Ausgabe 
3.7.1911
 
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Der Konsul zeigte auf die Straße.Da geht Fräulein von Simkotoitz," sagte er.Erinnert sie dich nicht anLuinis Pasteil der Herzogin von Piney int Luxembourg?" Und leise fügte er hinzu:Nicht schüchtern, Raoul. Mach dich an die Suse heran. Drei Millionen decken ihre Langweilig­keit . . ." Und wiederum lauter:Ich glaube, die Sim- kowitz hat ihren eigenen Emailleur. Es liegt eine gewisse Kunst in dem Farbenauftrag ihrer Wangen. .

Indessen verhandelten die anderen weiter über Zwecke und Ziele der neuen bedeutsamen Ordensgemein­schaft.

Ist diese Fräktiousbildnng denn überhaupt von nöteu?" fragte Fred Dewa.

Eine Idee Eberstedts," entgegnete Lili Meukens.

Aber ich sehe den Grund nicht ein, gnädiges Fräu­lein. In unserer guten Stadt wimmelt es von Ver­einen. Sollen wir noch einen Gipfel auf das Gebirge türmen?"

Traute Köhler saß zwischen Dewa und Noeldecheu. e-tc war verstimmt angekommen. Daheim heuchelte Helene seit zwei Tagen wieder einmal Schmerzen im Hinterkopf und wollte nicht zur Schule gehen. Trante sollte mt ihrem Bette bleiben. Sie hatte keine Lust dazu, und da war es zn einer der üblichen Szenen mit der Mutter gekommen.

Jetzt kehrte allmählich die gute Laune zurück. Außer­halb des Elternhauses wurde sie rasch vergnügt.

Vereine genug," antwortete sie,aber sie sind auch darnach. Sie unterbinden alle Freiheit des geselligen Lebens. Es ist wahnsinnig kleinbürgerlich bei uns ge­worden."

Das sagte sie in einem Tone, als gehöre sic zu, bcn ragenden Stützen des Patriziats.

Doch nickte Wilm Noeldecheu ernsthaft und stäubte einen Atom Zigarettenasche von seiner Weste: einer burgu.iider- rotett Weste mit Goldknöpfchen, der letzten Errungenschaft seiner modischen Phantasie.

Wir kommen aus dem Philisterium nicht heraus," entgegnete er;es ist zum Einschlafen öde. Das ist der Fluch aller großen Kaufmannsstädte.

Merkwürdig," sagte Fred Dewa, an /feinem kleinen Schnurrbart zupfend;wir sind in aller Welt gewesen, doch auch die Väter, als sie noch jung waren und in der Fremde Lehrgeld bezahlten; aber in der Heimat kranken wir durchweg' au einer inneren Engherzigkeit, die schauder­haft ist. Was soll denn nun wieder der neue Verein?!"

Die Creme von der Creme sondern, "antwortete Nocl- dechen.Everstedt will die fine flenre zusammenbringen. Das heißt die Langeweile potenzieren."

Traute nickte lächelnd.Ich fürchte es beinahe. Als die Bäckertöchter in der Goldenen Horde Aufnahme fanden, schieden die oberen dreißig aus. Sehr töricht. Die beiden munteren Mädel hätten vielleicht frisches Blut in die anä­mische Clique gebracht."

Noeldecheu applaudierte, indem er die spitz geschnit­tenen Nägel beider Daumen anfeinaitderschlug.

Natürlich! Das Exklusive ruiniert uns. Wir er­setzen den Genealogischen Almanach durch die Steuer- einschätzung." i

Und die geregelte Ahnenfolge," ergänzte Traute, durch das Alter des Bürgerrechts. Nur ich, bilde die Spreit im Weizen."

Noeldecheu und Deiva standen gleichzeitig ans und ver­beugten sich mit guter Schulung. Sie erhoben auch gleich­zeitig zur Abwehr beide Hände.

Traute lachte lustig auf.Nehmen Sie wieder Platz, meine Herren. Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Mei­nung. Nichtsdestoweniger: ich bleibe das Entlein unter den Schwänen. Aber es schadet nichts; es bekommt mir ganz gut."

Jetzt ging die Tür und Paul Everstedt trat ein.

Pardon," sagte er und wandte sich sofort nit Eva, Pardon, gnädiges Fräulein, daß ich mich um ein paar Minuten verspätet habe. Stein Niggerjunge hat sich beim Sprung mit dem Floridor das Schlüsselbein gebrochen, und da bin ich selber zum Arzt gelaufen."

Er reichte die Hände ttach allen Seiten. Bor Trante zögerte er einen Augenblick.

Sie habe ich noch besonders um Verzeihung zu bitten, gnädiges Fräulein. Ich traf Sie neulich bei uu- ferm Lederfritzeu und grüßte ein wenig formell. Das schadet freilich nie. Aber ich gestehe, es geschah in diesem

Falle, weil ich Sie nicht sofort erkannte. Was ist anders! au Ihnen geluorben, seit wir uns nicht gesehen haben? Sind Sie noch gewachsen? Oder umreit Sie früher dunkler?"

Jawohl," rief Lili Meukens lachend;sie war erst brünett, daun kastanienbraun wie Ellen Meier, Hieraus kriegte sie einen Rotschopf wie ich, und jetzt hat sie sich M ihrem Blond hinübergelichtet."

Mach keine Witze," sagte Eva;wir sind zu ernstem Tun zusammengekommen. Herr Everstedt, nehmen Sie den Präsidentenstuhl ein."

Everstedt steckte sich eine Zigarette an.Gestatten Sie,- daß ich bcn Präsidentenstuhl ausschlage," sagte er zu Eva. Unser neuer Verein hat nur Glieder, aber kein Hänpt."

Wie soll er heißen?" fragte Otto Eggenolph.Ein Name muß sein. Mursinna ist' zwar dagegen, aber da ex gegen alles ist, spricht sein Votunr nicht mit."

Wir taufen uns nicht selbst," sagte Everstedt,aber ich taxiere, man wird uns taufen. Dann Wirb man nns die Clique der Rücksichtslosen nennen."

Das Wort schlug ein. Es klang so hart, daß die Mädelchen heimlich erschauerten. Die Herren fanden es ganz famos.

Bravo!" rief Mursinna.Das ist's, was uns fehlt r die goldne Rücksichtslosigkeit! "

Was meint er damit?" fragte Ellen Meier, das Schäf­chen, die neben ihr stehende Traute.

Everstedt selbst gab Antwort. Er schob ein niedriges Taburett inmitten des Salons und setzte sich, indem er die Beine hochzog.

Pvedon," sagte er,kommen Sie näher und schneiden Sie nicht Fränlein Suse in so auffallender Weise die Cour. Sie nimmt Sie doch nicht, weil von Ihrem Marquisat nur noch drei Pommerauzenbäume übrig sind. Boyez, nies' dames et inonsienrs, ich fange gleich mit einem Blanko an Rücksicht au! Nämlich, liebwerte Gemeinde, wie unser großer Moebius zu sagen Pflegt: wir ersticken in gegenseitiger Rücksichtnahme. Die Rücksichten sind die Politnr des Lebens. Ach ja sein Sie so gut sie könnten es schon sein, wenn es sich dabei itm nichts anderes handelte, als um eine gewisse Glätte des Sichgebens, das uns bequem über Ecken und Kanten hinweghilft. Aber sie greifen tiefer. Sie be- schränken uns in jeder Beivegungsfreiheit, sie erniedrigen uns zu Marionetten."

Sehr gut!" rief Fred Dewa.

Die Mädchen allesamt machten nur große Angen und starrten ihren Heros an. Ellen Meier hatte heiße Bäckchen bekommen; die Bürgermeisterstochter zeigte ein verwogenes Gesicht, als wolle sie sofort über die Stränge schlagen. Suse Appelmanu zitterte förmlich vor innerer Erregung. Lili Meukens nickte fortwährend zustimmend: sie war immer der Ranfbold in der Kumpanei. Nur Traute saß ruhig ans ihrem Platz und veränderte keine Miene.

Everstedt schleuderte den Rest seiner Zigarette so kunst­gerecht durch die Luft, daß er in die auf dem Tische stehende Aschenschale fiel.

(Fortsetzung folgt.)

Merkwürdige Geschichten.

Aus bent soeben erschienenen vergnüglichen linb' kultur­geschichtlich wertvollen Buche:Aus der ChroNika Derer von Zimmern, Historien und Kuriosa aus sechs Jahrhunderten deut­schen Lebens, urkundlich erzählt von Graf Froben Christoph von Zimmern f 1563, herausgegeben von Bernhard Jhringer, geben wir mit Erlaubnis, des Berlages Wilhelm Langwiesche- Brandt,^Ebeuhausen bet München, im folgenden einige Proben:

Peter Schneider hatte viel am Neckar zn tun; wie er nun eimnal nach Winderlingen kam, besuchte er dort einen seiner Gesellen, der hieß Auberle Stössle. Nun war damals dort ein Pfarrer, der hatte eine hübsche Anzahl der besten Kapaunen ge­zogen. Das erfuhr Peter Schneider und hatte Stift, davon 31t versuchen; er stellte also mit Missen Auberle Stösfles einen; Knaben an, der mußte, während der Pfaffe in der Kirche war, mit Pilsensamen in dem Hühnerstall einen Ranch anmachen? von dem die Hühner, Hennen und Kapaunen betäubt wurden und wie tot dalagen. Der Pfaffe erschrack bei seiner Heimkehr darüber, sehr, weil er feine besondere Kurzweil mit dem Geflügel hatte? Auberle Stössle machte sich von ungefähr bei ihm zu schassten; da klagte er ihm sein Unglück mit dem Geflügel und bat ihn ünt feinen Rat. Auberle antwortete, das fei eine sehr merk­würdige Sache, von der er nie gehört; sie seien vielleicht per-