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28. August.
Ihres Vaters Tochter.
Roman von Lulu von St rau st und Torney. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Ich hatte mir vorgenommen, mich nicht mehr so abzu- schließem Ich weiß, daß das nicht in Vaters Sinne wäre. Und.der Tag mit Bergs neulich hatte nur fo gut getan.
Ich wollte endliche einmal die paar nächsten Bcramuen besuchen, die ich, seit ich hier bin, noch nicht gesehen Wct, Ich ging zuerst zu Darbieux'. .
Frau Doktor Darbieux kam mir schon an der Tur entgegen und nahm mich in den Arm.
Wie lieb, daß Sie sich einmal sehen lassen, Fraulein Agnes. Wir haben uns schon Sorgen "'n Sie gemacht, aber Sie haben uns ein paarmal von der Lur geschickt, d« mochten wir nicht wieder stören. Aber nun kommen «re herein, die Kinder werden sich so freuen!"
Anna, Charlotte, Lisa, der schwarze Spitz, Baby, de0 Student — sie kamen alle. Lauter braune, lachende Augen, krause Haare, lebhafte Stimmen, Gebell und Lachen. Mik
Eine häßliche braune Raupe, die wie ein knorpltgerZweig aussah, fiel gerade vor mir vom Baum auf den Sand. Ich wollte sie tot treten, da zogest du mich rasch zuruck. „
Laß Kind. Aus der wird ein bunter Schmetterling.
"Ja, aber von dem Schmetterling kommen doch wieder. Raupen," sagte ich altklug. _
„Kleiner Pessimist!" du lachtest amüsiert, ,w"s denen werden ja auch Schmetterlinge. Wer klug ist und die Welt lieb hat, der denkt nur an die Schmetterlinge. ,
Ich verstand dich damals nicht, Vater. Spater wurde ich Zimmer nur den Schmetterling, der ans der
Raupe wurde. Das .Häßliche, das Schlechte war da, das leugnetest du nicht, aber es war nur Stufe, Durchgang zum Guten, Zur Schönheit. Man mußte das Leben beben, auch wo es schwer war und man es nicht verstand, weil es jeden, der sich nur tragen lassen wollte, vorwarrs trug wie ein starker Strom, immer größeren Zielenl e,ugegen. Eine große Güte und Freudigkeit lagen für dich über der ganzen Welt. Jedes Wort, das du sagtest, war von ihr durchtränkt. Jahren, die mir zusammen lebten, habe ich unbewußt daraus schöpfen dürfen. An diesen mmiber* vollen Winterabeniden, wo wir bei fest Kugezogenen Vor- hängen und hellen Lampen in deiner Stube lasen. An diesen förmigen Tagen, wo wir rmtsammen unter unfern Thüringer Tannen ohne Weg waldein gingen und sprachen wie zwei Freunde. , , , ,
Ich habe die Welt sehen gelernt, wie du sie sähest. Ganz leise, Schritt für Schritt hast du mich den Weg geführt, den du dir einmal hattest Schritt für Schritt uruep schwerer Seelenangst erobern müssen. Du hast mir de>ne
Was ich nun besitze, das habe ich von dir, Vater! Alles Höchste, Beste, was meinem Leben erst Wert und Berechtigung gibt. ,
Dein Kott ist mem Gott!
25. August.
Ich verstehe nicht, warum matt gegen einen geliebten Menschen ungerecht werden sollte, wenn man seine Entwicklung kennen lernt. Es setzt Vater doch nicht in, meinen Augen herab, daß ich hier schwarz auf weiß sehe, wie'er um seine Ueberzeugung gelitten urid gekämpft hat. Es hebt ihn ja nur. Ich habe ihn nie so aus tiefstem Herzen, verehrt, so schmerzhaft geliebt wie jetzt. Vater, daß ich dir nicht alles sagen rann, was ich fühle über diesen paar beschriebenen Blättern, die deine Jugend sind!
Ich habe heute das letzte davon gelesen. Es ist manchmal fast zusammenhanglos in seiner Knappheit. Aber ich verstehe die Qual, die in so ein Wort hineingepreßt ist:
„Eino Welt ohne persönliches göttliches Zentrum, „Eine! Existenz ohne persönliche Fortdauer.
„Was bleibt denn noch?
'D'l.e {StfriE fieißt eA.
„Worin liegt die innere Notwendigkeit der,Ethik? Wenn sie keine transzendente Begründung hat, sehe ich überhaupt keine. Die Natur fordert nur Platte Ntttzlichkettsmoral.
*
„Alle Wissenschaft nur Hypothese, ja.
„Nichts verbietet mir, trotz ihrer irgend was zu glauben, wenn ich Lust habe.
„Wer mein Glaube ist dann nur Hypothese.
„Eine Hypothese Bann mir nie den inneren Halt geben, den eine als Wahrheit geglaubte Ueberzeugung gibt, selbst wenn sie Irrtum ist."
„Krasser Materialismus, Skeptizismus, seelischer Bankrott. Wozu überhaupt noch leben?
„Bollsaufklärung? Fortschritt? Grausame Güte, dem Menschen sein Heiligstes als wertlos vor die Füße zu werfen!
„Was gebt ihr ihm dafür?
„Nichts. Steine für Brot.
„Lasciate ogni speranza —"
Es bricht da ab, ganz unvermittelt. Ich habe gesucht, aber ich habe nichts weiter gesunden.
Wie er sich herausgearbeitet hat, weiß ich nicht. Wer daß er es getan hat, kann ich bezeugen. Aus dem seelischen Bankrott des Skeptizismus heraus bis zu dem wundervollen Kredo tapferer Lebensbejahung in seinen Dramen.
Und das sollte ihn in meinen Augen herabsetzen?
26. August.
Vater, ich denke an einen Juliabend vor Jahren, wo ich an deiner Hand den breiten Mittelweg im Garten ging.


