Ausgabe 
1.2.1911
 
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ziehen, es muß gemacht werden. Und es ging. So kam der Anzug nach und nach in Ordnung.

Tas gute, verrostete Zündnadelgewehr, was hat sich das alles gefallen lassen müssen, ohne doch jemals zu versagen. Wie wird es unserem modernen Gewehr gehen in einem solchen Kriege. Wie viele Gewehre werden zugrunde gehen und ausgewechselt werden müssen. Tas Zündnadelgewehr versagte nie, es schoß, bis 300 Schritte wundervoll, die Patronen gingen immer glatt durch den Lauf, und wenn die durch Pulverschleim verkrustete Züudnadel das Nadelrohr nicht mehr passieren konnte, dann half ein Handvoll Schnee dem Uebel ab. Gabs keinen Schnee, so spuckte der Schuhe kurzerhand auf die Nadel. Das Spucken war zuweilen schwierig, wenn der Gaumen infolge der Aufregung oder der Anstrengung! staubtrockeir war. Zündnadelgewehr und Seitengewehr kamen gleichzeitig zu ihrem Recht, alles erhielt wieder, wenn auch nur einen matten Glanz, und nach acht Tagen sah das Kommando so anständig aus wie möglich. Auch die regelmäßige und gute Lebens­weise brachte die Leute wieder in bessere Verfassung, sie erholten sich meist wieder.

Tas Städtchen war mit 150 Manu gar nicht zu verteidigen^ Ich hätte mich gegebenenfalls auf die Verteidigung des Schlosses beschränkt, das von der Eure, ein Fluß wie die Lahn, unmittel­bar umströmt wurde. Die paar Brücken waren besonders auch von den massiven Ecktürmen her unter Feuer zu halten. Jeden Tag passierten den Ort starke Kavalleriepatrouillen, besonders von Rambouillete her. Die Offiziere teilten mir alles mit, was sie auf diesen Ritten erspähten. So erfuhr ich, daß im Rücken unserer gegen le Mans vorgegangenen Armee starke feindliche Haufen wieder auftauchten mit Artillerie und Kavallerie.

Tas Schloß Maintenon ist im Renaissancestil unregelmäßig gebaut. Starke Ecktürme flankieren seine Mauern. Das Wasser der Eure bespült dieselben. Das Schloß steht auf einer künstlich geschaffenen Insel, ein 600 Morgen großer Park mit prachtvollen Alleen dehnt sich hinter dem Schloß aus mit seinen Wasserläufen und Seen. Durch den Park führt der Aquädukt, den Ludwig XIV. anlegte, um das Wasser der Eure in den Versailler Park zu leiten. Ter Ban ist unvollendet geblieben, bei vielen der 40 mächtigen Bogen fehlt schon die innere Wölbung, die EinsassungsbogeN schweben gleichsam in der Luft und doch wird das ruinenhaftze Bauwerk noch Jahrhunderte überdauern und dem Park als alt- ehrwürdiger Schmuck dienen.

Tas Schloß hatte Ludwig XIV. der Erzieherin seiner! Söhne, seiner späteren Geliebten und heimlich angetrauten FraN geschenkt, die dann den Namen des Schlosses arttrahm. Der gegen­wärtige Besitzer war der Herzog von Moveilles, damals Gesandter «in Rom. Einstweilen trauten wir seinen Wein, verbrannten eine Menge Holz und tafelten in dem prachtvollen Speisesaal. Leider burfte ich mich den Tafelfreuden nicht hingebeir, meine Ver­dauungsorgane waren durch die langen Entbehrungen offenbar so zusammengeschnurrt, daß sie nicht aufnahmefähig waren für alle die guten Dinge, die ihnen auf einmal geboten wurden. Sie konnten sich nur allmählich daran gewöhnen.

Zum Glück Rauben wir hier aber in Verbindung nut bei) großen Welt durch einen Draht, der in das große Hauptquartier nach Versailles führte. Dort wurde ja damals die Geschichte Europas gemacht und wir standen nahe vor dem Abschluß großer weltgeschichtlicher Ereignisse.

Ta war es interessant, bet Tische zuzuhoren. Die Herren sprachen mit einer Ungeniertheit über Personen uitb Verhältnisse, die mich überraschten, mich aber erkennen ließen, wie sehr man auf die Verschwiegenheit derer rechnet, die die Uniform des Offi­ziers trauen. Man ist gewohnt, auf unbedingte Diskretion zu rechnen. So viel intime Hofgeschichten habe ich in meinem ganzen Leben nicht wieder gehört, als damals in wenigen Wochen. Der Prinz war meist nicht zugegen, er lag zu Bett, ich wurde an das Bett geführt, um ihm vorgestellt zu werden. Bei Tische servierte der in Berlin stattbekannte Mohr des Prinzen und ein Letbjäger. lieber die Vorgänge auf den Schlachtfeldern waren wir stets auf dem Laufenden. Gegen die Westarmee unter Chancy (früher 2. Loirearmee) ging Prinz Friedrich Karl vor und schlug sie am 10., 11. und 12. Januar zurück auf Nimmerwiedersehen. Dabei war aud) das 13. Armeekorps, gebildet aus der 17. Division und 22. Division. Der letzteren gehörte mein Regiment an.

Gegen die Nordarmee unter Faibherbe kämpfte am 3. Januar General von (Soeben bei Bapaune zum Schutze der Einschließung der an der Somme liegenden Festttng Päronne. Der französische General ging in den Schutz der hinter ihm liegenden Festungen zurück, auch (Soeben ging am anderen Tage hinter die Soutme zurück. Ader schon am 19. Januar schlug General v. (Soeben, nachdem am 9. Januar die Festung PSronne genommen war, mit vereinten Kräften den General Faibeherbe bei St. Quentin end­gültig.

General v. Manteuffel, der die 1. Armee hier oben bis zum 7. Januar befehligt hatte, wurde an diesem Tage abberusen, um Idas 2. und 7. Armeekorps, die beiMontargis undAuperre für ihn bereit standen, zu übernehmen, um dem General v. Werder, der an der Lisaiue in großer Not war, zu Hilfe zu kommen. Manteuffel sollte über alle Truppen, auch über die Zcrnierungstruppen, bei Belfort den Oberbefehl übernehmen. Die Armee auf dem süd­östlichen Kriegsschauplätze führte mm jetzt äb unter Manteuffel ' den NamenSüdarmee",

einnehmend. Tarn es hinter mir her, ganz hinten die Krüppel und die Lahmen, die schon jetzt nicht mehr mitkonnten. Ich ließ halten, ordnete aufs neue, sprach mit den Unteroffizieren über Marschordnung und über ihre Pflichten dabei, und dann gings wieder vorwärts. Nun ließ ich meine Kompagnie nicht mehr) pus den Augen.

Nach einer Stunde waren wir schon in dem freundlichen Main­tenon an der Eure gelegen. Eine ganze Anzahl Seitentälchen führten auf die Höhen ringsum. Ich löste die dem Schloß Maiil- tenon gegenüberliegende Wache ab und brachte meine Kompagnie Hinter: 30 Mann auf Wache, 60 Mann in zwei große (Safes Heben den Wache in Alarmquartiere, den Rest von 60 Mann in enge Quartiere nahe der Wache. So hatte ich mein Kommando wenigstens nahe zusammen auf den ersten Schuß. Ein Beritt Husaren als Meldereiter stand mir außerdem zur Verfügung,

Ich suchte mir ein Quartier nahebei und eben hatte mein Bursche, der einzige Mensch, der mir vertraut war, meine wenigen Habseligkeiten ausgepackt, da trat ein Adjutant des Prinzen ein Major von den schwarzen Husaren bei mir ein und lud mich Um Namen des Prinzen ein, im Schlosse zu wohnen und an den Mahlzeiten teilzunehmen. Ich machte den Adjutanten darauf aufmerksam, daß der Wafsenrock, den ich trage, und den ich bei her Mobilmachung angezogen hatte, der einzige sei, den ich besitze Und daß ich doch unmöglich in dem Aufzuge an der Tafel des Prinzen erscheinen könne. Mein Gepäck sei mir durch meine Verwundung bei Wörth abhanden gekommen. Der Adjutant er­widerte, das tue nichts, wir seien im Kriege, außerdem werde er dem Prinzen Mitteilung von der Sachlage machen. Kurz, ich zog im Schloß ein, man wies mir eine wundervolle Wohnung nach stier Parkseite hin an, zu der eine Wendeltreppe durch einen massiven Turm hinanfführte. Prachtvoll eingerichtete Räunic, die ich gar nicht zu beschreiben wage. In dem Riesenkamin brannte ein gewaltiges Feuer vielleicht das erste in diesem Winter, denn die Wände strahlten eine intensive Kühle aus. Erst nach acht Tagen wurden sie erträglich warm. Es gab an diesem Tage no.ch viel zu tun. Meine Leute mußten verpflegt werden, ich hatte mich süjr Wochen einzurichten und war mir darin selbst überlassen. Was ich anordnete im Interesse der Sicherheit des Pr.n en und meaiflj Komma dos, Jomtejtfje zwingen nötigenfalls mit Waffengewalt. Also nun los! Zunächst also den Maire herbei! Ich wandte mich mit der Frage nach dem Maire an eine Gruppe von Herren, Bürger der Stadt, die ich bei der Wache vorsand und die sich für mein Kommando zu mteressieren schienen. Einer besonders, ein groß gewachsener Herr, der Arzt des Städt­chens, beantwortete mir einige Fragen über die im Orte vor­handenen Lebensmittel sehr verständig, erklärte aber ausweichend, stls ich von der Beschaffung von Nahrungsmitteln für mein Kom­mando sprach: man habe hier im Städtchen keinen Maire. Gut, erwiderte ich kurz, bann ernenne ich Sie zu meinem Maire und keine Einwendung annehmend, erklärte ich, ich brauch« täglich so und so viel Brot, so viel Fleisch und Kolonialwaren. Hier der Unteroffizier empfängt täglich nach einem von mir unterzeichneten Anforderungszettel. Ich bitte mir in einer Stunde die Läden zu nennen, in denen die Lebensmittel in Empfang zu nehmen sind. Der Arzt wollte Einwendungen machen, seine Freunde suchten ihn zu unterstütze». Ich erklärte, von meiner Forderung, in aller Ordnung die Lebensmittel von der Stadt in Empfang zu nehmen, nicht abgeben zu wollen. Ich würde, wenn ich kein Entgegenkommen fände, meinen von mir ernannten Maire verhaften lassen und auf die Wache setzen und nur im äußersten Falle gewaltsam die notwendigen Lebensmittel dort Nehmen, wo ich sie fände.

Nach kurzer Beratung wurde die Verpftegungsangelegenheih |n<V.i meinen Vorschlägen geordnet und ich habe während des ganzen Monat nicht zu klagen gehabt.

Eine neue Verhandlung mit meinem Maire wurde am anderen Tage notwendig. Abends um 9 Uhr wurden die Straßenlaternen! gelöscht. Tas geht nickst, sagte ich anderen Tages meinem Maire, die Straßen müssen die ganze Nacht beleuchtet fein. Die Ab­lösungsmannschaften, die Patrouillen müssen durch gut erleuchtete Straßen marschieren. Neue Einwendungen: die Petroleumvorräte feien knapp, es sei kein Petroleum zu laufen. Ich erklärte bann, durch bie ganze Nacht an allen Straßenkreuzungen in der Stabt vfsene Feuer unterhalten zu lassen. Brennholzvorräte seien ja, wie ich sehe, ausreichenb vorhanden.- Die Straßenlaternen brannten nun die ganze Nacht und es war bis zum Schluß Petroleum genug da. In der Folge hatte ich mit meinem Maire iunb seinen Beratern nicht mehr die geringsten Schwierigkeiten, find nun zu meiner Kompagnie. Ich hatte eine Anzahl Leute erhalten, bie für den Krieg unbrauchbar waren, nicht krank, aber vollkommen erschöpfte Leute, für die anfangs der Wachtdienst bei guter Verpflegung zu anstrengend war. Andere hatten nur noch Lumpen auf dem Leibe, mehrere hatten nicht einmal mehr Waffen- stöcke, sondern trugen statt dessen wollene Umschlagetticher, die fte sich irgendwo verschafft hatten und darüber den Militärmantel.

In der ersten Woche wurden die Waffen und die Kleider in Ordnung gebracht. Appell mit gewaschenen Hosen auf dem Arm. Ja, kamen die Korporalschastsführer, viele meiner Leute haben! stur noch eine Hose und da gehts doch wohl nicht. Einerlei, sie wögen sich eine Zivilhose leihen ober sie irgend einem vom Leibe