Donnerstag den 2. November
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Die weiße Frau.
Roman von W. Collins.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Ans der nächsten Seite des Tagebuchs findet sich eine andere Schrift- Es ist die Handschrift eines Mannes, groß, entschlossen, fest und regelmäßig; das Datum ist „Den 7. Juli." Sie lautet folgendermaßen: '
(Nachschrift eines aufrichtigen Freundes.) ■
Die Krankheit unserer vortrefflichen Miß halcombe hat mir die Gelegenheit zu einem unerwarteten geistigen Genüsse verschafft.
Ich meine die Durchsicht dieses interessanten Tagebuchs, -welche ich soeben beendet habe.
Es sind viele hundert Seiten. Ich kann, die Hawd aufs Herz gelegt, gestehen, daß jede Seite mich interessiert, erquickt und entzückt hat.
Für einen Mann von meinen Gefühlen ist es unaussprechlich erfreulich, dies sagen zu können.
Diese Blätter sind erstaunlich. Der Takt, den ich hier finde, die Umsicht, der seltene Mut, die wunderbare Ge- oächtniskraft, die genaue Beobachtungsgabe, die bezaubernden Ausbrüche weiblichen Gefühls, haben meine Bewunderung für dieses göttliche Wesen, für diese süperbe Marianne ganz unendlich vermehrt. Die Darstellung meines eigenen Charakters ist über alle Beschreibung meisterhaft. Ich bezeuge von ganzem Herzen die Treue des Porträts. Ich beklage von neuem die grausame Notwendigkeit, - welche unsere Interessen einander feindlich gegenüberstellt. Wären die Verhältnisse glücklicherer Art gewesen, wie würdig wäre Miß Halcombe meiner gewesen.
Die Gefühle, welche mein Herz bewegen, versichern mich, daß die Zeilen, welche ich soeben geschrieben habe, eine h o h e Wahrheit ausdrücken.
Ich schließe das Buch. Mein strenges Rechtlichkeitsgefühl legt es (vermittelst der Hände meiner Gattin) wieder an seinen Platz aus den Tisch der Schreiberin. Die Ereignisse treiben mich fort. Die Verhältnisse leiten mich zu ernsten Ausgängen. Umfassende Perspektiven des Erfolges öffnen sich vor meinen Blicken. Ich erfülle mein Geschick mit einer Ruhe, die mir selbst fürchterlich erscheint. Nichts als der Tribut meiner Bewunderung -ist mein eigen. Ich lege ihn mit huldigender Zärtlichkeit zu Miß Halcombes Füßen nieder.
Ich bete für ihre Genesung.
Ich bezeige ihr mein innigstes -Bedauern -über das unvermeidliche Mißlingen jedes Planes, den sie -für das Wohl ihrer Schwester gemacht hat. Zugleich aber bitte ich sie, mir zu glauben, daß die Kenntnis, welche ich- ihrem Tagebuche -entnommen, in keiner Weise zu diesem Miß
lingen beitragen wird. Dieselbe bestärkt mich ganz einfach in dem Plane, den ich mir zuvor gebildet hatte. Ich habe es diesen Blättern zu danken, daß sie die feinsten Empfindungen meiner Natur erweckt haben, weiter nichts.
Einein Wesen, das gleicher Empfindungen fähig ist, wird diese einfache Aussage alles erklären und alles bei ihm entschuldigen. Miß Halcombe ist ein Wesen, das gleicher Empfindungen fähig ist.
In dieser Ueberzeugung zeichne ich mich
Fosc o, *
Die Aussage Frederick Fairlies - zu Limmeridge House.*)
Es ist das große Uuglück meines Lebens, daß man mich nicht in Ruhe lassen will. Wozu — frage ich jeden Menschen — wozu plagt man mich? Kein Mensch beantwortet mir diese Frage, und kein Mensch läßt mich in Ruhe.
Die letzte Plage, mit der man mich verfolgt hat, ish die, daß man von mir verlangt, diese meine Aussage niederzuschreiben. Man verlangt, daß ich mich der Data erinnere. . Gerechter Himmel! Ich habe das in meinem ganzen Leben noch nicht getan — wie soll ich jetzt damit anfangen?
Ich habe Louis gefragt. Er ist doch nicht ein ganz so großer Esel, wie ich bisher geglaubt. Er erinnert sich ungefähr bis auf einen oder zwei Tage des Datums des Ereignisses, und ich erinnere mich der Personen. Das Datum war entweder der fünfte, sechste oder siebente Juli; und der Name (meiner Ansicht nach ein unbeschreiblich ordinärer) war Fanny, eine entsetzliche Person mit knarrenden Schuhen. Sie überbrachte mir einen Brief von Mariannes Hand.
Nichts stellt meiner Meinung nach den hassenswerten Egoismus der Menschen in ein so auffallend abstoßendes Licht, als die Behandlung, welche in allen Klassen der Gesellschaft unverheirateten Leuten von den verheirateten zuteil wird. Man nehme meinen eigenen Fall. Ich bin so rücksichtsvoll, unvermählt zu bleiben, und mein armer lieber Bruder Philipp ist so rücksichtsvoll, sich zu verheiraten. Was tut er, wie er stirbt? Hinterläßt mir seine Tochter! Sie ist ein liebes Mädchen, aber sie ist eine furchtbare Verantwortlichkeit. Warum wird sie mir aufgebürdet? Weil ich in meiner Eigenschaft als harmloser, unverheirateter Mann verpflichtet bin, meine verheirateten Verwandten von all ihren Sorgen zu befreien. Ich tue mein Bestes für die mir von meinem Bruder hinterlassene Verantwortlichkeit; ich verheirate meine Nichte nach unendlich viel Wirtschaft und Schwierigkeit mit dein Manne, den ihr Vater ihr bestimmt hat. Sie verunreinigt sich mit ihrem Manne,
*) Tie Art und Weise, wie man sich Mr. Fairlies und anderer Aussagen verschaffte, wird später erklärt werden.


