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Ich glaubte, er spräche im Scherz, denn die Aussicht ipar ganz abscheulich, aber er führ unbeirrt fort:
„Sieh nur die großen ziegelroten Häuservierecke, die über die Schieferdächer emporragen, wie Inseln aus einer bleifarbenen See." -
„Das sind die Volksschulen."
,.,DW wahren Leuchttürme der Zukunft, mein Junge!
sind Samenkapseln, von denen jede viele Hunderte von kleinen, lebendigen Körnern enthält, aus denen das bessere, weisere England der Zukunft entsprießen wird. — Was meinst du — ob Herr Phelps Wohl trinkt?"
„Das glaube ich kaum."
„Ich auch nicht. Aber man muß eben jede Möglichkeit in Betracht ziehen. Der arme Teufel ist in eine tiefe Grube gefallen, und ob wir ihn herausholen können, ist sehr fraglich.
Was hälft du von Fräulein Harrison?"
„Sie ist ein sehr starker Charakter."
„Aber auch gut, wenn mich nicht alles täuscht. Sie ittid ihr Bruder sind die einzigen Kinder eines Hütten^ Besitzers irgendwo oben in Northumberland. Phelps hat sich letzten Winter auf der Reise mit ihr verlobt und sie ist in Begleitung ihres Bruders auf Besuch hergekommen, üm die Verwandten des Bräutigams kennen zu lernen. Als dann der Mach kam, ist sie zur Pflege dageblieben, und Bruder Josef, der sich sehr behaglich fühlte, wollte auch nicht fort. Die siehst, ich habe schon unter der Hand verschiedene Erkundigungen eingezogen. Aber heute müssen wir noch viel zu erfahren suchen."
„Meine Praxis —" begann ich.
„©, wenn dir deine Fälle mehr am Herzen liegen als meiner —" unterbrach mich Holmes etwas hitzig.
„Ich wollte nur sagen, daß mich meine Praxis einen oder zwei Tage entbehren kann, da es gerade die flauste Zeit im Jahre ist."
„Vortrefflich," sagte er mit wiedergewonnener guter Laune. „Dann wollen wir die Sache zusammen ergründen. Ich denke, wir suchen zuerst Forbes auf. Er kann uns wahrscheinlich über alle Einzelheiten unterrichten, die wir brauchen, bis sich herausstellt, von welcher Seite der Geschichte eigentlich beiLukommen ist."
„Hattest du nicht schon einen Anhaltspunkt?"
„Sogar mehrere. Wer erst bei genauerer Erkundigung wird sich finden, was sie wert sind. Zwecklose Verbrechen lassen sich am schwersten auffpüren. Doch dieses ist nicht zwecklos? Wer könnte Nutzen daraus ziehen? — Der französische Gesandte, der russische Gesandte und jeder, der einem von beiden den Vertrag verkauft, ferner Lord Hvld- hurst."
„Lord Holdhurst!"
„Unmöglich ist es nicht, daß ein Staatsmann einmal in eine Lage gerät, die es ihm wünschenswert erscheinen läßt, wenn ein solches Schriftstück durch Zufall vernichtet wird."
„Wer kein Ehrenmann wie Lord Holdhurst."
„Ich spreche nur von einer Möglichkeit, die wir nicht aus den Augen lassen dürfen. Wir werden den edlen Lord noch heute sehen und erfahren, ob er uns etwas mitzu- teilen hat. Inzwischen habe ich schon allerlei Schritte getan."
„Schon jetzt?"
„Ja, ich habe auf dem Bahnhof in Woking an die Zeitungsredaktionen in London telegraphiert. Diese" Anzeige hier wird in den Abendblättern erscheinen."
Er reichte mir ein Blatt, das aus einem Notizbuch gerissen war und folgende, mit Bleistift gekritzelte Worte enthielt:
„Zehn Pfund Belohnung — Für Angabe der Nummer derjenigen Droschke, welche einen Fahrgast an der Tür des Ministeriums des Aeußern in der Charles- straße oder nicht weit davon um dreiviertel auf zehn Uhr am Abend des 23. Mai abgesetzt hat. Näheres Baker- straße 221b."
„Du glaubst also, daß der Dieb in einer Droschke Vorgefühlen ist?"
„Ich kann mich irren, doch das schadet nichts. Wenn, wie Phelps versichert, weder im Zimmer noch auf dem Gang ein Versteck ist, so kann der Dieb nur von außen gekommen sein. Kam er aber bei so nassem Wetter von der Straße, ohne auf dem Linoleum, das bald nachher besichtigt wurde, Fußspuren zu hinterlassen, so hat er höchst wahrscheinlich
eine Droschke benutzt. Ja, mir scheint, man kann mit Sicherheit auf eine Droschke schließen."
„Du wirst wohl recht haben."
„Das ist einer der Punkte, von denen ich sprach: viel- lercht erfolgt etwas auf die Anzeige. Ferner die Glocke — sie spielt die bedeutsamste Rolle bei der Sache. Warum ist sie geläutet worden? Hat es der Dieb in frechem Uebermut getan? Oder war jemand bei ihm, der dadurch das Verbrechen vereiteln wollte? Geschah es aus Zufall? Oder lönnte es •—?" Er versank wieder ganz in Nachdenken wie zuvor; mir aber, der ich jede seiner Stimmungen so genau kenne, wollte es fast scheinen, als sei ihm plötzlich! eine neue Möglichkeit aufgegangen.
Gegen halb vier Uhr erreichten wir die Endstation', speisten rasch im Baynhofrestaurant, und fuhren sofort aufs Polizeiamt. Holmes hatte schon dorthin telegraphiert, und Forbes erwartete uns. Der kleine Mann bereitete uns einen sehr frostigen Empfang, sobald er hörte, was wir von ihm wollten; sein scharfes Fuchsgesicht nahm einen wenig liebenswürdigen Ausdruck an.
„Ich habe schon von Ihrer Methode gehört, Herr Holmes," sagte er mit spitzem Ton. „Erst lassen Sie sich von der Polizei alle Auskunft geben, über die sie verfügt, und! führen dann die Angelegenheit auf eigene Hand weiter, um die Beamten in Mißkredit zu bringen."
„Im Gegenteil," versetzte Holmes, „nur in vier Fällen aus den letzten dreiundfünfzig, bei denen ich beteiligt war» ist mein Name überhaupt genannt worden; bei den übrigen neunundvierzig Fällen halle man alles Verdienst der Polizei zugeschrieben. Sie können das nicht wissen, denn Sie sind noch jung und unerfahren; wollen Sie aber vorwärts kommen in Ihrem neuen Beruf, so werden Sie gut tun, gemeinsame Sache mit mir zu machen, anstatt mir entgegen zu handeln."
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
hl. B a l z a c s Kaffee und Tee. Dr. Cabanes, der Parifer Arzt, der sich schon auf manchem Gebiete als Schriftsteller atisgezeichnet hat, veröffentlicht unter den: Titel „'-Bahne 191101'6" ein umiangreiches Werk über den französischen Dichter, das eine Fülle neuer Tatfachen über Balzac enthält und vor allen Dingen reich an nnekdoienhaften Zügen ist. Als Probe dafür mag dienen, was Dr. Cabanes von Balzacs Kaffee und Tee zu erzählen weiß. Balzac liebte den Kaffee ebenso leidenschaftlich wie Voltaire; in seinen Werken findet er sich niebrfact) ausführlich erwähnt. Es sei nur an eine Stelle erinnert, wo Balzac den Kaffee mit folgenden begeisterten Worten lobt: „Ter Kaffee gleitet in den Plagen. Von diesem Augenblicke an ist alles in Erregung; die Gedanken stellen sich auf, wie die Heersäulen der großen Armee auf dem Sch la cd t- felbe, und mit flatternden Fahne!, dazu; die leichte Kavallerie der Einbildung entfaltet sich im prächtigen Galopp; die Artillerie der Logik kommt mit ihren Zügen und Geschossen herbei, die Wortspiele gliedern sich mit Tinte, dann beginnt der Konslckt und er endet mit Gießbächen einer schwarzen Flüssigkeit, wie die Schlacht mit ihrem schwarzen Pulver." Kaffee und Kaffee war aber für Balzac zweierlei. Er hatte bei feiner Vorliebe >ür dieses Getränk eine ganz eigene Art, sich seinen eigenen Kaffee z»z»lbereiteii, von dem ungefüllte Tassen ihn stundenlang bei der 'Arbeit inunter halten mußten. Den Einkauf von Kaffee vertraute er keinem anderen an. Er ging immer selbst, ihn zu besorgen, und zwar in drei verschiedenen Läden, die er nach langem Aus probieren als die besten erfannt halte. In drei verfchiedenen Läden fau'ie er, weil er drei verichiedene Sorten brauchte. Den Bonrbonkaffee kaufte er in einem Laden der Rue Mont Blanc, den Martmiguekaffee in der Rue des Viceilles Handrielles, während ein Geschäft in der Universitäts- ltraße ihm den Mokka lieferte. Natürlich bereitete er ans dieser Mischung von Bohnen auch den Alifgnß selbst und dafür hatte er auch bestimmte Vorschriften, auf die er sehr stolz war. Weniger bekannt als Balzac, der Kaffeetrinler, ist Balzac, der Teetrinker. Balzacs Tee ist fast noch mertwürdiger, als sein Kaffee, beim nach ben Angaben des Dr. Cabanes rühmte sich Balzac, einen Tee zu haben, wie ihn sonst nur ber „Sohn des Himmels" genösse. ES hanbelte sich nach Balzacs Behailptung um einen Tee, ben nur eine chinesische Provinz, und auch diese nur in geringen Wiengen erzeugt, und zwar gerade um die Sorte, die dem chinesischen Kaiser Vorbehalten sei. Durch ganz besondere Erlaubnis wollte Balzac auf Umwegen, nämlich ans den Händen des Zaren, einige Pakete Tee erhalten haben, der für den chinesischen Kaiser bestimmt war. Balzac deutet auch an, welcher Minister und welcher Gesandte ihm bei der Erwerbung des kostbaren Stoffes geholfen hätte. Es gehörte zu ben seltenen Ausnahmen, daß er einem Besucher von diesem köstlichen Tee vorletzte. Geschah dies doch, so ging er sehr sparsam damit um und versuchte alles mögliche, seinen Gast von der Bitte um eine zweite Tasse abzuhalten. Er sagte nämlich, iver drei Mal von dem Tee tränke, werde einäugig, wer sechs Mal da-


