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(Nachdruck verboten.!
(Sortifiiintg.)
Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlau.
Der stille, kühle Herbstmorgen floß durch die weitgeöff- I ueten Fenster des Wohnzimmers, floß hinein wie etwas Schaumiges, das inan als Masse sieht und das unter den I Fingern zerrinnt, wenn man es greifen ivill. Er erfüllte I das ganze Zimmer mit einem Hauch von Kälte und I Wärme zugleich, war wie eine von den schönen Frauen, I die sich warm imb weich nnsehen und doch kühl sind, wenn | in an sie berührt.
„Wenn ich jetzt eine Stunde allein in den Wald I könnte!" dachte Frau von Hilbach, „vielleicht in die Buchen- I halle, wo sie im Sommer den Gottesdienst halten!" Da I wußte sie eine Stelle, die war wie eine hohe, gewölbte Kirche. I Wenn sie jetzt dahin könnte und denken und träumen und I ihn zu sich rufen, ach----Sie strich über ihre heiße I
Stirn.
„Wenn Sie vernünftig wären, setzten Sie sich eine I halbe Stunde in den Garten!" sagte die Kost), die anfing zu gähnen. „Erwin schläft und dem da können Sie ja ! doch nicht mehr helfen, nu, mtb wenn die Frau wach wird, ruf ich Sie."
„Ich dachte dasselbe!" sagte Frau von Hilbach, „aber ich wollte eigentlich zur Buchenhalle." I
„Nee, Frau von Hilbach, das ist nu wieder so em Plan, na, Sie wissen ja! Um einhalb fünf Uhr früh in die Buchenhalle als alleinstehende Frau, was Jhüen da passieren kann! Gehen Sie hinunter in die Laube und wenn sie wiederkomnien, geh ich auch mal in die Luft. Mit Schlafen wollen lvir gar nicht erst anfangen, denn von einer halben Stunde wird man nur müd, lind am Tag kommen lvir doch nicht viel dazu!" .
Fran von Hilbach ging leise durchs Wohnzimmer, tit dem ihr Kind schlief; dann saß sie in ihrer großen Laube und । war im Anfang wie betäubt von all dem Duft, von der Frische und Herbheit, die sie einatmete.
In solcher Pracht dürfte sie leben, tagaus, tagein und hatte doch ihre Seele so dunkel werden lassen, war so verzagt geworden, daß all die Schönheit um sie her ihr nichts mehr bedeutet hatte. .
Nie hatte sie um diese Stunde hier draußen gesessen, nie zuvor hatte sie sich erfüllen lassen von dieser wundervollen Einsamkeit und Frische. Der Himmel, der da so blau wie ein Ntärchen über der Saale hing, der gehörte jetzt ihr allein, das Wehr rauschte nur für sie, der leise Wind, der mit den Blättern des Apfelbaumes sein Spiel trieb nnb' ihr das heiße Gesicht umwehte, war auch nur für sie da, denn die anoern schliefen ja noch oder saßen m ihren Zimmern. Drüben im Dal flog ein Zug vorüber, der kam von Naumburg her, und hinter Naumburg lag die
große Welt, von der sie nur noch so wenig wußte. In dieser großen Welt lebte er, arbeitete er und war vielleicht müde und sehnte sich
„Komm Liebster!" sagte sie leise, „komm zu mir! Ein Augenblickchen ruh dich aus. Bald ist ja das^cchrnm, dies schreckliche, schwere Jahr! Komm, nimm michin deine Arme wie damals! - Du, sag doch etwas, nenn mich wieder „Weibelcheu"! — Du, sag doch etwas, wenn unch wieder mal, ich hab mein Bersprechen gehalten, es war |o schrecklich sch^Und sie erzählte ihnl alles und alles! vergaß die Welk um sich her, sah nicht, daß die Sonne golden über per Saale lachte und auch das graue Witwenhaus tn einen warmen Glanz einhüllte.
Der Kopf war ihr auf die Tischplatte gesunken er hielt sie in den Armen — — das böse, böse ^ahr war zu Ende, sie hatten gesiegt! —
„Nanu, Frau von Hilbach," sagte die Kosh und rüttelte sie leise an den Schultern, „doch em geschlafen! Ne, dazu haben wir keine Zeit. Tun Sie noch eut paar tiefe cktem- züqe, das erfrischt, dann gehen. Sie 'rauf. Dre Frau Bauunternehmer ist wach und weint natürlich sehr, ist auch unglücklich, daß sie nicht dabei war, tote er s zu Ende machte. Trösten Sie sie mal em bißchen und erzählen Sie ihr, daß er einen leichten Tod gehabt hat, das Int
i ihr wohl!" _ r
Frau von Hilbach ging ins Haus, aber sie war noch I nicht ganz aus ihren Träumen erwacht, erst wie die Hrau Bauunternehmer ihr schluchzend um den Hals siel und sich anklagte, daß sie die schwerste stunde mit ihrem armen Mann versäumt hatte, sand sie sich in die Gegenwart zurück und berichtete, er sei so still und leise gestorben, daß sie geglaubt habe, er schlummere nur.
Eine Weile noch gab sich die Frau Bauunternehmer ihrem aufrichtigen Schmerz hin, dann, als die. Ko,y den 1 beiden Damen Kaffee brachte und den kleinen Erwin aus dem Bett nahm, kehrte sie zum Alltag zuruck. .
I Der Doktor kam iioch einmal, um den Totenschem auv- I zustellen; dann berieten sse über die Art der Beisetzung.
I Natürlich sollte die Leiche nach Leipzig gebracht werden, I der Doktor ordnete das Nötige an. ,
Die Kosh war den ganzen Dag ttt Wlbt _ ,te stres wohl zehnmal über die Brücke, um wichtige Besorgungen I zu machen, aber sie mußte den kleinen Erwin mitnehmen, aus d-ss-u Schuuitu sie sich stutzt-, d-uu d>- «ad-r tu °u I ihr weh, und manchmal mußte sie mitten un Weg stehen I bleiben, weil es wie eine Schwäche ilber sie kam.
I Frau von Hilbach sollte die. Frau Bauunternehmer nach I Leipzig begleiten und einige Tage bei ibr verweilen; da | die Frau Bauunternehmer ungern m oas Zwnner, ttt dem ihr Mann gestorben war, zurückkehrte, beschloß st^ all ihre Sachen zu packen und gleich in Leipzig zu bleiben.
I Sie zahlte die Miete für das Jahr zg Ende und bat Fra»


