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Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlau.
(Nachdruck verboten.)
Erstes Buch.
Arn Saaleufer im kleinen Badeort steht ein Haus; es ist ein altes langgestrecktes Haus mit grauer, ölgestrichener Fassade. Kasernenartig sieht es aus, denn alle Fenster in der Front, es sind ihrer dreißig in den drei Stockwerken, sind schmucklos und zur Hälfte vergitterr. Das Dach ist slach, und jeder, der vom gegenüberliegenden Ufer das graue, lange Haus sieht, denkt nichts Freundliches Von ihm. — Nein, schön ist die graue Kaserne am Saaleufer nicht, nicht schön und nicht neu; aber es lohnt sich doch, über die Brücke zu gehen und dann, vom schmalen Weg aus, der sich zwischen Haus und Gärtchen hinzicht, einen Blick ins Innere zu werfen.
Es ist ja so merkwürdig im Leben! Es gibt Häuser Und Menschen, die sehen so glänzend, so freundlich und prunkvoll aus, und bei ihrem Anblick lacht man, ohne es zu wollen, und denkt: „Welche Schönheit muß solch prächtiges Aeußere erst in sich bergen!"
Aber oftmals trügen doch auch solche prächtigen Häuser Lnd prächtigen Menschen, und inan erschrickt, wenn muu sich al sie versenkt. In solch einem turmgezierten, bcuron- geschmückten, buntgestrichenen Hause umfangt es uns oft mit Eisevstorre. Wir können nicht warm weroen tn oen glänzenden Räumen; wir bleiben Fremdlinge, setzen bang unfern tyufc aufs blanke Parkett, gehen scheu über die teppichbecegten Treppen und sehen verstohlen auf die große Wanduhr, oeren Zeiger sich nicht vorwärtsbewegeu will.
Und schließt sich endlich das Tor hinter uns, dann «atmen wir befreit auf und wollen nichts mehr wissen von denr schönen, kalten Hause.
In dem langen, grauen Saalehaus ist's anders, da fist viel Wärme und Behaglichkeit.
Die braune Haustür singt, wenn man sie öffnet; sie will sagen: „Willkommen!"
Die Glasscheiben, die sie hinter der Eisenvergitterung trägt, klingen leise; das klingt wie Musik, und der kleine, eiserne Abtreter auf den Kacheln des Hausflurs krächzt Unter den Füßen des Eintretenden; das klingt freundlich, so o® vb aus alter Kehle jugendfrisches Lachen tönte.
Die schwarzweißen Kacheln des Hausflurs haben Risse Und Spalten, aber sie sind blank gescheuert, und da, wo sie allzuweit auseinanderklaffen, hat man bräunlichen Kitt ftn die Fugen gegossen.
Von der Decke herab schaukeln große Sträuße von Silberdisteln und rotem Giftmohn. Dre blühen im Moorgrund zur späten Herbftzeit, und es sieht lustig aus, wie sie, vom Zugwind bewegt, über den Köpfen der Eintretenden hin und her schaukeln.
Rechts und links vom Eingang sind Türen; eine jede trägt eine Visitenkarte, einen Briefkasten, eine kleine Tafel mit angebundenem Griffel und einen Glockenzug aus DrahL mit gläsernem Handgriff.
Rechts wohnt die Witwe eines Königlichen Rechnungs- rates, „Natusius" heißt sie, und links, tm größeren, vornehmeren Flügel steht an der braunen Flurtür: „Mariä von Hilbach, Witwe".
Die Treppe ist weiß gestrichen, und die einzelnen Stufen knarren unter den Tritten. Eine jede knarrt anders wie die andere, und wer zum ersten Mal diese sprechende Treppe heraufgeht, bleibt wohl auf halber Höhe stehen und sieht sich um. Es war ihm, als riefe man ihn. Aber bald sieht er seinen Irrtum ein, geht lächelnd weiter und schaut vielleicht noch erstaunt auf den schönen Geländerbezug aus rotem Plüsch, der mit goldenen, blitzenden Nägeln befestigt ist.
„Aha!" denkt er, wenn er ein Sachverständiger ist« „das verbirgt etwas!" — und er hat recht.
Das Holz war so wurmzerfressen, und die verwitwete Frau Maria von Hilbach, die links im Parterre wohnt und die Besitzerin des grauen Saalehauses ist, hatte in einer schlaslosen Nacht den Einfall gehabt, eine alte Portiere zu zerschneiden und einen schönen Bezug davon zu machen. Der Tischlermeister, mit dem sie vorher wegen eines neuen Holzaufsatzes verhandelt und der ihr einen Kostenanschlag gebracht hatte, der ihr das arme, sorgenschwere Herz zrttern machte, war ärgerlich über diese Pfuscherei gewesen, aber jonst fand jedermann den roten Plüschbezug sehr schön und geschmackvoll, höchstens ein bißchen auffallend in dieser Umgebung.
Im ersten Stock gibt’3 wieder rechts und links die braunen Türen mit Visitenkarte, Tafel, Briefkasten und Glockenzug.
Reststs wohnt die Witwe des Oberlehrers Specht und links die Kaufmannswitwe Häuflein. An dem Flügel, den sie bewohnt, befindet sich ein eiserner Vorsprung, den man bei bescheidenen Ansprüchen „Balkon" nennen könnte. Er ist schmal und schmucklos, sieht mehr einer Zellenvergitterung ähnlich als einer Hausverschönerung, aber Frau Kaufmann Häuflein ist doch stolz darauf, und wenn sie im Sommer ihre Kletterrosen und Winden an den Eisenstäben entlang zieht, sieht es ganz lustig aus.
Die erste Etage birgt mehr Räume als das Parterre/ denn das Haus ist an einen Berg angebaut und zwar so, daß es mit jeder Etage an Breite gewinnt. Da, wo'A im Parterre nur dunkle Gewölbe gibt, liegen im ersten Stock helle, freundliche Zimmer mit einem hübschen Blick ins Grüne. In ein paar Minuten ist der Wald erreicht: man braucht gar nicht erst die Treppe hinunter, einfach zur Hintertür, die „Pförtchen" genannt wird, heraus, über den Berg weg, und die Buchen und Eichen rauschen einem schon über dem Haupt.


