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Mochen werden; aber Hauptmann von Löneyseu Hot die Versammlung nicht gestattet, weil sie nicht polizeilich an- igemeldet war. Es' war eine große Aufregung."
„Kann ich mir denken. Und Kruse hat getobt?" „Ach nein. Er amüsierte sich eigentlich mehr." „Dann hebt er sich seinen Zornausbruch für mich auf. Ich bin nämlich die Ursache des unterbrochenen Opfer- festes, und das werde ich ihm auch freimütig gestehen. Sie entsinnen sich des Bormittags, als Sie zum ersten Male zu ihn: kamen, um ihm zu feinem Bilde zu sitzen? Du war er etivas unwirsch, und das hatte seine guten Gründe. Ich hatte ihm die Leviten gelesen und ihn gebeten, sich entweder ganz von den Arrangements zu der Festlichkeit fern zu halten oder aber wenigstens in bezug auf die Beteiligten eine gewisse reinliche Scheidung vorznuehmeu." . . . Nun setzte sich auch Moebins, auf einen mit gelbem Damast überzogenen kostbaren Lehnstuhl, der einst königlichem Besnch gegolten hatte und dann in die Sakristei verbannt worden war. Er hob seinen Talar ein wenig und schlug die Beine übereinander. Sein Gesicht, das vorhin, vielleicht unter der Nachwirkung der Predigt, wächsern gewesen war und gleichsam überstrahlt von den Reflexen innerer Bewegnug, färbte sich jetzt wieder und nahm einen ruhig heiterer Ausdruck an. . . . „Ja, meine liebe Traute," fuhr er fort, „ich sagte, reinliche Scheidung. Das will richtig verstanden fein. Ich bin fein Puritaner und am allerwenigsten ein Feind froher Weltlichkeit. Ich amüsiere mich zuweilen recht gern — und immer erheblich besser unter lustigem Künstlervolk als in einem Salon, in dem auch der Gedankenaustausch unter dem Einfluß des Dekorateurs zil stehen scheint. Aber, mein Kind, das, was Kruse vor hatte oder Everstedt: das konnte ich doch nicht billigen. Nicht aus gesellschaftlicher Engherzigkeit. Wirklich nicht. Ich bin sogar ganz der Ansicht Everstedts, daß unsrer Ge- fellschaft eine Auffrischung durch freiere Elemente dringend not tut. Nur soll man dabei etwas Göttliches schonen, das auch etwas rührend Menschliches ist: die Mädchenseele."
Sein Auge ruhte jetzt sehr ernst auf Traute, die laug- sam, wie zustiiumend oder doch verständnisvoll, den Kopf neigte.
„Und sehen Sie," fuhr Moebins lebhafter fort, „das war meine Sorge: daß die Berührung mit jenen hübschen und frischen, aber leichtsinnigen Geschöpfen — leichtsinnig nicht nur geistiger Art —, daß die abfärben könnte. Es ist richtig: die Reinheit hält sich schon instinktiv rein: aus angeborenem Widerwillen gegen den Schmutz. Aber es ist nicht immer richtig. Die Reinheit ist zuweilen, nur Schlummerstand, und es liegt Gefahr vor, ihn zu brechen. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen, liebes Kind."
Trante nickte ivieber. „Vollkommen, Herr Pastor . ." Es interessierte sie stark, was Moebins sagte, und es gab ihr and) Mut zu einem Widerspruch.... „Gewiß, verstehe ich, und ich möchte Ihnen wohl recht geben — umsomehr, als ich selber in der heutigen Versammlung ein eigentümlich unbehagliches Gefühl nicht los'geworden bin. Aber es gibt doch auch Ausnahmen. Zum Beispiel" — fie holte tief Atem — „zum Beispiel stehe ich feit Fahren mit meiner Schulfreundin Tini Sandratt in Verkehr. Mau spricht mancherlei von ihr und nicht immer Unwahres. Sie ist leichtsinnig — so, wie Sie es meinen, und doch ein prächtiges Mädelchen. .Hal mir ihre freiere Lebensauffassung je etwas geschadet? Nie, Herr Pastor . . ." Sie schüttelte energisch den Kopf und lachte dabei reife auf . . ." „So schwache Kreaturen sind wir doch nicht!"
„Sie nicht," erwiderte Moebins. „Natürlich gibt es Ausnahmen — überall. Sie können Fräulein Sandratt nicht mit der — meinetwegen der Bertucci vergleichen, und sich selbst nicht mit--aber wozu Namen nennen! Für
das unbedingte Vertrauen, das ich Ihnen entgegeitbringe, habe ich Ihnen neulich erst einen Beweis gegeben. Glauben Cie, ich würde Sie mit Kruse allein gelassen haben, wenn ich nicht das sichere Empfinden hätte, daß der stärkste Schutz, der Ihnen geivährt werden kann, von Ihnen selbst ausgeht?"
Traute antwortete nicht sogleich. Unwillkürlich ivurbe wieder die Erinnerung wach an ähnliche Worte, die sie aus anderem Munde gehört hatte. Ein paar Fältchen schnitten sich in ihre Stirn.
„Sie müssen hinzufügen, Herr Pastor," sagte sie, „daß Sle ein gleich imbebmgtes Vertrauen auch in Krnse setzen. Und das macht meinen Selbstschutz unnötig."
„Doch nicht, Fräulein Traute. Kruse steht mir sehr hoch- Aber ich kenne auch die Untiefen seines Wesens. Ihm fehlt im allgemeinen der Respekt vor dem Weibe; doch er hat Ehrfurcht vor der Reinheit, weil sie ihm als Thpusches Schönen gilt."
„Sie finden es also nicht unpassend, daß ich Kruse Modell gesessen habe?"
„Wie kommen Sie zu dieser Frage?"
„Ich wollte gern Ihre Meinung hören. Es gibt Leute) die es mir verdenken, — aus mancherlei Gründen. Bor allen Dingen deshalb, weil Kruse meutern Porträt eine symbolische Bedeutung gegeben hat, die falsch verstanden toerben könnte."
„Ich kann mir benfen, was Sie meinen. Gegen das Recht des Künstlers läßt sich nicht ankärnpfett. Es wäre auch töricht, darüber zu streiten. Was einzig iu Frage kommt, ist die gesellschaftliche Zweckmäßigkeit. Wenn Sie mutig genug sind, sich um das Urteil der Gesellschaft nicht zu kümmern, dantt ist auch fein Wort weiter zu verlieren. Aber allerdings: das muß bedacht fein."
„Und das nicht allein. Ich habe Sorge, daß die Eltern empfindlich lverden könnten, meint das Bild ausgestellt werden sollte."
Moebins stand auf. „Das ist das Entscheidende," sagte ep. „Ich höre zwar, daß Everstedt neuerdings in der Rücksichtslosigkeit das Heil der Zukunft sehen will. Aber auch bei ihm pflegt sich häufig der Schöpfer von feiner Schöpfung zu trennen. Er überläßt meist anderen die Ausführung seiner Gedanken."
„Möglich. Jedenfalls ließ er selbst in diesem Falle seine Losung im Stich. Er gehört mit zu denen, die es nicht richtig sanden, daß ich der Bitte Kruses zusagte."
„Merkwürdig. Mich dünkt, er hätte damals . . . 'Aber sei's, wie es sei. Die Situation ist keine so heldenhafte daß ein Nachgeben Schwäche fein würde."
„Ich m gegenüber möchte ich gern diese Deutung vermeiden."
Moebins hatte die Hände auf dem glücken verschränkt und lehnte sich gegen die Wandtäfelung der Sakristei. Er stand Traute gerade gegenüber und sah ihr prüfend in das Gesicht. Ein feines Rot flutete über ihre Wangen. Sie begriff den Zusammenhang zwischen dem, was sie gesagt hatte und dem, was er dachte. Und in ihrer Verlegenheit sprach sie hastig weiter:
„Sie kennen Everstedt, Herr Pastor. Sein Hochmut ist oft verletzend. Auch in der Art seiner Warnung lag etwas, was mich verstimmte. Er ist nicht leicht zu beurteilen. Aber für gut halte ich ihn nicht."
„Befragen Sie Kruse nach ihm."
„Das tat ich schon. Er meint, die Eitelkeit fei der treibende Faktor in ihm."
„Doch nicht. Ich glaube das nicht. Ich glaube viel eher, daß wir uns allesaint in ihm täuschen."
„Täuschen? Und inwiefern?"
„Es ist schwer zu sagen. Leute Ivie er gehen zuweilen! am Mißvergnügen zugrunde, an der Unzufriedenheit mit sich selbst. Für ihn war das Leben bisher nur eine wilde Jagd. Aber ich schätze, diese Tollheit der äußeren Bewegung ist nichts als ein leidenschaftliches Verlangen nach Kraftbetätigung, und das wieder nichts als der Ausdruck einer inneren Leere, die sich notgedrungen nach außen wenden muß. Haben Sie meine heutige Predigt gehört?"
„Ja, Herr Pastor."
„So iverden Sie wissen, daß ich in ihr ein ähnliches Thema streifte. Ich sprach von dem niederdrückenden Pessimismus, der durch die Welt geht und aller Triumphe der Kultur zu spotten scheint. Everstedt dünkt mich dafür ein! Beispiel im Kleinen. Er könnte zufrieden fein mit feinem! Schicksal, das ihn weich und sorgenlos gebettet hat. Zufrieden auch mit feiner gesellschaftlichen Stellung und mit seinen geschäftlichen Erfolgen. Man rühmt mir feine kauf- mäninsche Tüchtigkeit. Seit er ans Amerika zurückgekehrt ist, schwärmt fein Vater für ihn. Der alte Herr ivill sich' zur Rühe setzen. Das täte er nicht, sähe er in dem Sohne nicht eine ebenbürtige Kraft. Und doch nagt au Everstedt das bittere Gefühl des Unbefriebigtseins. Einen andern würde es vielleicht zum Grübler machen, zum Sonderling. Bei ihm erhöht es die Expansion und verführt ihn zu allerhand Dumnihciteu, zu einer törichten Regellosigkeit


