Ausgabe 
1.5.1911
 
Einzelbild herunterladen

© Ml Nr. 68 Nlontag den z. Mak öl

VArüechüttungsAMMMeßenerAnzelgerBeneml-Anzeiger). 1

3

jj

HOB

iiumi .«»«»'»MmMll'M,

AL

'ftWiMhiM,.«

Herzeloide.

SlotncBt von Georg Freiherrn von Ompteda, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Was sollte ich sagen? Sie sah aus wie ja wie sah sie aus? Ich wußte es nicht. Vom ersten Augenblick an hatte ich mir nicht darüber Rechenschaft gegeben. Das erschien mir völlig gleichgültig. Es ging mir, wie es mit Menschen geht, 'die man täglich sieht, daß man sich über ihr Aeußeres nicht mehr klar ist. Ich hatte vom ersten Tage ab gefühlt, daß dieses Wesen mich in Fesseln schlug, ich hatte empfunden und nicht gesehen. Ich hatte mich an die zierliche Gestalt gewöhnt, an diesen zarten und doch vollen Gliederbau. Ich hatte das Bewußtsein: so wie sie ist, muß sie sein. Sie dürfte gar nicht anders sein, nicht größer, nicht kleiner, nicht älter, nicht jünger. Mir war es, als wäre dieses köstliche Geschöpf zu meiner Freude und Augenweide, zu meinem Glück und Segen geschaffen und hierhergeschickt. Ich befaüd mich seit diesen zwei Wochen wie in einem Traum, wie von einem Zauber fühlte ich mich umsponnen. Mir genügte es, daß das alles war. Warum? Daran dachte ich nicht. Wie alt? Nein, darauf konnte ich .nicht antworten.

Doch als ich zögerte, fragte Maria:

Sie scheuen sich wohl, es zu sagen?

Sie hatte einen fast traurigen Ausdruck dabei, einen Zug um den Mund wie Enttäuschung, und wieder etwas wie Jammer ,und Kummer, als wollte sie sagen:Hätte ich mich in dir geirrt? Wärest etwa auch wie die andern?" Das traf mich so, daß ich nicht mehr zurückhielt, das Herz beflügelte meine Zunge, und ich redete, ward mir klar, was in mir geschlummert gleich einer seligen Krankheit, die nun jäh ausbrach. Ich vermag nicht mehr zu sagen, welche Worte ich gebraucht. Ich weiß nur, daß mir zu Sinn war, als erwachse in mir alle die alte Leiden­schaft meiner jüngsten Jahre. Ich geriet in einen Taumel, eine Verzückung. Ich sah diese Mädchengestalt neben mir sitzen wie einen Freund, den liebsten, besten Freund, dem ich alles anvertrauen durfte, mit dem ich gleich fühlte in jeder Faser meines Herzens. Und doch erblickte, empfand ich in ihr das Weib, das meine Sinne gefangen hielt, das mich beschäftigte vom Erwachen bis zum schweren Einschlafen des Abends. Denn schwer nur noch schlief ich ein. Stunden­lang lag ich wach, während mir durch den Sinn die Ge­danken zogen: War das nicht ein unverdientes Glück alles das, was du heute erlebt hast?

Ach, mein Gott, mein Gott, hatte ich je noch für mög­lich gehalten, solche Seligkeit Wune mich alternden Menschen umfangen? War ich nicht längst so weit, zu lachen über Meine Verliebtheit junger Fahre? Wirklich, wenn ich an die erste Leutnantszeit dachte, mit ihrem wilden Herz­

klopfen täglich für eine andere, überkam mich ein Staune«, daß ich mich selbst nicht wiedererkannte. War ich je so gewesen?

Und nun regte es sich dir drinnen unter den Rippe« wie einst, nun ward mir ganz bewegt zu Sinn, wenn ich nur den Namen Maria horte. Maria, nicht Marie, has mir jetzt alltäglich klang. Der vollere Laut des Maria tönte mir in den Ohren. Fast hätte ich das Mädchen einfach so genannt.

Das sagte ich ihr jetzt. Sagte es mit Stocken und Zaudern, entschuldigte mein armes Herz, als beginge es eine Sünde, ein Unrecht an ihr. Und während ich sprach^ senkte sie die Augen, daß ihr Strohhut halb das Gesichts verdeckte. Ich wollte ihren Ausdruck sehen und beugte mich nieder. Der Hutrand sank noch mehr. Da beugte ich mich ganz herab. Meine Stirn berührte fast ihre Knie«, und ich hockte am Boden vor der Bank.

Nun gewahrte ich erst, daß ihre Schultern zuckten^ und ich vernahm jenen leisen Ton, der nicht zu beschreibe« ist, den nur unsere Sinne sofort erfassen: sie weinte.

Ich sprang auf, nahm ihre Hände in die meinen und fragte leise, ganz leise:

Was haben Sie?

Sie gab keine Antwort. Da zog ich ihre Finger an mich und preßte sie an meine Brust. Und wieder fragte ich:

Habe ich Ihnen etwas getan?

Sie schwieg, gber ich sah, wie ihre Tränen langsam über die Mangen Perlten und ihr aufs Kleid fielen. Es warm kleine, runde Tropfen, die in der Sonne glänzten. Sind Tränen.nicht Wasser wie anderes? Ich sah in ihnen ein Wunder, als hätte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Menschen weinen gesehen! Es berührte mich wie etwas, davor ich fast Furcht und Schrecken empfand und dann doch wieder eine herbe Süßigkeit. Ich war wohl von Sinnens! Ich wußte nicht, was ich tat. Ich hätte am liebsten diesem holdseligen Geschöpf, das um mich weinte, die Zähren pon der Wange geküßt.

Ja, weinte sie um mich? Ich fragte fast mit Bangen:

Warum weinen Sie?

Ich lag auf den Knim vor ihr. Ich lehnte mich an sic. Ich zog ihre schlanken Mädchenfinger an die Lippen und küßte sie, küßte sie unausgesetzt. Sie ließ mir die Hand. Nun prst hob sie ein wenig den Kopf: ich blickte in ein rotes tränenüberströmtes Gesicht, rot, so entstellt, so traurig, daß ich erschrak. Und indem ich mich erhob! und mich neben Maria setzte, fragte ich. abermals, aber nun nannte ich den lieben Namen:

Maria, warum weinen Sie?

Jetzt erst kam an den Tag, weshalb sie noch mit keinem Worte geantwortet hatte. Kam das, was die Dichter in ihren Szenen der Liebe verschweigen: die Kleinlichkeit des Lebens, die .trockene Wirklichkeit des Alltags. Sie hatte nicht verstanden, meine weichen Fragen nicht eines der Male