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Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlau!.
(Bortfeynng.) (Nachdruck verboten.)
„Eigentlich schade," meinte die Kosy zu Frau von Hilbach, „daß gerade die Natustus' ziehen. Das waren -nette, bescheidene Leute, bei denen man immer wußte, wo man dran war. Ich hab tntr schon ausgedacht, wie wir die Wohnung für den Sommer Herrichten. Da springt was bei heraus, Frau von Hilbach. Wenn die Berliner und Leipziger ihre Küche haben, daß sie das teure Hotelessen sparen, dann geben sie gern ein paar Mark mehr für die Wohnung. Wir gehen zum Topfmarkt nach Naum- burg und kaufen Ausschußware, da kriegen wir für zehn Mark die ganze Kiiche voll, und tapezieren tun wir allein. Das können wir uns sparen, dein Tapezierer vierzig Pfennig für die Rolle zu bezahlen. Sie sollen mal sehen, das macht sogar Vergnügen, und wenn man so tüchtig arbeitet, fliegen die Tage nur so dahin!"
Frau von Hilbach hörte das Schwatzen der Alten nur wie ein Geräusch, etwa so, wie sie das Rauschen des Wehres hörte, man konnte dabei denken, wenn man wollte, aber sie dachte ja nicht einmal. Die Gedanken liefen in ihrem armen, müden Kopf bunt durcheinander, und sie gab sich keine Mühe, sie zu ordnen. Es ivar ihr ja alles so gleich- gültig, so entsetzlich gleichgültig. Wenn ihr jemand gesagt hätte, in den nächsten Minuten würde das alte Haus über ihr Zusammenstürzen, sie würde nicht erwacht sein. Dumps und schwer, wie eine Last, die viele Zentner wog, lag der Schmerz auf ihrem Kopf. Noch hörte sie seine» leisen, lieben Worte, noch zrrckten ihr« Lippen und glaubten seine heißen, innigen Küsse zu fühlen. „Ich komme ja wieder", das hallte in ihrem Herzen nach! Er hatte es gesagt, als sie oben von der Wilhelmsburg den dritten Vers vom Kirchenlied saugen: „Ein feste Burg ist unser Gott!" und nun hörte sie seine Worte wie eine heilige, mächtige, rauschende Mu ik, die über Berge, Wälder, Flüsse und Täler schallte: „Ich komme wieder!"
Und doch war sie so schwach, so viel, viel schwächer wie vorher, da ihre Zukunft noch in graue Schleier gehüllt vor ihr gelegen. Warunl konnte sie jetzt nicht jubeln, warum nahm sie jetzt nicht ihr Kind ans Herz, ihr kleines Kind, dem sie sonst alles erzählte, wenn sie auch wußte, es verstand sie nicht, warum konnte sie ihm jetzt nicht sagen: „In einem Jahr kommt er wieder und holt uns und macht uns glücklich, Jungchen, so namenlos glück- uch!" —
Ach nein, er hatte ja alles mit sich genommen, all ihre armen Gedanken, ihre Kraft, ihren Willen, ihre Zuversicht und den festen Glauben an das Wunderbare, alles war mit ihm gegangen, und sie fühlte sich so elend, so entsetzlich elend und mutlos.
Die Kosh ordnete ihr die Schleifen an ihrem Kleid und holte einen großen Kragen aus der Kommode:
„Was Weißes steht Ihnen aut, und Sie sehen dann auch ein bißchen froher aus. Machen Sie nur kein so betrübtes Gesicht, wenn die Specht und die Hänsletn kommen, die machen sich ohnedem schon ihren Vers und wissen, daß Ihnen der Mschied vom Doktor schwer geworden ist. Aber wenn die Specht sich weigern sollte, die zerbrochene Scheibe zu ersetzen, dann werden Sie mal energisch. Die Rahmen von der ihren Doppelfenstern sind vollkommen in Stand, und wenn sie vergißt einzuhaken, wenn Sturm ist/ darrn hat sie den Schaden zu tragen. So, da klopft sie schon wieder."
„Ich wünsche frohes Neujahr!" begrüßte die Specht Frau von Hilbach, als sie zu ihr inS Zimmer trat. „Meine Miete wollte ich bringen!"
Frau von Hilbach erwiderte ihren Glückwunsch und schob ihr einen Stuhl hin.
„Bitte! Hier meine eigentliche Miete!" sagte die Specht und schob einen Betrag hin, „und hier die Steigerung! Wollen Sie die Güte haben und unterschreiben?"-
Frau von Hilbach füllte die Quittung aus und dankt« für das Geld.
„Ich habe Ihnen schon schriftlich die Mitteilung gemacht, daß ich Ostern ziehe!" fuhr nun die Specht fort/ und Frau von Hilbach sagte etn erstauntes: „So?"
„Wie, haben Sie meinen Brief nicht bekommend fragte die Specht etwas erregt, und Frau von Hilbach wurde verlegen.
„Ja, ich glaube!" sagte sie, und im selben Augenblick kam die Kosy mit den noch uneröffneten Briefen, die Langs- mann am Morgen gebracht hatte.
Sie gab sie Frau von Hilbach:
„Hier ist der Brief wohl bei!" Die Specht sah spöttisch zu den beiden Frauen hinüber.
„Ach, Sie haben unsere Unterhaltung mitangehört?" sprach sie zur Kosy gewandt, die einen Augenblick tief- rot wurde. „Ja, in diesem Haus sind die Wände etwa- dünn, das habe ich auch schon gemerkt!"
„Wenn Sie sich da mal nicht irren, Frau Oberlehrer," entgegnete die Kosy, die schnell ihre Fassung wieder erlangte. „So, Frau von Hilbach, mir scheint, dos ist der Brief; der ist hier vom Ort, nee, warten Sie mal, da ist noch einer mit fünf Pfennig frankiert. Da müssen Sie gleich beide aufmachen!"
„Dies hier ist er!" erklärte die Specht, und dabei lächelte sie wieder so, daß es aussah, als schlüpfe ihr eine Schlange um den Mund.
Frau von Hilbach öffnete den Brief. Er enthielt die Benachrichtigung der Kündigung für April.
„Es rst gut, Frau Oberlehrer, haben Sie sonst noch einen Wunsch?"
Die Specht stand auf.


