Ausgabe 
2.2.1911
 
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Donnerstag den 2. Februar

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Das Witwenhaus.

Roman von Halene von May. . n.

Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Frau von Hilbach sah »nicht mehr den tiefblauen, warmen Herbsthimmel; sie sah nicht den herrlich gefärbten Wald und den glrtzernden Strom, nicht die Berge and Burgen, die tu einer- 'alten, milden Glanz geraucht waren.

Am frühen Morgen war es ihr gewesen, als müsse ihr heute etwas Frohes, so etwas ungeahnt Schönes he- gegnen, und nun hatte sie das kleine, armselige Weibchen, bas sich doch selbst so ganz von der allgemeinen Heerstraße abgesondert hatte, aus aller Freudigkeit herausgezerrt, wischte die frohen, hellen Farben aus und malte ihr ein Bild so trüb und grau und kalt, daß es wie ein Schauer durch Frau von Hilbachs Seele ging. Es gab Tage, an denen sie etwas wie Liebe zu dem alten Saalehaus empfand. Die kleinen, niederen Zimmerchen drückten sie dann nicht mehr, sie fand alles warm und traut und behaglich. Das Haus kam ihr vor, wie eine liebe, steinalte Großmutter, die mit ihrem Märchenzauber aus längst verflossenen Zeiten alles um sich herum einspann, die es verstand, bvennende Wunden mit weicher Hand zu kühlen und wilde Wünsche zu Ruhe zu bringen.

Aber manchmal stand ihr dann das Haus wieder gegen­über wie ein böser, tückischer Feind, der viel, viel stärker war als sie selbst, oder sie sah es in Gestalt eines gewal­tigen, wilden Tieres mit weitaufgerissenem Rachen und zum Schlag erhobener Taste, und bann hätte sie ihr Kind nehmen mögen und fliehen vor dem alten, unheimlichen Haus, weit, weit, irgendwohin, wo viel Menschen waren, wo sie ihre Angst und ihr Granen los wurde.

Sie hatte auch so viel bange, entsetzliche Nächte wegen des Hauses gehabt; die waren immer gekommen, wenn jemand sich über eine Sache beschwert hatte, die sie nicht ändern konnte. Dann hatte sie oft geträumt, das Hans habe sich mit all seinen Insassen auf ihre Schultern ge­stellt und wolle sie zu Boden drücken, und sie mußte doch ihr Kind ernähren und durfte sich nicht so einfach über­wältigen lassen, und sie trug die entsetzliche Last mit zittern­den Knreen in der steten, schrecklichen Furcht:Deine Kräfte werden nicht reichen, du wirst doch unterliegen, und dein armes Kind steht dann ganz, ganz allein in der Welt!"

Heute, an diesem sonnigen, frohen Herbsttag hatte ihr die grausame, kleine Pastorin wieder die furchtbare Last auf die Schultern geladen, und Frau von Hilbach ging wie eine alte, gebeugte Frau dahin, und wie ihr Kind ihr einen Strauch von rotem Giftmohn brachte und mit strahlen­den Augen zu ihr aufsah, da mußte sie sich an den Wald­rand hinsetzen unb weinte in einem bitteren, haltlosen Schmerz.

Aber, Kindchen, Kindchen!" sagte die Pastorin er­schrocken.Das hab ich doch nicht gewollt, ich wollte Sie doch nicht traurig machen. Wie kann man denn übeL so was weinen?"

Sagen Sie nichts mehr, Frau Pastorin!" bat Frau von Hilbach,ich war so froh und glücklich heute, und nun auf einmal weiß ich wieder, daß ich kein Recht auf Glück und Freude habe, daß ich mich immer sorgen und! grämen muß!"

Kein Recht auf Glück und Freude? Nein, da irren Sie sich, Frau von Hilbach. Das Recht hat jedermann. Aber Sie dürfen auch nicht alles so persönlich nehmen! Ihnen kann das doch gleichgültig sein, ob der Fran Lenge­rich ihr Mann ein Mörder war und aufgehängt wurde und auch, ob der Fran Natusius ihre Frieda ein Kind bekommt. Nur.dafür müssen Sie sorgen, daß Sie da­durch nicht zu Schaden kommen. Jeder ist sich doch selbst der Nächste, das dürfen Sie nicht vergessen!"

Ach, Frau Pastor," klagte Frau von Hilbach,jetzt sagen Sie, jeder ist sich selbst der Nächste, und gerade Sie haben mir doch so oft gesagt, Ihr seliger Manu hätte so gern über den barmherzigen Samariter gepredigt. Ich kann mich nicht ändern, und vielleicht ist's ein Unglück, daß ich so viel mit anderen Menschen fühle, aber es ist doch nun einmal so!"

Ach, Frau von Hilbach," jammerte die Pastorin,nun sind Sie ärgerlich auf mich, und ich wollte Ihnen doch nur einen guten Rat geben. Wenn Sie jetzt Ihrer Frau von Kosezyskowskh erzählen, daß ich Sie traurig gemacht habe, bann läßt die ihren Aerger wieder au mir aus, unb ich habe darunter zu leiden. Vor Oktober wollte sie mir meine Grude noch instand bringen, aber wenn sie jetzt eine Wut auf mich bekommt, tut sie es natürlich nicht, und ich werde auch abends nicht mehr herunterkommen können!"

Nein, die Kosh soll keine Wut auf Sie bekommen, Frau Pastorin, das verspreche ich Ihnen. Aber tun Sie mir einen Gefallen, ja, bitte, lassen Sie mich jetzt allein, ich mag nicht mehr reden. Ich will mit dem Jungen ein Stückchen die Rubelsburg hinauf, vielleicht wird mit bann besser."

Ich wäre ja ganz gern mitgegangen!" sagte die Pastorin etwas gekränkt, aber natürlich, wenn ich lästig! falle!"

Ehe sie geendet hatte, war aber Frau von Hilbach schort fort, und die Pastorin blickte ihr mit einem merk­würdigen Lächeln nach.

,Melleicht hat die Specht so unrecht nicht, wenn sie behauptet, die junge Frau sei ein bißchen eigen unb habe überspannte Gedanken!" meinte sie sinnend, und weil sie sich allein im Wald fürchtete, trat sie schnell den Heim­weg an. , .

Der Fran von Hilbach wurde es mit jedem Schrttt, den sie nun allein in der prachtvollen tzerbstlandschaft ging.