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„Bür ich auch. Diese Teuselsgeschichie mit der Hochzeit Loco St. Simons! Ich weis; nicht, an welchem Zipfel ich das Geschäft mrsassen soll!"
„Wirklich! das ist mir überraschend."
„Hat man je von einer so verttakten Geschichte gehört? Sobald ich meine ich habe einen Faden gefunden, schlüpft er mir wieder durch die Finger, den ganzen Tag habe ich mich daran abgearbeitet.
„Und gewaltig naß sind Sie scheint's dabei geworden." verletzte Holmes, seinen Rockärmel befühlend.
„Ja. Ich habe den Kanal ausfischen lassen."
„Wozu denn das, nm Gottes willen?"
„Uni beit Leichnam von Lady St. Simon zu suchen."
Sherlock Holmes lehnte sich in seinen Süihl zurück Und lachte aus vollem Halse.
„Haben Sie auch das Bassin des Springbrunnens auf dem Trafalgarplatz ausfischen lassen?" fragte er.
„Wieso? Warum das?"
„Weil Sie gerade soviel Aussicht hatten, dort die Leiche zu finden, wie im Kanal."
Lestrade warf einen zornigen Blick aus meinen Freund. „Es scheint, Sie sind nicht vollstündig im klaren über alles!" sagte er gereizt.
„Nun, ich habe zwar erst eben den Verlauf der Sache verkommen, aber meine Ansicht habe ich mir gebildet."
„So! Dann sind Sie wohl der Meinung, der Kanal habe gar nichts mit der Sache zu tun?"
„Ich halte es flir höchst unwahrscheinlich."
„Wollen Sie dann vielleicht die Güte haben mir zu erklären, tote diese Sachen hier hineingekommen sind?" Damit öffnete er feine Tasche, aus welcher ein Brautkleid aus verblaßter Seide, ein Paar weiße Atlasschuhe, ein Brautkranz und Schleier herausfielen, alles vom Wasser durchweicht und verdorben. „So," sagte er, und legte noch einen ganz neuen Ehering' oben auf den Haufen, „nun knacken Sie mir 'mal diese Nuß, Herr Holmes."
„Also aus dem Kanal süid die Sachen heraufgeholt worden?" Versetzte mein Freund und blies dabei blaue Ringe in die Lust.
„Nein, ein Parkhüter sah sie in der Nähe des Ufers schwimmen; man hat sie als der Lady gehörig anerkannt; nun dachte ich, sind die Kleider da, so wird die Leiche mich nicht weit davon sein."
„Dieser wunderbaren Logik zufolge müßte mau also die Leiche eines Verstorbenen stets in der Nähe seines Kleiderschrankes Eiden. Und bitte, sagen Sie mir doch, was hofften Sie denn durch zu erreichen?"
„Einen Beweis für die Beteiligung der Flora Millar an dem Verschwinden der Vermißten."
„Tut mir leid, aber das wird schwer halten."
„Wirklich, auch jetzt noch?" rief Lestrade in gereiztem Tone. z.Und mir tut es leid, Holmes, Ihnen sagen zu müssen, daß Sie mit Ihren Schlüssen und Vermutungen nicht sonderlich glücklich sind. Sie haben zwei Böcke in den letzten zwei Minuten geschossen. Durch dieses Kleid ist Flora Millar überführt."
„Und wieso das?"
„In dem Kleid ist eine Tasche. In der Tasche befindet sich ein Visitenkartentäschchen. In diesem Täschchen steckt ein Zettel. Und hier ist der Zettel selbst." Damit legte er diesen vor Holmes auf den Tisch hin. „Hören Sie nur:
„Wenn alles besorgt ist, werde ich erscheinen. Komme unverzüglich. F. H. M."
„Ich war von Ansang an der Ueberzeugung, daß Lady St. Simon durch Flora Millar weggelockt worden ist, daß sie, ohne Zweifel im Verein mit anderen Genossen, an ihrem Bcr- {chwinden schuld ist. Dieser Zettel mit Flora Millars An- angbuchflaben unterzeichnet, wurde der Lady ohne Zweifel unter »er Tür in aller Stille in die Hände gespielt, um sie vom Hause toegzulocken."
„Vortrefflich, Lestrade," versetzte Holmes lachend. „Sie sind in der Tat höchst scharfsinnig. Lassen Sie mich 'mal sehen." Damit griff er gleichgültig nach dem Zettel, allein plötzlich wurde seine Aufmerksamkeit rege und ihm entfuhr ein Ausruf freudiger Ueberraschung. „Das ist wirklich von Bedeutung," bemerkte er.
„Ha, sind Sie jetzt auch der Meinung?"
/«Versteht sich. Ich gratuliere Ihnen aufrichtig."
, ,^/strade erhob sich in seiner Siegesfreude und beugte sich gleichfalls über den Zettel. „Aber," rief er, „Sie schauen ja üuf die verkehrte Seite!"
„Durchaus nicht, das ist die richtige Seite."
. -'Die richtige Seite? Sie sind nicht bei Trost. Hier steht i« die Notiz mit Bleistift geschrieben."
„Und dort steht etwas, das einem Stück von einer Hotel- Rechnung ähnlich sieht, und mich höchlich interessiert:
Zimmer 8 Shill., Frühst. 2 Shill. 6 Pence, Gabelstiihstuck 2 Shill. 6 Pence, ein Glas Sherry 8 Pence." u „Dahinter steckt nichts, Das habe ich längst gesehen," er- torderte Lestrade.
"Es hat allerdings ganz den Anschein. Und trotzdem ist es von höchster Bedeutung. Was die Bleistiftnotiz betrifft, so ist diese, oder wenigstens die Anfangsbuchstaben, gleichfalls von Wichtigkeit. Ich gratuliere daher.nochmals."
„Wir haben jetzt genug Zeit vertrödelt." versetzte Lestrade, indem er sich erhob. „Ich halte mehr davon, eine Aufgabe tüchtig anzupacken, als beim Kaminfeuer geistreiche Hypothesen darüber auszuklügeln. Adicu, Herr Holmes, wir werden ja sehen, wer der Sache zuerst auf den Grund kommt!" Er packte die Kleidungsstücke wieder in die Tasche und schritt der Tür zu.
„Einen Wink will ich Ihnen doch noch geben, Lestrade," rief Holmes gleichmütig seinem abgehenden Kollegen nach, „ich will Ihnen die richtige Lösung des Rätsels verraten. Lady St. Simon gehört ins Fabelreich. Eme solche gibt es nicht und hat es nie gegeben."
Lestrade warf einen betrübten Blick auf meinen Freund., Dann wandte er sich zu mir, deutete auf seine Stirn und verschwand eiligst unter feierlichem Kopfschüttelu.
Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, so erhob sich Holmes und zogfeinen Ueberzieher an. „Es ist etwas Wahres an dem, was der Mensch sagt; es laugt nichts, hier müßig zu sitzen," äußerte er, „deshalb muß ich dich wohl jetzt mit deinen Zeitungen allein lassen, Watson."
Es war fünf Uhr vorüber, als Holmes mich verließ; doch hatte ich nicht lange Zeit, mich einsam zu fühlen; es dauerte keine halbe Stunde, so brachten zwei Leute aus einem Delikatessengeschäft eine große flache Kiste herein, der sie zu meinem größten Erstaunen tut Handumdrehen ein ganz üppiges, kaltes Souper entnahmen, das bald auf unserem bescheidenen Junggescllentisch prangte. Da standen Rebhühner, ein Fasan, eine Gänseleberpastete nebst einer ganzen Batterie alter bestaubter Flaschen. Kaum! waren der Wein und die ledern Gerichte ausgestellt, so verschwanden die Uti)erbringet Wie die Geister in „Tausend und eine Nacht" ohne sich auf eine weitere Erklärung einzulassen, als daß das alles hierher bestellt und schon bezahlt sei.
(Schluß folgt.)
Mischen Winter und Frühling.
Hygienische Plauderei von Dr. med. G. Schütte.
Die Zeit der Erkältungen und Katarrhe ist wieder in auffallend starker Weise da, und der Rachenkatarrh tritt endemisch auf. Rachenkatarrh oder Halsentzündung nennt man eine durch Erkältung hervorgerufene Entzündung der Schleimhäute des Schlundes, wobei auch die Mandeln nnd das Zäpfchen ergriffen werden können. Der gewöhnliche Rachenkatarrh beginnt mit dem Gefühl der Trockenheit und Hitze im Halse, das Schlucken und Schlingen wird schmerzhaft, die Schleimhaut ist stark gerötet und mit Punkten eines zähen Schleimes bedeckt. Erstreckt sich die Entzündung weiter nach unten, auf die Schleimhaut des Kehldeckels, so erfolgt beim Schlingen Hustenreiz und beim Trinken oft Krampf husten. Ist das Zäpfchen stark geschwollen, so reizt es durch Berührung des Hinteren Zungenrückens ^um Husten. Sind die Mandeln stark geschwollen, so entsteht eine ganz besonders große Schlüig- beschwerde, die durch das Bedürfnis, den sehr vermehrten Speichel mederzuschlucken, sehr schmerzhaft wird.
Am meisten geneigt zu diesem Katarrh sind verweichlichte Personen, die ohne Halstücher, ohne enge und hohe Stehkragen nicht leben können. Der böse Rachenkatarrh entsteht manchmal aus einem einfachen Schnupfen, pflanzt sich immer weiter nach unten fort und erzeugt den gefährlichen Luftröhrenkatarrh. Der Rachenkatarrh kamt akut oder chronisch auftreten; den akuten heilt man schnell durch Schwitzen und Gurgeln.
Die besten Gurgelnngen sind folgende: Einfaches, frisches, kaltes Wasser, oder eine zweiprozentige Borsäurelösung, oben 2 Gramm Gerbsäure gelöst in 300 Gramm destilliertem Wasser, ober frisches, kaltes Wasser, in dem man eine kleine Portion Kochsalz, 3 Gramm auf Vi Liter Wasser, gelöst hat. Diese Kochsalzlösung ist namentlich bei Kindern anzuwenden. — In bezug auf die Gurgclung aber ist gar manches zu sagen. Zuerst: es müßte überhaupt viel mehr gegurgelt werden, täglich morgens, mittags und abends, und sei es nur mit frischem Wasser, das trägt zur Stärkung und Reinigung des Mundes und Schlundes ungeheuer viel bei. Wer regelmäßig gurgelt, behält gute Zähne und weiß nichts von Rachenkatarrh, denn es entsteht so auf die Dauer ein gesunder, gegen Erkältungs- und Nnsteckungscinflüsse jeder Art widerstandsfähiger Mundraum.
Wer täglich regelmäßig und richtig gurgelt, wird die guten Folgen bald in seinem Gesamtbefinden merken. Der bekannte fade, nüchterne oder pappige Gcsckmack im Munde, den man sonst erst nach dem Kaffee los wurde, der tritt überhaupt nicht mehr auf, die Speisen schmecken einem leiser, und infolgedessen wird auch die Ernährung und Stärkung des Körpers günstig beeinflußt.
Bor ollen Dingen -aber muß man richtig gurgeln! Die bis jetzt allgemein beliebte Art des Gurgelns ist nämlich grundfalsch und kann daher nicht die vollen Wirkungen erzielen. Es ist zur Gewohnheit geworden, sich zu gurgeln, indem man den Kopf, nachdem der Mund mit dem Gnrgelwasser stark gefüllt ist, möglichst weit nach hinten neigt nnd nun das bekannte Gurgel- geräiisch ertönen läßt. Das hat aber keine Bespulung der tieferen Halspartien, die eben gerade getroffen werden sollen, zur Folge, sondern wirkt höchstens als Mundspülung. Also ausreichend ist diese alte Art der Gnrgelung auf keinen Fall, und dazu sei noch betont, daß das „Gurgelgeräusch", das manche Menschen für so wichtig nnd notwendig halten, vollständig unnötig ist» Man


