Ausgabe 
1.5.1911
 
Einzelbild herunterladen

271

Ohne Worte.

Skizze von Hugo Klein (Men).

Die Eltern standen am Fenster unb sahen, daß die Tochter tzt Begleitung eines jungen Anwalts heimkam, der sich fett einiger Zeit sehr um sie bemühte, '

Ein schönes Paar," sagte die Mutter, und der Vater nickte beistimmend. , ,,, .

Nach kurzer Zeit bemerkten die Akten, daß sich der junge Mann wieder entfernte; er hatte sich wahrscheinlich am Haustor verabschiedet. Und gleich darauf trat das junge Mädchen in die Stube und begrüßte die Eltern.

Hat er sich erklärt?" fragte die Mutter.

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

Das dauert viel zu lange," sagte die Mutter.Was soll daraus werden?" Damit verliest sie das Zimmer.

Die Tochter schwieg einige Augenblicke und wandte sich dankt fragend an ihren Vater.

Wie denkst du darüber, Papa?"

Der alte Herr blies große Rauchwolken aus seiner Zigarre Und begann langsam im Zimmer auf und ab zu gehen.

Beunruhige dich darüber nicht, Kind," meinte er dann.Er erklärt sich' nicht, es ist wahr. Aber müssen denn immer Worte bei den Dingen sein? Du und er, ihr gehört Meinander. Das sieht man. Gerade in solcher Lage sind' Worte manchmal über­flüssig, vielleicht sogar hinderlich. Mama hat vergessen. . ."

Er machte eine kurze Panse und fuhr dann fort:

Als ich deine Mütter kennen lernte, standen die Dinge weit schwieriger. Sie war mit einem alternden Bankier verlobt, wozu sie die Eltern beredet hatten. Auch ich war verlobt. . , Mit einem sehr schönen Mädchen, dessen äußerer Reiz mich dazu verführt hatte. Aber längst hatte ich schon erkannt, daß sie gar zu eitel, gar glt hochfahrend und innerlich leer war. Längst war ich entschlossen, dies Band zu lösen. Ich wartete nur den' geeigneten Zeitpunkt ab. Als ich deine Mutter kennen lernte, als wir einander in einer großen Gesellschaft zum ersten Mal ins Auge blickten, da wußten wir sofort, daß es eine Schicksals­wendung war für uns beide. Wir schwiegen zunächst. Daun sprachen wir über gleichgültige Dinge. In der Folge sahen wir uns oft wie zufällig, und unsere Unterredungen wurden schon persönlicher. Wer von dem Gefühl, das uns verband, sprachen wir nicht. Das schien so vollkommen überflüssig. Eines Abends jedoch, in einem halbdunklen Korridor, in dem wir zusammen- trafen, da drängte sich mir das erlösende Wort förmlich auf die Lippen. Deine Mutter merkte wohl, daß ich nun reden wollte, über wir waren beide.noch gebunden. So lächelte deine Mutter nur und .legte den Finger auf den Mlmd. Ich verstand und schwieg. Und ich wußte, was ich zu tun hatte."

Das ist ja ein ganzer Roman, von dem ich noch gar Wichts wüßte," sagte das junge Mädchen überrascht.

Ja, Kind, du siehst, eS: gibt auch stumme Romane. Schon drei Tage später standen wir uns wieder allein gegenüber! dies­mal Mr es in einem verlassenen Salon, abseits einer großen Gesellschaft. Wir sahen uns au und wußten sofort, daß wir beide unsere fremden Verlöbnisse, bei denen das Herz nicht sprach, gelöst hatten. Etwas Freudiges, Strahlendes war im ganzen Wesen deiner Mutter ausgeprägt; und in dem meinen wohl auch. Da umfaßte ich sie in meiner Freude und küßte sie; und' sie liest es geschehen. Aber unsere Aufregung war so groß, daß keins von uns ein Wort hervorbringen konnte. Stumm kehrten wir zur Gesellschaft zurück, aber unsere Hände hatten sich verschlungen, und schwer war es, sie zu lösen, bevor wir die Schwelle über­schritten, wo die anderen beisammen waren. Eigentlich hatten wir uns nichts meljr zu sagen. Nur einen verstohlenen Blick, ein verlorenes Lächeln tauschten wir manchmal. Ein geheimes Ein­verständnis war vorhanden, das keiner weiteren Erklärungen be­durfte. Und dann ging ich an einem der nächsten Tage zu ihrem Vater und hielt um ihre Hand an."

Das junge Mädchen war ergriffen.Der stumMe Roman war sogar sehr schön," sagte sie leise.

Ja, wenn zwei sich verstehen ... In bewegten Augen­blicken des Lebens sind- Worte meistens banal itnb deshalb über­flüssig. Wie soll man mich einen vollgültigen Ausdruck finden für die Erregung des Herzens und der Sinne? Für die Flut von Gedanken, die sich im Hirne überstürzt? ... In Unserer Ehe gab es daun später eine dunkle Zeit. Eine mächtige Leidem-. Schaft lMtte deine Mutter erfaßt: die Eifersucht. Man geht ja mit ihr, milde ins Gericht, denn sie beweist ja immer Lie.be. Aber deine Mutter trieb es arg. Sie war ans jedes weibliche Wesen eifersüchtig, das in unsere Nähe kam. Nach und nach lösten sich dadurch all unsere Verbindungen mit den Freunden, weil junge Frauen im Hause waren; Frauen achtbarster Art. Wenn ich ans Fenster trat und ans die Straße blickte, hatte deine Mutter einen Anfall von Erregung. Sie vermutete, daß ich irgendeine andere Frau bewunderte. Ich sah keinem Weibe mehr ins Gesicht, wenn ich mit deiner Mutter ausgiug, und' doch gab es immer eine Flut von Vorwürfen, Anklagen, Verdächtigungen. Ich sollte stets Frauen angestarrt haben, die ich in Wahrheit gar nicht bemerkt hatte. Das gab' Austritte Tag für Tag, Zank und Streit mit bösen Worten, ganz unfaßbar und ganz nnans-

steWch. Das Haus würde uns zur Hülle, mir und ihr. Ich fürchtete die Stunde, da ich heimkehren sollte. Ich wurde ver­drossen, mißmutig, -leidenschaftlich und ungerecht, wie sie. So ging es nicht weiter.....

Da trafen wir eines Tages auf der Straße zusammen. Ganz zufällig, und gerade vor der Tür unseres Anwalt. Wieder tausch­ten wir einen Blick des stummen Einverständnisses und wir traten beide in das Haus. Beide waren wir entschlossen, uns scheiden zu lassen. Das Leben war für uns auf diese Weise nicht mehr zu ertragen. Es galt die Fessel zu brechen, die uns beide; unglücklich gemacht. Zum Glück wohnte der Anwalt drei Treppen Hoch. Die erste- Etage war rasch erstiegen ... die zweite Treppe hinauf ging es schon langsamer, und die dritte erklommen wir be­reits mit zögerndem Schritt. Wir waren oben noch nicht ganz-! angelangt, da hatte sich deine Mutter schon in meinen Arm geneftelt und verbarg tijt Gesicht schluchzend an meinem Neuen Ueberrock. Ich ließ sie geivähren und legte nur den Arm zärtlich um ihre Schultern. Kein Wort sprachen wir dabei. . . Was- wäre da auch zu sagen gewesen? Wie hätten wir unsere Empfin­dungen in diesem Augenblick in Worte fassen können? Wir' hatten einander doch lieb! Und hätten wir uns doch beinahe zu Tod« gequält. Sollten wir nun einander verzeihen? Nochmals den (Streit beginnen, wer imi Rechte, wer im Unrechte war? Einander, der Himmel weiß was, zuschwören? Nichts war zu sagen. Stumm mußte sich nur jeder geloben, in der Folge gerechter gegen den andern zu fein. Das taten wir denn auch, während wir die geschlagenen drei Etagen wieder hinabstiegen. Freilich, deiNü Mutter hatte noch mancheii kleinen Mckfall aber ich wappnete Mich mit Geduld. Dann kamst du, und alles iourde gut."

Mutter erzählte mir nie von diesen Dingen . . . Und- du meinst, Papa ?"

Ja, ich meine. Du und dieser junge Mann da, ihr gehört zueinander. Und so werdet ihr schon zusammenkommen. Wozu die Erklärungen? Ja, es gab einmal ein Zeitalter der sehr zerr- moniösen Liebeserklärungen. Der Kavalier beschrieb mit seinem Dreispitz einen Bogen in der Luft und klappte ihn dann unter den linken Arm, worauf er ein Knie beugte und in warmer, bewegter, manchmal leidenschastlickjer, aber immer wohlgesetzter Rede seine Liebe erklärte. Huldvoll beugte sich die Dame- über ihn, um ihm ein zärtliches Gewähren zuzuflüstern. Das war im Zeitalter der' Liebeserklärungen. Aber mir leben im' Zeitalter der Elektrizität. Zwei Menschen begegnen einander auf der Straße und blicken sich ins Auge. Ihre Finger berühren sich, und ein elektrischer Funke springt auf. Es gibt ihnen förmlich einen- Schlag. Sie können nicht, mehr voneinander lassen. Auf den elekttischen Funken kommt es an, mein Kind!"

Lin aufregender Kampf mit einem Panther.

Ein lehrreiches und zugleich beinahe rührendes Beispiel von der Mutterliebe eines Panthers und von dem langen, mit List, Schlauheit und Todesverachtung geführten Kampfe des Raub­tieres um die Wiedererlagung seines Jungen, berichtet im Wide Works Magazine ein kanadischer Farmer, dessen Hütte südwestlich von Lillcoet in Brittsch-Columbia im einsamen Urwald steht. Hier lebt der Farmer gemein {am mit feinem Freunde Selman, der durch feine weidmännische Arbeit das bescheidene ®intommeni dieser beiden Pioniere der Zivilisation inmitten der Wildnis verbessert.

Es war zur Abendstunde, das Tagewerk war vollbracht.Ich saß friedlich auf der Bank vor unserer Hütte, als Selman hastig herbeieilte. Er wär auf einem Jagdausslyg gewesen, und als er seinen ledernen Rucksack, der sich merkwüMg bewegte, abgelegt hatte, erfuhr ich auch den Grund seiner ängstlichen Hast: er war auf die Lagerstätte einer Panthersamilie gestoßen und da die beiden Alten anscheinend nicht in der Nähe waren, hatte er schnell den unbewacht daliegenden kleinen Panther mitgenommen,- ein graziöses reizendes 'Keines Kätzchen mit seidenweichen Haaren, das nun in der Mitte unserer Hütte saß und offenbar neugierig und erstaunt der Dinge harrte, die nun komnien sollten." Ob­gleich Selman, Um seine Spuren den Panthern zu verbergen^ ganze Strecken lang durch Sümpfe und Bäche gematet war, hatten die Eltern unseres kleinen Gastes ihn anscheinend doch verfolgt, mitten auf seiner Flucht stieß Selman auf den männ­lichen Panther und hatte ihn mit einem Schüsse niedergestrecht., Die Mutter aber war nickt zu 'sehen. Wir kannten die Lebens- gcwohnheiten dieser Raubtiere, und int Stillen ahnten wir bereits, daß die Mutterliebe den zweiten Panther bald zu unserer Hütte treiben wlttde und daß uns vielleicht noch manches Abenteuer bevorstand. Es gab auch eine unruhige Nacht, nut Eintritt dep Dunkelheit erklang m der Nähe das Geheul der Panthermutliejk. die nach ihrem Kinde rief, die kleine Katze in der Hütte wurde unruhig und begann zu lärmen. Nach Mitternacht plötzlich tauchte unmittelbar im Fensterrahmen, gegen den Hellen Mondhimmel klar sich -abhebend, der riesige Kopf des Panthers auf: eine ge- spcnsttae Vision, die eine ganze Zeit lang lautlos durch das Fenstergitter in den Raum starrte und dann mit der gleichen unheimlichen Stille verschwand, mit der es plötzlich erschienen wat. Wir hatten zu den Gewehren gegriffen und als nun einige 20 Meter vom Hause in der Allee ein lautes Knacken ertönte?