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Des Lebens. Läßt aber die Tatsache, daß er trotz aller äußeren Erfolge keinen inneren Frieden findet, nicht die -Annahme zu, daß in seiner Seele Besseres schlummert, als mau vermutet?"
(Fortsetzung folgt.)
Der sterbende Napoleon.
Ans dem unveröffentlichten Tagebuch Hudson Lowes.
In den nächsten Tagen erscheint unter dein obigen Titel im Berlage von Erich Reiß, Berkin, ein Werk des bekannten Napoleonsorchers Paul Frameaux, das ganz neue Aufschlüsse über die letzte Phase im Leben des Kaisers enthält. Zum erstenmal wird hier das Tagebuch seines Kerkermeisters, des Gouverneurs Hudson Lowe, veröffentlicht. Wir sind in der Lage, schon heute einen der interessantesten Abschnitte ans diesem hochbedeutsamen Dokument zu veröffentlichen, das in der nüchternen Sachlichkeit des Berichtes so besonders erschütternd wirkt.
Die Schriftleitung.
1. Mai.
Sir Thomas Reade ist sehr frühzeitig nach Longwood gegangen und der Gouverneur empsiug folgenden Bericht von ihm:
„Ich habe Dr. Arnott gesprochen, er erzählte mir, daß man ihm gestern nacht zwischen elf und zwölf Uhr berichtet habe, General Bonaparte hätte Schüttelfrost, er wäre eiskalt, sein Puls wäre kaum fühlbar und er schiene zu ersticken; Doktor Antommarchi glaubte, er würde verscheiden. Doktor Arnott eilte zu dem General, aber der Anfall war vorbei, und er fand ihn in demselben Zustand, in dem er ihn um halb sieben Uhr verlassen hatte, her Puls ging ziemlich schnell, 90 Schläge. .
„Es scheint, daß Graf de Mvutholon dem General von dem Brief erzählt hat, in dem der Gouverneur tre Dienste neuer Aerzte anbietet. Ter General soll geantwortet haben: „Rein, ich weiß, daß ich im Sterben liege. Ich habe Vertrauen zu beit Leuten, die bei mir sind, und ich wünsche keine anderen herbei-! gerufen zu haben." „Doktor Arnott hält die Situation für sehr ernst, besonders darum, weil der Patient, jedes Nahrungs- ünd Heilmittel zurückweist. Der General hat sogar einen Umschlag heruntergerissen, den mau ihm auf den Magen, an der Stelle, wo vorher das Zugpflaster gelegen hatte, gemacht hat. Wie Doktor Antommarchi berichtet, hatte er in der letzten Nacht wiederum zwei Stunden Schlucken ..."
Etwas später vormittags meldete Doktor Arnott selbst: „... . ich hin seit zwei Stunden bei ihm, und habe ihn sehr aufmerk,am. beobachtet und ich finde, im ganzen geht es ihm. bedeutend schlechter. Er hat weniger Kräfte, sein Puls ist beschleunigt und er hatte in meiner Gegenwart während zehn Minuten Schlucken. Manch- mal redet er irre. Er will nichts essen."
Abends berichtet der Arzt: „Ich habe Longwood zwischen sechs und sieben Uhr verlassen. Ter Patient schien ruhig, aber verweigerte hartnäckig jedes Nahrungs- und Heilmittel. Mit unendlicher Mühe gelang es uns, ihm doch nachmittags eine Medizin einzuflößen und seitdein hat sich daS Schlucken vermindert.
2. Mai.
Sir Thomas Reade hat folgende Notiz gesandt: „Doktor Arnott ist seit halb sechs Uhr morgens bei General Bonaparte. Er sagt, daß es ihm zweifellos sehr schlecht geht, und daß das Ende heute zu befürchten sei, wenn es auch aller Wahrscheinlich- kcit nach erst morgen oder übermorgen sein wird. Der Patient redet irre, aber nicht beständig. Er hat gar keine Kraft mehr.
Der Gouverneur Hal darauf folgende drei Mitteilungen Doktor Arnotts empfangen:
„Halb eins nachmittags". . ,,
Zu meinem Bedauern muß ich Ihnen mittellen, daß seit Sir Thomas Reade heute früh eingetrojsen ist, alle bedrohlichen Symptome sich verschlimmert haben. Der Patient scheint nach Und nach dahinzuschwinden.
„9 Uhr abends".
Seit Ihrem Besuch um vier kann ich keine Veränderung bei dem Patienten seststellen. Es geht ihm sicherlich Nicht schlechter. Und seit sechs Uhr hat sich das Schlucken vermindert. Er hat zwei- oder dreimal ruhig geschlummert .und ist augenblicklich sehr ruhig.
„10 Uhr abends".
Ich glaube, es geht ihm besser. Er hat gut geschlafen, er ist jetzt sehr ruhig. Seit sechs Uhr hat er wenig oder kein Schlucken . . ."
3. Mai.
Sir Thomas Reade berichtet aus Longwood:
„General Bonaparte hat eine sehr ruhige Nacht von zehn bis drei Uhr verbracht. Nachher begann aber das Schlucken wieder und er fiel in einen solchen Zustand von Gefühlslosigkeit, wie er ihn noch nie gehabt hatte. Das Schlucken; und das Delirium dauern an. Da er jedoch gut geruht hatte, konnte man sein Befinden, nach Doktor Arnotts Meinung, nicht als schlechter betrachten. Der Arzt ist sehr böse auf Doktor Antommarchi, der sich gegen eine Eingießung erklärt: er wird sich bei den Grafen Bertrand und he Wontholou beklagen -." L . t , , ,
Bei diesen Nachrichten begab sich der Gouverneur schleunigst nach Longwood und sprach mit Graf de Montholon.
Ta eine Meinungsverschiedenheit zwischen den Doktoren Arnott und Antommarchi besteht, sagte er zu ihni, würde der letztere seine Verantwortung vermindern, wenn er die Ansicht anderer Aerzte hörte. Es wäre eine Frage auf Tod und Leben und zweifellos würde der Arzt sein Möglichstes tun, um eine Beratung zu bewirken. Graf de Montholon antwortete, daß er gerade in diesem Augenblick mit Graf Bertrand über dieselbe Angelegenheit beratschlage. Sie wären übereingekommen, andere Aerzte hinzuzuziehen, sobald Napoleon vollständig besinnungslos sein würde. Augenblicklich wagten sie keinen Fremden in das Zimmer hineinzulassen: „Er hat doch etwas Klarheit, bemerkte der Graf, „und wir fürchten, daß eine Erschütterung seinem gegenwärtigen Zustand unheilvoll werden könnte". Er glaubte, daß auch Doktor Arnott das Wagnis für zu groß hielt. Ter Doktor schien seinen Ansichten zuzustimmen, und der Gras wiederholte, daß, sowie Napoleon nicht mehr seine Besinnung hätte, man die Aerzte, die sich nach den Aussagen des Gouverneurs bereit hielten/ verlangen würde. Ter Gouverneur versicherte, daß die Doktoren Shortt und Mitchell die nötigen Anweisungen erhalten hätten, und nm jede Verzögerung zu vermeiden, würde er ihnen ausdrücklich befehlen, nach Longwood zu kommen und sich dort dauernd auf-.
zuhalten.....
Ter Graf setzte auseinander, daß, wenn Doktor Antommarchi nicht mit Doktor Arnott übereinstimmte, es sich nicht darum handle, daß er die Eingießung nicht für richtig fände, sondern weil er fürchtete, etwas gegen den Willen des Kranken zu unternehmen. Napoleon erlaubte nicht, daß man ihn störte oder
Tie geringste Bewegung verursachte ihm den Schlucken, und der Reizbarkeit, die er dadurch empfand, folgte eine sebr große Schwäche. Jede Erregung konnte einen plötzlichen Tod verursachen. Antommarchi fürchtete eine Ohnmacht, aus der Napoleon vielleicht nicht wieder erwachen würde und machte folgende Einwendungen: „Ich kenne die Nervosität meines Patienten und die Gefahr, die darin liegt, ihm ein Heilmittel aufzuzwingen, Ist der Vorteil, den man vorschlägt, groß genug, um! die Nachteile aufzuheben?"
Graf de Montholon fügte noch hinzu, daß Napoleon in maucheit Augenblicken vollständig klar sei und er in andern Momenten das Gedächtnis und die Urteilskraft total verliere. Hartnäckig verweigere er die Medizin oder Nahrungsmittel.^ Er schüttle immer den Kopf und sage im brummigen Tone: „Nein, nein.. Schon mehrere Male habe sich der Graf bemüht, ihn zu bewegen, die von dem Gouverneur vorgeschlagenen Aerzte zu kousultteren, aber Napoleon habe gefragt: „Liege ich im Sterben? Der Graf habe ihm darauf geantwortet, daß sein Zustand nicht gerade kritisch sei, aber cs aus nützlicher Vorsicht geschehen solle. Napoleon habe auf seiner Weigerung beharrt. Er sei manchmal so verwirrt, daß er altes verwechsele. Als der Graf zum Beispiel! Doktor Shortts Namen erwähnte und hinzufügte, daß es Doktor Baxters Nachfolger sei, habe Napoleon sehr erstaunt ausgerufen: „Wie, Doktor Baxter ist fort? Das ist sehr sonderbar;, ich Habs eö nie geivußt. Weshalb hat man mir nicht eher davon gesprochen? Was hatte seine Abreise für einen Grund?" Der Gras erklärte! Napoleon, daß man Doktor Baxter abgerusen hätte und Doktor Shortt sein Nachfolger wäre. Ter Patient beschästigte sich noch eine ganze Weile mit dem ersteren. Ein andermal wollte er wissen, welcher Atzt Dienst bei ihm hätte und ans die Antwortj des Grafen, daß es Doktor Antommarchi sei, wiederholte er den Namen ganz erstaunt und sagte, daß er niemand kenne, der so heiße: „Wer ist denn dieser Doktor Antommarchr? Ist es nicht immer noch O'Meara, der mich behandelt?" ^Häufig erkannte er auch Dottor Arnott nicht und nannte ihn «tokoe.
„Jedoch manchmal," fuhr der Graf fort, „ist er wieder völlig klar. Vorgestern abend zum Beispiel, als er vollständig ruhig war, bat er mich, alle aus seinem Zimmer äii entsernen und Feder und Papier zu nehmen; er diktierte mir einen Brief an den Gouverneur und empfahl mir, gleich, sowie er den letzten Seufzer ausgehaucht hätte, das Schreiben abzuschicken . . . Graf M Montholon kam noch einmal darauf zurück,, daß man mit allem Ungewohnten und Unerwarteten Gefahr liefe, dein .Kranken eine Erschütterung zu bereiten und er nannte als Beispiel einen Bestich des Grafen Bertrand, durch den seine Nerven sehr erregt worden wären. Selbst wenn Bertrand zu einer nicht gewohnten Zeit käme, machte es Eindruck auf ihn. So rote er^ ihn sah, rogte er: „Wie, Sie sind es Bertrand? Was wollen Die? Was fahrt Sie zu dieser Stunde her?" Der Graf erzählte noch, daß vor etwa drei oder vier Nächten, Napoleon ictne Bettücher zuruck- geschoben hätte und, als de Montholon das Zlmrmr betrat/ versucht hätte, anfzustehen. Als er ihm dabei ^Aen wollte, hätte Napoleon über starken Schmerz tut Magen geklagt und war nach hinten übergefallen. Zwei oder drei Übende vorher, hattL er ihm eine ähnliche Aufregung bereitet, al» er ihn aufsetzte und ihm die Kopfkissen als Stütze aufstellte. Er hatte dieselbe Ohnmacht mit demselben erschreckenden Augenrollen gehabt.
Der Gouverneur drückte den lebhasten Wunsch aus, daß ihm die eitglische medizinische Wissenschaft Hilfe bringen könne. Man Würde den englischen Aerzten kerne Gerechtigkeit widerfahren lassen,


