Ausgabe 
3.7.1911
 
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Das nette Mädel.

Roman von Fedor von Zobeltih< (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Im Empiresalon bei Delbrücks empfing Eva das Grün­dungskomitee des neuen Ordens.

Traute fand Lili Mcnkens und Ellen Meier bereits vor. Bald nach ihr kamen noch andere junge Mädchen, unter ihnen die Bürgermeisterstochter und Suse Appel- maun, die Tochter des reichen Rheders, der wie ein Zim- mermann aussah und immer schmutzige Fiuger hatte. Dar­fur war Suse um so sauberer; in ihrem weißen Kleide war sie ein blitzblankes Persönchen. Aber sie parfümierte sich zu stark. Traute zog sofort ein krauses Mischen, als sie eintrat.

Es war eine feine Auswahl getroffen worden. Die acht Mädchen bildeten die Blüte der Stadt. Rang, Stand, Reichtum und Schönheit einten sich in diesem Bukett. Traute als neunte war nur zugezogen worden, weil sie so reizend war. ES müssen auch Ausnahmen gemacht wer­den. Mit den Eltern trat man nicht in Verkehr. Aber Traute war schou Mitglied der Harmonie gewesen und hatte auch der Goldenen Horde angehört. Zudein war sie Evas liebste Freundin.

In der Harmonie herrschte das Chaos, und die Goldene Horde war zerfallen, seit die Zwillinge des Ratsbäcker­meisters sich den Eintritt erkämpft hatten. Nun wollte man wieder unter sich sein.

Die Herren gehörten durchweg zur Sauvegarde Paul Everstedts. Das waren der Konsul Friederici mit seinem lln- zertrenulichen, Herrn von Ivedou; dann Walter Mursinna (Mursinna und Compagnie, chemische Fabrik), der auch sehr hübsch dichtete und seine Poesien auf Bütten drucken und köstlich ausstatteu ließ; ferner Fred Deiva (Dewa-Pianinos), eilt zierliches Bürschchen, Vorsitzender des kynologischen Ver­einsNimrod"; Wilm Noeldechen (Luxuspnpiere), ein rast­loser Kopf im Ersinnen neuer Moden; schließlich die Brüder Eggenolph (Eggenolph und Sohn, Verlagsbuchhandlung, ge­gründet 1721), beide Reserveoffiziere bei den Waldenburger Dragonern, sich zum Verwechseln ähnlich, mit gesträubten Schnurrbärten und rege von Geist.

Es fehlte nur noch Paul Everstedt (P. L. Everstedt, Weingroßhandlung, gegründet .Lübeck 1683, seit 1750 am Platze). Aber der kam immer zu spät. Man war schon froh, daß man seiner wieder habhaft würde. Als er vor zwei Jahren eine halbe Million Schulden gemacht hatte, war er von seinem Vater nach Amerika verbannt worden. Nach seiner Rückkehr hielt er sich sehr still und verkehrte fast nirgends. Aber um die letzte Weihnachtszeit hatte er wieder überall Karten ^gegeben,

Ein Diener in Livree und eine Zofe in schwarzem Kleide mit weißem Kragen und weißen Manschetten reich­ten Tee und Biskuits. Die alten Delbrücks waren nicht sichtbar. Der Senator war noch im Kontor; die Frau Senator, eine sehr nervöse Dante von hypochondrischer Ver­anlagung, mischte sich nie unter die Jugend.

Der Name fehlt noch," sagte Fred Dewa.Nur nicht Konkordia oder ähnlich. Siehe die zerstörte Har­monie."

Bleiben wir namenlos," entgegnete Walter Mursinna. Es ist viel origineller. Man wird nie auf uns hindeuten können, wenn wir auf jedes Plakat verzichten. Name sst Schall und Rauch, hat schon mal irgendwer geäußert."

Walter," sagte Friederici,wenn du zitierst, tu es korrekt. Oder sonst zitiere aus deinen eigenen Werken. Da merkt mau nicht, wenn es falsch ist."

Die beiden Buchhändler standen nebeneinander und rührten mit gleichmäßiger Bewegung in ihren Teetassen.

Eine Frage," meinte Otto, der jüngere.Ich möchte den Zweck der Uebung kennen lernen. Soll es ein Klub werden, der literarischen Neigungen Raum bietet?"

Um Gottes willen!" rief Wilm Noeldechen.Viel­leichtTurandot" mit verteilten Rollen! Nur keine Ten­denzen! Ein Klub des Auslebens."

Wie sollten wir von der weiblichen Seite das denn machen?" fragte Traute.Ausleben klingt prachtvoll und sehr modern. Aber uns sind die Flügel gebunden."

Wir zerschneiden die Fesseln," erklärte Fritz Egge­nolph.Das soll mit zu den Zielen unseres Ordens gehören: daß wir uns von Vorurteilen nicht knechten lassen."

Dann wird die Sache brenzlig," sagte Eva.Ihr klugen Herrn habt nach niemand zu fragen. Hinter uns aber stehen Mama und Papa und manchmal noch eine Tante."

Utt cri de douleur," murmelte Herr von Ivedon lächelnd. Seine langen, weißen, schmalen Finger griffen in den Zigarettenkasten, den Suse Appelmann ihm reichte. Merci bten, gnädiges Fräulein. Dürfen wir denn hier rauchen?"

Aber natürlich!" rief Eva und nahm selbst eine Pa­pyrus zwischen die blühenden Lippen.Sie hörten ja von Herrn Eggenolph, daß wir gewillt sind, alle unberechtigten Vorurteile über den Haufen zu werfen."

Notabene bloß die, die uns nicht passen," bemerkte der Konsul Friederici.Es gibt auch Vorurteile, die man als bequeme Schutzwehr gebrauchen kann. Die möchten wir doch lieber behalten" ... Er stieß ein wenig mit der Zunge an. Das paßte nicht zu seinem verlebten Gesicht und der stattlichen Glatze. Die weltmänitischen Weisheiten, die er von sich gab, erhielten durch diesen Sprachfehler einen unwillkürlich komischen Beigeschmack.

Er tippte Pvedon auf die Schulter. Der erhob sich sofort und trat zu ihm in die Fensternische.