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Es hatte sich durch das Treffen Sei Vesoul am 5. Januar gezeigt, daß die 1. Loirearmee unter Bourbaki nicht mehr südlich von Orleans in der Sologne bei Bourges stand, sondern mit ihren Spitzen bereits die Zernierungsarmee von Belfort bedrohte. Unter den Gefangenen bei Vesoul entdeckte man Mannschaften, di« der Armee Bourbakis angehürten. Auch im großen Hauptquartier wußte man nun um den Plan, daß Bourbaki mit seiner Armee und mit von Lyon heranziehmüe^ Truppen den General v. Werder und die Zernierungstruppeu vor Belfort über den Haufen rennen sollte, um über den Rhein in Süddeutschland einzubrechen.

Am 9. Januar schlug General v. Werder bei Villersexel. Am 14. Januar stand er mit sämtlichen Truppen an der Lisaine, mit dem rechten Flügel an der Straße VesoulBelfort in Er­wartung des Angriffs des vierfach überlegenen Gegners. Die Stellung an der Lisaine war verstärkt durch Belagerungsgeschütze aus der Zernierungsarmee von Belfort, alle Kräfte waren aw­gespannt.

General v'. Werder wußte, was auf dem Spiel stand. Er fürchtete sich, die große Verantwortung zu übernehmen. Noch am 14. Januar, am Tage vor der dreitägigen Schlacht an der Lisaine, telegraphiert er an Moltke:

Neue feindliche Truppen marschieren von Süden und Westen gegen Lure und Belfort. In Porte für Saöne werden größere Abteilungen konstatiert. In der Front griff Feind heute die Vorposten bei Bart und Dung vergeblich an.

Ob bei diesen umfassenden und überlegenen Bewegungen eine fernere Festhaltung von Belfort stattfinden soll, bitte ich dringend zu erwägen. Elsaß glaube ich schützen zu können, nicht aber zugleich Belfort, wenn nicht Existenz des Korps aufs Spiel ge­setzt wird. Mir fehlt durch Festhaltung von Beifort jede Freiheit der Bewegung. Die Flußlinien durch Frost passierbar."

Moltke antwortet am 15. Januar nachmittags 3 Uhr:An­griff ist in der Belfort deckenden festen Stellung abzuwarten und Schlacht anzunehmen. Bon größter Wichtigkeit habet Behaup­tung der Straße von Lure auf Belfort; Beobachtungsposten in St. Maurice wünschenswert. Das Anrücken des Generals Man­teuffel wird schon in nächsten Tagen fühlbar."

Ehe diese Depesche eintraf, hatte General v. Werder am 15. Januar morgens die Schlacht an der Lisaine angenommen, die am 17. mit dem Rückzüge der Franzosen endete, v. Werder folgte, die Franzosen gerieten zwischen zwei Feuer und wurden am Ende des Monats über die Schweizer Grenze gedrängt. Damit war auch die letzte feindliche Armee verloren.

In unserem stillen Maintenon, über das inzwischen sich eine mächtige Schneedecke gebreitet hatte, erlebten wir am 18. Januar die Kaiserproklamation im Schlosse von Versailles. Am 19. Ja­nuar großer Ausfall der Franzosen vor Paris gegen das 5. preu­ßische Korps gegen den Mont Valerien hin, den Onkel Baldrian, wie ihn unsere Soldaten nannten. Wir hörten an dem Tage seine grobe Sprache bis nach Maintenon und waren über alle Mefechtsvorgänge des Tages unterrichtet.

Alle Ersatzarmeen der Franzosen im Westen, Norden und Sud- vsten hatten versagt trotz bester Bewaffnung, trotz drei- und vier­facher Uebermacht. Wie stark müssen Volksheere danach sein, um geschulte Armeen zu besiegen?

Nach all den Mißerfolgen kamen die französischen Machthaber nunmehr zu der Erkenntnis, daß man sich den Tatsachen fügen müsse. Die Verhandlungen mit dem großen Hauptquartier in Versailles begannen durch Jules Favre am 23. Januar. Am 26. Januar abends 12 Uhr sollte das Feuer beiderseits eingestellt, alle Zufuhren in die Stadt zur Verpflegung der 2 Millionen Einwohner sollte freigegeben werden. Dagegen besetzten die Deut­schen vorher alle Forts in der Umgebung von Paris einschließ­lich der Stadt St. Denis. Am 28. Januar gelangte ein allge­meiner Waffenstillstand, am 31. Januar beginnend, zur An­nahme, wovon jedoch die Departements Doubs, Jura und Kote d'Or sowie die Festung Belsort ausgeschlossen blieben.

Ohne störenden Zwischenfall fand am 29. Januar die Be­setzung der Forts und der Stadt St. Denis statt.

Nahezu 2000 Geschütze wurden übergeben und sonstiges reiches Kriegsmaterial.

Paris war 132 Tage eingeschlossen, zwei Armeen, die Mars­armee unter dem Kronprinzen von Sachsen und die 3. Armee unter dem Kronprinzen von Preußen, wurden verfügbar, um im freien Felde, wenn nötig, das Ende des Krieges erkämpfen zu helfen.

Die ©übarmee unter Manteuffel hatte unter fortgesetzten kleineren Kämpfen der französischen Armee unter Bourbaki die Straßen von Pontarlier na'ch dem Süden Frankreichs verlegt. Die frauzösiscli« Armee war gezwungen, in den Tagen vom 80. Januar bis 2. Februar auf Schweizer Gebiet überzutreten. Damit war auch die letzte Entsatzarmee Frankreichs vernichtet. Dem endgültigen Friedensabschlusse stand nichts mehr im Wege.

Wir blieben noch nach all diesen Geschehnissen in Maintenon. Der Schnee, der mir Mitte des Monats Januar im Park bis an das Knie reichte, war längst geschmolzen und am Ende des Monats schien es Frühling zu werden. Wie von einer schweren Last be­freit, atmete man auf; Der Frühling und der ersehnte Frieden standen vor der Tür. Welch frohes Hoffen!

Dermif

D ie Kehrseite der Medaille. Wenn man den Zeit­genossen und den Dichtern glauben will, sind alle berühmten Frauen der Renaissance unvergleichliche Beispiele weiblicher Schönbeiten gewesen. 1542 veröffentlichte Niccolo Franco seinenDialog übet die Schönheiten', in dem er alle berühmten und ihm bekannten Frauen Revue passieren läßt und als schönste Frauen preifi. Im Faniulla' gibt jetzt Fortunato Rizzi die Kehrseite der 'UiebaiQ«: er hat ein Exemplar des Buches entdeckt, in dem ein anonymet Zeitgenosse die Preislieder Francos mit trockenen realistischen Rand­bemerkungen verseheit hat, die die Wirklichkeit spiegeln sollen. Bon 56 Frauen läßt er nur 10 gelten und auch diese nur mit Ein­schränkungen. Bei Anna bei Prato bemerkt er lakonisch:Schön, aber scheußlicher Schnurrbart', Hyppolita Robba hat einen Pavianskopf, Anna Faa istschön, aber griesgrämig', Catherina Rusca isthäßlich ttnb hochmütig', und Angelica Vtalarba erhält die Zensurhübsch, aber eine Riesennase'. So schrumpft die Glaub« würdigkeit der Preislicher aui die nie fehlende Schönheit bet Renaiffcmcefrau empfinblich zusammen. Tas Amüsanteste aber ist, baß bte Ranbbemcrkungen in beut Buche verschiebenen Jnbtzien nach vom Autor selbst herstammen, der sich anscheinend ein Ver­gnügen daraus gemacht hat, btepoetischen Freiheiten" seiner Schilberung für den Hausgebrauch zu korrigieren und aus die Wirk­lichkeit znrückzuführen.

'Hatf - Ttmers". In der Grafschaft Lancashire gibt es über 20 000 sogenannteHali-Timers", das sind Kinder, die nur die Hälfte des Tages in die Schule gehen und die andere hinbnrch sich auf eine Weise abarbeiten müssen, die bei uns in. Deutschland nicht erlaubt wäre. Es sind, wie Dr. Sloan Ehesser intCom­monwealth" mitteilt, sowohl Mäbchen tute Knaben im Alter von 12 bis 15 Jahren. Von frühmorgens bis mittags arbeiten sie m der Fabrik, meistens in Textilfabriken. Die Nachmittage sind zum Schulbesuch beftinunt, aus dem sie jedoch wettig ober gar keinen erzieherischen Ntltzen ziehen. Zinveilen arbeiten die Hals-Timer­auch umschichtig, d. h. sie gehen Montags, Mittwochs und Freitags zur Schiile, während sie Dienstag, Donnerstag, Sam. tag in der Fabrik ihrer Beschäftigung nachgehen. Ter Hiilf-Tinter steht an Gewicht, Brustumfang und zuweilen auch an Größe den Kindern gleichen Alters nach, die nicht in Fabriken beschäftigt werden, son­dern jeden Tag in die Schule gehen. Jedes muntere Kind, dessen Fortschritt in der Schicke hervorsticht, degeneriert in nur wenigen Monaten, sobald es in die Fabrik muß und wird ein unlustiges, schmalwangiges und interesseloses Geschöpf, ein Opier physischer und nervöser Ueberanstrengimg. Diese Tatsachen bilden auch em trauriges Blatt in bet Geschichte bet englischen Gewerkschafts­bewegung. Tie englischen Textilardeiterverbänbe haben sich bieder Kinderansbeutimg gegenüber fast passiv verhalteii, minbestenS längst nicht die entschiedene Abwehr gezeigt, die die Sache un- zweifelhaft verdient.

* Anzügliche Zustimmung. Wirt:Nicht wahr, da- war ein delikater Braten?" Gast:Zweifellos ein Telv Eater braten!"

* Neugierig.Warum hast du dich denn nicht gewehrt, Irma, als dich der Leutnant küßte?"Erst war ich sprachlos, und dann wollte ich wissen, wie oft es der Frechdachs wagtel"

Büchertisch.

Dr med. Witthauer: Leitfaden für Kranken­pflege tm Krankenhaus u n b in der Familie. Vierte Auflage. Mit 99 Abbildungen. Halle a. d. S., Karl Marbold Verlagsbiichbanblung. Die schon nach drei Jahren nötig ge­wordene 4. Auflage dieses Leitfadens beweist, daß sich das Buch viel neue Freunde erworben hat. Der Verfasser gibt in klarer, Übersichtlicher, durch beinahe 100 Abbildungen erläuterter Form eine gute Belehrung über bte Krankenpflege sowohl für BerufS- pflegerinnen, als für diejenigen, die im Haus und in der Familie Kranke unter ihre Obhut zu nehmen haben.

Vilderriitsel.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rätsels in voriger Nummer:

Die beiden Bilchstabene" undi".

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieß«»