Ausgabe 
1.4.1911
 
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Frühlingslied.

Die Zeit des Erwachens, sie ist wieder da, Laut jubelnd laßt sie uns begrüßen!

Als ob über Nacht just ein Wunder geschah, Seh'n saftiges Grün rings wir sprießen.

Das muntre Gezwitscher der Vöglein erfreut Uns aus tausendstinunigen Kehlen, Verheißt, daß auf Erden nach düsterer Zeit Auch sonnige Tage nicht fehlen.

Und wie in der freien Natur sich's vollzieht Wo alles neu atmet und strebet, So freudiges Hoffen das Herz uns durchglüht, Zu Wirken und Schaffen belebet.

Erfüllet mit Dank gegen Gott, der uns ja Stets des Schönen so viel läßt genießen Die Zeit des Erwachens, sie ist wieder da, Laut jubelnd laßt sie uns begrüßen! I. D o r n.

Das Witwenhaus.

Roman von Helene von Mühlau.

Dorksetzung.) (Nachdruck verboM-I

Die Kosy zitterte an allen Gliedern, so was regte sie auf und brachte sie aus der Fassung. Wie konnte eine Frau so unvernünftig sein und die Fenster weit offen lassen bei solchem Wetter? Und überhaupt wie die hier hauste!

Ist das nicht akkurat wie bei der Lengerich?" fragte sie immer tvieder.Machen Sie mal hier fertig, Frau von Hilbach, ich will nachsehen, ob in der Mche alles KU ist!"

Nach einer Weile kam sie ganz entsetzt zurück.

Kommen Sie mal mit, Frau von hilbach! Nu haben wir die Erklärung! Da, sehen ®te mal, fünf, sechs, sieben, ach über ein Dutzend leere Flaschen! Und hier hinter dem Herd eine ganze Kiste voll! Die trinkt^ pie ist auch jetzt betrunken! Ich sag's ja, wenn eine keinen Mann hat und hat genug zu leben, das ist in den meisten Stätten ein Unglück. Die können wir auch nicht im Hans behalten. Was kann so eine nicht all anrichten? Nee, ttet! Nu gehen Sie mal in meine Wohnung, Frau von Hilbach und sehen nach Erwin; ich werd zu den Berlinern hinunter gehen. Die sind imstand und zischen aus Und all das wegen so einer!"

Sie leuchtete mit ihrer Laterne über das Bett, trt dem fri* Frau Küster lag. Sie schlief so fest, daß «in Kanonen­

schuß sie nicht geweckt hätte. Sie lag quer wt Bett und hatte die eine Hand auf das aufgedeckte Bett, das neben dem ihren stand, gelegt. Die Kosy schüttelte ein paarmal >en Kopf:

Die muß 'raus und zwar ganz, schnell, sonst kriegen wir noch einen Skandal wie den mit der Lengerich, un» o was bringt das beste Haus in Verruf."

Am nächsten Tage schien die Sonne; Die Menschen im Haus io ar en freudiger wie vorher, und die Berliner Familie sagte nichts vom Abreisen.

Ein paar Arbeiter brachten das Nötigste instand, aber noch ehe sie zum Brunnen ging, war die Kosy über bte Brücke zum Arzt gelaufen und hatte ihn für zehn Uhr bestellt. Sie wollte mit ihm bei der Frau Mster eine« Besuch machen. Bei der war nun merkwürdigerwe^e die Flurtür, die in der Nacht offen gestanden hatte, ver­schlossen, und sie öffnete erst nach geraumer Zeit.

Der Kosy sah sie mit einem sonderlich vertrauten und doch fremden Blick ins Gesicht. Als sie den Doktor gewahrte, schwankte sie einen Augenblick, taumelte, schrie dann:Eduard, mein Eduard!" und fiel ihm nm den Hals.

' Auf ihrem Nähtisch stand eine halbleeve Weinflasche. Als der Doktor sie jetzt zum Sofa führte, lallte sie:Diene dagewesen, gestohlen! Eduard, bleib doch bei mir! Sag was, ich bin ja schon ruhig!"

Es war gar nichts mit ihr auzufangen, sie war ihrer Sinne nicht mächtig; erst am Abend, als der Doktor zum zweiten Male kam, war sie nüchtern und gab unter Tränen Auskunft über ihren Gemütszustand.

Sie war aucki mit Freuden bereit, aus dem Witwen­haus auszuziehen' und aufs Land zu gehen. Da wußte der Herr Doktor irgendwo einen Kollegen, der solche Leute bei sich aufnahm, die das Gleichgewicht verloren haben und eine Stütze brauchten. Da die Frau Mster eine mäßige Pension gut zahlen konnte, kam man gleich überein, und zwei Tage später schied wieder eine Witwe aus dem alten Saalehaus und die Kosy schwor sich, nun keine allein- stehende Frau wieder aufzunehmen, denn wenn sie nicht verrückt waren, wurden sie es hier. Mochte der Himmel wissen, woran das lag, und sie sah besorgt nach der Pastorm Wohnung hinüber.

Bis zu Mitte September hörte der Lärm, das Kommen und Gehen im Hause nicht auf, dann aber kam die RuW plötzlich. Ehe der stille, schwermütige Herbst den Wald im Thüringer Nestchen bunt färbte, ehe die langen, stillen Herbstabende da waren, hatte die Kosy die Vorderstübchen schon für Frau von Hilbach hergerichtet, hatte sie Liese und ihre Mutter entlassen, und das Witwenhaus hatte sem alles Gesicht wiederbekommen; es schien erfreut, daß fern« Mauern nicht mehr so viel Fremdes, Lautes umschließen mußten. _ ,

Die Kosy saß den ganzen September über noch ayr Brunner^ weil das vorschriftsmäßig war> aber [te Mrtt