Ausgabe 
6.4.1910
 
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chwirrts.förmlich der Kvpf. Das Haus Darbieux kribbelt ortwührend von Lebendigieit und Lustigkeit wie die Sekt- lasche von Kohlensäure, die mir auf den Pfropfenknall wartet. ,

,, Sie nahmen sich anfangs zusammen, nicht zu ausge­lassen zu sein, ich war ja noch in tiefer Trauer. Alber die ernsthafte Ruhe dauerte nicht lange. Die Mädchen, die lebhaften Dinger mit den hübschen Zigeunergesichtern, schleppten mich in den Salon, ich mußte den neuen Flügel sehen, Lotte setzte sich gleich daran und probierte einen- Wiener Walzer. Max faßte eine von den Schwestern um und walzte pfeifend mit ihr über das Parkett. Eine wunder­volle Grazie in jeder Bewegung, der man das französische Blut anmerkt.

Ich saß und sah wie durch einen Schleier in eine ganz fremde Welt hinein. Ich ging bald wieder, trotzdem sie mich kaum weglassen wollten; aber ich war unruhig, und bedrückt geworden zwischen ihrer lauten Lustigkeit.

Bei Teichmanns war es anders. Die zufriedene Ruhe Ms der stillen schattigen Veranda/ an der die dunkel- purpurnen Klematis blühten, legte sich wie eine weiche Decke über meine Nerven. Sie faßen noch am Kaffeetifch, Mutter und Töchter bei der Handarbeit, der Major las seine Kreuzzeitung.

Sie waren alle gut zu mir, die prosaischen blonden, ältlichen Fräulein von Teichmann, der alte Herr mit seinen wundervoll jungen, hellblauen Augen über dem weißen Schnauzbart und dis alte Dame. Die hat so was Mütter­liches, Liebes, bei denk mir warm und traurig zugleich wird. Ich solle neben ihr sitzen, eine Tasse Kaffee trinken, ihr.erzählen.

Ach, was denn erzählen? Aus »keinem Leben ist nichts M erzählen jetzt.

Der Major fragte mit einer altmodisch höflichen Ver-> beugung, .ob ich gestatte, daß er rauche? Eine von den alten Töchtern stand leise auf und holte ihm Zigarrenkisten stn-d Aschenbecher. Er klopfte sie auf die Hand:Danke schön, -nein gutes Kindchen!"

DasKindchen" nickte ihm mit sanfter Freundlichkeit AU. Es würgte mich plötzlich etwas in der Kehle. Ein bitteres, neidisches Gefühl.

Ich hatte ganz überhört, daß Frau von Teichmann $11 Mir sprach, sie mußte noch einmal fragen.

Pläne? Ich habe gar keine, gnädige Frau. Wozu sollta ich denn Pläne machen. Ich lebe so einen Tag wie den Mdern."

Dio alte Dame schüttelte den Kopf.

Auch her schwerste Verlust muß einmal überwunden werden. Sie müssen sich doch Ihre Zukunft etwas einrichten. Mn junges Kind wie Sie ton» da doch nicht in dem leeren Haus so allein hinleben, ohne irgend einen Lebens- Kveck."

Ich Kickte die Schnltern.

Augenblicklich habe ich meines Vaters Nachlaß zu ordnen. Die Arbeit reicht wohl noch ftir ein paar Monate."

Frau von Teichmann legte ihre gute, rundliche Hand warm Mer meine.

Kind, das ist doch nur totes Papier. Was Sie brauchen, sind lebendige Menschen, irgend jemand, der für Srö sorgt und mit Ihnen lebt! Mich friert ja, wenn ich denke, tote allein Sie da sitzen! So ein junges Dina! Das Hielte ich nicht aus!"

Sie sah mit einem raschen Blick unwillkürlich zu beit Töchtern und zu ihrem Mann hin. Mit einem Blick, der sagte:Gottlob, ich brauch's ja auch nicht." Ich weiß mcht, warum meine Augen heute so scharf für diesen Fa- milrenegoismus waren.

Haben Sie denn nicht irgend eine Freundin oder Ver­wandte, die zu Ihnen ziehen tonn? Oder Sie sind ja doch jetzt wohl in den Verhältnissen danach nehmen Sie sich einfach eilte Hausdame."

Ich stand auf.Nein, ich habe niemand. Und bezahlte liebevolle Fürsorge will ich nicht. Ich bin wirklich lieber allein."

. .Tie liebe alte Frau hielt meine Hand ganz bekümmert tn .ihrer fest. i

Kind, dann müssen Sie wenigstens von jetzt an öfter Buns kommen. Sie sollen hier auch ganz, wie zu Hanse

r. Versprechen Sie mir, daß Sie kommen wollen. Das n mcht gut für Sie sein, immer nur in den leere« Stuben sitzen."

. W hersprach: ja aber ich dächte: nein. Ich lief mst dis Straße entlang aus der Stadt. Ich ertrug das ff"es einfach nicht mehr. Erst als ich draußen zwischen! den stillen, grünen .Gärten war, ging ich langsamer: und atmete guf.

Nein, nein, das ist noch nichts für mich! Mir tut das Leben noch zu weh. Es ist, als ob sie alle mit plumpem Händen an eine offene Wunde rühren. Sie wissen es ja selbst .nicht. Aber aufschreieii hätte ich können!

Ein Verlust muß, überwunden werden; man sucht sich eben einfach einen andern Lebenszweck!

Was wissen die denn von meinem Verlust? Von meinem Alleinsein?

An den Schreibtisch habe ich mich geflüchtet. Mit meinen toteir Papiereii" vor mir bin ich nicht allein. Das bin ich nur zwischen Menschen, die sich liebhaben und gut mitri einander sind !

(Fortsetzung folgt.)

Aautenbusch.

(toetlniffe mit mein weidgerechten Jäger, nebst zwei Stückleist vom Landgrafen Ludwig VIII.)

,, Äu der Zeit der Heuernte anno 1869 war es, als ich zum ersten Male mit meinem Jagd freu nde Rantenbusch beim'Riesen- wmpert' in Reichenbach zusammentras. Fenster und Türen dieses Gasthauses standen weit offen: der Heuduft, der das ganze! Lauter- tal erfüllte, war auch in die Räume derRiesensäule" eingebuntgeii und Hatte die Gerüche »ach Tabak, Speisen und Getränkkn fast ganz vertrieben.

Der einzige Gast im Wirtszimmer war ein prächtiger Jägers' miau»; zu seinen Füßen lag ein tpeißer, gelbgefleckter HWwerp hnnd. Beide äugten scharf nach mir.Ich bin der und der nnjds 'öte sind Nimrod Rantenbusch vom Hohenstein" redete ich den, Meidgenossen an, wobei ich ihm die Hand entgegenstreckte:eist Weidmannsheil immerdar!"

Weidmanns Dank und Bescheid müssen Sie mir darauf tun," laichte d:e Antwort, wobei er mir die Rechts bot und mit dep Linken das Biergläs Hinbielt. ,Lch biete den Willbustm nist meinem eigenen Glase, Mtls im Odenwald so Sitte ist." *)

Es geschah gern nach seinem Wunsch.

Riesenlam'pert &m schnell herein, sein Gesicht strahlte vorj Vergnügen.Womit kann ich answarten?" fragte er.- stumneu Sie selber etwas vom vorjährigen Gewächse!" Ei ja, was weiß ich Herr! vielleichtAuerbacher Rott? BenSle.mer Kirchberg? Heppenheimer Steinköpfer? Oder etwas Leichtes von der Mtlschin in Hambach?"Das Schwerste zuerst, das Leichte znm Abgewöhnen; bringet Sie eine Zweispännige vom Auer­bacher." Lantpert brachte1868 er Auerbacher Rott" in zwei Swpppengläsern, die bekanntlich ein halbes Liter fassen.

, c-N-rm tun Sie mir Bescheid, ich bitte, hier ist Ihr Glas," bat ich. Wir stießen au. Zuerst nippte! der Weidmann ein wenig, dann beroch er den Stoff, woraus ein kräftiger Schluck folgte. Em edler <-lvsf, läuft hinunter wie ein barsüßig Kaksten') wird sicher emmäl zu den Weinkönigen des 19. Jahrhundert gerechnet werden ivix der Elser, Viernnddreißiger, Sechsundi- vierztger, Siebenundfünfziger und Whufundsechziger," sprach de« Weidmann. Darauf wischte er sich den Mund und zwirbelte! den Mißen Bart: ein Prachtstück wie der ganze Mann, bet1 über 1,80 Meter maß, eine breite Brust, frische, rote Wangen, Helle Augen und weißes, kurz geschorenes Haar trug. Das Kimi! wär glätt rasiert: Die Ludwigsstraße!

Sie sind ein eifriger Jäger," bemerkte R. nach knrzerf Panse.Roch Nicht, ich hoffe es unter Ihrer Leitung zu werden." Freut mich, wann wollen Sie koirnncn? heißt das: wenn Sie Picht zu stolz sind."

Heute noch! jetzt, sogleich!"Alsdann vorwärts, den Berg hinauf," bemerkte der Alte und erhob sich.Langsam'/ auf einem Bein geht man nicht. Lampert vornRiesen!", noch eine Meispännige. Diesmal zur Ehre der alten Mitschin iroit. Hambach)," Die Schoppengläser kamen.Auch das ist ein Wn« Wefll!" bemerkte, ich nach denr Kosten.Den kann der Mann zum Tröste trinken, wenn die Ehegattin in den Wochen' liegt," erlviderte R. mit einer Redensart, die im Odenwald gäna und gäbe ist.

Run zogen wir los: in östlicher Richtung, den Viziualwcg nach Hohenstein hinauf, an den Halden eines verlassenen Berg­werks vorüber.Da ist viel Silber hinein, aber wenig Knpfep herausg-efchaffl worden," erklärte R.Tie Leutchen Tal- bewohner und andere - - wurden Win Kupferfieber ergriffail Ae die Amerikaner vom Gold- und Diamautfieber. Hrynm Riudel, Nix als Schwindel! Eisenbahn und Kompagnie." Einiget hundert Meter weit er fronen wir zu dem gewaltigen Quarze Msen.: NÄlliackähutich lagern hier, 6070 Fuß hoch, die Brockest nberemander und die Aussicht, viel zu wenig bekannt, ist wundev-

*) Es wirdj wvW hestte, stach 40 Jähren, da und dort noch sv seist.