Ausgabe 
23.6.1909
 
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allgemeine Begriff Fisch oder Bogel ist in der Sprache der Jaghans nicht auszudrücken, wenngleich sie für Land- Vögel,Küstenvögel" und Wasservögel besondere Worte haben. Auffällig ist auch der große Reichtuni an Umstands-i Wörtern, während andererseits das Zahlensystem so gut wie gar nicht entwickelt ist und bei dem Wortemuttan", drei, abschließt. Der englische Geograph war der Zeuge eines erbitterten Kampfes zwischen den Feuerländern; die von so vielen Reisenden geschilderte Wildheit lohte dabei hoch auf, mit ihrer: Rudern, Speeren und Stöcken gingen die Gegner aufeinander los, in der steigenden Wut des Kampfes griff man zu mächtigen Steinen, die die Gegner sich gegen die Schädel schlugen;wie diese wütenden Stoiker diese Schläge und Erschütterungen überhaupt überleben könnten, über­steigt meine Begriffe, und ich kann nur annehmen, daß iHv reiches schwarzes Haar die Wucht der Schläge abdämpfte". Schließlich griffen die Gegner zum Ringkampf: mit zu- sammengeschlossenen Händen umklammern sie den Nacken des Gegners, suchen das Knie auf dessen Brust zu pressen: dann ein kräftiger Ruck mit den Armen, und wenn die Wucht ausreicht, ist dem Feinde das Genick gebrochen. Dem wilden Zorn des Kampfes folgte dann die Klage um die Toten. Aus den Hütten kam der düstere monotone Trauergesang, ein langgezogener Ton, der im zartesten Pianissimol einsetzt, bis zum lauten Schrei anschwillt, um daun nach mäh­lichem Diminuendo fast unhörbar zu verhallen. Trauernde Angehörige schaben sich mit Muscheln oder scharfen Steinen das Haar vson der Mitte des Schädeln und bemalen die Ge­sichter mit den Trauerfarben, mit schwarz und mit weiß. Am nächsten Tage war Furlong daun Zeuge des Toten­tanzes, an dem gewöhnlich beide Geschlechter teilnehmen. An diesem Tage waren es jedoch fast nur Frauen, die den Toten­gesang murmelten und sangen, lange Pfähle in der Hand, im weiten Kreise sich langsam drehten und im rhythmischen Meichklang mit den Tritten der Füße ihre Holzpfähle dumpf auf die Erde stießen. Später schloß sich der Kreis zusammen, die aufregende Wirkung des Tanzes machte sich fühlbar, und die Feier endete mit der Mißhandlung, eines Stammes- mitgliedes, das im Verdacht war, zwei andere ermordet zu haben, und das nun die Frauen mit ihren Stäben, immer singend und tanzend, fast zu Tode schlugen. Auffällig ist, daß die Jaghans keine Stammesorganisation und keinen Häuptling kennen, ja selbst religiöse Vorstellungen scheinen außerhalb ihres Phantasiekreises zu liegen. Wohl spielen Dämonen und böse Geister, in ihren Gedankenkreis hinein, aber für den Begriff Gott, Schöpfer oder für Gebet kennt ihre Sprache keinen Ausdruck. Auch das Fortleben uach dem Tode ist ihren Borstellungen verschlossen, und! mit dem Tode stirbt sogar die Erinnerung an die Gewesenen und wird systematisch abgetötet.

vermischtes.

* Viktor Hugo während des deutsch-franz. Krieges. In Paris erscheint soeben der bisher unveröffent­lichte Briefwechsel zwischen Viktor Hugo und Paul Meurice, der sich über die Zeit von 18511878 erstreckt; besonderes Interesse wecken die Briefe, die der Dichter derMiserables" während des Kriegsjahres 1870 an seinen Pariser Freund richtet. Hugo wollte anfangs sofort nach Frankreich zurück­kehren und in die Nationalgarde eintreten; seine Freunde bringen ihn von dem Plane ab, aber er eilt trotzdem dem Vaterlande näher und trifft im August in Brüssel ein. Am 26. schreibt er an Meurice:Lieber Meurice, wir liegen hier auf der Lauer; die Verbannten beraten; die Lage, so geklärt sie war, wird unübersehbar. Von draußen keine Nachrichten, die beiden Marschälle, Mac Mahon und Ba- zaine, die vielleicht aufeinander eifersüchtig, suchen sich zu treffen und Mac Mahon hebt den Kaiser in den Sattel. Was die Preußen anbetrifft: ängstlicher Vormarsch, lang­samer Fortschritt; sie fürchten die Mausefalle, die man ihnen geöffnet hat; kurz, noch nichts Entscheidendes. Aus dem Innern schlechte Anzeichen; die Kaiserin tritt in Szene, die Rechte erhebt das Haupt, Barsche, Rouher und Persigny wieder aufgetaucht, Drochu von den Zeitungen verspottet und herabgesetzt. Auch da vielleicht Eifersucht; Palikao haßt Trochu. Die republikanischen Blätter erscheinen nicht. Man geht so weit, von einem wahrscheinlichen Staatsstreich zu sprechen. Es ist klar, daß eine große Schlacht, Sieg oder Niederlage, Jena oder Roßbach, Licht bringen wird. Frank­

reich hat das Recht auf den Sieg, das Kaiserreich das. Recht auf den Sturz. Was wird Gott wählen? Ich werde erst dann meine Entscheidung treffen. Im Falle eines Roßbach werde ich sofort in Paris sein, denn die Gefahr kann gewaltig werden. Paris mit der Brust zu schützen, ist die Pflicht aller. Im Falle eines bönapartistischen Sieges und eines Staatsstreiches kehre ich nach Hauteville- House zurück." . . . Ain 1. September ist Victor Hugo noch in Brüssel. Jules Claretie, der ihn hier besucht, gibt er mündlich seine Mitteilungen an Meurice mit und schreibt daran anknüpfend:Sie werden sehen, wie sehr ich ent­schlossen bin, aber ich will nur in einem Fall und zu einem heroischen Werke nach Paris kommen: ich will, daß Paris die Revolution zur Hilfe ruft. Wenn nicht, bleche ich fern. Gewiß habe ich Vertrauen zum Ende. Ich habe nie mehr an Frankreich geglaubt als in diesem Augenblick. Es wird sein Werk vollenden, nämlich die kontinentale Repu­blik, und sich dann auflösen. Aus diesem Krieg kann nur das Ende der Kriege erstehen und aus diesen furchtbaren! Erschütterungen der Monarchien die Vereinigten Staaten von Europa. Sie werden sie sehen, ich werde sie nicht sehen. Warum? weil ich sie vorausgesagt habe. Als erster sprach ich am 17. Juli 1851 das Wort aus: die Bereinigten Staaten von Europa. Darum werde ich ausgeschlossen sein. Ein Moses hat noch nie Kanaan gesehen . . . Paris verteidigen, heißt jetzt die Welt verteidigen. Homo sum, ich verteidige Paris . . ." Als dann die Republik proklamiert ist, bricht Hugo sofort nach Paris auf und bald erscheint sein gliihen- der Aufruf an die Deutschen, in dem er sie auffordert, von demgottlosen" Plan einer Belagerung von Paris sich loszusagen.

* Schlesische Ortsnamen. Eigenartige Ortsbenennun­gen sind im Schlesierlande zu finden. In der Nähe von Ovpeln findet manAdam und Eva". DieVierzehn Nothelier" zeigen sich bei Neurode und dasGoldene ABE" sand im Goldberger Kreise eine bleibende Stätte. Geogravhische Wiederholnngeit offenbaren Amerika",Paris" (Oppeln),Algier" (Rothenburg O.-S.), Oberammergau" (Schönau). Alltägliche Redensarten fomineu zmn Ausdruck inDicke Verwandschait" (Rybnik),Sieh dich für" (Neurode), Sorge" undSorgenfrei" lNeustadt O.-S.),Wärst du besser", Paß' aus" (Sagau) uubHoldirSselber" (Grottkau), Außerdem sind noch bemertensivertBagno" (PIeß),Drachenbrunn" (Breslau), Jauchendors" (Nainslau),Schweinebraten" (Strehlen),Itnchri- sten" (Breslau),Verlorenwasser" (Habelschiverdt) undVogelgesang' (Landeshut). ____________

humoristisches.

* Druckfehler in einem Jubiläumsberichp . . . Mit dem ihm eigenen Feucreimer stürzte sich der Jubilar stets auf die Lösung jeder brennenden Frage."

* Bedingte Zustimmung. Frau (zärtlich):Ruhr wahr, Männchen, du freust dich doch auch, wenn Mama uns Anfang Mai besuchen kömmt?" Mann:O ja, sehr . . . wenn sie nicht kommt, schenke ich dir ein neues Kleid!"

^Doktor:Ihr Fall ist sehr ernst, mein Herr. Ich mochte. Ihnen daher den Vorschlag machen, einen Spezialisten hinzu- zuziehen." Schwerkranker Patient:Meinetwegen legest Sie sich soviel Komplizen zu, Wie Sie wollen."

* In der Verlegenheit. Richter:. . . Der Klager hat Sie allerdings beschimpft aber mußten Sie denn gleich mit der Mistgabel auf ihn einschlagen? . . . Sie tonnten fich doch mit Worten wehren!" Angeklagter:Ja wissen Sre, Herr Richter, ich hab' nicht gleich den richtigen Ausdruck findest

können!" , ,

* Gefühlvoll. Frau (zum neuen Dienstmädchen):Was haben Sie denn, wenn Sie ins Zimmer kommen, immer meutert Mann so sonderbar anzugucken? ! Lassen Sie das bleiben! Dienstmädchen:Nun, er wird mich doch noch dauern dürfen.

Zitaten-Rätsel. «

Aus jedem der folgenden Zitate ist ein Wort zu nehmen- so daß sich ein neues Zitat ergibt:

1. Bescheidenheit ohne Maß ist verkappter Stolz.

2. Arbeit gewinnt Feuer aus den Steinen.

3. Schaffen und Strebeir allein nur ist Leben.

4. Es ist der Krieg ein roh geivaltsam Haitdiverk.

5. Lerne leiden, ohne gu klagen.

6. Leiden und sterben, jeder ntuß erben.

7, Wer Sorge hat, der hat nicht, ivas er hat.

8. Nur der ist froh, der geben mag.

Auflösung in nächster Nuntmer.

Auflösung des Logogriphs in voriger Niimmer!

Nachen, Rochen, Rechen.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei, R. Lange, Gießen.