Ausgabe 
6.4.1910
 
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schöin. Dewn: schräg gegenüber -er JÄSbÄtz mit feintn Felsew- iiUiti'H: der große und kleine Borstein, links iMstlich) schaut inan durchs Lautertak über Elmshmtsen, Bensheim und das Ried Hinweg bis nach Worms und den Rheinstrom; der MÄibokus sind die Türme des Iuerbacher Schlosses grüßen herüber. Rach Osten und Süden verhindern die vorgelagerten Höhen eine weitere Aussicht. Nun ging es tctiter zu R.'s Wohnung, die einige hundert Schritte vom Felsen entfernt liegt. Frau und Tochter waren bei Pfarrers in Reichenbach: sie würden erst gegen 10 Uhr gbends zurückkommen, besagte ein Zettel.Auch gut!" be- merlte R ich hole sie ab und wir gehen selbander nach Reichew» bach zurück."Doch diesmal zumKirchenlampert", der neben hem Pfarrhaus« und der Kirche seine Schoppen kredenzt," fügte ich hinzu und beschaute eine Saufeder, auf deren Sjchaft ver­schiedene Zeichen und Buchstaben eingegraben wein.Woher stammt dieses Stück?" fragte ich neugierig.Mit dieser Sau- seder wurde der gewaltige Keiler abgefangen, den Landgraf Lud­wig VIII. am 10. November 1747 im sog.Fricasseh" am Teich erlegte. Kennen Sie die Geschichte?"Nur sehr oberflächlich; es gab einen Piqueur, später Oberförster, Rautenbusch! unter Lud­wig VIII. Sind Sie mit ihm verwandt?"Es war mein Großvater!"Quod bonum, ftlix faustunique fit," rief ich Wir traten den Rückweg an; bergab ging cs rasch.Hi« ist derKirchenlainpert", nun Herein. Wie singt derZöger aus Chur- Pfalz" : Ich geh' nicht eher Heim, als bis der KuckuckKuckuck" schreit!"Auch gut!" meinte der Biedere, der mehr und mehr aus sich heraus ging, so daß er nach einer kleinen Kollation von selbst anfing:Der Großvater, der malen und Verse machen konnte, galt viel bei dein Landgrafen, dessen Jagdergebnisse in1 Wort rmd Bild verewigt werden mutzten. Am 10. November 1747 wanderte ein fromMer, nichts Ahnender Kapuziner durch deü! WM amFricasseh"; da brach ein gewaltiger Keiler aus dem Dickicht, worüber der Pater so in Schrecken geriet, daß er schleunigst «iif eine Eiche kletterte. Diesen Vorgang hat der Großvater folgendermaßen geschildert:

Allhier im Fricasseh am Teich und langen schneiß Schoß Ludwig auserlesen

Ein Hauptschiwein, sckNvärzlichstveiß;

Auch ist dabei gewiesen

Ein Pfaff, der sich nicht lang bedacht Und auf einen Eichbaum gemacht; Da tüt der Mrst zum Angedenken Dem Pfaffen diese Wohnung schenken." Hirsch- Und Saudukaten und ähnliche Ande'nkeU' sind wohl auch noch in Ihrem Besitz; darf man sie sehen?" fragte ich. Alles ist weg bis auf unbedeutende Sachen," lautete die Ant­wort.Es kamen böse. Harte Zeiten; ich erinnere mich noch deutlich an den Rückzug der großen Armee aus Rußland, be­sonders aber an die Micht der Franzosen nach der Schlacht von Leipzig, an die Jammergestalten, die nach der Schlacht von Hanau erschienen und dutzendweise umfielen wie die Mücken. Großherzog Ludwig I. und seine Familie flüchteten, nur Prinz Christian blieb zurück, dem Darmstadt viel zu danken hat. Der Typhus brach aus und die Rotmäntel und Kosaken brachen her­ein. Endlich würde Frieden gemacht und Bonaparte nach St. Helena verbannt. Da kam das Hungerjahr 1817 und Hunger tut Weh. So gingen die Dukaten und andern Dinge nach und Nach weg. Die Leute schimpfen heutzutage über schlechte Zeiten. Mit Unrecht: sie wissen nicht, was sie wollen und müssen ein­mal tüchtig gezwiebelt werden, daß es ihnen anders wird."

Gegen 10 Uhr trennten wir uns. Es war eine wunderbare Nacht, wie sie Shakespeare imSvmmeruachtstraum" schildert: Köstlicher Mohlgernch im Luftmeer; Waldesrauschen; Nachtigallen- saug aus jedem Busch; im Lauterbach sprangen die Fische, die Wellen plätscherten und purzelten, JvhannisWfer schwebten an Tausenden umher oder lagerten im feuchten Grafe und übest dem allen der tiesdunkelbtaue Himmel mit Myriaden blitzenden! Sternen besät. Such was a night.

II.

Ende August ging die Jagd aus; nur Hühner dursten ge­schossen werden, die in frühester Morgenstunde verhört worden; waren. Es wurde sehr heiß, das Zeug war vergrämt und hielt »fickt; schon aus dreihundert Gänge, gingen die Völker hoch. Rautcubusch wurde, zornig und sein trefflicher Perdrix, der das N-B-C bis zum Buchstaben S verstand, wurde nervös. Zwei­mal kam ich zum Schuß, känonierte aber .jämmerlich vorbei. Sie reißen'zu schnell Feuer!" schrie der Weidgerechte;ruhigl zielen, hinausstreichen lassen, eins aufs Korn nehmen, danst drücken " Nun g'mgs wieder bergab ins Tal, lenseits bergauf und so noch etliche Male.Wenn wir so ein neuesFuschlöh"- gewchr hätten, das vrrhiutcrt geladen wird, könnten ton weiter schießen," meinte der JagdaufseherEi ja! «Wann' ist kein! MK.Vrb, rief Tatterich aus, und ein Schubkarren ist; keine Hmkels- keetze, setze M hinzu," erwiderte Rautenbusch.Tie Fnschlöh sind Ulis noch zu teuer, wir behelfen uns derweil mit den vorder-» Müssigen Steiupelfliuten." Die letzte Suche begann; ich kam Mm Schuß und erlegte ein .Huhu. Das war unsere ganze >iagd- heute.Ein Huhn!" sprach der Alte, wobei er den Jagdhüter mit einem so grimmigen, saueren Gesicht« anschaute, als. hab« er einen großen ScUnck scharfen Weinessig genommen'. Laug«

Zur Psychologie der Eisenbahnunfalle.

Angelickts des furchtbaren Eisenbahnunglücks bei Mülheim am Rhein,'bei dem so viele hoffnungsvolle Menschenleben em jähes, grauenvolles Ende fanden, gewinnen die Untersumnngen besondere Bedeutung, die ein bekannter amenkänischer Efienbahu- ingenieur, Charles R. Keyes, über die großen Eilenbahnunfall« angestellt hat und freie die Ursachen der immer wiederkehrenden Katastrophen in ein besonderes Licht rücken. Bei den meisten Un- fälleii stoßen wir auf di« gleichen Grande, irgend ent Beamter durchbricht die aufgcste'llte Ordnung, ein Signal wtrd uberiehen, eine Weiche versehentlich falsch eingestellt. Das Ende ist ge- NÄhnlich, daß irgend ein kleiner Bahnbeamter als schmdig er­kannt Wird, man entläßt ihn, er wird verurteilt und bte Sache ist damit abgeschlossen. Tabei Übersicht man die eigentlichen tieferen Ursachen, die bei den modernen Eisenbahnen die Katastrophen ent­stehen lassen.Eine Kette ist nie stärker, als chr schwächstes Glied, und immer Wieder schstitern auch unsere Eiscubahusysteme an diesem schwächsten Glied«. ES mag int ersten Augenblick erstaunlich klingen, aber dieser schwächste Punkt rm Esteitbaywi netze ist ans demselben Stoffe gemacht, aus dem unsere -.rannte entstehen. Bei beiden entscheiden kurze Augenblicke, m denen der Geist des Menschen in sein UnterbewUsttsem taucht. Der gute Beobachter wird das an sich, selbst im Leben ost bemerken, nur daß hier lehre erschütternden Folgewtrkiiugen etntreteii; tm Eifew- balmbetriebe aber' führt das gleiche zu den furchtbarstem und schrecklichsten Ereignissen." Mit der Verurteilung de» ,,Schul­digen" ist da gar nichts getan;man könnte den kleinen Beamten ebenso gut verurteilen, weil er einen Großvater gehabt hat . Tie Unvollkommenheit des menMichen Mistes, das ist d^ ür- sachie der meistrst Erfeulmhnkatastropheu, Md die Gefahren können

Pause! Ich unterbrach) sie mit den Worten:Ist immer noch besser, als einer leeren Chaise nachgelanfen!" Rautenbusch schlug sich mit beiden Händen auf die Schenkel und lachte herzlich. BeiRiesenlampert" stellten wir die Hacke, d. h. die vordev- schüfsigen Stempelflinten unter, aßen, tranken, brannten eine 6titeAukerzigarre" an, bliesen Ringel in die Luft und dachten eiste Zeitlang gar Nichts, Wie der Dingsheimer Bürgermeister.

Rach einer Weile begann der Alte:Weil Sie uns vorhin über den Aerger weggehvlfen haben, will ich Ihnen ein Stückelchenl vom Landgrafen Ludwig VIII. erzählen und das Ivar Im Nachsommer oder um diese Zeit pflegte Ludwig VIII auf dem Griesheimer Haus" ein großes Gastmahl zu geben. Die Räume des Hauses waren M Kein, deshalb wurde ein großes', prächtiges! Zelt errichtet. Der Schultheiß und die Gemeinderäte von Gries­heim hatten die Ehre, daß sie den Herrschaften die Schüsselst des ersten Ganges vorsetzen durften. Als Gegenleistung für diele ehrenvolle Arbeit empfingen die Griesheimer Dorfältesten treff­liche Ätzung und den entsprechenden Trinkenstrank. Wieder kam die Zeit des Gastmahls; der alte Schultheiß war gestorben,, der neue freute sich auf Ehre und Atzung und übte mit dem ®e» meinderat und dem Beigeordneten den üblichen Bcgrüßungsspruch ein.Hoch lebe der Herr Landgraf!" hatte der Bürgermeister zu rufen, wenn er mit seiner Schüssel jn das Zelt trat, worauf er drei Schritte und bei jedem Schritt vorwärts eine Verbeugung! machen und die Schüssel vor dem Landgrafen aus die 4wfel fetzen mußte. Der Beigeordnete hatte zu rufen:Und die Fran Ländgväfin!" Die Gemeinderäte hätten gemeinschaftlich auszu- rufen:Und das ganze Landgräsliche Haus!" Der große Tag kam heran. Mit einigem Herzklopfen begaben sich der Schultheiß und feine Kvllegen im Festgewande nach; der Küche, wo es appetid- lich roch.Daß Ihr mir ordentlich acht gebt und Euren Spruch richtig vorbringt!" mahnte das Torfoberhaupt.Ja, m!" lautetet die Antwort.Und ein vorschriftsmäßiger Kratzfuß muß auch gemocht werden; dreimal hintereinander!"Wie du es machst, so Mächen wir es auch," versicherte der Beigeordnete mit lieber-

Ein' Mei in prächtiger Livree stürzte herbei und meldete: Die Herrschaften haben Platz genommen!" Der Schultheiß und feine Kvllegen empfingen jeder eine Schüssel und stolz aber nut stärsirem Herzklopfen schritten die Männer tm Gansemarsch dahin. Die Vorhänge an der Zelttüre wurden weit auseinander- getan, wobei sich unten, am Erdboden, «in Tau losgelöst gatte Der Wrgermeister bemerkte es nicht; er blieb mit einem Jmße hängen, geriet ins Wanken, wollte seine drei Verbeugungeit machen und fiel, noch etliche Schritte vorwärts stolpernd, zu­letzt platt auf den Bauch. Die Schüssel entglitt setnen Händen und flog weit weg; der schöne BegrüßungSrnf: Hoch lebe der Herr Landgraf! war ans seinem Gedächtnis gewichen; statt dessen, «itflvh seinem Munde der Ausruf, den er bei unangenehmen! Lagen zu gebrauchen pflegte:O stei' mir den Buckel enuff!

'Und die Fran Landgräfin!" siel der Beigeordnete ein.Und das ganze Landgräfliche Hans!" toiriee.it die Geuwinderate.

Wie es weiter ging, kann sich jeder vorstellen. Daß, es mit der schönen Atzung nichts war, auf die sich die Männer gefreut hatten, läßt sich! denken, sie schoben so schnell wie möglich von! baimett. Der Landgraf und feine Gäste lachten noch lange^ über diesen Zwischenfall.Fast so schön wie einen Zwölfer zur Strecke gebracht-" soll Ludwig VIII später manchmal geäußert haben'.

(Schluß folgt-)