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tFortsetzung folgt.)
Ein Blick ihres Gegenübers ließ sie jedoch plötzlich Yxw stummen.
„Ich dachte, gnädige Frau, daß gerade Sie am Ende einen guten Rat wüßten, da Sie Freund Jaspers inzwischen öfter gesehen haben als ich." Er dämpfte die Stimme und beugte sich ein wenig vor. „Man sagt, Jaspers denke mehr an eine schöne lange Frau unserer hiesigen Gesellschaft, als an seine Braut."
Sie hatte sich rasch gefaßt und warf leicht den Kopf zurück. Em seines, spöttisches Lächeln flog um ihren Mund.
„Wie erschütternd, was man da sagt! Und Sie getreuer Eckart konnten den ungetreuen Freund vor solcher Sünde nicht bewahren?"
„Was für Waffen hätte ich der Macht einer reizenden Fraq gegenüber?"
„Nicht übel!" lachte sie. „Ich muß zugeben, auch ich wüßte nur eine ..."
„Die wäre?"
„List."
Er schüttelte den Köpf. „Das ist nicht meine Begabung. Die schöne Frau ist in unserem Fall so klug, daß sie meine Listen wie Glas durchschauen würde."
„Ah —! Auch klug! Und das sagen Sie? Dann muß ich's freilich glauben. Und da dünkt es mich schließlich kein so großes Wunder, wenn Ihr Freund —"
„Nein!" fiel er rasch ein, „es ist kein Wunder, daß er so großen Reizen erl'gen ist! Was mich an der Sache nur wundert, ist erstens der Geschmack der schönen Frau. Jaspers ist ja ein braver, hübscher Junge, freilich. ?lber doch auch blutjung und int übrigen — nun, gnädige Frau versteh'» mich. Weiter verwundert mich das — ich kann mir nicht helfen — das reichlich robuste Gewissen der Dame. Ich begreife nicht, warum sie sich nicht ein anderes Spielzeug aussucht als gerade diesen Mann, den seine Ehre anderweit bindet."
Die junge Frau hatte inzwischen den Kops in die Hand gestützt, so daß die blonden Kaarwellen des tiefgesenkten Hauptes über ihre schlanken Finger fielen. Göhring sah unverwandt auf sie nieder. So saßen beide eine Weile regungslos und schweigend.
„Woher wissen Sie, daß er der Frau ein — Spielzeug ist?" fragte sie endlich in mühsam verhaltener Erregung. „Wenn es nun auf beiden Seiten eine große Liebe wäre?"
„Ich kann das nicht glauben, weil — man sagt, die schöne Fran habe schon öfter ihr Vergnügen an derartigen kleinen Unterhaltungen gehabt, und sie habe überhaupt kein Herz, das einer großen Liebe fähig wäre —"
Er hatte leise gesprochen und seine Züge waren starr geworden dabei.
■ Die Frau ihm gegenüber richtete sich mit einem Ruck zu! voller Höhe aus und blitzte ihn aus einem tief erblaßten Gesicht mit zornigen Augen au.
„So schöne Dinge sagt man, Herr von Göhring? O, ich weiß wohl, daß man sic sagt, das heißt, daß die stumpfe, dumme, häßliche Menge so redet. Aber Menschen wie Sie glauben solche Dinge nicht, die der Unverstand sinnlos, ungeprüft weiterschwatzt."
„Rein," sagte er fest. „Menscheir wie ich glaubeir nur daS, was sie selbst nach eigenem Beobachtungen für wahr oder richtig halten."
„Und Sie — Sie halten das — für richtig?"
„Ich — habe leider keinen Grund, es — nicht zu, tun."
Wie entsetzt haftete ihr Blick für ein paar Augenblicke an seinen Lippeir. Dann lachte sie plötzlich hell auf, ließ sich in ihren Stuhl zurückfalleit und zuckte die Achseln.
„Ja, mein Herr Capitano, da weiß ich wirklich keinen Rat! Männer, die in die Schlinae h-rzloser Koketten fallen, sind meiner Ansicht nach garnichts Besseres wert. Lassen Sie Ihren guten Freund selbst zusehen, tote er mit seiner Liebe und Ehre fertig toird. Und der schönen Dame —" sie erhob sich und stand ihm kühl und stolz gegenüber, „werden Sie schon ihr „Spielzeug" lassen müssen, so lange eS ihr gefällt."
Er war aufgesprungen und verbeugte ,ich nun wortlos.
Als er sich in gemessenster Förmlichkeit zum Abschied über ihre Hand neigte, sagte sie langsam:
„Ich hätte Sie doch für einen geschickteren Festster gehalten/ Herr von Göhring. Bei ihrer Beurteilung der betrcssendeu Dame lag doch eine gewisse Kriegsgepflogenheit so nahe —"
Er stand in höflicher Kälte abwartend vor ihr. ■
„Ich habe mir sagen lassen, daß man im Kamps ost den Feind von einem gefährdeten Punkt abznlenken lucht, indem! mlan ihm anderweitig zu tun macht —"
Seine Züge belebten sich lähltngs, und er sah thr nut Span- "E,WaruM"gaben Sie der schönen Frau nicht längst ein anderes Spielzeug? Ja, ich muß Sie als Soldaten der Feigheit zethen," sie lachte, während ihre Lippe« zitterten und ihre. Augen ver- - räterisch Zeucht glänzten, „daß Sie sich nicht, edelmütig, Helden- hast selbst aufopferten — —" . ...
„Gnädige Frau —" Sie hafte ihm den Rucken geivandk und hastig einige Schritte ins Zimmer hinein getan. „Gnädige Fran! Wenn ich mich geirrt haben sollte in meutern Urteil —:
Auftge, die außerordentlich tot so etwas gewöhnt war, eine Menge Lügen gehört haben muß.
Und nun noch eins: Falls Sie sich unterstehen, daran -u zweifeln, daß mein Mann Annas Vater war, so beleidigen Sie mich persönlich auf die gröbste Weise. Wenn Sie über diesen Gegenstand eine unpassende Neugier empfunden haben oder noch fühlen, so empfehle ich Ihnen zu Ihrem eigenen Besten, sie ein- für allemal fahren zu lassen. Diesseits des Grabes, Mr. Hartright, wird diese Neugierde nie befriedigt werden, was ü,uch jenseits geschehen mag.
Kriegslift.
Skizze von Toni Sarten-Hoencke (Kiel).
„Sie sehen so ernst aus, Herr von Göhring. Ist Ihnen etwas Trauriges passiert?"
„Mich führt allerdings etwas Besonderes zu Ihnen, gnädige Frau."
„Ah!? — Aber nehmen Sie doch erst Platz —" Und die schöne Frau ließ sich bei diesen Worten selbst in einen Sessel gleiten und strich mit der weißen gepflegten Hand leicht über die Armlehne, während sie ein wenig vornüber gebeugt erwartungsvoll sitzen blieb.
„Ohne einen besonderen Anlaß wüßte ich freilich auch kaum, wie ich zu dem Vergnügen käme, den Herrn Kapitän hei mir zu sehen," sagte sie mit einem raschen Aufblick der laugbewimperten Äugen.
„Gnädige Frau sind zu liebenswürdig! Wie dürfte ich wagen."
„Oh, machen Sie doch keine Worte! Kommett wir lieber zur Sache. Sie haben mich sehr neugierig gemacht."
Er richtete sich straffer auf und sah an ihr vorbei. Das volle Licht des Sommeraheuds fiel auf sein etwas eckiges, männliches Gesicht, das von der Seeluft schier schwarzbraun gefärbt war.
„Die Sonne scheint Ihnen grab in die Augen," sagte sie, Und in ihrem Blick lag etwas, das ihn beunruhigte, etwas wie — wie Respekt oder Anerkennung oder —■ et wußte nicht, wie er es fassen sollte, und ihr Ton glitt aus dem Konventionellen heraus in eine Art weichen, frauenhaften Ernst, der ihn eigentümlich unsicher zu machen drohte. „Wollen Sie lieber die Balkontür schließen, ober sollen wir die Vorhänge zuziehen?"
Er neigte sich bankend.
„Ein Seemann sollte doch wohl an Sonne gewöhnt fein! Uebrigens wird sie gleich hinter den grünen Wipfeln drüben verschwunden sein. Er stand auf und trat in die offene Tür. „Welch beruhigend schönen Blick Sie doch von hier haben!"
„Nicht wahr?" Sie sah ihm nach, ohne ihre Stellung zu verändern, und als er sich langsam zurückwandte und sich wieder ihr gegenüber niederließ, begegnete er ihrem halb scheu, halb dringlich fragendem Blick. .
„Es handelt sich um menten Freund Jaspers. Gnädige Frau kennen ihn ja auch--"
Sie schloß die Finger einen Moment lang fest UM den goldgelben Chifsonschal, der ihr von den Schultern geglitten war, mnb eine Helle Röte stieg ihr langsam vom Hals in bie Schläfen.
„Gewiß . . . ."
„Vielleicht könnten Sie mir seinetwegen einen Rat geben?"
„Ich? Einen Rat?"
„Gnädige Frau wissen, daß Jaspers seit etwa zwet Jahren verlobt ist, und kennen seine Braut vielleicht, die sehr an ihm THinnt -__
„Nein," sagte sie schroff, „wie soll ich bie Braut kennen? Sie lebt, denke ich, in Hannover ober irgendwo int Hannoverschen Unb ist, so viel ich weiß, nie hier gewesen."
„Sie war einmal kurz hier bei Verwanbten, aber das tst wohl zu einer Zeit gewesen, als gnädige Frau noch in Berit« wohnten." Er hatte geflissentlich formell gesprochen.
„Das mag sein," gab sie ebenso kühl zurück.
„Ein feines, liebes Mädchen, die Keine Braut, noch sehr jung . . ." Er zögerte und sah auf seine Stiefelspttzen. Da sie ihm aber nicht entgegenkam, fuhr er fort: „Der Vater hatte deswegen auch erst zu diesem Frühjahr bie Hochzeit erlaubt. Merkwürbigerweise würbe ber Zeitpunkt aber nunmehr von dem Bräutigam hinausgeschoben. Ich weiß nicht, was er als Grund angegeben hat . . ." . . . .. y
Unb da er von neuem mnehwlt: „Ich meine, daß es irgend eine Wohnungsschwierigkeit war," sagte sie leichthin. „Mer es kann auch sein — bas heißt, ich weiß es nicht genau .... .
„Ich weiß es eben leider auch nicht. Jaspers ist. nur in letzter Zeit immer ausgewichen, wenn bie Rede auf feine Verehelichung kam. Nun hieß es vor kurzem, die Hochzeit sei aber»
SSber$ befter Herr von Göhring," unterbrach ihn seine Zuhörerin ungeduldig, „bas ist ja an sich vielleicht eine bedauernswerte Sache. Ich kann das nicht beurteilen, und ich wüßte Wirklich .nicht, was i ch —"


