Ausgabe 
3.6.1911
 
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'Gerade recht für miclß denn ich war ja allein, Alkern, immer allein.

Mir schien es, als könnte ich hier weniger jcmanb vermissen, da der Platz so beschränkt war, daß ein zweiter sich nicht hätte toenbeit können. Ich griff zur Feber, schob mir den Bogen zurecht, und dann begann ich zu sinnen. Ein seltsamer Gedanke kam über mich: mir war, als sollte ich Maria schreiben.

Ich tauchte ein, setzte an, dann glitt meine Hand über das Papier. Ich schrieb, als hätte ich einen Ausflug ge­macht, als würde ich zu ihr zurückrehren und ivollte nur den Abend iit der Hütte benutzen, daß sie wüßte, ich vergaß sie nicht:

Meine Maria, es ist still tun mich geworben. Auf den Hütten geht man zeitig zu Bett. Ist es spät? Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht, denn den ganzen Tag habe ich Deiner gedacht. Die Stunden enteilen, und doch: die Stunden bleiben stehen. Es wird Morgen, cs wird Abend, ich merke es nicht. Meine Gedanken sind nur bei Dir, immer bei Dir.

Du fehlst mir so! Es ist so still, nur ab Und zu höre ich den Wind', und dann denke ich: Branst er auch um Dein Haus? Vernimmst Du ihn? Ich denke zurück an alles Glück, das Du mir gegeben. Es war so viel, daß; es Viel­leicht nicht langer dauern durfte. Es war so reich, daß ich cs nicht hätte ertragen. Muß man gestraft sein? Muß alles enden? Und nun bedrückt es mich: Was schreibe ich Dir von Deinem Haus, wo die Stürme wehen? Wo bist Du?

Komm zu mir, ich bin so allein. Setze Dich an meine Seite und schau mir, während ich schreibe, über die Schulter, wie Du es einst getan. Siehst Du mich hier? Bist Du über mir? Bist Du zu weit? Bist Du zu tief?

Ich habe Deinen Brief gefunden. Was wolltest Du mir sagen:Und" . . . .? Willst Du nicht einmal noch zu mir sprechen? Du sollst es nie wieder tun. Einmal nur, daß ich weiß, was diesesUnd" bedeutet. Ist es ein Gruß gewesen? War es eine Frage?

Ninrm diese Feder in die Hand, ich lasse sie liegen. Schreibe mir die Antwort hin. Ich leide so, daß Du, Geliebte, nicht mehr mit mir sprechen kannst......r

Ich schlief ein, den Kopf auf dem Arm, und als das' Licht fast heruntergebrannt war, richtete ich- mich auf, löschte es 'aus, warf mich aufs Bett und schlief einen tiefen, festen Schlaf bis in den Hellen Morgen.

Da war es mir, als ich die nächtigen Zeilen wieder- fand, als hätte ein anderer diesen Brief entworfen, und ich wüßte kaum davon. Ich nahm ihn in die Hand, wie etwas Fremdes las ich ihn. Dort mußte Marias Antwort stehen. Das Blatt war leer.

Kein Mittel, mit meinem Weibe zu sprechen! Das ist das Fürchterlichste, wenn der Tod uns trennt. Und wenn auch himmelhoch der Seele nach die Gedanlen flie­gen können, es kommt keiner zurück. Die Himmel schweigen.

Der Führer war eilt einsilbiger Mann, ein Welscher, den ich nicht verstand und er kaum mich. Wan hatte ihn mir genannt als einen der besten. Ich hatte ihn genommen ans. unbestimmte Zeit. Vielleicht dachte er an alle die Türme, die nm uns ragten, vielleicht wäre er gern hincm- gekiettert über die himmelhohen Wände, die in furchtbaren Abbrüchen zu uns niederstürzten. Aber ich hatte ihm gleich bedeutet, ein Bergsteiger sei ich nicht. Er war's auch so zufrieden, weil ich gut zählte. Mehr brauchte er nicht.

Er ging mit mir, ein stummer Begleiter. Er trug die Last des Rucksackes mit Eßvorräten und den Wetter­mänteln. Er zeigte mir Weg und Steg, und im dichten Nebel schritten wir dahin. Ich mußte auf andere Gedanken kommen, ich wollte Bewegung haben. Der Körper sollte sich regen. Ich ward nicht müde, denn Ausdauer hatte ich immer besessen.

So lief ich den ganzen Tag umher. Er führte mich steile Anstiege hinan, durch Ruusen und Rinnen. Auf Scharten sind wir gekommen, von denen rechts und links die Wände turmhoch hinausragten, verloren in dem Dunst der Hohen, der als dichter Schleier noch um die Berges­spitzen hing.

Dann stiegen wir wieder hinab und gingen eine Wes le im Tal über grobes Geröll, gewaltige Blöcke, feinen Sand. Gingen endlos, um abermals an Scharten zu kommen, um hinabzusteigen, zu wandern und uns wieder oben zu finden.

Wo sind wir? fragte ich ab und zu.

Er nannte einen welschen Namen, er schien es selbstv'erst stündlich zu finden, daß ich wüßte, was es hieß.

Abends kamen wir dann zur Hütte zurück, todmüde Von all dem Laufen, das mein Führer gleichmütig erledigte/ stumpfsinnig fast, für das Geld, -das er ohne Gefahr ver­diente. Ich war müde, mir taten die Glieder weh.

In der Gaststube setzte ich mich in eine Ecke. Die freundliche Wirtschafterin kam, und zum ersten Male feif langer Zeit ich mit bewußter Freude, die derbe Kost der Hütten.

Neben mir saßen zwei junge Leute, Führerlose, wie ich hörte, schlanke Gestalten, dem Soldatenaugc eine Freude in ihrer einfachen Kleidung und Bedürfnislosigkeit, mit ihren blauen, blitzenden Augen und dem Wagemut, der alles zu überwinden schien. Sie schrieben eifrig, wohl ihr Tagebuch, sie verglichen die Karten. Sie besprachen sich flüsternd, als dürfte keines Menschen Ohr etwas hören von den Unternehmungen, die sie planten.

Drüben am Tisch hatte sich eine Gesellschaft nieder­gelassen. Nicht Hochtouristen, sondern, wie man an ihrer Ausrüstung sah, einfache Freunde der Natur. _ Zwei ältere Herren mit weißem Bart, Brüder, wie es schien. Zwei ältere Damen, die Kleidung gerafft, mit dem wachsenden Leibesumfang der späteren Jahre, und junges Volk dabei, ein paar Mädchen, ein paar halbwüchsige Burschen, die Kinder der Leute. Alle aßen und tranken bescheiden, wie cs der Geldbeutel wohl vorschrieb, lauschten auf das, was der eüte der Herren aus dem Reiseführer vorlas, und tausch­ten ihre Gedanken aus über die Herrlichkeit, die sie auf der Bergreise -geschaut hatten.

'Sie waren vom jenen, die keine Spitzen ersteigen, die nur still von einer Hütte zur anderen gehen, die gleiche Schönheit, die gleiche Begeisterung, die gleiche Freude im Herzen wie die, die mit jungem Körper und starker Seele hinanstreben zu den gefährlichsten Gip­feln. Es waren Norddeutsche nach ihrer Sprache, und ich malte mir aus, iuie sie vielleicht ein ganzes J-ayr sparten, um mit Kind und Kegel jeden Sommer mit billigen Zügen hinauszuziehen in die Alpen, für ein billiges Geld im be­scheidenen Dasein Gottes Schöpfung zn gemeßen.

Der eine Sohn, groß, blond, warf hinüber zu den jungen Bergsteigern bewuitderude Blicke, die zu sagen schienen: Könnte ich das doch auch. Wenn mich der Vater doch ließe!

Und das eine Mädchen saß da mit Nähnadel und Zwirn und' flickte den Rock ihres Bruders. Bemerkungeit gingen hin und her. Fröhlich, glücklich waren die Menschen.

Kortsetzung folgt.)

Die Erbschaft.

Pfingsterzählung von Emma H-a u sho fer-M erk München)'.- Durch die engen Vorshrdtstr-aßen kam ein ganzer Zug von Arbeitern, von Kohleitruß geschwärzte, kräftige Gestalten, die aus der Maschinenfabrik znm Mittagessen nach Haus eilten, lieber dem Flußufer lag ein heller Maihimmel, blitzte und funkelte es von Frühlingslicht. Mer in die staubige Straße, in der sich eine Schar Kinder balgte, in die von hohen Rück-gebäuden lint» standenen Höfe, kam wenig Sonne.

Michel Heißtracher, ein großer, breitschultriger Mann in den Dreißigern, stieg die schmale Treppe zu seiner Wohnung imi dritten Stock hinauf. Jedesmal, wenn er mittags heimkam, hatte er ein schmerzliches Gefühl:die Theres ist nicht mehr da!" In diesen Minuten trauerte er immer wieder um die vor einem Jahr verlorene Frau. Im Lärm der Fabrik, beim Stampfen und Stoßen der Maschinen, hatte er Teilte Zeit wehmütigen Er- innerungeu nachzuhängen: -abends saß er mit den Kameraden beim Bier und vergaß seinen Verlust. Aber in dieser Stunde vermißte er schwer die Gefährtin, mit der er vierzehn Jahre lang, schlecht und recht, zusamMengehanst hatte. .Das Katherl, seine ältere Tochter, war noch ein halbes Kind und- kam kaum zurecht mit der Arbeit und mit der Aufsicht über die jüngeren Geschwister. Es gab manchmal eine angebrannte Suppe, und die Wohnung schaute auch viel unbehaglicher ans, als früher. Schon au der Türe klangen ihm wieder streitende Kinderstimmest entgegen.

Mei Ruh will i haben!" schrie Michel und ließ sich, müde und hungrig, in den Stuhl sinken. Da verstummte- das Gezeter. Sic wußten alle, daß es gefährlich war, den Vater zu reizen, ehe er gegessen hatte. Schweigsam löffelte man die wässerige! Suppe, in der von Küchendampf und Kr-autgernch erfüllten Stube,- in der es auch Mittags nicht hell wurde, weis die Fenster in den, engen Hof hinausgingen.

Vater!" sagte dann das Katherl,Heut sind zwei Brief