Ausgabe 
3.4.1911
 
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Won Hilbach herzlich, ihr eine Freundin zu bleiben und Hr Keim in Leipzig als das ihre anzusehen.

Frau von Hilbach kniete vor den offenen Koffern und Schränken der Frau Bauunternehmer und packte ihre Machen ein, aber sie mußte staunen.

Da nebenan lag noch der tote Mann auf seinem Bett tzmd hier in dem Zimmer, in dem er so oft gesessen, beriet Man schon über die Zukunft; nach ein paar Tagen sprach Man vielleicht nur noch selten von ihm, und wenn er ein Jahr unter der Erde lag, war er vergessen, für immer vielleicht. So war eine Frau, wie die Frau Bauunter­nehmer, die doch gut und herzlich und teilnehmend war!

Es fröstelte sie, wenn sie zu der Frau hinübersah, die das schwarze Trauerkleid trug, das sie sich schon zu Lebzeiten ihres Mannes für alle Fälle hatte machen lassen.

So leicht war also das Scheiden, wenn zwei neben­einander gelebt hatten, ohne doch recht verbunden gewesen zu sein. Man weinte ein paar Stundendann dachte man daran, wie mau sich das Leben ohne ihn gestalten würde.

Frau von Hilbach grübelte nach, hatte sie denn ebenso empfunden, wie ihr Mann gestorben wär? Nein, ach nein, das war doch anders gewesen. Tagelang, ja wochenlang hatte sie nichts .empfunden, wie ihn, tote die schreckliche Stunde, da das Große zwischen sie getreten war, das sie für immer trennte. Diese Frau aber tocir vernünftig, und Frau von Hilbach erschrak vor ihrer Vernunft.

Nachfühlen kann ich's Ihnen ja, Frau Battunter­nehmer," sagte die Kosh, als sie von dem Plan der ver­witweten Frau hörte, jetzt gleich nach Leipzig zurückzu­kehren.Man kommt zu sehr iits Denken, toenn man da weiter wohnen muß, wo ein Toter mit einem gelebt hat. Was an uns gelegen hätte, wir hätten ja alles getan, um Sie aufzuheitern, nicht wahr, Fratr von Hilbach? Alber in so was kann man nicht dreinreden!"

Sie legte einen großen Kranz mit bunten Wachs- rosen, die sie in Vorrat angefertigt hatte, auf das Bett des Bauunternehmers und berichtete, daß sie einen schönen Sarg mit Beschlägen gefunden habe, den schönsten vom Ort. Tstn könne die Frau Bauunternehmer getrost mit nach Leipzig nehmen, der sei nicht attders, wie die in der Großstadt auch.

Sie winkte Frau von Hilbach heraus und teilte ihr Mit, daß sie einen herrlichen Palmenziveig für sie gekauft habe und daß sie für Erwin noch einen kleinen Kranz winden wolle.

Die Frau Bauunternehmer war gerührt und weinte wieder. Sie beschenfte die Kosh reichlich und nahm gern die Aufforderung der Frau von Hilbach an, die letzte Nacht im Witwetrhaus unten zu schlafen. Die Kosh machte das Bett im Mkoven zurecht und sie saßen alle drei bis spät in die Nacht am Teetisch im kleinen Wohnzimmerchen. Manchmal hatte Frau von Hilbach das Gefühl, als sei diese Frau da in den tiefschwarzen Kleidern von einem schweren Bann befreit, als sei die Trauer, die sie äußer­lich durch ihre Kleider und auch durch ihre Worte be­tonte, keine wahre, und fast beneidete sie die Menschen, die ihre Gefühle so sicher beherrschen, die vom Tod so schnell zum Leben zurückfinden.

Spät abends saß die Kosh noch an ihrem Bett und schien froh, daß die Frau Bauunternehmer so gefaßt war.

Im Ort reden sie natürlich schon drüber!" berichtete sie.Wieder eine Witwe im Haus!" hatte jemand gesagt Und eine Frau hatte behauptet, das Witwenhaus litte nun einmal keine Männer; wenn sie nicht von selbst gingen, dann spuckte es sie einfach aus, grad wie ein großer Fisch. --Nu, Frau von Hilbach, ich geb ja auf so was nicht viel, aber üher eins bin ich doch froh, nämlich, daß unseri Doktor Sie ans dem Haus herausholen will, und nicht drinbleibt, nota bene, wenn er überhaupt kommt. Streichen Sie denn immer noch die Tage aus? Wie viel fehlen denn noch? Sechzig, nein achtundsiebzig, das ist noch eine ganze Zeit, Frau von Hilbach. In achtundsiebzig Tagen, da kamt sich stoch viel ereignen. Aber seit uns alles andere nach Wunsch gegangen ist, glaub ich auch wieder dran, daß er kommt. Nu, und wenn er wirklich nicht kommt, wir bleiben auch nicht hier!"

Frau von Hilbach sah die Alte erstaunt an.

Von all dem reden tvir, wenn Sie von Leipzig zu- rüÄ .sind, ff ran von Hilbach. Sie werden staunen, was ich für Pläne hab. Nu, fürs erste machen Sie ja nach Leipzig, aber bitte nicht länger tote drei Tage, ich mutz

in Lahrenfeld zur Kirchweih kochen Und bin schon MeW wie kaput. Eh ich gehe, rechnen wir ab, sehen, was uns übrig bleibt, nu und dann rück ich heraus mit meinen! Plänen. Jetzt schlafen Sie mal, Sie könnet: Ruhe brauchen und ich auch. Um sechs wird die Leiche schon aus dem Haus geholt, und das ist gut: da stehen sie nicht all und glotzen das Haus an, als ob es ein Wundertier wär! Gute Nacht!"

Gtite Nacht," sagte Frau von Hilbach. Sie war so Müde, daß sie einschlief, bevor sie zum Denken kam.

An: nächsten Morgen fuhr sie mit der Frau Bäunnter- nehmer nach Leipzig, und wie der Herr Bauunternehmer am Tag darauf glücklich unter der Erde lag, half sie die Wohnung Herrichten und staunte, wie schön und sein und geschmackvoll die Umgebung war, in der die Frau Bäu- Unternehmer lebte.

Die sagte ihr nun ganz offen, daß sie nicht allein zu bleiben gedächte/sie wolle lieber wieder einen Krankest pflegen, als für ihr Leben Witwe bleiben; sie gestand! auch, daß sie sich, im Saalehaus nicht recht wohl gefühlt hätte, weil es so viel alleinstehende Frauen beherbergte, und sie wünschte Frau von Hilbach, daß auch sie bald erlöst würde. Sie gab ihr den Rat, sich mit dem Ge- danken vertraut zu machen, daß der Doktor vielleicht nicht znrückkäme:

<Wenn er kommt, ist es ja schön und gut, aber man soll sein Herz nie so sehr an einen Menschen hängen, daß man sich ohne ihn kein Leben denken kann."

Sie sah Frau v. Hilbachs trauriges Gesicht und lächelte.

Sie haben so viel durchgemacht," sagte sie weiter, und werden doch nicht klug. Ich glaube, wenn Ihr Doktor nicht zurückkommt, dann wird Ihnen das Leben wieder un­erträglich. Aber so dürfen Sie nicht sein, schon Ihres Kindes iuegctt nicht. Heraus müssen Sie aus dem alten Haus; so gut und treu Ihre alte Kosh es auch mit Ihnen meint, ein rechter Verkehr ist das doch nicht für Sie. Wenn der Doktor nicht wiederkommt, dann packen Sie Ihre Koffer, nehmen Erwin und kommen zu mir; mir sind Sie immer willkommen."

Frau von Hilbach dankte, aber sie mochte nicht denken, sie hörte auch nicht gern, wenn andere von ihrem Doktor sprachen. Es war ihr dann, als berühre man ein schönes lichtes Bild mit unreinen Händen und hinterließe Flecke, die sie nicht wegwischen konnte.

Sie schied leichter von der Frau Bauunternehmer, als sie es gedacht, und wie sie allein im Coups saß, über­kam sie eine große Traurigkeit.

War sie denn so ganz anders wie andere Menschen, oder warum fand sie so selten jemanden, der sie verstand? Diese Frau Bauunternehmer, der sie so viel Dank schuldete, war ihr nicht mehr und nicht weniger, wie viele anders Menschen, die ihr im Leben begegnet, es gewesen.

Er, der arme, tote Mann, der erst seit zwei Tagest Unter der Erde lag, hatte ihr nähergestanden, vielleicht nur deshalb, weil er leiden mußte, weil er so bleich in seinen Kissen gelegen und weil aus feilten Augen so oft eine Sehnsucht geleuchtet hatte, die seine Fran nicht ver­stehen konnte.

Ja, sie wußte es ja längst, sie liebte nicht das Frohe, Heitere. So, wie sie den Herbst dem Frühling vorzog, weil er schwerer und ernster war, so zog sie die Menschen, die leiden mußten, denen vor, die es verstanden zu genießen.

Alles was still und ernst und traurig war, stand ihr nah, und ihr altes, melancholisches, unschönes Witwenhaus war ihr vielleicht darum so ans Herz gewachsen, weil es nicht fremtdlich, hell und lebensfroh war, iveil es von Glück nichts wußte.

Glück! Was war beim Glück? Sie erhoffte doch auch ein Glück vom Leben, von der nächsten Zukunft und zwar ein so ganz großes, gewaltiges, ein überwältigendes Glück, so ein Glück, das fähig ist, einen Menschen zu er­schlagen mit seiner Wucht.

Aber sie sah das Glück nicht wie ein Lachen, nicht wie eine blendende Frühlingssonne oder wie ein klingendes Lied. Das Glück, ldas sie an der Brust des einzigen Menschen, der sie verstand, ersehnte, das war ein Glück, das auf einsamen Pfaden wandelte, so ein Glück, das vielleicht den meisten närrisch vorgekommen wäre, weil es so dunkle, stille Kleider trug und nicht recht lachen konnte.

(Fortsetzung folgt.)