aber noch immer nicht, um was es sich handelte, zumal ihr das Wesen eines „Stopfviehs" Unbekannt war.
Inzwischen waren auch Alfred und Helene ihrem Bruder gefolgt, während Paülmchen sich in unklaren Andeutungen erging und Theachen munter dazwischen krähte.
Die Mutter lachte. „Erschrick dich man nicht, Traute," meinte sie.
„Knallt es?" fragte Traute. „Dann geh ich lieber Knaus."
Doch nun zeigte sich bereits die lleberraschung. Die Tür E Vaters Arbeitszimmer öffnete sich wieder, und Rolf und fred erschienen und hielten zwischen sich einen ausgestops-
ten Riesenvogel: ein Tier von prachtvoller Schönheit. Es war wohl gut einen Meter lang, allerdings mitsamt den fast den Boden schleifenden Schwanzhecksobern, die allein eine Länge von fast dreiviertel Metern haben mochten. Auf dem Kopfe trug das Getier eine aus zerschlissenen Federn gebildete, seitlich zusammengedrückte Haube, die dem' närrischen Vogelgesicht eine originelle Gelehrsamkeit gab. Besonders schön wirkte der Farbenglanz des Gefieders: smaragdgrün im Rücken, scharlachrot am Bauch.
Theachen starrte mit großen Augen aus das fremdartige Gebilde, und auch Traute war verwundert.
„Wo kommt denn der Hahn her?" fragte sie.
Nun lachte alles schallend.
„Ein Hahn!" jauchzte Rolf. „Das ist doch kein Hahtt. Sieh bloß den Schweif an!"
Traute beäugte den Vogel genauer.
„So eine Art Pfau," meinte sie; „ich kenn mich nicht aus." ,
Wieder jubelten die Kinder.
„Ach herrjeh!" rief Rolf. „Ein Pfau! Traute, du weißt doch gar nicht! Das ist ein .— ein —; na Donnerwetter !" Jetzt wurde er plötzlich kleinlaut. „Vater, wie heißt das Biest doch gleich?"
„Man sagt nicht Biest," antwortete Köhler. „Das ist ein königlicher Bogel, Traute. Außerdem ist es ein Wappentier. Und wenn ich dir sage, welches Landeswappen sein Abbild schmückt, dann wirst du auch wissen, woher wir ihn haben."
Aber Traute schien heute in der Tat schwer von Begreifen. Sie strich dem Bogel über das strahlende Gefieder und klopfte ihm mit dem Fingernagel auf den harten Schnabel; sie hob seinen Kops und kraute ihn am Halse; doch seine Art fand sie nicht heraus.
' „Schlagt mich tot," sagte sie, „ich weiß es nicht. Ein Ibis ist es nicht. Auch kein Kasuar. Es mag ein Paradiesvogel aus einer entlegenen Gegend fein."
„Es ist das Wappentier der Republik Guatemala," sagte der Vater dozierend. „Und- dort liegt eine Stadt, die nach diesem Vogel benamset worden ist. Tie Stadt heißt Quetz- altenango."
„Ein Quesal!" schrie Traute auf. Dann kam auch von ihren Lippen ein fröhliches Lachen. „Ein Quesal! Schau an! Und in meiner wüsten Einbildung vermeinte ich, ein Quesal sei ein Asse ober derlei. Ich hab« die heimische Zoologie int Kopse, aber unter dem Wappenviehzeug Zen- tral-Amerikas weiß ich nicht Bescheid. Hat ihn mein lieber Freund Brigham geschickt?"
Der Vater bejahte. Einer ungelegenen Sendung von Opossumfellen war der ausgestopfte Kückucksvogel beigefügt gewesen. Köhler holte sein Notizbuch hervor und entnahm ihm einen Brief, 6en er gemächlich entfaltete.
„Ich kenne die Handschrift," rief Traute. „Ich werde doch die Handschriften meiner Anbeter kennen! Ist das neue Wohnhaus fertig, damit ich einziehen kann?"
„Davon schreibt er nichts," entgegnete Köhler, „aber er schickt dir den bunten Piepmatz. Und zwar dir speziell . . ." Und nun las er vor: „Der Quesal wird, wie ich hoffe, Fräu- kein Traute Freude machen. Es ist der schönste, den ich auf- treiben konnte, und ist so gut präpariert, daß ihn die Motten nicht unterfriegen können. Ich denke mir, daß es hübsch sein würde, wenn Fräulein Traute ihn über ihrem Betthimmel befestigen wollte!"
(Fortsetzung folgt.)
Die Uüche im August.
Von A. Bur g.
Seit den ersten Anfängen der Knchenkultur ist das Bestreben zu beobachten, allerlei gute Dinge, die nur eine bestimmtet Jahreszeit lieferte, also vorzugsweise die Früchte, für eine spätere Zeit aufzubewahreu. Schon im alten Rom dämpfte man das Obst in Honig ein Lcnd verwahrte es in gereinigten Ochsendärmen ober in irdenen Krügen, die mit Schweinsblase zugebunden wurden. Der Honig, selbst dem Verderben kaum -anheirnsallend, war nun auch das beste Konservierungsmittel, das man damals kannte. Denn der chemische Prozeß: die Unfruchtbarmachung der Keimpilze, durch das Einsieden, war den Leuten von damals natürlich fremd. Tie allererste wirkliche Künstlerin im Einmachen soll die Gemahlin des Perikles, Telesippe, gewesen sein, die Nußkerne in Honig weich dünstete, dies mit gekochten Oliven mischte und alles in gereinigte Därme füllte.
Da die frühmittelalterliche Küche Deutschlands viel von römischer, auch gallischer Ueberlieferung lernte, besonders die Kloster-


