Ausgabe 
2.2.1911
 
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Wohler zumute. Sie hatte plötzlich wieder das frohe, leichte Gefühl, als sei die häßliche Gegenwart nur em Traum, aus dem sie heute oder morgen erwachen mußte, und wie sie endlich mit ihrem Kind auf der Hohe des Jung-Bismarckdenl'mals angekommen war und all den Glanz und die Pracht um sich erblickte, da staunte s,e über sich selbst, daß ein paar vergrämte, kleinliche, doch Werb­lein so viel Macht Über sie hatten, daß sie sich von ihnen in einen grauen Alltag herunterzerren ließ, anstatt ]icf) über sie zu stellen und auf all die Gehässigkeit und Erbärm­lichkeit verächtlich herabzuschauen,

Sie wollte nun nicht mehr leiden, sre wollte honen, wollte Zutrauen haben, denn sie erinnerte sich genau, daß ihre Mutter ihr oftmals gesagt hatte, ohne den festen Glau­ben an das Glück käme es nicht zum Menschen, und wenn einer mit aller Macht glücklich sein wolle, dann könne er sich das Gute mit seinem festen Willen erzwingen.

Die Kost) wollte ein bißchen verdrießlich tun, weil ihre Frau erst um vier Uhr zur Kaffeezeit nach .Hause kam und ohne Mittagessen geblieben ivar, aber tote sie hörte, daß sie die Pastorin zurückgeschickt hatte und allem auf die Rudelsburg gelaufen sei, da war sie versöhnt. Das hatte sie gern, wenn Frau von Hilbach frisch war Und wohl aussah. Und ein vergeblich zubereitetes Mittagessen war dagegen etwas sehr Nebensächliches; das konnte sie am Abend g:t wieder aufwärmen. Sie.hatte inzwischen die beiden Border- stiibcheu wieder so hergerichtet >vie im vorigen Winter. Das rechte Fenster war für Frau von Hilbach und das linke für das Jungchen eingeräumt, und am Ofen stand der tiefe Lehnstuhl, in dem Frau von Hilbach so gern an einsamen Winterabenden saß.

Nu sind Sie aber zufriede,t?" sagte sie strahlend. Die Kost; ist ein Prachtkerl, was? Im Alkoven hab ich der Vorsicht halber das Bett frisch überzogen. Die MM,ms hat gestern auch ein paar Durchreisende über Nacht gehabt, und wenn wir's haben können, warum sollen wir's denn nicht nehmen? Ein paar Mark niacht's immer aus, und dafür können wir dem Jungchen was Schönes zu Weih­nachten kaufen!"

Kosh," fragte Frau von Hilbach,haben Sie schon gehört, daß Frau Lengerichs Mann ein Mörder war und hingerichtet worden ist? .Haben Sie davon schon was ge­hört? Sie wissen doch alles, was im Hanse vorgeht!"

Ne," sagte die Kosh,davon hab ich kein Sterbens­wort gehört, und so was glaub ich auch nicht. Wer hat Ihnen denn das gesagt?"

Die Pastorin weiß es von der Specht, und die Specht hat es von der Häuslein, und die Häuflein weiß es von der Lengerich selbst!" , , . ,

Ne," wiederholte die Kosh noch cininal und lachte. Ne, so was laß ich mir nicht ausbinden. Erstmal sieht die Frau Von einem Mörder nicht so aus wie die Frau Len­gerich, und dann tut das auch keine, daß sie selbst erzählt, wenn man ihren Mann aufgehängt hat. Aber Gewißheit werd ich mir darüber verschaffen, und ich weiß auch von wem. Da tvohnt eine drüben, die kennt dre Lengerich, und die hätte mir längst >oas gesagt, wenn das so wäre. Das paßt sich ja gut, daß ich gerade über die Brücke muß. Da kann ich Ihnen heute abend noch Bescheid bringen."

Nein, nein, hätte man das heute morgen alpnen können, daß es vor Nacht noch so regnen würde?" fragte die Pastorin, die ganz bescheiden bei Frau von Hilbach an- getlopft hatte, um sich zu vergewissern, daß da unten keine schlechte Stimmung gegen sie herrschte.

Der Regen schlug prasselnd an die Fenster, utib em schauriger Sturm umheulte das Saalehaus. Die Kosh war auch ganz durchnäßt, denn auf dem Heimweg Ivar sie von den: Regen überrascht worden. Sie zog sich ein paar warme Pantoffeln an die Füße, machte den Tcetisch zurecht und stellte ohne weiter zu fragen auch für die Pastorin eine Tasse hin. , ,

Also mit der Frau Lengerich, das hat seine Richtig- keit, Frau üou Hilbach," begann sie in einem ganz geschäft­lichen Ton.Was ihr Mann war, der war wirklich ein Mörder!"

Sehen Sie wohl! sehen Sie wohl!" rief die Pastortn triumphierend.

Die Kosy überging diesen Einwurf und fuhr sachlich fort:

Aber aufgehängt worden ist er nicht! Ganz richtig und normal wie andere Menschen ist er gestorben, nur mit

dein einzigen Unterschied, daß er im Zuchthaus sterben mußte und nicht in seinem Bett!" ,

Sehen Sie ivohl, daß ich recht hatte!" sagte die Pastorin noch einmal, und in ihrer Stimme klang es wie Freude.

Nun, ich sollte meinen, über so was freut man sich nicht, Frau Pastern, und besonders eine nicht, die die Fran von einem Seelsorger war, und tvas das mit dem Begriff Mörder" anbelangt, da gibt es doch auch zwei Klassen drin. Es gibt Mörder, die lvcä) dafür können, wenn sre einen umbringen und zudem iroch stehlen und rauben, das ind die eigentlichen Mörder. Die andern smd die, die rin Grund nichts dafür können, die nur blind draufloshauen, wenn sie gereizt werden, unb dann ans lauter Unglück einen so treffen, daß er liegen bleibt und nicht wieder aufsteht. So einer ist aber eigentlich gar kem Mörder und wird nicht aufgehängt oder geköpft, und so einer war der Frau Lengerich ihr Mann. Das ist ein großes Un­glück für eine Frau, wenn sie so was erleben muß, und die arme Frau Lengerich kann mir in die Seele hmem leid tun!" .,,

Gott, Kosy!" rief Frau von Hilbach ganz^erfchuttert. Ob man ihr denn gar nicht helfen kann? nie soll oft wie eine Wahnsinnige sein und mit sich selbst reden und auf der Erde liegen." ..

Helsen t'anu ou. unsereins wohl kaum!"'sagtewre KV)y. Das beste ist, wenn man tut, als ob man von nichts was weiß; das ist so einer noch am liebsten!"

Die Pastorin sagte daraus nichts, denn sie tvoLte es mit der Kosy nicht verderben, weil sie sich auf d:e gemein­samen Abende im Winter freute, sondern jammerte w.eder über das schlechte Wetter. .

Haben Sie auch all Ihre Fenster ordentlich zur fragte die Kosy sie mißtrauisch.Geben Sie lieber mal Ihre Schlüssel, daß ich nachsehe, denn Ihre Fensterbänke sind erst im Frühjahr frisch gestrichen worden, und das muß für zwei Fahre reichen!" , _

Die Pastorin gab ihr die Schlüssel, aber ehe die Kosy das Zimmer verlassen hatte, klingelte es an der Hansrur, zweimal nacheinander, alle drei Frauen liefen zur Tur, und der kleine Erwin hing sich erschroccen an der Kosy

Rock. , m

Draußen stand einer in einem langen, grauen Regen­mantel mit weiter Pelerine, leinen dunklen Hut hatte er so tief ins Gesicht gezogen, daß man ihn nicht erkennen konnte, wie er ausscch.

Stimmt das? Hier auf dem Sck)ild steht: ,Zimmer zu vermieten!' Kanu ich ein Zimmer für ein oder zwei Nächte haben?"

Aber gewiß, gewiß!" antwortete die Kosy.Bitte, bitte, mein Herr, treten Sie ein, das ist ja ein Hundewetter heute; Sie sind gewiß ganz durchnäßt! Bitte, wollen Sie einen Augenblick in die Stube eintreten, ober wollen Sie gleich in Ihr Zimmer?" f,

Die beiden Frauen waren gleich nachdem sie den Wunsch des Fremden gehört hatten in die Stube zuruckgekehrt und ließen die Kosy allein mit ihm unterhandeln.

Er wollte gleich in jein Zimmer und war überhaupt ziemlich kurz angebunden. Die Kosy zündete eute Kerze an unb führte ihn über beit schmalen Gang zn bet Mittel- stnbe, die Fran von Hilbach bis zu diesem Tage bewohnt hatte, und sie war glücklich, daß sie den guten Einfall gehabt hatte, das Betr gleich frisch zu überziehen und neue Handtücher aufzuhängen.

(Fortsetzung folgt.)

Das Meer als Vorratskammer.

Von Dr. Otto Senft (Geestemünde).

Da unten aber ist's fürchterlich," läßt Schiller den Taucheü sagen, der vom Grund des Meeres zumrosigen" Licht zurück- g^e Drr^Dichter, der in dieser Ballade die Schrecken dos Meeres­grundes schildert, hat von den Fischen, die er dort beschreibt, jedenfalls keinen mit eigenen Augen gesehen, denn Schiller war nie an der See, und früher war der Hering gesalzen oder ge­räuchert der einzige Seefisch, der im Binncnlande bekannt war; daneben in katholischen Ländern der Klippfisch, «ivcksisch und Laberdan, alles Zubereitungen des Kabeljau.

Heule ist das anders. Tie Eisenbahn ermöglicht es den Hochseesischereiplätzen, von denen wir sechs haben nämlich Hamburg, Altona und Cuxhaven an der Elbmündnng und Norden­ham, Bremerhaven und Geestemünde an der Wesermündung>