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ititb die Sache hat unangenehme Folgen. Was macht sie mit diesen Folgen? Sie übermacht sie mir!
Es ist ganz unnötig zu sagen, daß Mariannes Brief Drohungen für mich enthielt. Alles droht mir. Alle möglichen Greuel sollten auf mein unglückliches Haupt fallen, falls ich zögerte, meiner Nichte und ihren Unannehmlichkeiten Limmeridge House als Zuflucht anzubieten. Aber ich zögerte dennoch.
Welche Sicherheit hatte ich, falls ich Lady Glyde eine Zuflucht in Limmeridge House anbot, daß nicht Sir Per- cival in einem Zustande heftigen Zornes gegen mich, Weil ich seine Frau ausgenommen, ihr hierher folgen würde? Ich sah, daß mit einem solchen Verfahren ein wahres Labyrinth tum Sorgen und Unannehmlichkeiten für mich verknüpft war, und beschloß daher, erst ein wenig hinzuhorchen, wie man sagt. Ich schrieb demzufolge an die gute Marianne und bat sie, erst allein herzukommen, um die Sache mit mir zu besprechen. Falls sie dann meine Einwürfe zu meiner vollkommenen Zufriedenheit beseitigen könne, so versichere ich sie, daß ich unsere liebe Laura mit dem größten Vergnügen wieder aufnehmen werde — widrigenfalls jedoch nicht. Ich fühlte natürlich sogleich, daß dies Kapitulieren von meiner Seite wahrscheinlich damit enden werde, daß Marianne hier in einem Zustande tugendhafter, türenwerfender Entrüstung anlangte. Aber das andere Verfahren konnte dagegen damit enden, Sir Percival ebenfalls in einem Zustande tugendhafter, tüten» werfender Entrüstung herzubringen; und von beiden Arten der Entrüstung und des Türenwerfens ziehe ich die Mariannes vor — weil ich an sie gewöhnt bin. Demzufolge schickte ich meinen Brief mit umgehender Post ab. Ich gewann Hierbei jedenfalls Zeit — und, das ist gleich ein großer Gewinn.
Am dritten Tage brachte die Post mir einen höchst impertinenten Brief von einem Menschen, der mir völlig unbekannt ist. Er gab sich als den aktiven Kompagnon unseres Geschäftsführers an — des guten, halsstarrigen, alten Gilmore — und benachrichtigte mich, daß er kürzlich durch die Post einen Brief erhalten, dessen Adresse von Miß Halcombes Hand geschrieben. Da er jedoch das Kuvert geöffnet, habe er zu seinem Erstaunen in demselben nichts als ein Stück leeren Miespapieres gefunden. Dieser Umstand sei ihm so verdächtig erschienen (weil derselbe in seinem unruhigen Advokatengeiste sofort die Idee erweckte, daß Spitzbüberei dabei im Spiele gewesen), daß er augenblicklich an Miß Haleombe geschrieben, jedoch keine Antwort von ihr erhalten habe. Anstatt nun wie ein vernünftiger Manu zu handeln, und die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen, war sein nächstes lächerliches Verfahren, wie er dies selbst bewies, daß er m i ch belästigte, indem er an mich schrieb, um mich zu fragen, ob ich etwas von der Sache wisse. Wozu mich auch noch beunruhigen, wenn er selbst schon beunruhigt war? Ich schrieb ihm einen Brief diesen Inhaltes, unb es war dies einer der schärfsten, die ich je geschrieben habe. Seit ich jenem ungemein widerwärtigen Menschen, Mr. Walter Hartright, seine Entlassung zuschickte, habe ich in Form von Briefen nichts Schärferes abgefaßt.
Mein Brief brachte die von mir beabsichtigte Wirkung hervor: jch hörte nicht wieder von dem Advokaten. Dies war vielleicht nicht sehr zum Verwundern. Mer es war jedenfalls ein bemerkenswerter Umstand, daß ich keinen zweiten Brief von Mariannen erhielt, und daß sich keine Wamungszcichen von ihrer Ankunft wahrnehmen ließen. Ihr unerwartetes Ausbleiben war von erstaunlich guter Wirkung für mich. Es war so überaus beruhigend und angenehm, daraus zu schließen (was ich natürlich tat), daß meine verheirateten Verwandten wieder ausgesöhut seien. Fünf Tage ungestörter Ruhe, köstlicher einsamer Glückselige leit, stellten mich ganz wieder her. ।
Am sechsten Tage sollte meine Ruhe ein Ende nehmen. Es meldete sich bei mir ein Herr: der ausländische Gemahl meiner widerwärtigen Schwester, Graf Fosco.
Des Grasen Erscheinung erschreckte mich zuerst. Seine Persönlichkeit war von so großen Verhältnissen, daß ich förmlich erbebte. Jch war überzeugt, daß er den Fußboden erschüttern und meine Kunstschätze umstürzen werde. Er tat weder das eine noch das andere. Gr trug eine Somrner- kleidung, die einen erfrischenden Anblick hatte; sein Wesen war ans eine charmante Weise ruhig und unbefangen — und er hatte ein bezauberndes Lächeln. Mein erster Ein
druck von ihm wär im höchsten Grade günstig. Es spricht dies nicht sehr lobend für meinen Scharfblick, wie die Folgen beweisen werden, aber ich bin tion Natur ein offener, freimütiger Mann und gestehe es dessenungeacbtet.
Erlauben Sie mir, mich Ihnen vorzustellen, Mr. Fairlie, sagte er, ich komme von Blackwater Park und habe die Ehre und das Glück, der Gemahl der Gräfin Fosco zu fein. Lassen Sie mich znm ersten und letztenmal Gebrauch von kiefern Umstande machen, indem ich Sie bitte, mich nicht als einen Fremden zu betrachten. Ich bitte Sie, sich nicht stören zu lassen — bitte, bleiben Sie ruhig sitzen.
Sie sind sehr gütig, erwiderte ich; ich wollte, ich wäre kräftig genug, um ausstehen zu können Sehr erfreut, Sie in Limmeridge zu sehen. Bitte, nehmen Sie Platz.
Jch fürchte. Sie sind heute leidend, sagte der Gras.
Wie gewöhnlich, sagte ich; ich bin nichts weiter pls ein Paket Nerven, die man angekleidet hat, daß sie wie ein Mensch aussehen. ।
Jch habe zu meiner Zeit manches studiert, sagte dieses teilnehmende Wesen, und unter anderen auch diesen un- erschöpslichen Gegenstand: die Nerven. Wollen Sie mir gestatten, Ihnen einen Vorschlag zu machen, die einfachste Sache von der Welt und zugleich die vollkommenste? Wollen.Sie mir erlauben, eine Veränderung in der Beleuchtung Ihres Zimmers zu machen?
Gewiß — wenn Sie nur so gütig fein wollen, kein Licht aus mich herein zu lassen. —
Er ging ans Fenster. So ganz verschieden von der lieben Marianne! So außerordentlich rücksichtsvoll in allen seinen (Bewegungen!
Licht, sagte er in jenem unbeschreiblich angenehmen, vertraulichen Tone, der so wohltuend für Kranke ist, Licht ist das erste Bedürfnis. Das Licht ist ein Nahrnngs-, Reiz- und Erhaltungsmittel. Sie können ebensowenig ohne Licht existieren, Mr. Fairlie, als wenn Sie eine Blume wären Jetzt geben Sie acht. Hier, wo Sie sitzen, schließe ich die Fensterläden, um die Beleuchtung für Sie zu mildern. Da, wo Sie nicht sitzen, ziehe ich das Rouleau in die Höhe und lasse die stärkende Sonne herein. Gestatten Sie dem Lichte Einlaß in Ihr Zimmer, wenn Sie es auch nicht ans Ihrem Körper vertragen können. Das Licht, Sir, ist eine große Verordnung der Vorsehung. Sie nehmen mit gewissen Vorbehalten die Vorsehung an. Machen Sie es mit dem Lichte ebenso. — 1
Mir schien dies sehr überzeugend und sehr aufmerksam von ihm. Er hatte mich angeführt — bis hieher und mit dem Lichte hatte er mich jedenfalls in Bezug aus sich angeführt.
(Fortsetzung folgt
Gebräuche am Merseelentage.
Der Totenkult hat seinen Grund in dem Glauben der primitiven Völker, die den eigentlichen Tod — d. h. die völlige Ver- nichtung des Seins — nicht kennen. Tie Seelen der Verstorbenen leben den Stätten ihres Erdenleoens nahe und treten mit den Lebenden in Verkehr. Aus dem Vorherrschen des Glaubens an einen guten oder bösen Charakter der Geister ergibt sich der Charakter der Beziehung zu den Toten. Ist der Glaube an die Geister der Abgesckstedenen lediglich Gespensterfurcht, wie dies aus den niedrigsten Kulturstufen der Fall rst, so verläßt man kurzerhand den Ort, wo die Toten ruhen, und man sucht den Geist aus alle möglichen Arten dem Hause fern zu halten (das Nähere siehe unter Begräbnis und ähnlichen Titeln bei Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart). In anderen Fällen gibt man dem Toten seinen ganzen Besitz mit ins Grab, denn was dem Toten fehlt, das holt er sich, oder er wird durch den Mangel an Gegenständen, die er entbehrt, zum flüchtigen Herumschweifen auf der Erde veranlaßt. Ans höherer Kulturstufe treffen wir den Totenkult. Tie Verbreiteste Form dieser freundlichen Beziehung war das Totenopfer. Die in ältesten Zeiten geopferten Diener oder die sich opfernden Frauen begleiteten beit geliebten Herrn auf der Fahrt ins Jenseits; di« mitgegebcnett Speisen und Getränke dienten ihnen währemd der Reise nach dem Jenseits zur Nahrung. Und die mitgegebenen Geräte gebrauchte er alle einst wieder. (Bekanntlich ist an Grabbeigaben genau, Geschlecht, Stand und Neigung des Toteir zu sehen. Der Krieger tourbe im Schmuck seiner Waffen begraben, die Frau mit Schmuck oder Haushaltungsgerüten, das Kind mit seinem Spielzeug) Andere Denkmäler dieser Gesinnungen find die Ausstellung von Ahnenbildern im Hause —■ wie z. B. bei den Römern — oder die Errichtung von Grabmälern. Der Aermere, dessen Mittel nicht zur Herstellung eines Tenkmales von Künstlerhand reichten, fand in der Ausschmückung der Gräber und ihrer Umgebung durch Pflanzen einen ebenso schönen als leicht beschaffbaren Ersatz..


