Ausgabe 
3.6.1911
 
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Eototen." Sie Uchte erst ein wenig heruni tob' brachte freut» zwei «große Schreiben.

Boni Amtsgericht in Traunstein," las Michel erschrocken. Er meinte, Dom Gericht könne nur Unangenehmes an ihn kommen. r,Und vom Bürgermeister in Söchtling. Was das zu bedeuten hat?"

Den Brief des Bürgermeisters erbrach er zuerst. Da hieß es: Indem am 25. April der Bauer Franz Heißtracher |in Laimbach, Gemeinde Söchtling, durch ein Wagenunglück eines jähen, Todes gestorben . .

Nein so was! Der Franze!!" rief Michel verbWfst. Dann riß er rasch das zweite Schreiben auf. Er mußte die Zeilen immer ivteber lesen. Er schien ganz verwirrt und betroffen., Aber es war nicht die Todesnachricht, die ihn erschütterte. Denj Bruder hatte er ja seit Jahr und Tag nicht gesehen; sie hatten nie besonders gut miteinander gestanden und Michel hatte sich sehr benachteiligt gefühlt, als der Weitere den Hof übernahm! imb ihm sein Erbteil auszahlte. Was ihn nun so vollständig ans der Fassung brachte, das war Mehr die Scheu vor dem Glück, die Angst, ob er auch glauben dürfe an das Unerwartete, das Unerhvsfte. Aber da stund ja schwarz auf weiß die freudige Botschaft:

Wegen Regelung der Erbschaft des in Lambach kinderlos verstorbenen Bauern Franz Heißtracher hat sich dessen Bruder Michel Heißtracher am 10. Mai im Zimmer 9 des k. Amts­gerichtes in Traunstein einzufinden oder eine notariell beglaubigte Bollmacht an den Verlassenschaftsrichter einzuschicken,"

Ja nMrl.ich, wenn der Franzt tot war. . . verheiratet wär er uet. . . sonst lvarett auch keine G'schwister da, er war Iber einzige Bruder. . . also das war wirklich so =-5 wirklich wahr . . .! Ueberlegte Michel mit heißem Kopf.

Die Kinder hatteit alle erwartungsvoll auf den Vater ge- fchaUt. Das Katherl brachte das Kraut und die Kartoffeln, äuchdas Geselchte" für den Vater. Aber obwohl ihnt der Geruch des LieblingSgerichts in die Nase steigen mußte, saß er immer noch in den Brief versunken. Dann schlug er mit frer Faust auf den Tisch, daß die Teller tanzten, und rief:

Alle kriegts neue Feiertagskleider zu Pfingsten und neue Stiesel auch! Da, Katherl, da hast zwei Mark, da kaufst einen Kranz für b Mutter und trägst ihn ihr 'naus ans 'n Gottes­äcker! Ich laß ihr auch eilten schönen Stein setzen! Jawohl! Herrgott, Herrgott! Des wenn's derlebt hält'!"

Und als die Kinder ihn alle mit großen Augen anglotzten, da Fants wie ein wildes Auflachen ans seiner vom Glück förmlich zusammengepreßten Brust:(Sitte Erbschaft hab ich g'macht. Wenn ich den Hof verkauf, krieg ich ein schönes Geld! Ja, der Hof Muß gut beisamm' sein! Mein Bruder ist ein sparsamer Mensch g'wesen! Gott hab ihn selig! Aber den Hof gib ich nur her, wann mir einer das Geld bar auf den Tisch hinlegt! O, ich hab schon meine Freund, die mir raten können! So dumm bin ich niminer wie total!"

Die Kinder merkten bald den Umschwung in der Wertschätzung, die sie nun int Hause genossen, seit man wußte, daß sieeilt Geld" kriegen sollten. Besonders Fran Afra Hofwinkler, die das gutgehende Milchgeschäft im Vorderhäuse hatte, zeigte sich plötzlich von schmelzender Liebenswürdigkeit. Sie ließ die Kinder nicht mehr vorüber, ohne ihnen ein Stück Kuchen oder ein Täfelchen Schokolade zu schenken, sie lobte das Katherl, so oft sie ihr be­gegnete. Aber die Dreizehnjährige, die frühreif war, wie alle Mädchen ihres Standes, machte sich über die Gefälligkeit frer blonden, schönfrisierten und modisch gekleideten Frau ihre Ge­danken. Sie hatte einmal, als der Vater lange nicht zum Mittag­essen kam und sie ungeduldig wartete, weil ihr Reis fast ein­gekocht war, beobachtet, wie er an der Treppe mit Fran Hof- Winkler plauderte und wie die rundliche Witwe ihm nah und! dreist in das Gesicht lachte. Seitdem hatte sie schreckliche Angst/ diese Frau könnte ihre Stiefmutter werden. Katherl wußte, daß ihrem freundlichen Gesicht nicht zu trauen wär, denn sie hatte mtkangehört, wie die Hartherzige einen alten gebrechlichen Mann, der um ein Stück Brot bat, schimpfend von dec Schwelle jagte. Und dann stammte ja auch das Interesse der schönfrisierten Frau für ihren Vater aus dieser letzten Zeit! Michel selbst war in sehr guter Laune. In seiner Stammkneipe hatte sich ein wohl­beleibter, sehr zahlungsfähig aussehender Mann, Sebastian Steg- maier, der selbst in Lambach geboren war, eingefunden und ihm wegen Ankauf des Hofes in Lambach Vorschläge gemacht.

Ich möcht schon lang ein Anwesen da draußen lausen," hätte er gesagt.Natürlich, das Hans ist alt, .grab zum Z'am- rcifien recht. Ter Bauernwald, der dazu gehört, ist auch nicht viel wert. Aber ich zahl dir Dreißigtausend Mark bar, weil ich ein Gemütsmensch bin und meine alten Tage in meinem alten Dörfer! zubringen möcht."

Dreißigtansend Mark! Das klang bei»! Michel so berauschend, so betäubend an die Ohren, daß sein Freund Krallinger, der ihm beistand bei der Unterredung, ihm mit dem Ellbogen einen Stoß gab, er solle sich doch seine freudige Ueberraschung nicht so amnerken lassen. Aber es war ja viel mehr als er erwartet! hatte. Sein Erbteil war nur etwas über sechstausend Mark gewesen, und das Geld hätte ihm nur Sorgen und Verdruß gebracht, weil er eS einem Unternehmer anvertraut hatte, freu ihm glänzende Zinsen versprochen und der drei Jahre später verkracht War.

Auf den Rat seines Freundes hin ließ sich Michel doch die Schätzung der Feuer- und frer Hagelversicherung kommen, aus der zu ersehen war, daß der Bruder durch das Erbteil eines' Paten, das ihm zugefallen war, freu Besitz bedeutend vergrößert hätte, der auch durch fr.ie erst später gebaute Bahn im Wert gestiegen war.

Michel wußte ja gär nichts mehr von der Heimat. Mit einundzwanzig Jahren war er als Rekrut zum erstenmal in die Stadt gekommen. Anfangs hatte er freilich Heimweh gehabt. Aber dann kam der fröhliche Verkehr mit den Kameraden; bann lernte er feine Theres kennen und das Dorf, in dem er aus­gewachsen, entschwand immer mehr aus seiner .Erinnerung. Watz es die Liebe gewesen, die ihn festhielt oder hatte nur die Stadt ihre mächtigen Fangarme nach ihm ausgestreckt, wie nach so vielen anderen und ihn nicht wieder freigegeben? Er hätte es nicht zu sagen gewußt. Hier fand er Arbeit, hier fand er Ver­dienst, .als die Militärzeit vorüber wär. Es Fant ihm gar nicht mehr in den '«Sinn, draußen Knecht zu werden, höchstens mit der Aussicht, wenn er Glück hätte, auf ein Anwesen einzuheiraten.! Er war nie mehr hinausgekommen in die alte Heimat, in der die.Eltern nun schon begraben lagen. Die Kinder, die Fabrik, die Sorgen, der Alltagstrab ließen ihm keine Freiheit Mehr.! Was hätte er äuch zu suchen gehabt auf dem Hof, frer dem! Bruder gehörte? Wenn er nun das viele Geld bekam und viel­leicht ein eigenes Geschäft anfangen konnte, dann war er ja ein Bevorzugter unter allen den Menschen, mit denen er zn- samMenlebte, und er konnte auch wieder heiraten. Die bloudfr appetitliche Frau Afra gefiel ihm' gar nicht schlecht.

Er hätte also am' liebsten gleich zugegriffen. Stegmaier! drängte auch, sie sollten den Verkauf richtig machen und zum! Notar gehen, denn es wäre höchste Zeit, daß die Leute draußen! bei der Frnhjährsarbeit wüßten, wer der Herr sei. Aber den bedächtige Krallinger warnte immer wieder vor einem raschen Entschluß, und es war ihm sogar gelungen, freu Käufer, der auf den Hof verpicht schien, noch tot dreitausend Mart hinaufzto., steigern. Trotzdem schüttelte er den Kopf, >als Stegmaier nun plötzlich grob wurde, und rief:

Länger laß ich mich nicht Hinhalten. Behalt dein Ges- rumpel!"

Michel wär völlig niedergeschlagen, und hätte sich gleich ins Bockshorn jagen lassen, aber der Ratgeber raunte ihm tröstend zu:Nur kalt! Der kommt schon wieder! Ich seh auch gar nicht ein, warum du auf Pfingsten nicht einmal hinansfahirst und dir dein Sach anschaust. Jetzt, das ließ ich mir nicht ent-, gehn, daß ich wenigstens ein paar Stunden lang auf meinem eigenen Grund und Boden stünd."

Da hast recht, Krallinger! Ich reis' 'naus!" rief der Michel.) Des. soll ein Wort fein!"

.*

Keißtrachers machen zu Pfingsten eine Landpartie! Das war ein Ereignis im ganzen Hinterhaus. Die Kinder waren außer sich vor Jubel. Der Pepi lieh von einem Schulkameraden ein Schmetterlingsnetz und der Franz! bekam eine alte Botanisiere buchse geschenkt.

Nur Frau Asm dämpfte mit ihren Bemerkungen die Selig­keit:O Jesses, da werdet g'schwind genug haben das ist ein 'nausgeschmissenes Geld! Auf dem Dors, da gibt's ja nix als Misthaufen. Zunt Auswachsen langweilig ist's auf dem Land."

Sie hatte den Plan gehabt, Michel am Feiertag zu einer Biermusik auf den Löwenbräukeller einzuladen und war nun sehr enttäuscht und geärgert, fraß er fortging.

Mer davon war der Michel nun nicht mehr abznbringckn., Um fünf Uhr morgens war man schon am Pfingstsonntag auf den Beinen, um den Zug nicht zn versäumen. Bei der zweiten Station bekamen sie alle schon wieder Hunger, und es tvar gut, fraß Katherl in ihrem Körbchen Brot unfr xin Stück Käse mit­genommen hatte. . .'

Du Vater!" ries einer frer Buben, fast erschrocken, als plötzlich nach Rosenheim! etwas Großes, Blaues am Horizont auftaachte.Was ist denn das?"

Michel lachte:Dummer Kerl! Der kennt die Berg uet! Des ist doch der Wendelstein! Da bin ich in deinem Alter schon! droben getoefen!"

Mer das Verwundern beginnt erst, als sie dann ausstiegen »mb zu Fuß durch die Wiesen gingen.

Kommt da fein Schutzmann, wenn man Blumen abpfluckt? . fragten die Mädchen ängstlich. Sie wären doch gar zu gern in die bunten Wieselt gelaufen. Dann standen sie alle mit großen Augen um einen buchenden Apfelbaum. Den armenStadt-, fitifrern, die nur in dem düsteren Hof hernmsprangen, die höchstens in den abgegrenzten Aulageit einmal Grün und Blumen sahen, Ivar nun zu Mute, wie losgelassenen jungen Vögeln, die znm! erstenmal aus der Gefangenschaft in die Freiheit kommen. Die Feiertagsglocken Hangen über das weite blühende Land. Nun sah man schon den Kirchturm von Lambach aussteigen. Geputzte! Menschen kamen ihnen entgegen und riefen ihnenGrüß Gott!" zu.

Unter Obstbäumen begraben, lag der Hof. Michel sand den schmalen Wiesenweg, der daraus zuftihrte, doch gleich wieder. Er setzte sich auf der Bank vor dem Haus nieder, während dte Minder voll Neugier in den Stall schauten, Maikäfer fuchtem