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Web immer ein paar Minuten ans dem Balkon, und die sollte die andern rufen, wenn jemand aus der Laube kam. Die Specht steht gerade draußen, da schreit sie auf einmal: „Schnell! schnell!" und----nein, Frau von Hilbach,
ich glaube, ich bin bis unter die Haare rot geworden. Richtig auf den Armen hat er Sie ja ins Haus getragen, und Sie hatten die Hände um feilten Hals geschlungen---
und dann ist er heut am frühen Morgen fort!! Das ist schlimm, Frau von Hilbach, das können Sie nie wieder gut machen. Die Specht und die Häuslein waren so empört, daß sie sagten, sie würden am liebsten gleich ziehen, und die Apothekerin wunderte sich, daß ich wohnen bliebe, aber wenn ich Sie auch verurteilen muß, Frau von Hilbach, ich will Ihnen doch nicht kündigen. Vielleicht ändern Sie sich jetzt!"
„Ich bitte, Frau Pastor," antwortete 'Frau von Hilbach ruhig, „ich bitte'über solche Angelegenheiten nicht mit mir zu reden. Wenn Sie ziehen wollen, so nehmen Sie keine Rücksicht auf ruich."
Die Pastorin sah sie starr an. So sprach eine, die ein Verhältnis hatte! Nicht einmal klein und beschämt war die!
Frau von Hilbach sah durchs Fenster nach der Wilhelmsburg hinüber. Ja, von da waren sie gekommen, die wundervollen Klänge, die ganze Welt war erfüllt gewesen davon, wie ein einziges, großes Halleluja war das gewesen, wie ein brausender Chor von überirdischen Stimmen: „Ein feste Burg ist unser Gott!" und: „Ich komme wieder! ich komme ja wieder, Weibelchen!" Das löste sich aus all den Stimmen heraus und jubelte in ihrer Seele nach und riß sie heraus, hoch, hoch heraus aus allem Elend, aus oller Erbärmlichkeit.
,,iO du Armselige!" dachte sie, als sie die Pastorin mit dem verkommenen, mageren Gesichtchen vor sich liegen sah, „was weißt du denn von uns? Du und die Specht und die Häuflein, und all ihr kleinen, heuchlerischen Weiblein, die ihr bei der Leiche eines kleinen Vogels in Tränen zerfließt und kalten Herzens einen Menschen zu Tode martern könnt! Nein, so weit geht eure Macht nicht, nein, nein, nein!"
Die Schwäche war von ihr gewichen; ruhig stand sie au der Pastorin Bett.
„Für seine Handlungen ist jeder Mensch doch sieh selbst Verantwortung schuldig!" sagte sie noch, schob der Pastorin die Kissen zurecht und ging herunter. —
„Nun? Alles in Ordnung?" fragte die Kosh und sah in banger Erwartung zu ihrer Herrin auf; aber als sie in deren ruhiges Gesicht blickte, wurde sie still.
„Nun lesen Sie auch Ihre anderen Briefe!" mahnte sie und legte sie auf den Tifch. •
Der erste enthielt einen Glückwunsch, im zweiten war die Rechnung des Schlossers, der damals bei Frau Lengerich das Schloß aufgebrochen und dann wieder neu eingesetzt hatte.
„Die Rechnung geht uns nichts an!" erklärte die Kosh, -,die geben Sie mir mal her! Ich trag sie morgen früh zur Bürgermeisterei, das muß aus dem Nachlaß der Lengerich bezahlt werden."
Sie schob den Zettel in die Tasche und ging in die Wche. Der dritte Brief war aus Naumburg, und Fran von Hilbach öffnete ihn zerstreut. Sie las und verstand nicht recht; sie mußte noch einmal lesen und konnte noch nicht recht verstehen. Beim dritten Male begriff sie, daß man die zweite Hypothek auf ihrem Hause kündigte, und sie begriff auch, daß das keine gute Nachricht war. „Zum ersten Juli erst!" sagte sie zu sich, legte den Brief fort und nahm sich vor, mit der Kosh nicht darüber zu reden; sie konnte heute nichts mehr von praktischen Dingen hören. Ihr Herz war so voll, sie mußte allein sein.
„Nu hat man über all dem Aerger den schönen Gottesdienst versäumen müssen!" schalt die Kosy, als sie das Mittagsmahl auftrug. „So, Fran von Hilbach, essen Sie mal, Sie sehen erbärmlich aus. Den Kaffee stell ich Ihnen in die Röhre; ich geh in den Nachmittagsgottesdienst und nachher ein bißchen zur Frau Belzig, die hat sich schon lange eine Aussprache mit mir gewünscht. Weun ich Sie wär, Frau von Hilbach, ich nahm das Jungchen und liefe mit ihm auf di« Rudelsburg. Die Luft ist still, und der Schnee ist hartgefroren, und draußen vergaßt man am leichtesten seinen Kummer. Raffen Sie sich mal auf, Sie haben's wirklich nötig." —
„Komm, Jungchen," sagte Frau von Hilbach nachdem die Kosy gegangen war, „komm, wir laufen!"
Sie zog ihrem Kind Pelzmütze und Fausthandschuhe und den dicken Wintermantel an, hüllte sich selbst, warm ein und lief über die Brücke, die Chaussee hinauf, weiter, immer weiter. Das Jungchen jauchzte und tollte immer ein paar Schritte vorauf, und je höher sie kamen, desto leichter, freier und hoffnungsvoller wurde das Herz seiner Mutter, und wie sie ganz oben standen, auf der T!errasse> da, wo die Fahne von dem Türm herunterweht, da ganz oben auf der Wilhelmsburg, von wo sie gestern den Choral ins Tal heruntergeschmettert hatten, da jubelte es in Frau von Hilbachs Seele, die Tränen stürzten ihr aus den Augen, sie mußte die Arme ausbreiten: „Du, o du! ja, du kommst zurück, du holst mich, du kannst nicht lügen, du kannst nicht schwach und klein sein!"
Wie sie diese Worte sagte, sah sie plötzlich etwas Sonderbares vor sich: Hier oben stand sie mit ihrem Kind auf der Höhe eines Berges, und drüben, auf der andern Seite, auf einem höheren Berge stand er, und sie breiteten beide die Arme nacheinander ans. Aber zwischen ihnen lag ein großer, weiter Weg, der war voll von viel tausend Hindernissen, an denen ihr Fuß straucheln konnte, lauter falsche Hindernisse, die viele Menschen bewegen, umzukehren und sich zu bescheiden. Sie aber wußte: über Tiefen und Höhen, über Haß und Berleunidung, über alles, alles, was sich ihr und ihm in den Weg stellen würde, trug ihre Liebe sie hinweg, und konnten fte nicht gehen, so flogen sie, aber zueinander kommen, das würden sie, und wenn die Welt unter ihnen in Trümmern zerfallen sollte.
„Wink doch einmal unferm Hans, Mütterchen!" sagte Erwin und schwenkte sein Tuch in der Luft. „Tag. Haus!" rief er, und Frau von Hilbach lächelte, aber als sie das alte, langgestreckte Haus da unten am ©aaieiijer so still und grau liegen sah, zog es wie ein Strom von Zärtlichkeit i. .j Liebe in ihr Herz.
„Biel, viel Sorgen machst du mir," sprach sie, „aber was ist das gegen das Glück, das du mir gebracht?" und sie winkte mit ihrem Kind und sah zu den Fenstern von des Doktors Zimmer.
Da brach die Sonne leuchtend durch, und das Witwenhaus lag wie in einem roten Feuerschein und sah plötzlich froh und jung und luftig aus.
„Als ob es lachte!" sagte Erwin, und Frau von Hilbach küßte ihr Kind.
„Es lacht ja auch, Jungchen! Es freut sich, weil wir so froh sind." —
(Fortsetzung folgt.)
Die verschwundene Braut
Eine Detcktivgeschichte von Conan Doyle.
(Schluß.) (Nachdruck verboten.)
Unmittelbar vor neun Uhr trat Holmes lebhaften Schrittes ins Zimmer. Seine Züge trugen einen ernsten Ausdruck, doch ersah ich aus einem gewissen Glanz in seinen Augen, daß der Erfolg seinen Schlüssen recht gegeben habe.
„Also das Abendessen ist bereit," sagte er und rieb sich die Hände.
„Es scheint, du erwartest Gesellschaft; es sind ja fünf Gedecke."
„Wir müssen uns heute auf einige ungebetene Gäste gefaßt machen," meinte er. „Mich wundert nur, daß Lord St. Simon noch nicht da ist. Doch eben höre ich seinen Tritt auf den Treppe,wie es scheint."
Es war wirklich unser Besuch vom Bormittag, der jetzt hereiu- ftiinnte und mit verstörtem Ausdruck in den aristokratischen Zügen seinen Zwicker noch eifriger um die Finger schwang als sonst« „Mein Bote hat Sie also getroffen?" fragte Holmes.
„Jawohl. Und ich muß gestehen, was er mir ausrichtete, war mir über die Maßen verblüffend. Haben Sie einen sichern Beweis für Ihre Behauptung?"
„Den besten, der sich denken läßt."
Lord St. Simon sank -auf einen Stuhl und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
„Was wird der Herzog sagen," murmelte er vor sich hin, „wenn er hört, welche Demütigung einem Mitglied der Familie widerfahren ist."
„Es ist lediglich eine unglückliche Verkettung von Umständen« Daß es sich dabei um eine Demütigung handelt, kann ich überhaupt nicht zugeben."
„Sie sehen eben diese Dinge von einem andern Stand!- punkt an."
„Ich kann mich nicht überzeugen, daß irgend jemand eine Schuld trifft. Die junge Frau hätte im Grunde kaum anders


