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kie Vielen Sorten, die unsere Hochseefischer fangen, ins Binnenland zu verschicken. Die Kenntnis des Seesischs laßt trotzdem noch viel zu wünschen übrig, da er in Deutschland noch langst nicht die Rolle in der Voltsernährung spielt wie in England, Holland Und Norwegen, ganz zn schweigen von den Italienern, die alles was Netz nnb Angel zu Tage fördern, in einen Kochtopf stecken hmd als „frutti di wäre", als Früchte der See verspeisen.
Wie wenig der Seefisch leider trotz seines Nährwertes nnb ferner Bekömmlichkeit in manchen Gegenden unsers Vaterlandes noch bekannt ist, erfuhr der Verfasser dieser Zeilen gelegentlich einer Seefischausstellung in einer süddeutschen Stadt, wo die Vorsteherin einer Haushalttuigsschnle auf einen Kabeljau tippte und sagte: „Das ist also der Schellfisch!" Dabei ist der Schellfisch der häufigste Seefisch, der ins Binnenland kommt, weil von ihm die größten Mengen gefangen werden; z. B. von den 68 Millionen Pfund Fisch, die int Jahre 1909 in Geestemünde versteigert wurden, waren 26% Millionen, b. h. 5/lä des gesamten Umsatzes, Schellfisch. In AO.-^a wurden int Jahre 1908 20y4 Millionen Psn,.d von Fischdampferir angebracht, wov.n zwölf Millionen Schellfisch waren, und ayuiiw lind die Verhältnisse in Bremerhaven, Nordenham, Cuxhaven und Hamburg.
Ter Schellfisch, der bis zu 90 Zentimeter lang wird, ist leicht zn erkennen nn deut schwarzen Fleck, bett cr über der Brustflosse trägt. Die Sage erzählt davon, daß es der Daumen- äbdruck des heiligen Petrus sei; als dieser einst im See Gene- zareth fischte, wollte ein Schellfisch wieder ans dem Netz schlüpfen, doch der Apostel packte ihn zur rechten Zeit und der Fisch kragt seitdem den Taumenabdruck des Heiligen. Selbst sein Name fall daher stamm en, denn Petrus, so weist die Sage zu be- richten, nannte darob den Fisch einen Schelmfisch und darauA soll Schellfisch entstanden sein. Es geniert die Sage nicht, dast tm See Genezareth natürlich gar kein Schellfisch existiert.
Ein naher Verwandter des eben genannten Fisches, der Merlan, Wittling oder Weißling, entbehrt den schwarzen Fleck; im' übrigen hat er große Aehnlichkeit mit dem Schellfisch und fein Fleisch wird von vielen sogar noch höher geschätzt.
Die zweite Rolle spielt auf. dem Fischmarkt ein andren Verwandter des. Schellfischs, der Kabeljau, von dem eine kleinere Form in der Ostsee vorkommt und Dorsch oder Pomuchel beißt. Er ist einer der gefräßigsten Raubfische, und es ist unglaublich, welche SR engen kleinerer Fische in seinem Magen Platz haben; feinen eigenen Vetter, den Schellfisch, verschmäht er nicht., In der Nordsee erreicht der Kabeljau ein Gewicht bis zn 15 Pfund, bei Island und Neufundland wird er doppelt so schwer. Besonders in letzterem Revier hat der Kabeljaufang eine graste SBcbeutimg, und lange Jahre hat sich die hohe Diplomatie mit ihm beschäftigen müssen. Er war ein Streitobjekt zwischen Frankreich unb England, bis Frankreich vor einiger Zeit durch eine Abfindungssumme ans gewisse Fischereirechte in jenem Gebiet verzichtet hat. Die Streitigkeiten zwischen Canada und den Vereinigten Staaten find erst in allerletzter Zeit durch einen Spruch des Haager Schiedsgerichtshofs aus der Welt geschafft worden.
Der Kabeljau von Neufundland komnrt nur getrodhtet und gesalzen in bat Handel. Auch die deutsche Hochseefischerei, die sich bisher darauf beschränkte,, den Kabeljau in „grünem" Zustande an den Markt zu bringen, hat in letzter Zeit begonnen, die Herstellung dieser Dauerware aufzunehmen, die in katholischen Gegenden eine beliebte Fastenspeise ist und als brauchbarer Proviant für lange Schiffsreifen und für die Tropen geschätzt wird. Aus großen Gerüsten trocknet man den Fisch an der Sonne, Und da dies „Freiluft"-Berfahren im Winter wegen der fehlenden Wärme und im Hochsommer Wegen der Insekten nicht an- wettdbar ist, hat man in Geestemünde eine Fabrik er richtet,in der der Fisch zu jeder Jahreszeit nach einem patentierten Verfahren in geschlossenen Räumen präpariert wird.
Man verwendet dazu nicht allein den Kabeljau, sondern; auch den Seelachs, der von den Fischern Kohlfisch genannt wird. Er wird ebenfalls in großen Massen gefangen und au den Markt gebracht und hat sich im Binnenlande wegen seines kräftigens Md wohlschmeckenden Fleifches große Beliebtheit erworben.
Die bisher aufgezählten Sorten mit Ausnahme des Schellfisches pflegt man als Massenfische zu bezeichnen. Weniger häufig als sie und auch geschätzter ist der grostschuppige Seehecht, dessen Maul von Zähnen starrt, die sich nach innen umlegen lassen, so daß die Bente wohl hinein, aber nicht hinaus kann. Durch sein Gebiß ist auch der Katfisch bemerkenswert, so genannt wegen.seines katzenähnlichen Kopfes. Tie Natur schuf ihn zum Feinschmecker, der die Austern und Hummern liebt, und verlieh ihm zugleich die Mittel, um dieser Neigung nachzugehen: nämlich ein fürchterliches Gebiß, mit dem cr jede Schale knacken kamt. Er führt deshalb auch den Namen Austernfisch, und verdient im übrigen wegen seines Fleisches, das roh wie Kalbfleisch aussieht, eine lobende Erwähnung. Ein ebenso seltsamer Kauz ist der Knurrhahn, der seinen Namen daher erhalten hat, daß er mit feiner Schwimmblase knurrende Töne hervorbringt. Er ist stark gepanzert mit stachlichen Flossen, so ■ daß er abgezogen! gegessen werden muß und viele Händler ihn bereits abgehäutet ins Binnenland verschicken. Sein Fleisch ist fest unb wohl- schmeckeirb. Stachlfch ist auch ein anberer Fisch, der in letzter Zeit immer mehr Anerkennung findet; bas ist der Rotbarsch
ober Golbbarsch, der im Handel auch unter dem Namen See- lärpfcn erscheint. Er ist einer der fettreichsten Fische und kann; auf sehr mannigfache Weise znbereitet werden.
Einen von bett bisher beschriebenen Arten sehr abweichenden Körperbau haben die sog. Plattfische, bereit bekanntester bie Flunber ist, in der Nordsee Butt genannt. Sie bildet besonders! frisch geräuschert einen Leckerbissen. Nahe verwandt ist ihr bie Scholle, kenntlich durch die goldenen Flecken, bie sie auf ber Oberseite hat, bie Scharbe, die Rotzunge, Tarbutt (Kleist), Heilbutt, nnb die Zierden der festlichen Tafel, Seezunge und Steiubutt, die in Süddeutschland vielfach unter den französischen Namen Sole und Tnrbot gehen. Die Seezunge, die sich von der Rotzunge schon äußerlich durch bie Form und bie stärkere Haut unterscheidet, ist ber raffiniertesten Zubereitung zugänglich, und ber Steinbutt, dessen Lebensweise übrigens die Bezeichnung „dick, dumm, faul und gefräßig" verdient, steht ihr in der Wertschätzung ber Feinschmecker fast gleich. Betrug doch der Durchschnittspreis der Seezunge z. B. in den Geestcnmnder Auktionen im vorigen Jahre 1,57 Mi. pro Pfund, unb des großen Steinbutts 1,16 Mk.; ähnlich wars an beit anberen Märkten. Auf diese Fische trifft also bie neuerdings in Deutschlanb immer mehr zur Geltung kommende Wahrheit, daß ber Seefisch eines ber besten Volksnahrungsmittel sei, nicht zu, benn eine Ware, die einen solchen Preis hat, ist den oberen Zehntausend Vorbehalten; schabet auch nichts, da wir ja eine reiche Auswahl billiger See- sischforten haben. Zu letzteren sind noch, um vollständig zu fein, die Rochen zu rechnen, platte Fische mit knöchernem, stachelbewehrtem Schwanz. In Deutschland ißt man diesen Fisch melften* geräuchert, dagegen ist er in England, Frankreich, Belgien und Holland auch gekocht eine sehr geschätzte Nummer der Speisekarte,
Tie genannten Sorten erschöpfen noch lange nicht die Maunig- saltigkeit der Arten, die das Meer beherbergt. Und fo zahlreich wie die Sorten der Meeresgeschöpfe, so zahlreich oder vielmehr! unzählig sind bie Fische ber See auch an Masse und bieten dem Menschen eine schier unerschöpfliche Ernte. The larder of the fca — bie See als Vorratskammer, so spricht ber Engländer vom Meer. Möge auch das beutsche Volk barauf bedacht sein,, fein Teil von diesem Acker zu ernten, ber nicht gepflügt und nicht! besät zn werben braucht.
Karneval in Nizza.
Wohl in feiner Stabt Europas wirb bie Herrschaft des Prinzen Karneval alljährlich mit so fröhlichem Jubel unb so gewaltigem Aufwand und Prunk und Pomp gefeiert, wie in ber Hauptstadt der Riviera, wo in diesen Wochen bie ersten großen, Feierlichkeiten eiiisetzcu, mit beiten ber Einzug des fröhlichen Fürsten begrüßt wirb. Diesmal wirb Prinz Karneval XXXIX. auf kurze Zeit fein Szepter schwingen, beim erst im Jahre 1872 würbe zum ersten Male in Nizza ein Karneval großen Stils abgehalteu. Schreiner und Maler finb bereits eifrig am Werk, an der trabitioncHcn Stätte, unmittelbar vor beit Gärten der Place Massena, bas stattliche Schloß aufzurichten, in dem ber lustige Herrscher residieren wirb. Die Stadt scheut dabei keine Ausgaben, vor zwei Jahren z. B. erreichte die Residenz des Prinzen Karneval eine Hohe von 20 Meter bei 15 Meter Breite, hie Laune der Architekten 'hatte eine bunte, indische Pagode errichtet, in der das Schlafzimmer des Karneval mit 3000 elektrischen Ampeln erlentcfjet war, unb die Stadt spendete riutb 15 000 Frs. nur für diese standesgemäße Behausung des illustren Gastes. Wenn das Volk noch gar nicht an bie nahende Faschingszeit denkt, sind bereits Hunderte von emsigen Arbeitern am Werke, um all die verblüffenden Ueberrafchnngen des großen Umzuges vorzubereiten, die von Künstlern ersonnen und von Künstlern ausgeführt werden. Humor und Satire fließen bei dieser heiteren Arbeit harinonisch ineinander, was in diesem Jahre die schaulustige Menge überraschen soll, wirb noch streng geheim gehalten, aber man weiß mit Sicherheit, daß gewiß auch heute wie ist früheren Jahren mit Aufbauten von kolossalen Dimenfiouen die faschiugfrohen Leute verblüfft werden sollen. Vor zwei Jahren zeigte sich ber riesengroße Prinz Karneval als Flieger, im Jahre vorher erschien cr als Diplomat, ber in golbgestickter Uniform! vom Friebenskongreß heimkehrte, unb das letztemal sah man ihn auf einem riesenhaften Eisbären durch die Straßen ziehen, ein Sinnbild ber prächtigen Reklame, mit bem ber Cook unbl Peary damals bie Welt erfüllten. Für bie zwölf großen Wagen des Zuges, die je eine Länge von etwa 11 Meter aufweifen, gibt bie Stabtverwaltuug ansehnliche Summen her. In ben Leetnres V'our tonS berichtet ein Eingeweihter von ben finanziellen Opfern, bie Nizza feinem Fasching bringt, und verrät dabei eine Reihe interessanter Zahlen, bie, wie man will, bie Kariievalslrendigkeih ober ben Spekulationsgeist des Rivieravolkes illustrieren. Im Jahre 1909 wurden allein für die großen Wagen 42 000 Mark an Preisen unb Prämien verteilt, 7300 Frs. kamen unter ben Reitern zur Verteilung, nahezu 20 000 Frs. für bie Fußtruppen des Karnevals, und rund 5000 Frs. an einzelne, besonbers gelungene Masken. Aber das sind nur Preise, in denen die wirklichen Herstellnugskosten nicht berücksichtigt sind. Außer ben 90 000 Frs., bie ben Teilnehmern an ben Maskenkoiikurrenzen ausgezahlt würben, gab bie Stabt für bie drei offiziellen Festwagen nicht weniger als 35 000 Frs. aus, bie Ausrüstung der


