Ausgabe 
2.9.1911
 
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von tränke, verlöre auf beiden Augen die Sehkraft so köstlich sei der Tee. Eines Tages aber geriet Balzac bei einem seiner Gäste an den Unrechten, denn dieser, ein eben solcher Feinschmecker in Teedingen wie Balzac selbst, sagte aus das Märchen von der Einäugigkeit und der Blindheit, indem er ihm die Tasse hinhielt: »Gieß ein, ich wage ein Angel" ,

Kf Erinnerungen an drei Tiger. Der französische Tiermaler A. Millot veröffentlicht in derNature" feffelnde Er­innerungen an Melanie, Mignonne und Pascha, drei Tiger des Museum, die er Ende der 80 er Jahre während seiner künstlerischen Tätigkeit in diesem Institute sehr lange und sehr genau hat beobachten können. Die drei Tiger hatten feste Gewohnheiten, aus deren Geleis sie durch nichts herauszubringen waren. Jeden Morgen wiederholte sich z. B. das folgende Schauspiel: Mignonne, die bengalische Tigerin, die auf ihrem Brette geschlafen hatte, erwachte, gähnte, räkelte sich und sprang dann mit einem geräuschlose,: Satze auf den Boden. Ihr hartes Lager war ihr unbequem, und nun wollte sie es sich in dem irischen Stroh bequem machen, auf dem ihre beiden Gefährten schon lagen. Mit unendlichen Borsichts- masiregeln setzte sie geräuschlos zuerst eine Psote zwischen die beiden Schläfer, dann die zweite, und wenn sich nichts rührte, schickte sie sich an, ganz in das Stroh hinemzutzleiten. Aber plötzlich zuckt sie zurück. Die Kambodscha-Tigerin ist erwacht und streckt ihr ab­wehrend die bekrallte Tatze entgegen. Um sie zu besänftigen, schnauit Mignonne sanft gegen die Schnauze der Unzufriedenen, reibt ihren feinen Kopf an der anderen und schiebt saust ihren Lew nach dem ersehnten Platze. Noch einmal macht die Kambodscha-Tigerin eine Drohbewegung, dann aber beruhigt sie sich; nun sind alle drei Tiger auf dem Strohlager, und Mignonne streckt sich wohlig neben ihren Gefährten aus. 'Während Mignonne klein und zierlich war, war Melanie, trotz des gemeinen Namens, ein riesiges, geschmeidiges Prachtstück. Der dritte Insasse des Käfigs, ein riesiger, hochbeiniger Tiger, hatte den wohlverdienten Namen Pascha. Er flammte aus Cochinchrna. Immer sah er gelangweilt, dabei aber geduckt und heiintückisch aus, er hatte einen falschen Blick und sah immer seit­wärts. Kurz, sein Aeußeres berührte den Beschauer nicht angenehm. Melanie war sehr herrschsüchtig, und Mignonne behandelte Pascha verächtlich, und so herrschte in dieser Tigergefangenschaft ein richtiges Weiberregiment. Pascha, der außerordentlich faul war, wie es einem echten Orientalen geziemt, ließ sich mit Seelenruhe alles gefallen. Wenn die Verbindungstür zwischen dem inneren Käfig und dem äußeren geöffnet wurde, schritten jedesmal die beiden Tigerinnen lebhaft und herrisch aussehend vorai:, Pascha aber schritt nachlässig hinter ihnen her, versolgt von den Flüchen des Wärters, der sich zedesmal über seine Trägheit ärgerte. Einer der Wächter erlebte in diesem Tigerkäfig einmal ein recht gefährliches Abenteuer. Früh morgens, als das Raubuerhaus noch dunkel war, kam er, mit der Traglampe in der einen, mit Wassereimer und Bürste in der anderen Hand, um die Käfige zu reinigen. Wie jeden Tag, zieht er die Verbindungstür hoch, und die Tiger verschwinden in den Nebenkästg. Nun inacht er sich an die Reinigungsarbeit, nimmt Schwamm und Bürste in die Hand, kniet nieder und beginnt zu scheuern. Plötzlich hört er dicht bei sich ein ihm wohlvertrautes Geräusch, den gedämpften, fast unhörbaren Schritt eines schlei­chenden Tigers, und im Augenblick drauf fühlt er ein Schnaufen im Nacken. Voller Schrecken richtet er sich auf. Vor sich im Halb­dunkel sieht er die Schultern eines Tigers in dem Ausschnitt der Verbindungstür, die er zu schließen vergessen hat. Es ist Mölanie, die mit flammenden Augen auf ihn zukommt, und hinter ihm sieht er die Augen der anderen beiden Tiger funkeln. Einen kurzen Augenblick starren Mensch und Tier einander in die Augen, da findet der beherzte Wärter einen Ausweg: er greift nach dem Wassereimer und wirft ihn der Tigern: an den Kopf; hierüber ist sie so verduzt, daß sie einen Augenblick zurückweicht, und diese kurze Zeitspanne benutzt der Wärter, um nach der Kelle zu springen, die die Falltüre oben hält. Krachend glellet sie zu Boden, und nun ist er von den Tigern getrennt. Wie der Wärter erzählte, war er froh, daß er es mit Melanie zu tun gehabt hatte, denn Pascha, so meinte er, hätte ihn zweifellos sogleich niedergeschlagen. Am Nachmittage bekam Melame zum Lohne dafür, daß sie den Wärter verschont hatte, eine Extraportion Fleisch, die ihr wahrscheinlich besser mundete, als das Menschenfleisch, auf das sie verzichtet hatte.

* DasLeitmotiv" in der Autohupe. Miß Taft, die Tochter des Präsidenten der Vereinigten Staaten, ist eine be­geisterte Wagnerianerin. Sie geht zu allen Konzerten und Auf­führungen, in denen man Werke von Wagner g:bt, sie tränt Baretts ä la Wagner", die ihr beiläufig bemerft ganz vorzüglich zn Ge­sicht stehen, und mcht genttg bamit, sie hat mit ihren Freundinnen eineWagner Ligia" b'egrünbet, in der alle juitgen Tarnen Namen der Hauptheldinnen Wagners tragen und einen wahren Kult mit den: Schöpfer desLohengrm" treiben müssen. Jetzt hat Miß Taft aber, wie der Gaulois berichtet, ein neues eigenartiges Mittel ge­funden, der ganzen Welt :hre Liebe ztt Wagner kundzutun, indein sie sie allen in die Ohre:: tutet. Ste hat sich nänilich für ihr Auto eine Hupe machen lassen, die zwei Leitmotive des großen Tondichters erschallen läßt, und das soll recht häufig geschehen, wenn sie durch die Straßen der Stadt fährt. Natürlich hat dieses Vorgehen großen Anklang gesniiden, und es ist bei den Amerikanern geradezu zur 'Diebe geworben, die Autohupe Leit­

motive von Wagner blasen zu laffen. Da aber jeder ein besonderes Leitmotiv haben muß, so hallen die Straßen von diesenEchoS von Bayreuth" wieder, die das große Publikum staunend und mit etwas gemischten Empfindungen vernimmt.

Hier wie dort. Ein Schrütsteller erzählt folgenden Vor­fall: Einem Professor wurde von den Stndenden einer westlichen Universität in Amerika erzählt, daß der Koch ein Zeug zusammen- braue, da? nicht zu genießen sei. Der Professor rief den Pflicht­vergessenen, hielt ihm eine Strafrede und drohte ihn: mit Entlassung, wenn er sich nicht bessere.Sie sollten dem, was die jungen Leute sagen, nicht soviel Bedeutung beimessen", sagte der Koch.Die sagen dasselbe von Ihren Vorlesungen."

* In der S chaubude. Zuschauer (ungehalten):Bor! dem Eingang schreien Sie, hier sei der merkwürdigste Zwerg der Welt zu sehen. Und was finde ich? Einen Menschen, der fünf Fuß und fünf Zoll mißt." Besitzer:Das ist ja gerade das, Merkwürdige an ihm. Er ist der größte Zwerg der Welt!"

Büchertisch.

Therese Köstlin, die Tochter unseres unvergeß­lichen, zu früh Heimgegangenen Professors, Geh. Kirchenrat D. Köstlin, hat uns wieder mit einer feinen Gabe ihrer sinnigen Muse beschenkt.Unter dem himmlischen fEage1, so nennt sie die neueste Sammlung ihrer Gedichte. (Heilbronn, bei Eugen Salzer.) Ueber die Eigenart ihrer Dichtung spricht sie sich dann selbst so treffend aus, daß wir nichts befleres darüber zu sagen wüßten:

Du hast etwas zu sagen;

Du darfst es wagen."

So sprecht ihr. . . Ach, zu sagen weiß ich nichts, Nur zu singen:

Wenn aus den Landen reinsten Lichts Nie gehörte Melodien Leise durch die Seele ziehen, Sailen in der Seele beben, So leise nur, daß im Erklingen Die Töne als ein Traum verfchweben.

Sie hat uns in der Tat etwas zu sagen, was sie in tiefster Seele eigenartig, fein und wahr empfunden hat. Und sie sagt es in eigenartig herber Schönheit der Form. Aber es klingt alles, wie der Gesang der Geister über den Waffern, traumhaft, weltfern. Sie sehnt sich leidenschaftlich nach Licht, aber das Licht blendet sie, weil sie im Dunkel wandelt; sie liebt das Leben, aber sie reibt sich wund an seiner harten Wirklichkeit, sie ringt um die Wahrheit, aber die dunkeln Rätsel bedrängen sie. Und

Dennoch in seltenen Stunden, Seltener, ach! als die Seligkeit Wolkenlos blauer Tage Streut uns das Leben im Uebermut Semer göttlichen Gebelust Uns, den vergessenen Kmdern Eines versunkenen Traumes Und in: Vorübergehen Eine Fülle von Blüten hin, Eine Fülle, so heilig schön, Daß wir in Demut erschauern, Und in stammelndem Liede uns Künden, was wir geschaut.

ES lohnt sich, dieser Kunde zu lauschen. Zart und doch kraftvoll weist sie den Weg aus Dunkel zum Licht, v. S.

Vichterquadral.

Werkzeug.

Baum

Dichter

Oper

Pflanze

A B B C EEEEEE HHH I L M NN 00 PR8SU

Aus den vorstehenden Buchstaben sind in dem Viereck Wörter von der be:gesetzlei: Bebentung z:: bilben. Bei richtiger Lösung ergibt bie erste und letzte senkrechte Reihe die Nan:en zwe:er deutscher Dichter. (Auflösung in nächster Stummer)-,

Auflösung der Königspromenade in voriger Nummer7 Trag ein Herz, den Freuden offen, Doch zum Le:denskampf bereit;

Lern int Mißgeschicke hoffen, Denk des Sturms bei heitrer Zeit.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.