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Der zwolls Stock ist eigentlich der schönste vom ganzen Hans. Wenn die verwitwete Pfarrer Melzing, die wie alle anderen im Hanse im Sommer ihre Zimmer an Fremde abgibt, einen mietlustigen Sommergast heraufgeführt hat, läßt sie ihn zu allererst einen Mick aus dem Kvrridork- fenster tun, und wer da nicht ein erstauntes „Ah" oder -„Oy" ausstößt, den erklärt sie für einen herzlosen Menschen Vhno Schönheitsgefühl und Naturliebe.
In den meisten Fällen hört sie auch das gewünschte :-,OH" oder „Ah", denn was man von da oben aus sieht, hat man wirklich nicht vermuten können. Da liegt zuerst das schmale, langgestreckte Gärtchen mit dem großen Laubcn- aang, den prächtigen Lindenbäumen, mit den Draht- und Lattenlauben und dem gelben Kies. Wie ein nagelneues Spielzeug sieht es von da oben ans. Dahinter Aieht sich dis Saale hin, breit und glitzernd — und eine schöne, neugebaute Brücke führt zum andern Ufer, zur eigentlichen Stadt. Weiter oben im Fluß ist ein Wehr; das rauscht und poltert so laut, daß man sein eigenes Wort nicht versteht.
Drüben, gerade dem 'Saalehaus gegenüber, steht eine graue Mühle; sie ist kein Zierrat für die Nachbarschaft, aber vom zweiten Mock des Saalehauses sieht matt über sie weg, und der Blick schweift über Kirche, Park und all die bunten Häuser der gegenüberliegenden Seite nach dem Wald und von dort über die Berge und Burgen. Darüber wölbt sich der Himmel, und wenn die Sonne scheint, dann ist's, als müsse sich hier alle Freudigkeit und Heiterkeit vereinigt haben, um solch ein entzückendes, gesegnetes Erdett- Mckchen entsteheir zu lassen.
„Sehen Sie, das ist die Ritdelsbürg mit Saaleck!" erklärt dis Pfarrerin nun eifrig. „Mein seliger Mann ist jeden Tag da heraufgestiegen. Sie wissen doch, wie es im Liede heißt: „die Rudelsbürg das ist ein Ort zum Schwärmen iinb zum Trinken!" Da gegenüber sehen Sie die Wilhelmsburg, nur eine halbe Stunde zu gehen, auch schön und lohnend — und da ganz hinrett das Himmelreich, das ist das Schönste Von allem!"
Dann weist sie nach der andern Seite, die flach ist.
„Immer die Saale entlang und dann rechts ab kommen Sis nach Psorta und schließlich nach Naumburg, und von da ist's nicht mehr weit nach Freyburg — Sie wissen doch, wo dis Sektkellereien sind, und----■'
Sie würde in ihrent Redestrom noch fiortfahren, wenn fte nicht, vom Mieter gedrängt, ihn endlich die vermietbaren Räume besichtiget! ließe, aber in den meisten Fällen hat der herrliche Blick aus 6em Korridorsenster schon zu ihren Grmsten gesprochen und „er hai's genommen!" sagt sie selig zu ihrer alten Magd.
Die Pfarrerin wohnt rechts, denn die linke Seite ist Gr zu geräumig. Da lebt Frau Witwe Lengerich, und keiner im ganzen Hause kennt ihre Geschichte und loeiß, was der Gatte war.
Sis ist zurückhaltend, vertnietet nur bei Gelegenheit an Kurfremde und hält Flur und Treppe ordnungsmäßig rein.
Der zweite Stock hat wieder drei Räume mehr als der erste, und diese drei angeflickten Stübchen haben ihren besonderen Eingang von der Waldseite aus und sind von einer .Witwe bewohnt, die mit Eiern, Gemüse, Geflügel Und Obst handelt. Sie heißt nach ihrent dritten Seligen, der ein Pole war, und bei einem Eisenbahnunglück ums Leben kam „Frau von. Kosczysrowsky". Sie bezieht eine kleine Pension, macht im Sommer gute Geschäfte, und man sieht an ihrem stattlichen Körperumfang, daß sie von Mot nichts weiß.
Im Winter macht sie der jungen Hausbesitzerin, die viel zu Unpraktisch ist, um so ein großes Haus zu verwalten, die Aufwartung. Sie ist überhaupt die rechte Hand der Frau von Hilbach — nein mehr — sie ist die eigentliche Herrscherin des Hauses. Das wissen alle, die in den drei Stockwerken wohnen, und weil sie das wissen, genießt die dicke Geflügelhändlerin ein gewisses Ansehen. Man grüßt sie freundlich ,wenn man ihr begegnet, man spricht ein paar Worte mit ihr und kauft ihr von ihren Waren ab. ' Unten im linken Parterreflügel bei Frau von Hilbach W oftmals Schmalhans Küchenmeister, und es würde noch weit schlimmer sein, wenn die dicke Frau von Kosczyskowski), von Frau von Hilbach der Abkürzung wegen „Kosh" ge- MNNch Nicht guch hier dominiert p,
Trotz ihrer äußerlichen Derbheit hat iie ein guLeH weiches Herz; sie begreift gar nicht, wie einer so gleichgültig dahinleben kann, ohne Wunsch nach einem guten Bissen, nach Freude und Vergnügen.
„Und ist doch noch so jung!" sagt sis ost zu sich selbst^ weitn sie unten in der Küche am Herd steht und irgend etwas brät, wovon die Frau in der Stube nichts ahnt.
„Wie die noch einmal durchs Leben kontmen will!" sagt sie sorgenvoll weiter. „Armut braucht zwei kräftige Hande und eine Portion Derbheit, aber die — ach Gott!"
Erstes Kapitel.
Ob mau mit fünfundzwanzig Jahren sein Leben ein verfehltes neunen könne, wenn es statt des erhofften Glückes eine Kette von Leid und Sorgen gebracht habe — darüber: debattierte die Pastorin Melzing aus dein zweiten Stock mit Frau von Hilbach.
Sie saßen beide unten im Parterre in einem kleinen Wohnzimmerchen. Draußen schauerte ein kalter Herbstwind, machte die Fensterscheiben klirren und peitschte das letzte Laub von den Bäumen. Der Himmel war grau^ und ins Zimmer schlich leise die Dämmerung.
Die Kosh hatte ein kleines Fenerchen im eisernen Etagenofen angebraunt. Sie hatte es nicht gerne getan, denn der September war noch nicht zu Ende, und ihrem Gefühl! nach war es Zeit, wenn man im Oktober langsam mit Heizen ansing. Aber Frau von .Hilbach fror leicht, und ihr Kind hatte geschwollene Mandeln. „Also besser in Feuerung verschwenden, als das Geld in die 'Apotheke tragen!" entschloß sich die Kosh, und lvie sie über Fran von Hilbachs trauriges Gesicht ein glückliches Lächeln huschen sah, war sie auch glücklich.
— Die Pastorin Melzing hatte am Vormittag ihre letzten Kurgäste zur Bahn gebracht. Sie hatte einen guten Sommer gehabt, vom Mai bis Ende September die großen Vorderzimmer vermietet und in der Hochsaison auch noch dis Küche und ein Hinterstübchen.
Sie war in froher Stimmung. Gleich von der Bahn aus mar sie zur Post gegangen, hatte jedem ihrer drei! Söhne ein Zwanzigmarkstück gesandt und sah nun ohne Sorgen dem Winter entgegen.
„Denken Sie, ich hatte die letzten Fremden auf unserer Seite der Stadt; nur im „Mutigen Ritter" sind noch ein paar Russen und ein paar Durchreisende, sonst ist alles leer, und im nächsten Jahr wollen sie schon im Aprst wieder zu mir kommen!"
Ihr Gesicht war vor Freude gerötet. Frau von Hilbach schwieg.
Sie saß zusammengekauert in einem tiefen Lehnstuhl/ und ihr Kind hatte sein Köpfchen in ihren Schoß vergraben. Ihr mar nicht froh zumute. Seit zlvei Tagen hatte jhr alter Feind, eine tiefe Schwermut, fie gepackt., Ganz ohne Widerstand hatte sie sich schon von ihm überwältigen lassen. In einer dunklen, schlaflosen Nacht Ivar er gekommen ,hatte sie meuchlings überfallen und hielt sie mit eisernen Armen umklammert. Nun lvar sie müde und matt geworden; so viel schwere Tränen lagen auf ihrer Brust; eine furchtbare Beklemmung hielt ihr das arme Herz umschnürt. Wie einem von der Kugel getroffenen] Reh, das sich einen Winkel zum Sterben sucht, war ihr zumute.
„Es waren feine Herrschaften!" fuhr die Pastorin fort. „Und trotzdem so liebenswürdig, so bescheiden und immer zufrieden; immer hatten sic ein „Danke" für den kleinste Dienst. Nein, ich bin wirklich sehr zufrieden!"-
(Fortsetzung folgt.)
Der damische Teufel.')'
Humoreske von Maximilian Krau ß.
Ein Münchner Spottzug auf dem Tegernseer Bahnhof. Alles drängt schon auf die Plattform der Wagen hinaus. Man kann es kaum erwarten, bis der Zug hält. Denn nun hockt man schon anderthalb Stunden in den Kupees beisammen, ein Chaos von Männlein und Weiblein, Skiern und Rodelschlitten und Ruck- säcken, und hat nichts als dm winzigen Ausblick durchs Fenster auf
*) Wir entnehmen diese Skizze des bekannten Münchneb Feuilletonisten der letzten Nummer (3521) der Leipziger Jllw» fixierten Zeitung, die in der Hauptsache der Schilderung der land-, schaftlichen Schönheiten des Winters und dessen fpottlickM Reizen! g ew idm e t


