Ausgabe 
2.3.1911
 
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Vaudektt können. IW schroffes Vorgehen Labei! ist freilich zu bedauern; aber sie stand ohne Mutter da und hatte somit keinen Menschen, der ihr in dieser kritischen Lage raten konnte."

Es war eine entwürdig ende Behandlung, eine öffentliche Beschimpfung," ries Lord St. Simon ßind trommelte mit den Fingern auf dem Tisch.

Sie müssen den: atmen Mädchen etwas zu gute Halten, has sich in einer so überaus schwierigen Lage befand."

Ich bin nicht in der Stimmung, irgend jemandem etwas zu gute zu halten. Ich bin aufs äußerste empört. Man hat mir schmählich mitgespielt."

Ich glaube, es hat geklingelt," unterbrach ihn Holmes., Jawohl, es lassen sich unten Schritte vernehmen. Ta ich Sie Nicht überreden kann, die-Sache in milderem Lichte zu sehen, Lord St. Simon, so habe ich hier einen Anwalt bestellt, der es viel­leicht besser zu Wege bringt." Damit öffnete er die Tür und ließ eine Dame und einen Herrn eintreten.Lord St. Simon," wandte er sich an diesen,gestatten Sie mir. Ihnen Herrn und Frau Hay Moulton vorznftellen. Die Dame ist Ihnen wohl bereits bekannt."

Beim Erscheinen der neuen Ankömmlinge war der Lord sofort von seinem Sitz aufgesprungen; mit zu Boden gesenktem Blick, die rechte Hand vorn in den Rock gesteckt, stand er da ein Bild beleidigter Würde. Die junge Frau tat einen raschen Schritt auf ihn zu und streckte ihm beide Hände entgegen, aber er schaute Picht empor. Und wofern er fest bleiben wollte, !vas dies wohl auch das beste, denn dein bittenden Ausdruck ihres Gesichtes war picht leicht zu widerstehen.

Du zürnst mir, Robert?" sagte sie..Freilich, du hast wohl guten Grund dazu."

Nur fente Entschuldigungen," erwiderte der Angeredete bitter. ...Ich weiß wohl, ich habe wirklich unrecht an dir gehandelt; ich hätte dies sagen sollen, ehe ich davonlief. Aber ich war ganz aus dem Häuschen; sobald ich meinen Frank wiedergesehen hatte, wußte ich wirklich nicht mehr., was ich tat und sagte. Ich wundere mich nur, daß ich nicht gleich vor dem Altar ohnmächtig wurde und hinfiel."

Vielleicht märe es Ihnen erwünscht, Frau Moulton, wenn ach mit meinem Freund während dieser 'Erörterungen das Zimmer verließe?" warf hier Holmes ein.

Wenn ich meine Meinung äußern darf," ließ sich jetzt der fremde Herr vernehmen, ,,so haben wir die Sache bisher schon mit allzu viel Heimlichkeit betrieben. Meinethalben könnte die ganze Welt erfahren, wie es alles zugegangen ist." Es war ein kleiner, geschmeidiger, sonnenverbrannter Mann^latt rasiert, mit klugem Gesicht und lebhaftem Wesen.

Dann will ich unsere Geschichte frischweg erzählen," sagte Fran.Frank und ich trafen uns im Jahr 1884

tu Me. Quires Camp am Felsengebirge, wo Papa eine Grube besag. Wir verlobten uns miteinander; allein eines Tages streß Papa auf eine reiche Ader in der Grube und gewann mächtig viel Gold, während der arme Frank aus feiner Grube immer weniger herausschlug und zu nichts kam. Je reicher Papa wurde, um so ärmer wurde Frank, zuletzt wollte Papa nichts mehr von unserer Verlobung hören und tat mich fort nach Frisco.*) Aber Frank wollte nicht von mir lassen; er folgte mir und traf ohne Papas Wissen mit mir zusammen. Hätten wir es ihm gesagt, so wäre er nur in Wut geraten, deshalb machten mir die Sache für uns allein ab. Frank erklärte, er wolle fortgehen und auch sein Glück machen; erst meint er so viel habe mie Papa, rnerde er miederconinien und seine Rechte an mich geltend machen nicht sürher. So ver­sprach ich ihm denn, auf ihn zu warten in alle Ewigkeit, und gab ihm mein Wort, feinen andern zu heiraten, so lange er am Leben sei.Warum sollten wir aber nicht frischweg heiraten?" meinte er,dann bist du mir sicher; meine Rechte als Ehemann mache ich erst geltend, wenn ich zurückkomme." Wir kamen bald darüber ins reine, und er hatte alles so hübsch eingesädelt, ein Geistlicher wartete schon, daß wirs gleich auf der Stelle abmachten; Frank ging dann fort sein Glück zu suchen, unb ich kehrte zu Papa zurück.

Das nächste, das ich von Frank hörte, mar, daß er in Montana fei; sodann begab er sich nach Arizona, um sich dort umzusehen; und hierauf bekam ich Nachricht von ihm aus Neu- Mexiko. Eines Tages stand eine lange Geschichte in den Zeitungen, irne die Apache-Judiailer ein Goldgräberdors überfallen hätten, ünd dabei mar mein Frank unter den Erschlagenen cmfgeführt. Ich siel um wie tot und mar monatelang schwer krank: Papa Meinte, ich habe eine zehrende Krankheit und brachte mich von ernem Arzt in Frisco zum andern. Ein Jahr oder noch längera hörte ich fein Wort mehr von Frank, so daß ich fest glaubte, er Zer wirklich tot. Darauf kam Lord St. Simon nach Frisco, tpater reiften wir nach London, und die Heirat kam zu stände. Papa mar sehr froh darüber; aber ich fühlte stets, daß kein -anderer Mann auf bicfer Welt je den Platz in meinem Herzen cmnehmen würde, der meinem armen Frank gehörte.

Trotzdem würde ich Lord St. Simon eine pflichtgetreue! AEfn gewesen sein, falls ich seine Frau geworden märe. Unsere Gefühle haben mir nicht in der Gewalt, wohl aber unsere Hand- K* - ---

Abkürzung von Sau Francisco.

kungelt. Als ich Mik i&m vor den Altar trat, war es mein fester Vorsatz ihn glücklich zu machen. Aber Sie können sich denken, mie mir zu Mute mar, als ich gerade beim Hiniretew vor den Altar zufällig hinter mich schaute und Franks Augen aus der ersten Sitzreihe unmittelbar auf mich gerichtet sah. Ich meinte zuerst es sei sein Geist, aber als ich wieder hinschaute, stand er noch immer da und blickte mich mit einem so eigen­tümlichen Ausdruck an, als wollte er fragen, ob mir seine Gegen­wart erwünscht sei ober nicht. Ich wundere mich nur, daß ich nicht in Ohnmacht siel. Alles drehte sich mit mir im Kreise und die Worte des Geistlichen klangen mir im Ohr wie Bieneil- suimnen. Was sollte ich tun? Sollte ich die Trauung unter­brechen juliib einen Austritt in der Kirche üerantaffen. Ich blickte noch einmal nach ihm hin, und er schien meine Gedanken zit erraten, beim er legte den Finger an die Lippen, zum Zeichen, daß ich nichts sagen solle. Dann sah ich ihn etwas auf ein Stückchen Papier kritzeln offenbar eine Notiz für mich. Beim! Vorübergehen an seinem Platz ließ ich mein Bouquet vor ihm hinsallen, und als er es mir znrückgab, brückte er mir das Zettelchen in die Hand. Es enthielt nur mit ein paar Worten die Aufforderung, zu ihm zu kommen, sobald er mir ein Zeichen geben würde. Ich mar natürlich keinen Augenblick mehr int unklaren darüber, daß meine Pflichten in erster Linie jetzt ihm gehören, und beschloß deshalb, einfach feiner Leitung zu folgern

Zu Hanse sprach ich mit meiner Zofe, die ihn schon in Kalifornien gekannt hatte und ihm immer wohlgesinnt gewesen! war. Ich hieß sie reinen Mund halten, ein paar Sachen ein­packen und mir Hut und Mantel zurecht legen. Ich weiß wohl/ ich hätte mich mit Lord St. Simon verständigen sollen, abev das wäre eine furchtbare Aufgabe vor feiner Mutter und alst den vornehmen Leuten gewesen. So entschloß ich mich, auf* und davonzugehen und die Erklärung auf später zu verschieben Ich saß noch keine zehn Minuten bei Tische als ich Frank durch das Fenster auf der Straße drüben erblickte. Er nickte mir zn und schlug bann ben Weg nach dem Park ein. Ich schlüpfte hinaus, zog meine Sachen an und ging ihm nach. UnterroegS trat eine Frauensperson zu mir heran, um mir irgend etwas über Lord St. Simon nritzuteilen nach dem wenigen, was ich davon verstand, schien es mir, als habe auch er.vor der Hoch­zeit schon eine kleine Heimlichkeit gehabt aber ich machte, daß ich von ihr wegkaui und holte Frank bald ein. Darauf fuhren mir zusammen nach Gordon-Square, wo er eine Wohnung genommen hatte, und nun war ich nach den langen Jahren des Harrens wirklich mit meinem Gatten vereint."

Frank war bei den Apachen gefangen gewesen, mar aber ent­flohen und nach Frisco gelangt, !vo er erfuhr, daß ich ihn als tok aufgegebai halte und nach England gegangen mar; er reifte mir dahin nach und traf mich schließlich gerade am Morgen meiner zweiten Hochzeit."

Ich las dauon in einer Zeitung," erklärte der Amerikaner, der Name der Braut und die Kirche waren darin genannt, aber die Wohnung der Dame nicht angegeben."

Wir besprachen uns nun darüber, wie mir uns verhalten sollten, und Frank mar für volle Offenheit; aber ich schämte mich so sehr, daß ich nur den einen Wunsch hatte, zu verschrninden und von den Hochzeitsgästen keinen je wieder zu sehen. Höchstens wollte ich an Papa eine Zeile schreiben, zum Zeichen, daß ich noch am Leben sei. Es war gräßlich für mich, wenn ich mir vor­stellte, wie alle die hochadligen Herren und Damen um die Hoch­zeitstafel herumsaßen und auf meine Rückkehr warteten. So nahm denn Frank meine Hochzeitskleider, packte sie yifamnten, damit man mir nicht auf die Spur käme, und warf das Bündel! irgendwo hinweg, wo fein Mensch es finden könnte. Morgen wür­den wir höchstwahrscheiirlich schon nach Paris abgereift fein, wäre nicht der gute Herr Holmes heute abend bei uns erschienen. Wie cS ihm gelungen ist, uns aufzusinden, geht freilich über meinen Verstand; er setzte uns ganz klar und freundlich auseinander, daß Frank recht hätte und ich unrecht, und daß wir beide durch solche Heimlichkeit einen falschen Schein auf uns laden würden. Dann schlug uns Herr Holmes vor, in seiner Wohnung mit Lord St. Simon allein zu einer Besprechung zusammenzutreffeii, und wir begaben uns ohne Verzug hierher. Nun hast du alles gehört, Robert; es tut mir sehr leid, wenn ich dir wehe getan habe, aber ich hoffe, du denkst baritm nicht allzuschlecht von mir."

Lord St. Simon hatte feine steife Haltung die ganze Zeit über beibehalten und mit gerunzelter Stirn und zilfammenge- knifsenen Lippen der langen'Erzählung zugehört.

Sie werden entschuldigen," erwiderte er,aber ich bin nicht! gewohnt, meine intimsten persönlichen Verhältnisse so öffentlich zu erörtern."

Dann willst du mir also nicht vergeben mir nicht noch einmal die Hand reichen, ehe ich fortgehe?"

O gewiß, wenn es Ihnen Vergnügen macht." Er streckte die Hand aus und ergriff kalt die ihm bargebotene Rechte der jungen Frau.

Ich hatte gehofft," warf Holmes ent,Sie würden uns bei einem gemütlichen Abendessen Gesellschaft leisten."

Damit verlangen Sie beim hoch wohl etwas zu viel von mir," erwiderte Seine Lordschast.Es Bann ja fein, baß ich genötigt bin, mich bei biefeit Enthüllungen zu beruhigen, aber man kann doch kaum von mir erwarten, daß ich noch gute Miene