Ausgabe 
2.12.1911
 
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Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Vertag der Brühl'Ichen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lang«, Gießen.

Auf alten Speichern.

Von Georg Sch ul hoi «Leipzig).

Ein herrlich-klarer Julimorgen ist's: einer jener sonnigen Ferientage, die man so recht herbei sehnt, wenn Serbststürme durchs Land brausen und das Laub lallt, oder wenn das rotnter- lich.trostlose Grau den arbeitsreichen Tage» ihr Gepräge gibt. Ich filze im Wohnstiibchen des al en Häuschens meiner Verwandten und träume vor mich hin; vor dem Fenster aber dehnt sich das weite, lruchtbare Land und ganz hinten tauchen ausbern wonnigen Blau des Himmels die schivachen Umrisse beä_ Höhenzuges auf. Die Sonnenstrahlen flute» herein und gießen über die einfachen Möbel ihren eigenartigen Zauber, eine unsagbare Reinheit aus. Und ich träume im Sessel und beobachte die winzigen Staub» leilchen, die in wirrem Durcheinander in der Sonne spielen.

Tann aber steige ich aus der engen^Weiideltreppe nach oben und die Stiegen knarren unter meine» Stiefeln, als ärgerten sie sich darüber, daß ich hinaus will zum Speicher: ich, der Jtinge, in das Reich des Alten. Und wirklich: in den niederen Räumen da droben, wo die grauen Balsen kreuz und quer laufen, ist noch ei»

Geographischer verfchlebrätsel.

Innsbruck Halle Belgien Paris Bern Bochum Schweiz Breisgau.

Vorstehende Namen sollen derart untereinander geschoben werden, daß eine Buchstabenreihe, voit oben nach unten gelesen, den Namen eines amerikanischen Staates ergibt.

Nuflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer:

AbeHjeid - Citrone Meringsdork Elfter Ntnioe .Befefttgimg Altenburg Oicad« Heliodor: Achenbach, Defregger.

Stückchen Vergangenheit erhalten; ein Stückchen längst ver­schwundener Zetten in die Gegenivart hinüber gerettet, bis auch das untergehen wird wie all das andere. Alles Gerümpel nennen's die Leute. Altes Gerümpel? Nein, für mich ist es mehr

Ta steht einer jener soliden Sessel auS Großvaters Stube, in denen man so unendlich wohl und friedlich ruhte; so ganz anders, als aus den dünnbeinigen Stühleit unserer Salons. Das tote Polster ist freilich bräuitlich geworden und zerschlissen, ein Bein fehlt auch, aber immer noch gefällt mir das Stück, das hier aus dem Speicher so ganz verlassen steht; jahraus jahrein, still und unatifdriitglich beim seine Zeit ist vorüber. Und neben ihm lauter Invaliden, die im Dienste der Hausfrau ihre Glieder ver­loren haben: halb zerbrochene Blumentöpfe, eine längst pensio­nierte Kinderwage, Basen mit Sprüngen und eine Uhr ohne Zeiger. Sie muß schon sehr alt sein und war geiviß einmal das Schmuck­stück des Hauses, denn noch immer ist ihr breites, porzellaueiies Untergestell gar stattlich anzusehen, trotz der Staubschicht, dis darauf liegt. Aber feiner erinnert sich ihrer von denen im kleinen Hause; hier oben blickt sie vom Regal herab auf die verstaubten Kisten und Kasten und jagt keinem mehr die Stunde. Tie Zeiger fehlen ja . . , t ,

Alle Briefschaften l Ich glaub', man könnte mich durch diesen Rui mitten in bet Nacht auf ben Speichet locke». Alte Briete! Welch eine Fülle des Interessanten und Wertvollen birgt eine Kists voll solcher staubbedeckter Papiere. Vergilbt sind sie alle, und bte schwatze Tinte ist braun geworden und blaß. Aber man kann bte fein geschriebenen Mitteilungen recht wohl entziffern, weint auch ein Wurm das Papier angebohrt hat. Ta sind noch die Briefe, die der Urgroßvater einst seiner Braut zujandte: heiße LtebeS- roorte, eingepreßt in die Form altertümlichen Briefstils. Und hier sind andere Nachrichten sorgenvollen Inhalts, fünf Jahre später ge­schrieben. Von geschäftlichem Unglück zeugen sie und führeit bittere Klage über schlechte Zeiten. Tann weiter:, ein neuer Pack. Eine freudige Kunde gleich obenauf: uns ward ein Sohn geboten! Und so entrollt sich vor meinen Augen das ganze Leben dieser Alten mit feinen Mühen und feinet Lust. Immer neue Briefe^ spater, von jugendlich-leichter Hand auf§ Papier geworfen. Der Lohn, der draußen in der Welt bas Glück sucht, berichtet de» Elter» von feilte» Erfolgen. Wie bewegt mögen Batet und Dlutter auf bteie Nachrichten ihres Kindes geblickt haben und wie oft und jetzt liegen sie auf dem Speicher, zusammen mit Rechnungen und alten Steuerzetteln. Tie neue Generation läßt die Schreibmaschine tipve» ober den Telegraphen spiele», wenn sie Erfolge heim be­richten kann. , . . ~ ,

Man wirb sentimental, wenn man dort oben auf bet» Speicher steht; dort bet den vielen Zeugen aus bet alten Zeit, die manche die gute neunen. Wie weit ftnb wir heut' schon von ihr entfernt, wie unendlich roeit! Auf beut Speichet wirb mir bies recht klar, beim liefen der allen Briefe. Wit verstehen die nicht mehr, bte drei Generationen vor uns lebten, wie wir auch fatmt ihre Namen wisse». Und iiachbenklich blicke ich durch die niebrige« Seniler hinaus auf die 'Birnbäume im Gatten und die weiten Aecket da­hinter. Und dann wende ich mich um zu bett Invaliden auf den Regalen und zu einem alten Säbel, den irgend ein einquartterter Unteroffizier hier oben vergessen haben mag. Und ich blicke auf den plüschbezogeue» Sessel, um den die Sonnenstrahlen spielen. Ist's nicht Poesie, dies Unlieben auf dem alten Speicher mit seinen rohen Balke» kreuz und quer . . . ?

Büchertisch.

Fran» Avant Beyerlein, DaS Wunder t><?3 heiligen Terenz. Ein Lustspiel aus dem Mittelalter in drei Auszügen. (Vita, Deutsches Verlagshaus, Berlin-Ch.) Beyerlein tritt hier wieder als Dramatiker hervor. Während er in seinem letzten RomanStirb und werde" feierlich ernste Töne anzuschlagen wusste, läßt er in diesem seinen neuesten Werke die Quellen seiner frohen Laune und seines Witzes sprudeln. Das Wunder des heiligen Tercnz ist in Wahrheit ein Wunde« des allmächtigen Liebesgottes, der auch hier wieder einmal trium­phiert. Beyerleins Kunst in der Zeichnung der Figuren, »N Aufbau einer straffgeführten Handlung und in der Diktion fteg Dialogs bewährt sich auch in dieser neuen Arbeit.

cB wäre mir mehr, als ich Ihnen sagen könEl Mr wäre eine Qual meines Lebens genommen i Aber Sie mutsen mir das zugestehen. Sie müssen es ja doch selbst eursehen, daß dieser peinvolle Irrtum erklärlich war."

Sinb^gnSle Frau, wenn ich mich in dem Wesen und Herzen der Frau, derentwegen Jaspers seine Braut, und sein Wort vergaß, wirklich getäuscht haben sollte, dann wäre ich ja nun aller Sorge um den Freund lebig, nicht wahr, und brauchte nicht erst, um den Rat der gnädigen Fran zu befolgen, erne Aufopferung meinerseits zu versuchen?"

Sie stand, ohne sich zu rühren. ,

Würden Sie mich etwa für so geeignet halten, als ein neues Spielzeug zu fungieren?"

Sie schüttelte, noch immer abgewandt, leise.den Kops.

Ich danke Ihnen"sagte er und wartete eines Zeichens von ihr. Und als das nicht kam:Ich danke Ihnen für alles," wiederholte er. .. , ..

Aber da er sich zum Gehen anschlckte, drehte sie sich mit ausbrechender Heftigkeit zu ihm um.

Sie danken!" Ihre Wangen flammten.Sre danken urü» gehen mit ihrer alten herablassenden Würde davon, ries sie. Geben in Ihrer ruhigen Korrektheit dennoch nut der Verach­tung im Hmzen für ein solches Weib, das sich Männer, zum Liebesspielzeug holte nach ihrem Gefallen. Aber die Manner, die dasselbe tun, die ein hundertmal schlechteres Spiel treiben mit armen leichtgläubigen, sehnsüchtigen Mädchen, die ge rn u * beschälten, hochgeachtet durchs Leben. Denen begegnen Sie auch nicht mit der Geringschätzung, mit der Sie vor Zähren eurer Frau gegenübertraten, die nicht einmal W es weiter begangen hatte, als ihr sprudelndes Temperament, i&re junge suchende Sehnsucht etwas weniger ängstlich vtefleicht verschlossen zu halten, als andere Frauen nach althergebrachter ^'cklichkeit es zu tun pflegen. Sie, Sie kamen mit einer vorgefaßten Meinung und dachten nicht daran, wie unerfahren und nnbeschutzt das ein­same junge Weib dagestanden, ohne Gatten, ohne, Familie, rote

hungerte nach Glück und sich bangte nach einem einzigen »K; ZÄÄÄÄÄ D.«

3«*« i» MM. W! Ich gestehe es gern, daß er mir nicht mehr war als das, was Sie vermuteten, wenn auch in ganz anderer Weise als «re glauben. Ich gestehe auch mein Unrecht ein gegen G» und feine Braut, ein Unrecht, daß ich indes zu sühnen wissen werde. Das Ganze warum sollte ich s nicht sagen, war eine falsche, grundfalsche Berechnung von mir, war em Spiel, au- Hoffnung und Verzweiflung geboren, und wurde gespielt eines anderen wegen."

Eines--- eines anderen wegen?'

Ihr Blick fing sich sekundenlang in seinem.. Und wieder, während sie sich hastig abwandte, fheg ihr mne sE helle Röte langsam bis in die .Stirn. Er war mit zwei Lschrttten an ihrer S^ite^ .$ Een, - nein, ich muß es wissen, wer der andere ist!" sagte er rasch und tonlos.

Nein," erwiderte sie .mühsam,denn dieser andere ver­achtet mich als ein Weib ohne Herz, ohne Gewissen

S^verbarg aufschluchzend das Gesicht in ihren Händen.

Mm mich einmal nahm sie sich zusammen.Gehen Sie jetzt!" sagte sie.Ich bin auch heute noch zu stolz, um von Gnade zu ^no6er nahm, y. six fest in seine Arme.Gnade nm Gnade!" sagte er dabei leise und leidenschaftlichSez barm­herzig! Du gegen mich, endlich!"