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ihre Beteiligung zugesagt. Die Schenkungsurkunde über das Terrain au der See war von den Everstedts, Vater und Sohn, bereits ausgefertigt worden, und nun hatte auch die Frau Oberbürgermeister — man denke, die Frau Oberbürgermeister! — eine Sammelstelle errichtet und hatte vorläufig nichts weiter zu tun, als milde Gaben einzukassieren. Das Geld floß in Strömen. Die Bewegung zum Besten verwaister unehelicher Kinder hatte mit einem Schlage eine Bedeutung gewonnen, die man vorher gar nicht geahnt hatte. Ganz Deutschland griff ein; die berühmtesten Namen gehörten zu dem unförmlich angeschwollenen Komitee; auch eine eben erschienene Broschüre eines Professors der Volkswirtschaft beschäftigte sich mit der Angelegenheit und pries mit begeisterten Worten das mutige Vorgehen der freien Stadt: „dieses demokratischen Gemeinwesens, das mit fester Hand eine schwere Wunde am Lebenskörper der Menschheit bloßgelegt und zu ihrer Heilung die erste tatkräftige Anregung gegeben hat." Es war ein'glänzender Sieg der Goldenen Horde. Wenn man Eva- chen hörte, konnte man der Ansicht sein, daß sie sich Zeit ihres Lebens mit nichts anderem als mit den gewichtigsten sozialen Fragen befaßt hätte.
Das Sommerfest war nun definitiv auf den sechzehnten August verlegt worden. Der Oberbürgermeister hatte Mels Kruse zu sich gebeten, um mit ihm die Vorbereitungen zu besprechen, und war mit allem einverstanden gewesen. Den Märchenzug sollte Kruse ganz nach seinen eigenen Intentionen arrangieren. — „Traute," rief Eva, „die Welt dreht sich um!" Und dann fiel ihr noch etwas ein. Man erzählte in der Stadt von einem Krakeel zwischen Kruse und Everstedt. Ein paar sagten, sie hätten sich geprügelt; ein paar sagten, sie hätten sich geschossen. Niemand wisse Bestimmtes; aber viel könne an der Geschichte nicht sein, denn erst gestern habe man die beiden Arm in Arm auf der Promenade gesehen.
Das beruhigte Traute wieder, die anfänglich ein ungewisses Schreckgefühl bei dieser Nachricht nicht hatte unterdrücken können. Und dann fragte sie, wie es denn nun eigentlich mit der Verlobung Everstedts stehe. Auch davon munkele man überall, erwiderte Eva, aber aus dem Everstedt werde man ja nicht klug; jedenfalls lasse er sich nichts merken, und die Kvmteß sei hochnäsig wie immer.
Nun aber die Hauptsache: Traute müsse endlich aus ihrer Klausur heraus. Die Goldene Horde vermisse sie schmerzlich, und die Proben zu dem Kostümfest seien schon im vollen Gange. Auf Kruses Veranlassung habe Ellen Meier vorläufig die Rolle der Märchenkönigin übernommen; aber das sei nur ein schwacher Ersatz: Ellen benehme sich unaussprechlich dämlich, und die paar Verse, die sie zu deklamieren habe, spreche sie wie ein Schulmädel. Nun geriet Traute wieder in schwankende Stimmung. Es war doch eigentlich eine Ehre für sie, daß sie vermißt wurde und daß Kruse immer noch auf sie rechnete. Sie fragte nach den Versen (Mursinna war der Dichter), und ob sie schön seien, und dann bat sie Eva, man solle ihr zunächst einmal die Rolle zusenden.
Das geschah schon am folgenden Tage. Es war keine schwierige Aufgabe, die wenigen Zeilen zu lernen: eine gereimte Antwort auf den Huldigungsreigen der Märchengestalten. Aber Traute hielt sich ihren Entschluß noch frei — im entscheidenden Augenblick konnte sie ja immer noch einspringen. Sie scheute sich vor einer bestimmten Zusage. Sie kam aus dem Schwanken nicht heraus. Sie begann sich zu langweilen und sehnte sich nach fröhlicher Geselligkeit. Nahten dann aber wieder Stunden melancholischer Anwandlung, so beschloß sie feierlich, allem weltlichen Tand zu entsagen und nur der Einsamkeit zu leben. In ihrem armen kleinen Kopf strudelten die Vorsätze durcheinander. Einmal war sie schon beinahe so weit, an Fritz Eggenolph zu schreiben, daß sie die Werbung Fred Dewas annehme und sich als seine Braut fühle. Sie malte sich aus, was Wohl Everstedt zu dieser Verlobung sagen würde, und entwarf sich in ihrer Phantasie ein romantisches Zukunftsbild. Sie wollte Fred die beste, edelste und aufopferungsvollste Gattin sein; sie wollte aber auch ein glänzendes Haus führen — Fred war ja reich genug. Alle Welt sollte von dem entzückenden Heim der Dewas sprechen und sich nach ihren Gesellschaften drängen. Aber selbstverständlich: Everstedt nut seiner jungen Frau würde nie eingeladen werden. Oder vielleicht doch. Ah- ja. — er sollte ihr Glück
sehen und neidisch werden; denn das war ja klar, daß e r an der Seite der Komteß Andrea niemals glücklich werden konnte. . .
Inzwischen rückte der Ankunftstag des Mister Brig- ham näher, und die innere Aufregung Köhlers steigerte sich. Der Seehafen der Stadt war mit der Bahn in einer halben Stunde erreichbar, und Köhler hatte daher beschlossen, den Geschäftsfreund persönlich abzuholen. Er hatte beim Schifssbureau des Lloyd bereits genaue Erkundigungen eingezogen: es war richtig — der „Washington" sollte am vierundzwanzigsten vormittags zehn Uhr Eintreffen, unb da keine Stürme gemeldet worden waren, so war auch keine erhebliche Verspätung zu fürchten. Der kleine Köhler schlich in verzweiflungsvoller Stimmung umher; selbst die geheime Leidenschaft seines Kautabaks wollte ihm nicht mehr munden. Die amerikanische Krise beeinflußte den Weltmarkt noch immer, und es gab vorläufig keine Aussicht auf Besserung. In der Branche Köhlers hatten erst ktirz- lich zwei kleine Geschäftsleute ihren Bankerott erklären müssen; das erfüllte ihn mit Entsetzen. Die großen Firmen waren ja kapitalkräftig genug, sich zu halten; sie warteten in Ruhe bessere Konjunkturen ab. Aber die kleinen Leute, die von der Hand zum Munde lebten, die zitterten alle.
(Fortsetzung folgt.)
Der Marinevertrag.
Eine Detektivgeschichte des Sherlock Holmes von Conan Dohle.
(Fortsetzung.)
„Ja so — das Geheimnis!" Er war plötzlich wieder in die Wirklichkeit zurückgekehrt. „Es läßt sich keineswegs leugnen, daß der Fall höchst sonderbar verwickelt ist, doch verspreche ich Ihnen, daß ich die Sache untersuchen und Sie davon in Kenntnis setzen will, wenn ich etwas Wesentliches entdecke."
„Haben Sie irgend welche Anhaltspunkte gesunden?"
„Sie haben mir deren sieben geliefert, aber ich muß sie natürlich erst prüfen, ehe ich sagen kann, ob sie etwas taugen."
„Haben Sie Argwohn gegen jemand?"
„Ja, gegen mich selbst —"
„Was! —"
„Ich fürchte vorschnelle Schlüsse zu ziehen."
„Dann gehen Sie nach London, um Ihre Anhaltspunkte zu prüfen."
„Ein sehr guter Rat, mein Fräulein," sagte Holmes und stand auf. „Ich glaube, wir können nichts Besseres tun, Watson. Schmeicheln Sie sich mit keinen falschen Hoffnungen, Herr Phelps; die Angelegenheit ist sehr verwickelt."
„Ich werde in fieberhafter Unruhe sein, bis ich Sie wiedersehe," sagte der junge Diplomat seufzend.
„Erwarten Sie mich morgen mit demselben Zu^e; ich will kommen, auch wenn ich nur negative Ergebnisse zn melden habe."
„Gott segne Sie für Ihr Versprechen," rief unser Klient. „Schon der Gedanke, daß etwas in der Sache geschieht, gibt mir neues Leben. — Was ich noch sagen wollte: Lord Hold- hurst hat mir geschrieben!"
„So? Und wie äußerte er sich?"
„Sein Brief ist kühl, aber nicht unfreundlich. Wahrscheinlich hat ihn meine lange Krankheit milde gestimmt. Er wiederholt, daß die Sache von größter Wichtigkeit ist, doch werde man keine Schritte in betreff meiner Zukunft tun — er meint natürlich die Entlassung aus dem Staatsdienst — bis meine Gesundheit wiederhergestellt ist und ich Gelegenheit gehabt habe, die Scharte auszuwetzen.
„Nun, das nenne ich vernünftig und rücksichtsvoll," sagte Holmes. „Komm jetzt, Watson, wir haben heute in oer Stadt noch viel Arbeit vor uns."
Joses Harrison fuhr uns selbst auf den Bahnhof, und bald sausten wir mit dem Portsmouth-Zuge davon. Holmes saß ganz in Gedanken vertieft da und öffnete erst den Mund, als wir über Clapham hinaus waren.
„Es wirkt sehr erheiternd, wenn man auf solcher Hochbahn nach London hinfährt, wie wir jetzt, und auf die Häuser hinabfieht."


