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„Marr weiß ja, daß sie ein bißchen schrullig ist, und das Geld, das sie jetzt eingenommen hat, verdreht ihr den Kopf eine Weile Wenn's bis Weihnachten langt, darin müssen wir froh sein; nachher haben wir sie doch wieder auf dem Hals. Aber die alte Stickerei lassen Sie mal zu Hause, Frau von Hilbach. Ganz so nötig wie im vorigen Winter haben wir's ja dieses Jahr nicht. Wenn wir alles f enau einteilen und wenn keine Extrasachen kommen, dann önnerr wir glatt bis zum Frühjahr durchkommen. Ein schönes Gefühl ist das doch, nicht wahr?"
„Was sollt' ich wohl ohne Sie anfangen, alte Kosh?" sagte Frari von Hilbach herzlich rind strich der dicken Polin Uder die grauen Haare.
,F) meine liebe, gute Gnädige!" Kosh war ganz gerührt und wollte ihrer Herrin die Hände küssen; aber Frau von Hilbach wandte sich Um. Die Pastorin hatte von draußen ans Fenster geklopft und winkte eifrig. „Kornmen Sie, kommen Sie, Frau von Hilbach, ich muß Ihnen was erzählen !"
„Vergessen Sie das Frühstück nicht, Fran von Hilbach, und seien Sie pünktlich zum Mittag zurück. Adieu, adieu, viel Vergnügen!"
Sie ging noch bis zur Haustür mit heraus, steckte dein Jungen ein paar Aepfel in s asche und begab sich gut gelaunt ans Aufräumen der Rimmer.
„Frau von Hilbach," begann die Pastorin eifrig zu ihrer Begleiterin, als sie zusammen dem Wald zuschritten. „Nein, Frau von Hilbach, wenn das wahr ist, was die Specht gesagt hat, dann niüssen Sie der Lengerich augenblicklich kündigen! Spechts Minna hat mir da gestern abend Dinge erzählt, nun, Sie würden staunen! Auch über Namsius' Frieda, und das ist in seiner Art noch schrecklicher, als das mit der Frau Lengerich, die man ja eigentlich nur bedauern kann. Aber kündigen müssen Sie ihr doch, schon wegen dem Renommee des Hanfes, und wenn Sie es Ihretwegen nicht tun, so müßten Sic es schon der Mieter wegen tun."
Frau von Hilbach wurde traurig. Sie hatte sich auf einen stillen, einsamen Morgen im bunten H.-rbstwald gefreut; sie hatte Sehnsucht nach sich selbst gehabt, nach all ihren traurigen und frohen Gedanken, Erinnerungen und Hoffnungen. Die Begleitung der Pastorin war ihr lästig gewesen, aber sie hatte es ihr nicht abschlagen wollen. Sie hatte auch gehofft, sie könnte „rit der Pastorin hin bißchen über Tinge reden, die nicht so ganz materiell waren, nun aber kam die ihr mit Klatsch und Klagen, und das tat ihr weh.
„Sehen Sie mal, Frau Pastorin, es ist so ein wunderschöner Tag heute, noch so warm und Duftig, und man möchte nur an schöne, frohe Srchen denken. Warum wollen wir nzis gerade so ein paar stille Stunden durch etwas Häßliches verderben?"
Aber die Pastorin war in einem Uebereifer; ihre Gedanken tonten auch durch die vielen praklstchen Arbeiten des Sommers so ganz von ihrem idealen Flug heruntergeholt worden, oafi sic sich in Frau von Hilbachs Stimmung nicht versetzen konnte.
„Ich bitte Sie, Frau von Hilbach, so etwas geht doch vor!" behauptete sie vorwurfsvoll. „Ich begreife gar nicht, daß Sie solchen Dingen, die Sie doch am meisten angehen, so gleichgültig gegenüberstehen. Also hören Sie nur zu! Gestern abend, wie ich au meinem Korridorfenster stehe tmd mir das schöne Bild draußen anblicke, das mir jo viel Sommergäste einbringt, da kommt Spechts Minna und stellt sich au der Lengerich Tür und lauscht, und wie ich frage, was sie da macht, winkt sie mir: „Hören Sie mal!"
Da sollte man aber wirklich das Grausen kriegen, Frau von Hilbach. Wir haben durchs Schlüsselloch gesehen: da lag die alte Frau der Länge nach auf dem Boden und hatte ihre Hände in den Teppich gekrampft, und dann betete sie und fluchte abwechselnd und schrie auf und stöhnte. Und oanu sagte Spechts Minna, ihr Mann sei ein Mörder gewesen, bett sie aufgehängt hätten, und ihre Frau zöge aus deswegen, denn das sei eine starke Zumutung für anständige Frauen, mit der Witwe eines Mörders in einem Hause zu wohnen. ■— Nun, Frau von Hilbach, ich wollte dem Mädchen natürlich nicht glauben und klopfte bei der Frau Specht an, um ihr mitzuteilen, was ihre Minna für Sachen erKählte, aber die Specht sagte, das sei alles wahr, pnd Sie wüßten es ganz genau, und auch, daß NatnsiuS' Frieda et$t Kind bekommt, wüßten Sie, aber das wäre Ihnen
alles egal, und Cie wären viel zu gleichgültig und zu ängstlich, um so etwas abzuändern, und bann hatten Sie es sich schließlich selber zuzuschreiben, wenn Ihre anständigen Mieter wegzögen."
Aus Frau von Hilbachs Gesicht war alle Freudigkeit gewichen.
„Von Frau Lengerichs Schicksal hatte ich keine Ahnung; aber wenn Sie sich zu hoch dünken, um mit so einem armen Geschöpf auf demselben Flur zu wohnen, so mutz ich es Ihnen natürlich freistellen, mir zu kündigen, Frau Pastor!"
Sie war selbst erstaunt, wie sie das gesagt hatte, denn es hatte eine große Bitterkeit in ihrem Ton gelegen, und die Pastorin sah sie starr an.
„So etwas sagen Sie mir, Frau von Hilbach? Mir, die es so gut mit Ihnen meint, die Sie nur warnen will? Ich meinte, das hätte ich nicht verdient!" entgegnete sie weinerlich und zog ihr großes Taschentuch aus der Tasche.
„Wenn das mit der Frau Lengerich wahr ist, Frau Pastor, so werde ich ihr deshalb gewiß nie kündigen, und wenn die Frau Specht zehnmal deswegen auszieyt! Und ein Mädchen, wie die Frieda Natusius, kann ich auch nicht verurteilen." . .
„Die können Sie nicht verurteilen?" rief die Pastortn entsetzt. „So etwas können Sie nicht verurteilen? Aber das ist doch die größte Schande, die ein Mädchen auf sich laden kann. Und das können Sie nicht verurteilen? Nun, offen gestanden, Fran von Hilbach, dann haben Sie etwas merkwürdige Ansichten über Moral!"
(Fortsetzung folgt.)
Erlebnisse in den Ianuarlagen 1871 im Departement Eure et Loire.
Die Winterquartiere der 22. Division erreichten in niedlichen; Tälern der oberen Eure in Mainkenon Mogenl le Roi usiv. am 3. Januar 1871 ihr Ende. Ten Weihnachtsabeild, den «ilvester- abend hatten wir unter dem brennenden Weihuachtsbaum gemein» sam gegiert: Infanterie-, Kavallerie-, Artulerleostiziere und alle Den Truppenteilen augehörendeir Aerzte. Auch alte Mannschasten Hattert sich Weihnachtsbäume verschafft, sie standen massenhait im Gemisch mit Laubhvlzern auf Den (teilen Höhen, die uns umgaben. Tie Forstbehörde hatte nichts hineinzureden. Wir fühlten uns hier als die Herren.
Tie schönsten Stunden an diesen Feiertagen, den Ruhe- und Erholungstagen waren die im engen Quartier zu zweien ober dreien. Ta ginge weniger lärmend her und die Briefe ans der Heimat gaben Anregung genug zu behaglichem, anregendem Geplauder. Diese enge Verbindung der Glieder der Armee mit den Angehörigen in der Heimat hat viel dazu beigetragen, die allzu- große Verwilderung der Sitten hintanzuhalten. Immerhin wars ein Glück, daß der Krieg mit dem Eitde des Monats Januar sein Eirde erreichte.
Am frühen Morgen des 4. Januar gellten Misere »unter! durch die Täler zum Sammeln. Wie immer, standen nach zehn Minuten die Bataillone marschbereit. Ich hatte die Fahne aus dem Batailwusstabsquartier abzuholen und trat eben damit beim Bataillon ein, als mir der Regimentsadjutant den Befehl überbrachte, mit einem Kommando von 150 Mann nach dem Schlotte Maintenon zn marschieren, um den Prinzen Albrecht (Vater), der bis dahin die 4. Kavalleriedivision befehligt hatte und nun krank in jenem Schlosse lag, gegen Ueberfälle durch Franktireurs zu schützen. Prinz Albrecht war der Bruder Sr. Majestät des Königs. ,, . . , „
Eine Trennung vom Regiment ist immer eine unangenehme! Sache. Ich hatte das in diesem Kriege schon zweimal erfahren. Einmal durch meine Verwundung bei Wörth, das anderernal durch den Gefangenentransport von bei Sedan gefangenen ©olbatert nach Pont ä Mousson. Jedesmal fand ich erst nach Wock-en unter großen Schwierigkeiten mein Regiment wieder. Während dieser Zeit empfängt man keinen Brief, keine Nachricht ans der Heimat,.
Tas Kommando von 150 tlnteroffiziereit und Soldaten fands ich in einer Nebenstraße ausgestellt, alle 48 Kompagnien der Tivision hatten dazu beigefteuert. Natürlich hatten dieselben nicht ihre besten, leistungsfähigsten Leute hergegeben. Ich kannte keinen einzigen von diesen 150 Soldaten. Mein Regiment hatte frisch eingetroffene Ersatzmannjchasten abgegeben. Ich sah das Kommando als eine Kompagnie an, teilte es entsprechend ein und marschierte ab nach Maintenon. Der 4. Januar 1871 war ein sonnenheller, srostklarer Wintertag. Ein leichter Schnee bedeckte die Landschaft. Ich marschiierie vor meiner Kompagnie her uni) überlegte, was ich nun, in Maintenon angekommen, zu tun haben würde. Ein ganzes Städtchen mit 150 Mann verteidigen, das würde wohl nicht gehen — ich tarn zum Schluß: erst sehen, dann sich kurz entschlossen einrichten. Ich sah mich nach meinem Kommando um, ach du lieber Gott, wie sah das aus. Ich schämte mich meiner Unachtsamkeit, wie eine Herde Gänse die ganze Straße


