t»M
^Lh'• fi&jtul ।<,»ip-M’ 1
■ «w« **5 «W
Das nette Mädel.
Noma» von Fedor von ZobeltiA
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Meine geliebte .Gemeinde/' sagte Pastor Moebius, „eure Traurigkeit soll in Freude verkehrt werden, sprach der Herr zu seinen Jüngern, und was er dem kleinen Kreise der Seinen versprach, das galt zugleich der ganzen Welt. Denn durch die ganze Welt geht das unbefriedigte Bangen, das in der Frage der Jünger lag, geht der große Zweifel, ob alle Errungenschaften fortschreitender Kultur genügen, den Urgrund unseres Wesens auszufüllen. Der Mensch verlangt mehr, als selbst die höchste Kultur ihm zu bieten vermag; er strebt über die Wirklichkeit hinaus nach geistigien Werten, die zu einet inneren Erneuerung des Lebens führen. Daß die Verwicklungen, die der Kampf zwischen Realismus und Geistigkeit ergibt, schwer auf unsere Seele drücken müssen, ist verständlich. Aber unsere Traurigkeit wird in Freude verkehrt werden, wenn wir die Kraft in uns fühlen, uns durch die Tat des Gedankens von der Gefahr der Unterwerfung unter die rohe Natur zu befreien . .
Traute hörte nur die Wiederholung: „Eure Traurigkeit Wirb in Freude verkehrt werden" — und ein leiser Seufzer schreckte ihre Brust. Auch sie war traurig pnd sehnte sich nach Freude. Aber eine „Tat des Gedankens" schasste sie ihr nicht. Sie war weder philosophisch veranlagt, noch in tieferem Sinne religiös. Sie war ein armes Weltkind, das bunte Farben liebte.
Ihr gegenüber auf dem rechtsseitigen Chor saß eine Kompagnie Soldaten. Wechselnde Gesichter: stupide und regsamere, aber alle gleich schläfrig von Ausdruck. Ein junger Leutnant, dessen helles Auge ununterbrochen durch den Kirchenraum schweifte und nach hübschen Frauen Ausschau zu halten schien, war ihr Führer. Und der erinnerte Traute von neuem an Max Roeßler. War Max n:cht auch dunkelblond? Ei nein, und ein rasches Lächeln strich über ihre Züge — Wie kam sie nur auf diesen Gedanken!? Brünett war er, mit kurz geschnittenen Haaren und etwas hartem Blick, der aber auch zärtlich werden konnte, wenn er von Liebe sprach. Und er liebte sie sicher — und sicher viel mehr, als sie ihn. Und wieder sagte sie sich: er selber ist schuld daran, wenn mein Gefühl für ihn lauer geworden ist; er schreibt mir nicht, und ich darf ihm nicht schreiben; er erstickt in seiner Korrektheit.
Dann fiel ihr ein, was er sagen würbe, wenn er erführe, daß sie Kruse zu seinem Irrlicht Modell gesessen habe. Dabei schauerte sie ein wenig zusammen wie unter einem erkältenden Einfluß. O Gott, würbe er schimpfen' Ganz gewiß, er würde außer sich sein und ihr bitterste Borwürfe machen. Schon ein Wildfremder, schon Dewa hatte ihr ja seinen Worwurf nicht erspart.
Unruhig rückte Traute auf ihrem schmalen Plätzchen bin und her. Ein Sonnenstrahl, der sich durch den Fenster- Vorhang zwängte, fiel.gerade auf ihr Gesicht. Sie blinzelte lind waiidte den Kopf, und nun traf ihr Blick den Pastor Moebius, der groß und stolz auf der Kanzel stand und dessen wohllautendes Organ rhythmisch klang iuie schöner Gesang. Moebius wußte ja auch, daß sie Kruses Modell war, und hatte kein Wort dagegen gesagt. Wenn ein Mann tote er, ein Geistlicher und einer von höchstem Ansehen, inchts dabet fand, danii konnte es auch wahrlich nicht schlimm fein.
Und da schoß Traute durch den Kopf, Moebius persönlich noch einmal nach seiner Ansicht zu befragen. Ah ;a, das wollte sie tim! Und zwar gleich — nach beendeter Kirche. Sie wollte zu ihm gehen und ihm erzählen, daß man Anstoß an der Sache zu nehmen schien, und ihn fragen, wie sie sich dazu Verhalten sollte. Vielleicht sprach Moebius dann selbst mit Kruse. Er war ja sein bester Freund. _ , , o ,v. ,,
So tat Henn auch Traute. Noch tn dav Schlußlied hinein tönte der volle Klang der Glocke. Dann kam der Augenblick des Schweigens: des stillen Gebets. Betete auch Traute? Ja, sie betete. Ein plötzliches Bedürfnis, zu Gott zu «sprechen, überkam sie: ein heißes Verlangen nach Unwirklichem, das nichts als ein Sehnen nach Gluck war.
Rauschen ging durch die Kirche. Auf allen Seiten brachen die Leute auf. Das Summen raunender Stimmen wurde hörbar. Die großen Türen waren geöffnet toorben; Frühliiigssonne und Frühlingswärme strömten herern.
Traute drängte sich nach der Sakristei. Da stand Moebius, noch im Talar, und sprach mit dem Küster. Aber er sah Traute sofort und ging ihr mit freudiger Bewegung entgegen. . .. „.,
„Sieh da, Fräulein Trante," sagte er und druckte ihre Hand. „Wollen Sie zu mir?"
“ „Ja, Herr Pastor — ich hätte eine Bitte an Sie.
Moebius gab dem Küster einen Wink. „Ich rufe Sie nachher, Bindemann." . . . Dann wartete er einen Augenblick, bis der Küster das kleine Zimmer verlassen hatte, und wandte sich zu Traute zurück.
„Nehmen Sie Platz, liebes Kind, und erzählen Sie, was Sie auf dem Herzen haben."
Er deutete auf eine Holzbank mit geschnitzten Armlehnen, die zwischen den beiden hohen, sehr schmalen Fenstern stand. Trante setzte sich. Sie war etwas befangen. Sie hatte gar nicht daran gedacht, daß sie ihr helles Perkalkleib trug. Das war keine Kirchentoilette, und sie hielt es für richtig, sich beshalb zu enlschulbigen.
Aber Moebius wehrte ihr lächelnd. „Ich glaube nicht, sagte er, „daß der liebe Gott sich so genau tote wir hier unten auf Kvstümfragen versteht. Jedenfalls bitt tch der Ueberzengung, daß ihm in seinem Haufe auch ^hr Helles Kleid nicht mißfallen hat. Uebrigens — Sie sagten, Sie seien ans der Ressonree gekommen?" .
„Jawohl, Herr Pastor — da sollte das Matsest be-


