Ne strahlende, surrkelnbe MWerlandschai^ aus die Berge, die limtoer naher kamen, immer herrlicher emportauchten in den tief- blauen Himmel ... Da hat jeder den Wunsch: Außi möcht' i!
Und nun stiebt das Volk auseinander, jeder einzelne seinen Wintersportabenteuern entgegen. Nur noch ein paar ganz langsame, ein paar Unistandskrämer an der Perronsperre, die mit ihren Skiern, Rucksäcken und Rodeln nicht fertig werden.
Darunter ein Freund von mir, der Huber Nazi. Ein ganz braver-, etwas, sehr dicker Mensch, der in einem Münchner Aemt- lein ein nicht unbescharrliches Dasein führt und auch sonst sich noch nichts hat zuschulden kommen lassen; nur schlecht terteln trit er. Er verpatzt jedes Spiel, tlub wie!
Heut macht er seine erste Rodelpartie. In Fürstenfeldbruck, auf der Kinderrodelbahn, hat er nm letzten Sonntag den Sport ausprobiert. Tie Kinder haben eine Mordsgaudi dabei gehabt. Dennn her Nazi mit seinen hundertachtzig Pfund hat beim »Rodeln ganz merkwürdige Kapriolen ausgeführt. So etwa, wie em Elefant Menuett tanzt. AL:r schließlich hat er sich mit s in m Model doch so ziemlich augefreundet, und das Resultat war, daß er in seinen: stolz geschioelltcn Syortbewußtseiir beschloß, alsbald tinetp Rodelberg eine Visite zu machen.
Und so kam er heute nach Tegernsee, vergnügt und ,auf- tzeränmt wie ein Spatz.« ■
Wie er seine Körperfülle nebst dem Rodel, den er auf dem Rücken trug, durch die Perronsperre glücklich durchgezwängt hatte, hört er hinter sich seinen Namen rufen.
Er schaut sich um, und der ganze Humor, der ihn bisher erfüllt hatte, toar flöten gegangen. Tenn der, der ihn gerufen hatte, war sein größter Feind, der Weberwastl, auch Sportsnrann und auch Kartenspieler. Wer einer, der das Terteln kann, ein richtiger Champignon der Tertelkarte", wie man ihn am Stamnr- tisch getauft hatte.
Roch einmal ruft der Wastl. Aber Nazi brummt was in seinen Bart, das nicht gerade eine höfliche Liebenswürdigkeit war, und geht seiner Wege. Man wird sich doch nicht mehr mit einem solchen Kerl einlassen, der einen coram publico, vor der gauenz Tertelkorona nicht nur einen Patzer, einen elendigen Patzer, sondern auch noch einen damischen Teufel schimpfte! Damischer Teufel — io eine Gemeinheit! Das ist gegen die persönliche Ehre. Und» darum Schluß mit einer solchen Freundschaft.
In dieser Form fetzte sich der Huber Nazi mit dem Wastl auseinander, den er einen Lackl nannte, worauf dieser noch einmal mit einem damischen Teufel quittierte. Und so ''kamen die Kwer 'Männer, die jahrelange Freunde gewesen waren, auseinander. So weit auseinauder, daß nicht einmal die gemeinsame Liebe zum Rodelsport sie wieder zusammenzufügen vermochte.
Ein wenig verstimmt über die unvermutete Begegnung ent- tchloß sich Nazi zu einen: Schoppen Roten, obwohl er in München schon gehörig untergelcgt hatte. Erstens konnte es nichts schaden, zweitens schwemmte es den aufquellenden Haß hinunter, und drittens ging man durch den kleinen Aufenthalt dem Wastl, diesem elenden Menschen, aus dem Weg . .
Der Schoppen Rote war gut. Er brachte mehren Nazi wieder ins Gleichgewicht, und aufgeräumt trat er nun den Weg zum Hirschberg an. Bon dort wollte er herunterrodeln und damit sich gewissermaßen das Patent als fertiger Rodelsportler holen.
Zuerst ging die Sache ganz gut. Alleüthalben ermunterte er sich durch öftere Umschau. Je höher er kam, um so prächtiger gestaltete sich das Laiwschaftsbild mit seinen großartigen Farbenkontrasten, dem blendenden Schnee, den tiefblauen Schatten Und dem leuchtenden Blandes Himmels, eine Symphonie von Weiß Und Blau, die sogar die patriotische Saite in: Herzen meines Nazi erklingen machte, denn er fand diese Wiitterlandschaft „echt bayrisch".
Allmählich aber verlor er das Interesse an den Farbenuuancen im besonderen wie an der Natur im allgemeinen und hatte nur den einen Wunsch, endlich das Unterkunftshaus zu erreichen. Tas stundenlange Steigen auf der zum Teil scharf gefrorenen, glatten Bahn ermüdete den schiveren Mann ebensosehr, wie es seine Kehle austrocknete, und besonders dieses war em Zustand, der seinen .Sportenthusiasmus ganz erheblich herabstimmte.
Schnupfend, stöhnend, strauchelt, rutschend und wieder schimpfend — so ging's empor. Tutzende von Rodlern und Rodlerinnen sausten mit lautem Hallo in schneidiger Fahrt an ihm Vorüber bergab, und mehr als einmal kam er in die Gefahr, über- vodelt zu werden, tveil er nicht schnell genug zur Seite springen konnte.
Mm liebsten hätte er sich auch auf seinen Rodel gesetzt, 'aber da schämte er sich doch. Er mußte bis zum Unterkunftshaus hinauf. Ta droben gab's Bier und Wein für seinen trockenen Gaumen — da wird man doch jetzt nicht umkehren!
Also stampft er weiter und weiter — der Schweiß rinnt ihm in Strömen von der Stirn, obwohl es kälter iuurbe und die violetten Schatten des früh herannahenden Winterabends drüben aus den Tiefen der Täler bereits heraufstiegen.
Und endlich, endlich, nach mühseliger Ueberwindimg der letzten Serpentinen, die dem Nazi die letzte:: Kräfte und die kräftigsten Flüche abrangen, kommt das Unterkunftshaus in Sicht. Noch einige Meter Höhe — und Nazi steht mit schlotternden Knien Und schwer Ltmend vv.rm Hause,
Ter Hüttenwirt kam heraus'und half ihm Sen Rodel abnehmen. „A bißt spät seid's dran, Herr!" meint er gutmütig.
„Hum! Hum! Hum!" Mehr bringt Nazi nicht herausl All seine Gedanken such jetzt auf nichts anderes gerichtet als auf ein Maß Bier und eine ordentliche Portion Rostbratl.
Trinnen in der Stube ist's prächtig luarm. Ein mächtiger Holzstoß prasselt im Ofen. Vier Rodler erhoben sich gerade, um sich zur Talfahrt anzuschicken. Sie grüßten Nazi und ver-. ließen das Zimmer. Er ist ganz allein.
„Schau, schau!" dentt er bei sich, „wie sich so ein verdammtes Berg in d' Läng zieht!"
Ein leises Unbehagen steigt in ihm auf. Er denkt an die Talfahrt! -
Aber dann fant der Wirt mit den: Krug und dem Essen, Und Nazi vergaß alle Sorgen.
Während' er sich an den: vortreffliche:: Braten gütlich tut, geht die Tür auf — und eine große, vierschrötige Gestalt tritt ein.) Nazi bleibt der letzte Bissen in der Kehle stecken, und d:g Gabel fällt klirrend unter den Tisch — so erschrak er — denn der Mann ist — ist — sein Todfeind, der Wastl!
Der andere tut nicht dergleichen, als kennte er den Gast.. Nur ein hämisches Lächeln stiehlt sich flüchtig über seine brcitenj Züge.
Der Wirt kommt auch wieder in die Stube.
„No, warn S' droben am Gipfel?" fragt er den Wastl«
„3a, schön war's! Eine Aussicht — großartig!"
„Ja, in: Winter is no viel schöner als in: Summa!" meint der Wirt. „Gehn Sie aa noch ausi?" fragt er Nazi.
„Na! na!" antwortete der hastig. „Nicht um eine Million!^ wollte er hinzufügen, aber er verschluckte es. Er hatte genug-
Wieder streift ihn ein böses Lächeln des Wastl, dann erhebt sich der Todfeind, sagt „Grüß Gott" zun: Wirt, ohne seinen! früheren Freund eines Blickes zü würdigen, und geht. Den Wirt ihm nach'.
Wie sie draußen Waren, hört Nazi den Wirt noch rufenck „In diq Serpentinen staad fahrn, Herr, sie san gach, mch 's haut Eahua leicht außi!"
Dann war's totenstill. Nazi hätte einen Augenblick das Gefühl, als sollte er aufspringen und seinen Freund zurückrufen. Es wär' doch besser, wenn sie miteinoinder ctbfahren würden» Dgnnj aber lachte er über sich selbst. Bah! So was! Dem ein gut's Wort geben! So einem gemeinen Kerl! Nein! Niemals! Lieber! auf allen vieren bei: Berg nunterrutschen, als mit den: elenden! Menschen beisanmren sein!
Gedankenvoll .blickte er durchs Fenster hinaus. Die Gipfel! ringsum glühten im letzten Abe:ck>sonnenschein wie Fackeln, diq violetten Schatten waren schon bis zum Haus heraufgekr«hen.>
„Die Serpentinen staad fahrn. . ."
Nazi dachte an beit letzten steilen Weg herauf, und es ward! iHv: doch etwas ungemütlich. Wie würde er da hinunterkommen?
Mit einen: gluck springt er auf. Er ist entschlossen. Vorwärts muß er, mag's gehen, wie's will!
Dann .ruft er den Wirt, zahlt, holt feinen Schlitten Herbci/ setzt sich darauf und — los ging's.
„Langsam! Langsam! Langsam! Brceemsen!" schrie ihn: der Wirt nach. Er hörte es kaum mehr. Dumpf klirrt der sausende Schlitten auf der hart gefrorenen Bahn, links uub recksts stäub Ü der Schnee auf — da, eine Kurve — rrrumms! Der Schlitten macht eine Bewegung, als wollte er sich umkehren, und Nazi stak mit dem Kopf in der hohen Schneewand, die die Bahn eins säumt.
Fluchend und den Schnee aus der Nase pustend, arbeitete! sich Nazi heraus. Jnzwichen war der Rodel hundert Meter allein den Berg hinuntergefahren und wartete bei der nächstes Kurve geduldig auf seinen Herrn.
Tann begann die Fahrt von neuem. Nazi versucht es mit dem Bremsen, aber da er nicht weiß, wie's gemacht wird, kommt der Schlitten bald loieber in ein wahnsinniges Tempo, unb| hilflos fliegt bet Ticke bei der nächsten Kurve wieder in bett Schnee.
So ging 's wohl ein halb Dutzend mal, immer energischer! wurden die Kurven der verflixte:: Serpentinen „genomme::", denn die Widerstanbskraft und Energie bes armen Nazi wurde immer geringer, so daß der Rodel mit seinem Herrn sich die sonderbarsten! Extravaganzen erlaubte.
Ter letzte Sturz hat Nazi den Rest gegeben. Mit feiner Kourage ist's zu Ende. Gottverlassen sitzt er im Schnee und ächzt. Und der Angstschweiß tritt ihm auf die Stirn. Wie den Berg hinunter? Ten Schlitten besteigt er um keine:: Preis der Welt mehr. Ta bricht man sich Hals und Beine! Aber auch das Gehen ist auf der hart gefrorenen Bahn nicht weniger gefährlich. Nazi sieht sich schon als erfrorene Leiche in dieser Bergwildnis — von Füchsen gefressen. . . huh!
Ta, was war das?
„Ho — Ho — hallo!" tönt es aus der Höhe. Dazu ein knirschender, klirrender Klang wie von einem sausenden Schlitten.
„Hallo!" antwortet Nazi mit dem letzten Aufwand seiner! Kraft. _ ,z
Er fühlt, jetzt ist er gerettet. Der Rodler muß ihn ißi»! nehmen, er mag wollen oder wicht.


